Leipzig-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Leipzig-Lese
Unser Leseangebot

Heft 2

B-Z! Das ist nett! (Teil 1)

In diesem Arbeitsheft werden alle Konsonanten eingeführt, die sich beim Sprechen gut dehnen lassen. Dazu kommen noch einige Vokale (Zwie- und Umlaute).

Spiesser-Promenade

Spiesser-Promenade

Georg Bötticher

Der nach Leipzig übergesiedelte Jenaer Schriftsteller und Verleger könnte sein Gedicht „Spiesser-Promenade“ auch in der heutigen Zeit geschrieben haben. Zumindest unter dem Aspekt, dass an sonnig warmen Sonntagen die beliebten Plätze der Stadt mit Familien übersät sind. Mit Promenade meint er vermutlich die damalige Haupteinkaufsstraße Leipzigs, heute wird die Einkaufspassage des Leipziger Hauptbahnhofes als „Promenaden“ bezeichnet. Doch zum Glück wird der heutige Spaziergänger am Sonntag keine stocksteifen und ruhigen Kinder und Hunde in der Einkaufspassage antreffen. Es erklingen Kinderstimmen, kleine Kinderfüße rennen, versuchen einander zu überholen, der Hund springt manchmal sogar nebenher. Und zum Glück hat Leipzig heute auch den einen oder anderen Spielplatz zu bieten, auf dem sich die Kleinen nach Belieben austoben dürfen. Was aber die Mienen der Erwachsenen bei solchen Gelegenheiten anbelangt: Heute sind die „freudlosen“ Gesichter auch anzutreffen. Sorgenvolle, alltagsgeplagte Gesichter sind darunter zu finden, die die momentane glückliche Stimmung der Kinder nicht einzufangen vermögen. Mit Spießertum hat dies wohl heute nichts mehr zu tun. Viel mehr mit der verlernten Freude des Moments.

Im 19. Jahrhundert, in der Zeit, in welcher Bötticher lebte, war es tatsächlich eine Spießermanier des Sehens und Gesehenwerdens, weswegen die besser gestellten Familien ihren Flaniergang in Stocksteifoptik auf der Promenade vornahmen. Die Erziehung von Kindern war schlichtweg eine andere als das heute der Fall ist. Sie mussten funktionieren, wurden gezüchtigt und wie kleine Erwachsene behandelt. Bötticher war anscheinend seiner Zeit voraus, da er diesen nach außen hin sichtbaren Umstand in seinem Gedicht verhöhnt.

Carolin Eberhardt

Sonntagnachmittag. Von Menschen

Wimmelts auf der Promenade,

Ganze Herden von Familien

Wandeln die beliebten Pfade:

Vater, Mutter, Tochter, Sohn –

Freudlos, im gewohnheitsfron.

 

Welch mechanisches Getriebe –

Ohne Lust und rechtes Leben

Kaum, daß nur ein Kinderlachen

Schüchtern wagt sich kund zu geben …

Selbst die Hunde, groß und klein,

Ordnen sich voll Anstand ein.

 

*****

Vorschaubild: Die Petersstraße auf einem Stadtplan von 1884, Urheber: E. Blumenau via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

(Lied)
von Rainer Maria Rilke
MEHR
Der gute Braten
von Wilhelm Busch
MEHR
Die Liebende schreibt (2)
von Johann Wolfgang von Goethe
MEHR
Ein grauer, trüber Morgen
von Florian Russi, Johann Wolfgang von Goethe
MEHR
Anzeige:
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen