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Der Drachenprinz

Floran Russi:"Der Drachenprinz"

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Inquisition in Leipzig

Inquisition in Leipzig

Florian Russi

Es war eine finstere Zeit, als Ottokar von Wengen, ein Dominikanerpater aus dem Rheinland, vom Papst damit beauftragt wurde, in Deutschland über die Reinheit des Glaubens zu wachen.

Im südlichen Europa hatten sich Ketzer, Waldenser, Albigenser und andere vom römischen Glauben losgesagt. Ottokar von Wengen wurde angewiesen, solchen Entwicklungen in Deutschland vorzubeugen.

Ausgestattet mit päpstlichem Siegel und allerlei Privilegien zog er mit einigen Untergebenen von Ort zu Ort.

Hunderte Frauen und Männer ließ er als Hexen oder Ketzer verbrennen. Tausende landeten im Gefängnis, wurden gefoltert und gedemütigt.

Als sein Herannahen in Leipzig angekündigt wurde, fielen die Bürger in Panik. Viele liefen zu ihren Pfarrern und ließen sich die wichtigsten Glaubenssätze in Erinnerung rufen. Jeder überlegte, welche Fehler und Versäumnisse er sich in den vergangenen Jahren zu Schulden hatte kommen lassen. Mit Angstschweiß auf der Stirn saßen sich Bürger gegenüber und versicherten sich gegenseitig, dass sie brave und gläubige Menschen seien.

Bücher wurden zu Rate gezogen, manche verschwanden im Feuer. Gelehrte durchforsteten ihre Manuskripte. Zu allen Heiligen wurde gebetet und keiner vergessen. Akten wurden gewälzt, Dokumente und Belege vernichtet. Alles, was Verdacht hätte erregen können, verschwand aus den Archiven.

Viel nutzte es nicht. Ottokar von Wengen wusste, wo er ansetzen musste.

Als erste ließ er die Witwe Lebrecht verhaften, eine arme und einfältige Frau mit einer vermögenden Verwandtschaft. Aus Angst vor der Folter gestand sie ihm, dass ihr Neffe Alfons eine Buhlschaft mit einem weiblichen Teufel eingegangen sei. Sie verriet, dass ihr Schwager Gustav eine Hostie geschändet und ihre verstorbene Mutter Karina sich abfällig über den Dominikanerorden geäußert habe. Sofort ließ Ottokar auch Alfons und Gustav verhaften. Auf der Streckbank gestanden sie ungeheuerliche Taten. Alfons musste auf den Scheiterhaufen, Gustav wurde auf Ottokars Geheiß ins Gefängnis geworfen. Das Vermögen der beiden ließ der Dominikanerpater konfiszieren. Er teilte es in vier Teile auf. Einen nahm er zur Finanzierung des Prozesses, je einen weiteren übertrug er an die Kirche und an die Stadtverwaltung, den letzten Teil behielt er für sich. Das gehörte zu seinen Privilegien. Auch ein Inquisitor musste leben.

Dann ließ er den Leichnam der verstorbenen Karina ausgraben, in Stücke schlagen und öffentlich verbrennen. Das bescheidene Erbe der Toten wurde an Arme verteilt.

Frau Leberecht landete ebenfalls im Gefängnis. Zuvor hatte sie weitere vierzehn Glaubensabtrünnige benannt. Ihnen allen ließ Ottokar unverzüglich die gebotene Gerechtigkeit widerfahren. Er war in hohem Maße unbestechlich und unangreifbar. Anders als die Beschuldigten kannte Ottokar seine Bestimmungen.

Einen Monat lang hatte er in Leipzig verweilen wollen. Doch gab es in der Stadt mehr Abtrünnige, als er sich dies zunächst vorgestellt hatte. So teilte er dem Rat mit, dass er dessen Gastfreundschaft noch eine weitere Zeit beanspruchen werde.

Im Rathaus der Stadt saßen sich der Bürgermeister und zwanzig Ratsherren gegenüber. Auch sie hatten Angst um sich und ihre Angehörigen. Zu wem konnte man noch Vertrauen haben? Spätestens unter der Folter gestand jeder das, was Ottokar von ihm hören wollte.

