Leipzig-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Leipzig-Lese
Unser Leseangebot

Heft 1

A |E | I | O | U … Hör gut zu!

Dieses Arbeitsheft beginnt mit einem Vorkurs zur “phonologischen Bewusstheit” und übt das Silbenglieder, das Anlauterfassen und das Reimwortfinden.

Mönche - Mühlen -Mahlprodukte

Mönche - Mühlen -Mahlprodukte

Friedrich Ekkehard Vollbach

Der Elstermühlgraben im Süden von Leipzig

Elstermühlgraben in Leipzig.
Elstermühlgraben in Leipzig.

Der Elster – Mühlgraben im Süden der Stadt Leipzig ist ein Zeugnis dafür, wie sich die Menschen vor Ort schon in alter Zeit bemüht haben, vorhandene Energiequellen zu nutzen. Nur wenige Leipziger wissen, wie wichtig der parallel zur Elster verlaufende Elstermühlgraben für das Wirtschaftswachstum im Süden Leipzigs war.

Dem Wasser ist nicht zu trauen, es reißt den Mühlgang weg1

Die Weiße Elster, die meist still und friedlich dahinfließt, kann aber im Frühjahr oder nach Starkregen schnell zum reißenden Strom werden, dabei die Flussaue überfluten und die darin befindlichen Ansiedlungen unter Wasser setzen. Kein Wunder, dass die Bewohner der Elsteraue im Verlauf der Jahrhunderte den Lauf der Elster immer wieder reguliert, vertieft, kanalisiert und vor allem eingedeicht haben. Durch das Ableiten des Wassers aus der Aue und das Eindämmen des Flusses schützten die hier ansässigen Bewohner nicht nur ihre vorhandenen Felder vor Überflutungen, sie konnten so auch Ackerland hinzugewinnen.  Wie häufig die Elster über ihre Ufer trat, kann man in der Pegauer Hochwasserchronik nachlesen, die zwischen den Jahren 1771 und 2013. 95 kleinere, mittlere und auch sehr große Hochwasser registrierte. Als die Fluten eines Hochwassers im 16. Jahrhundert die an der Elster bei Eythra stehende Mühle wegrisssen, wurde den Menschen auch hier klar, dass an diesem unberechenbaren Fluss Mühlenbauten keinen Sinn machen.  Das wussten aber schon die Mönche der Klöster Pegau und Bosau (bei Zeitz). Sie begannen bereits im 12. Jahrhundert mit dem Bau des Elstermühlgrabens. Wiprecht von Groitzsch (um 1050 – 1124) soll sie dazu angehalten haben. Als kenntnisreiche Fachleute nutzten sie beim Anlegen des Grabens geschickt die vorhandenen Altarme der Elster. Das ist sicher ein Grund dafür, dass der Elstermühlgraben nicht wie ein moderner Kanal schnurgerade verläuft, sondern stark meandernd parallel zur Weißen Elster nach Norden fließt. Dadurch besitzt dieser Mühlgraben den Charakter eines natürlichen Flusslaufs.


Mühlen und Teichen müssen dem Bergbau weichen“

Der Elster - Mühlgraben wird bei Profen von der Weißen Elster abgezweigt und mündete nach 29 km in Großzschocher wieder in die Weiße Elster.
Auf Grund der bergbautechnischen Veränderungen im Südraum Leipzig spricht man heute vom Profener Mühlgraben, der 18, 5 km lang ist und von Profen via Elstertrebnitz , Pegau, Großstorkwitz nach Kleindalzig fließt und dort in die sog. Betonelster eingeleitet wird.  Dann ist noch die Rede vom Knauthainer Mühlgraben, der 6, 39 km lang ist und als „verrohrte Ausleitung“ der Elster bei Hartmannsdorf beginnt und bei Knauthain wieder im ursprünglichen Bett Richtung Großzschocher fließt.
Erwähnt werden muss an dieser Stelle unbedingt noch jenes Stück Mühlgraben, das vor der Verlegung der Elster (sie fand zwischen 1972 und 1977 statt) von Kleindalzig nach Eythra und von dort über Bösdorf und Hartmannsdorf nach Knauthain verlief. Von diesem einst etwa 8 km langen Abschnitt ist noch ein ca. 2,5 km langes Teilstück verblieben, das von Kleindalzig zur Kante des Zwenkauer Sees verläuft. Da ihm kein Wasser zugeführt wird und der Grundwasserspiegel abgesenkt wurde, ist es trockengefallen.


