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Der Traum des Mauerseglers

Berndt Seites Gedichte schätzen die Kraft des Moments. Sie tauchen in ihn ein, entdecken Höhen und Abgründe und legen dabei Vers für Vers frei, wie wir durch das Leben gehen, wer wir sein wollen und wer wir – manchmal wider Willen – dabei werden.

Es sind Gedichte, die träumen, schimpfen und scherzen, sie führen uns von leisen Beobachtungen hin zu den ersten Fragen, die damit ringen, womöglich zu den letzten zu gehören.

4. Dezember 1944 – Bombenhagel auf Leipzig

4. Dezember 1944 – Bombenhagel auf Leipzig

Dipl.-Päd. Ursula Brekle

1944, vor 80 Jahren, schlug der von Deutschland entfesselte Krieg auf die Städte Deutschlands zurück.

Am 4. Dezember 1944 erlebten die Leipziger in den frühen Morgenstunden, 3:50 und 4:25, den schwersten Luftangriff im Zweiten Weltkrieg. Britische Bomberverbände griffen mit ca. 400 Flugzeugen in drei aufgeschlossenen Wellen Leipzig an, setzten zuerst die „Christbäume“ als Zielmarkierung, um dann eine große Anzahl von Brand- und Sprengbomben, darunter auch Phosphorbomben, auf das Stadtgebiet abzuwerfen.

Bombensupermarine Spiteful fxiv side view. (1)
Bombensupermarine Spiteful fxiv side view. (1)

 

Unter dem Codnamen „Haddock“, übersetzt Schellfisch, hatte die Royal Air Force bereits ab 1940 Leipzig im Visier. Es gab in und um Leipzig zahlreiche kriegswichtige Rüstungsbetriebe, und Leipzig war ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt. Das waren handfeste Gründe, Leipzig zu bombardieren.

Ruine Hauptpostamt. (2)
Ruine Hauptpostamt. (2)

 

Die Bombardierung entfachte in der Innenstadt Leipzigs einen gewaltigen Feuersturm. Vielen Menschen gelang es nicht, die Keller bzw. Luftschutzbunker lebend zu verlassen. Die Zahl der Toten stieg auf 1 815, die der Verletzten auf fast 4 000. 114 000 Leipziger wurden obdachlos, weil 43 100 Wohnungen zerstört und unbewohnbar waren. Viele verloren in dieser Nacht all ihr Hab und Gut.

Trümmerfrauen bei der Arbeit. (3)
Trümmerfrauen bei der Arbeit. (3)

 

In der Innenstadt fielen viele historische und architektonisch wertvolle Gebäude den Bomben zum Opfer. Darunter das Schiff der Johanniskirche, das Alte und das Neue Theater, die Alte Wage, die Matthäikirche, die Hauptpost, das Augusteum der Universität Leipzig, der Krystallpalast und das Alte Rathaus, vom regierenden Bürgermeister und Großkaufmann Hieronymus Lotter 1556/57 erbaut. Der riesige Vergnügungspark Krystallpalast war 1882 entstanden und konnte bis zu 15 000 Gäste unterhalten. Er umfasste ein Areal von 1,9 Hektar. Die entstandene Brache wurde verschieden genutzt, und erst ab 2021 wieder aufgebaut. Heute stehen dort die ersten neuen Häuser im Rohbau; insgesamt sollen 139 Mietwohnungen entstehen und ein Hotel. 15 000 Quadratmeter Bürofläche wird zur Verfügung gestellt werden u. a.

Damit sind die Kriegsschäden bis heute sichtbar.

Innenraum der Johanniskirche. (4)
Innenraum der Johanniskirche. (4)

 

Das Herz der Stadt, das schwer beschädigte Alte Rathaus, dessen Dach völlig ausgebrannt war, konnte als erstes öffentliches Gebäude Leipzigs von 1946 bis 1950 unter schwierigen Bedingungen wieder aufgebaut werden. Die beiden Kirchen, Matthäikirche und Johanniskirche, wurden abgebrochen, ebenso wie die Theater. Das Theater am Augustusplatz, die Hauptpost und die Universität wurden durch Neubauten ersetzt.

Weiterhin sind in der Bombennacht Geschäftshäuser (1067), Fabrikgebäude (472), Schulen (56), Messehäuser (29) und insgesamt 9 Kirchen zerstört worden. Diese Aufzählung ist nicht vollständig.