Der Ratsherr Werner, ein tüchtiger Schuster und angesehener Innungsmeister, wagte als erster einen Vorstoß: »Wie kann Ottokar vom Papst zu uns geschickt worden sein? Auch für ihn gelten doch die Gebote: >Du sollst nicht töten< und >Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten.< Es ist höchste Zeit, dass wir uns zur Wehr setzen. Lasst uns seinen Lebenswandel durchleuchten. Vielleicht bietet er Angriffspunkte, versündigt sich an Knaben, vergewaltigt Jungfrauen, ist dem Spiel oder anderen Lastern verfallen.«

»Leider nein«, antwortete der Bürgermeister. »Der Mann führt ein untadeliges Leben. Er liest täglich die Heilige Messe, kasteit sich, isst nur das Notwendigste und vergreift sich nicht selbst an anderen Menschen. Sogar einige seiner Opfer verehren ihn wie einen Heiligen. Noch auf dem Scheiterhaufen hat ein von ihm Verurteilter gerufen, es sei ihm eine Ehre, von einem so gottesfürchtigen Mann wie Ottokar dem Feuertod ausgeliefert worden zu sein.«

Da erwiderte Werner, der Schuster: »Wir sind die Bürger von Leipzig. Unsere Stadt achtet die Rechte ihrer Bewohner. Der Rat der Stadt ist für Recht und Sicherheit verantwortlich. Warum machen wir uns zu Ottokars Handlangern? Wir kennen unsere Mitbürger besser als er. Es sind ordentliche Menschen. Wer aber ist Ottokar ?"

»Der Mann ist unangreifbar«, wiederholte der Bürgermeister.

Werner widersprach:" Er hat Knaben geschändet, die Töchter von Verurteilten an Kuppler verkauft und den Heiligen Apostel Thomas verspottet."

»So etwas ist mir nicht bekannt, woher willst du es wissen?«, antwortete der Bürgermeister.» Ich behaupte es«, erwiderte Werner, »so wie Ottokar behauptet hat, die arme Frau Leberecht habe Hexerei betrieben; so wie er feststellt, dass jeder fünfte Leipziger nicht an Gott glaube. Ladet Ottokar vor! Ich werde die Anschuldigungen gegen ihn vortragen, und unter der Folter wird er bald geständig sein.«

»Stimmt es, was du sagst, oder ist es eine Lüge?«, fragte der Bürgermeister verzweifelt.»      Wer selbst ständig lügt, hat keinen Anspruch auf die Wahrheit. Was aber ist im Falle Ottokars Wahrheit und was Lüge? Lasst es uns herausfinden, indem wir die Methoden anwenden, die er uns täglich vorführt. Übersteht er die Folter, so mag er geläutert und gerechtfertigt von uns ziehen.«

Der Schuster wertete das Schweigen seiner Ratskollegen als Zustimmung und veranlasste, dass Wachmannschaften loszogen, um Ottokar festzunehmen. Vier Tage lang folterte man ihn, dann gestand er, das Vertrauen des Papstes missbraucht und sich mit dem Teufel eingelassen zu haben. Jahre zuvor sei er von einer hübschen Hexe verführt worden. Der oberste Teufel persönlich habe ihn angeleitet, wie er zur Tarnung die Rolle des Inquisitors beibehalten könne. Ottokar von Wengen gab zu, die Kinder von Verurteilten an Kupplerinnen verkauft zu haben. Seinen Ordensoberen habe er der Sodomie, seine Mitbrüder der Raffgier bezichtigt. Schließlich sei er von der Idee besessen gewesen, vor seiner Abreise aus Leipzig in mehreren kirchlichen Räumen Feuer zu legen.

Am fünften Tag widerrief er. Am sechsten gestand er erneut vor mehreren Zeugen,dass Luzifer von ihm Besitz ergriffen habe. Einen Tag später entwich der Teufel mit einem langgezogenen klagenden Ton durch Ottokars offenen Mund aus dessen Körper. Seine Seele nahm er mit sich auf den Weg zur Hölle. Nicht einmal Gelegenheit zur Reue und Buße ließ er ihm.
So blieb nichts, als für seine Seele zu beten.

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