Wenn das Mehl ist schön und recht,

lobt man den Müller und den Knecht.

Das künstliche Gewässer diente vor allem dem Antrieb von Mühlen, aber die Anwohner holten aus ihm auch mit Fässern und Eimern das Wasser zum Wäschewaschen und zu anderen Verrichtungen, die kein Trinkwasser aus dem Brunnen benötigten. Im Sommer badete man auch in dem Wasserlauf. Den Mühlgraben nutzten einst etwa 11 Mühlen2
Schon im Jahr 1567 gründeten die Eigentümer der Mühlen in Elstertrebnitz, Pegau, Großstorkwitz und Kleindalzig eine Vereinigung aller Besitzer der zum Profener Wehr gehörenden Mühlen. Man gab sich wichtige Regeln, die den Betrieb des Mühlgrabens sicherten. So wurde zum Beispiel festgelegt, dass jeder Mühlenbetreiber den Mühlgraben ein Drittel vor seiner Mühle und zwei Drittel nach derselben in Ordnung zu halten hatte. Dieser Interessenverband hatte, wie Carl Friedrich Taubert 3 versicherte, bis zum Jahre 1960 bestanden. Einige alte Mühlengebäude gibt es noch, wenn sich auch manche von ihnen in einem traurigen Zustand befinden. Heute mahlt keine Mühle mehr Korn zu Mehl. Die Greitschützer Mühle in Elstertrebnitz produzierte als letzte der Mühlen noch bis 2006 Kraftfutter. Die anderen Mühlen stellten spätestens in den Jahren nach der Wiedervereinigung ihren Betrieb ein. Aber romantische Mühlenräder drehen sich hier seit über 100 Jahren nicht mehr, da sie im 19. Jahrhundert durch leistungsfähige Turbinen ersetzt wurden, die zum Teil noch heute grünen Strom produzieren.

Es sind nicht alle Müller, die eine Zipfelmütze tragen

Drei Mühlen am Elstermühlgraben stellten bereits im 20. Jahrhundert aus wirtschaftlichen Erwägungen ihre Produktion um.  In Elstertrebnitz, Ortsteil Oderwitz, gewann man in der „Eisenmühle“ seit 1914 mit Hilfe eines besonderen Reibeverfahrens von speziellen Eisenstangen Eisenpulver. Das brauchte man zur Herstellung von Wunderkerzen und Feuerwerkskörpern, zur Produktion von Bremsbelägen und anderen Dingen. 24 Stunden lang mussten die Eisenstangen geschliffen werden, um eine nutzbringende Menge Eisenpulver zu erhalten. 1996 wurde die Produktion von Eisenpulver wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt. (Die Eisenmühle ist - im Gegensatz zu allen anderen Mühlen am Elster - Mühlgraben zu besichtigen.)
In Kleindalzig kaufte der Ingenieur Max Gildemeister im Jahre 1920 die dortige Mühle. Ein Jahr später brannte sie ab. Gildemeister errichtete statt einer Mühle nun einen Betrieb zur Produktion technischer Gase. Der firmierte 1926 unter dem Namen „Elster – Sauerstoff – Werk Ing. Gildemeister“. Doch die Existenz dieses verhältnismäßig kleinen Betriebes verärgerte „die Vereinigten Sauerstoffwerke Berlin“. Es kam zu einem Rechtsstreit. 1928 musste Gildemeister sein Unternehmen abmelden. Im gleichen Jahr gründete er jedoch unter Beteiligung von IG Farben das „Elster - Sauerstoff – Werk Max Gildemeistert GmbH.“ Als Teilbetrieb des VEB Technische Gase war das „Sauerstoffwerk“ in Kleindalzig noch nach dem 2. Weltkrieg in Betrieb.
Die Mühle in Eythra gelangte 1737 in Besitz der Familie Härting, die bereits Eigentümer mehrere Mühlen war,4 doch sie veräußerte den Betrieb nach wenigen Jahren wieder. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts nutzte man das Wasser der Mühle zur Papier - und Pappenherstellung. 1938 übernahm der Unternehmer Fritz Rentzsch die „Pappenfabrik“, installierte eine Turbine mit einer Leistung von 93, 4 KW, um Aluminiumteile zur Herstellung von Kleinmaschinen für Handwerker und Heimwerker zu gießen. Als VEB Galvanotechnik Leipzig, Werk III, hatte der Betrieb noch bis 1984 Bestand.
Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wollte man auf das Schicksal aller am Mühlgraben liegenden Mühlen eingehen, aber einige Ereignisse waren so prägend, dass sie unbedingt erwähnt werden müssen.

