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Trauer

Trauer

Jaroslav Vrchlický

Mich befiel, ich wusste nicht, warum,
Eine leise, wunderliche Trauer,
Aus der Stube Winkeln kam's wie Schauer
Und umspann mich völlig, still und stumm.
Noch wollt' ich dem Zwange mich entringen,
Wollt' entdecken dieses Bangens Quelle,
Der Verstand war kühlen Bluts zur Stelle,
Rief dem Herzen zu, es zu bezwingen –
Doch es kam nicht los aus seinen Schlingen.
Hat Natur die Trauer ausgegossen?
Nein, der Sommerabend ruht in Frieden,
Mutterstolz hat Erde reich beschieden
Und die Garben stehn Mond überflossen.
Steigt sie auf aus meinem eignen Leben?
Das Geschick hat mir genug geboten,
Ruhe ward den Kämpfen, die sonst lohten,
Und ein still Verzichten lenkt mein Streben.
Will Vergangenheit mich drein versenken?
Ich weiß nichts, was ich begangen habe,
Die da leben, die da ruhn im Grabe,
Aller darf ich ohne Vorwurf denken.
Quält ein Misserfolg? Hat jemand Groll?
Kund ist nichts mir, könnt' es auch nicht achten –
Wenig sind's nur, die mir Einklang brachten,
Alles sonst ein Schrei, der lang verscholl.
Dennoch diese Trauer, und woher?
Kündet's Unglück an, das sich will regen?
Alle Kraft, sie kommt nicht auf dagegen.
Drum Geduld – vielleicht ziehn Wolken schwer,
Und der Regen rauscht, dich aufzufrischen.
Doch die Trauer wie die Nacht inzwischen
Wächst aus deiner Brust in alle Weiten,
Still und tief und farblos ist ihr Gleiten,
Unversehens, wie sie war gekommen,
Gleich der schwülen Sommernacht beklommen,
Wie ein schwarz Gewölke, bleiern hangend
Und den ganzen Horizont umfangend –
Kraftlos lieg ich da, umsonst mein Streiten.

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