 

Das Grauen und das Leid, das die Menschen ertragen mussten, beschreibt eine Augenzeugin. * Regina Matthees berichtet:

Offizin Andersen Nexö. (5)
Offizin Andersen Nexö. (5)

„Am Vormittag des 03.12.1943 brachte mich meine Mutti von unserer Wohnung zu meinen Großeltern nach Connewitz. Ich war als Kind sehr oft bei meinen Großeltern... Immer wenn ich zu meinen Großeltern nach Connewitz kam, fand oft Alarm statt, so dass ich den Namen erhielt "Alarm-Regina"... Nachdem mir am Abend eine Geschichte vorgelesen wurde, begab ich mich ins Bett. Früh - so erinnere ich mich - heulten die Sirenen, und ich wurde aus dem Schlaf gerissen. Ich war so müde und begann zu weinen. Liebevoll trösteten mich meine Großeltern, drängten jedoch darauf, dass wir in den Keller kamen. Die Einschläge krachten und wir sahen auf dem Weg in den Keller, dass das Hinterhaus in Flammen stand. Ich schrie auf, war verzweifelt und zitterte am ganzen Körper. Wenn ich heute die Augen schließe, kann ich mich genau an diese Situation erinnern. Mein Großvater und noch weitere Bewohner des Hauses liefen zum brennenden Hinterhaus, um zu helfen. Ich wurde von meiner Großmutter in den Keller getragen. Sie tröstete mich aufopfernd - ich war aber todmüde, abgespannt und erschöpft im Innersten. Ich konnte dies alles nicht begreifen. Ich wimmerte nach meiner Freundin...Über und über schmutzig, weinend und hilflos wurde meine Freundin von meinem Großvater in den Keller gebracht. Ich war überglücklich - aber ihre Eltern waren nicht da. Wo waren diese? Später erfuhr ich, dass sie ums Leben gekommen waren. Eine Tragödie, die ich als Kind noch nicht erfassen konnte. In unserem Kellerraum sprachen wir uns gegenseitig Mut zu, klammerten uns fest aneinander und fingen aus Verzweiflung an Lieder zu singen. Meine Freundin Susanne hatte eine wunderschöne Stimme. Ich erinnere mich noch an das eine Lied - "Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, deine Mutter ist im Pommernland, Pommerland ist abgebrannt - Maikäfer flieg". Wir sangen immer und immer wieder das Lied - ohne die inhaltliche Bedeutung zu begreifen...Ich schreibe diesen Bericht aus der Sicht meiner Kindheit; möchte nichts hinzufügen und ändern. Ich habe diese Stunden so erlebt. Ein Trauma meiner Kindheit.

Meine Mutti kam am 5. Dezember 1943 zu meinen Großeltern - abgekämpft und voller Angst um uns. Sie erzählte über die grauenhafte Verwüstung in der Stadt, von Obdachlosen und Kindern, die nach ihren Eltern riefen.

Meine Freundin ging mit uns nach Hause. Auf dem Nachhauseweg erblickten wir Schutt und Trümmer. Es fuhr keine Straßenbahn. Meine Mutter bemühte sich uns durch Erzählen von lustigen Geschichten von der Grauenhaftigkeit abzulenken. Es war ihr aber nicht gelungen: Wir weinten, weinten und weinten...“

Quellen

 

- Stadt Leipzig: Bombenhagel auf Leipzig - Luftangriff am 4. Dezember 1943.

 

- Stadtgeschichtliches Museum Leipzig: Bomben auf Leipzig.

 

- Lehmstedt, Mark (Hrsg., 2003): Leipzig brennt. Der Untergang des alten Leipzig am 4. Dezember 1943 in Fotografien und Berichten. – Leipzig.

 

- Universität Leipzig: Arbeitsgruppe Zeitzeugen der Seniorenakademie. Bericht von Regina Matthees: Der Luftangriff auf Leipzig am 4.12.1943. *

 

Bildnachweis

 

Kopfbild: Burgstraße mit Blick auf Thomaskirche

und die Abb. 2 bis 5: Deutsche Fotothek. Renate Rössing (1929-2005) und Roger Rössing (1929-2006).

 

Abb. 1 Englischer Bomber aus Wikimedia, gemeinfrei.

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