Die Mühle hat besseres Recht als andere Häuser

1741 Freiherr, 1745 Graf

Elstermühlgraben in Pegau.
Elstermühlgraben in Pegau.

Die Besonderheit der Obermühle zu Pegau bestand darin, dass sie “schriftsässig“ war. Es handelt sich dabei eigentlich um ein Privileg der Rittergüter.  Das hatte seinen Grund darin, dass diese Mühle ursprünglich dem schriftsässigen Kloster Pegau gehörte. Die Stadt Pegau kaufte es 1545 nach der Säkularisation von Kurfürst Moritz von Sachsen, dem nunmehrigen Eigentümer, mit allen Gerechtsamen (alte Bezeichnung für eine Berechtigung, ein Privileg, ein Vorrecht von etwas, ein Nutzungsrecht). Auch die „Schriftsässigkeit“ und die Ober – und Erbgerichte gingen an den neuen Besitzer, die Stadt Pegau, über.

Als im Jahre 1635 Leonhard Schwedendörfer, der erste Privatbesitzer der Mühle, dieselbe erwarb, wurde im Kaufvertrag eine Klausel eingefügt, die ausdrücklich vermerkte, dass der Käufer die „Ober -und Erbgerichte habe und von allen des Raths Bothmässigkeiten eximiret sey“.5 Um das Privileg der Schriftsässigkeit6 gab es später immer wieder Streit. Das Amt Pegau versuchte ständig, der Obermühle die Schriftsässigkeit streitig zu machen. In Großstorkwitz ist laut Vertrag vom 29. Juni 1626 Hans Ernst von Osterhausen zu Böhlen neuer Besitzer der Mühle, die er für 6500 Gulden „als ein rechtes Erblehen mit Befreiung der Ritterdienste“ erworben hatte.

Im Lehnbrief des Herzogs Moritz Wilhelm von Sachsen – Zeitz vom 14. Juni 1659 wird ersichtlich, dass Hans Georg von Osterhausen seinem Vater als Besitzer der Mühle folgte. In diesem Lehnbrief wird festgehalten, dass die Mühle sechs unterschlächtige Gänge hat. Sie besitzt auch das Erbgericht und alle ihre Ehren, Freiheiten und Gerechtigkeiten, dazu das Nutzungsrecht des Mühlgartens.7  28 „Untertanen“ aus dem Dorf Großstorkwitz haben der schriftsässigen Rittergutsmühle Handfronde zu leisten. Dazu gehörten Reparaturarbeiten am großen Wehr in Profen und am Schütz, ohne dass ihnen Lohn zu zahlen ist. Zu ihren Pflichten gehören auch Reinigungsarbeiten beim Wasserabschlag und jährlich zwei Tage lang Holz für das große Wehr einzuschlagen.

 

Müller und Bäcker stehlen nicht, man bringt’s ihnen

 

Offensichtlich nahm es der Müller in Großstorkwitz um 1700 nicht so genau mit der Lieferung seiner Produkte. Der Schankwirt von Großstorkwitz beklagt sich nämlich darüber, dass die Bauern nicht mehr in seine Wirtschaft kommen, sondern lieber in Werben, Sittel oder Thesau in die Kneipe gehen, weil das Bier dort tüchtiger und schmackhafter war.  Die Ursache für das schlechtere Bier in Großstorkwitz ist auch bald gefunden.  Die von der Mühle gelieferte Menge an Malz entsprach nämlich nicht den Vorschriften. Der geschworene Brauer Hans Stengler und der Mälzer Brosius Gentzsch stellen fest, dass der Malzkasten der Mühle nur noch 19 statt 23 Heimzen8 Gerste fasste. Damit kann kein tüchtiges Bier gebraut werden. Nach dem Eichen und Stempeln des Malzkastens hatte der Müller auf dem Amt zu Pegau einen Eid abzulegen, der ihn dazu verpflichtete, das Malz (das angekeimte Getreide) mit dem geeichten Malzkasten genau nachzumessen und es anschließend in seiner Mühle grob gemahlen ohne Zusatz den Brauern in Großstorkwitz und den anliegenden Dörfern zur Bierherstellung auszuliefern.9

1741 gelangte diese Mühle in Besitz des Freiherrn Johann Christian von Hennicke (1685-1752)10. Der hatte 1737 das benachbarte Barockschloss Wiederau als erbliches Lehen erhalten. Aus diesem Anlass übrigens komponierte der Thomaskantor Johann Sebastian Bach die berühmte Festkantate „Angenehmes Wiederau, freue dich in deinen Auen“.

 

Wenn der Müller ohne Brot, ist im Lande große Not

 

Am 1. Januar des Jahres 1865 kaufte Anton Leberecht Zickmantel (1838 – 1901) von J. Eberius Anteile an der Mühle und vier Jahre später den ganzen Betrieb mit seinem Kompagnon Friedrich Schmidt für108.000 Taler. Die Mühle firmierte unter dem Namen Zickmantel & Schmidt. Die neuen Eigner ersetzten das Wasserrad durch Turbinen und Dampfkraft. 1905 galt die Mühle mit ihren 80 Arbeitsplätzen als die größte ihrer Art und als die modernste Mühle in Sachsen.

1944 wurden die Mühle und deren Gebäude durch Bomben schwer beschädigt.

Nach 1945 enteignete man den Mühlenbesitzer Max Zickmantel und 1950 wurde der Mühlenbetrieb eingestellt.

 

1 Bei diesen Überschriften handelt es sich um alte Sprichwörter, deren Sinn Bezug zu dem ihnen folgenden

Text haben.

2 Elstertrebnitz: 3 Mühlen, Pegau: 2 Mühlen, Großstorkwitz, Kleindalzig, Eythra jeweils eine Mühle,

Knauthain/Knautkleeberg: 2 Mühlen, Großzschocher 1 Mühle

3 C. F. Taubert Mühlenwerke Elstertrebnitz, + 12. 04. 2021

4 z.B. Obermühle Pegau, Mühle Großstorkwitz

5 Hans-Joachim Härting, Die Härtings und die Obermühle zu Pegau, in: Mühlen im Bornaer Land… eine

Spurensuche, in: Heimatblätter des Bornaer Landes 10, S. 64

6 „schriftsässig“, auf Schrift sitzend, bedeutet: den oberen Landesbehörden, mit denen sie in direktem

Schriftverkehr standen, unmittelbar zu unterstehen. Ihr Gerichtsstand waren entweder eins der Hofgerichte

(Leipzig, Wittenberg), das Appellationsgericht in Dresden oder die Regierung.

Für Amtssassen dagegen war das „Amt“ bzw. der bürgerliche Amtmann die 1. Instanz in Rechtsstreitigkeiten.

Schriftsässig und amtssässig bezeichnen eine unterschiedliche Nähe zum Landesherren.

7 Härting, Die Müller – Familie Härting…, S. 134

8 ein spezielles Pegauer Maß

9 Härting, Die Müllerfamilie Härting…, S.136

10 dieser kursächsische Verwaltungsbeamte war ein echter Aufsteiger: 1733 geadelt, 1741 Freiherr, 1745 Graf

 

Bildnachweis

Elstermühlgraben in Leipzig. Urheber: Ursula Brekle

Mühlgraben in Pegau. Urheber Kondephy

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Erich-Zeigner-Ausstellung
von Dr. Manfred Hötzel
MEHR
Der Palmengarten
von Hans-Joachim Hädicke
MEHR
Anzeige:
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen