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Über Auerbachs Keller schrieb die New York Times am 28. Dezember 1995 (deutsch übersetzt): „Das Restaurant überlebte fast 500 Jahre mit Kriegen, Pest und Diktaturen, aber die Einführung des Kapitalismus in Ost-Deutschland war erwiesenermaßen zu viel für es. Dennoch behauptet das seit fast einem halben Jahrtausend bestehende Restaurant seit 1996 wieder seinen Rang als eine der weltweit renommiertesten Gaststätten.“

Der Schriftsteller Bernd Weinkauf begleitet Auerbachs Keller seit 1996 als »Haushistoriker« und schrieb dieses einzigartige Buch, erschienen im Sax Verlag.

ISBN 978-3-86729-206-1

Preis 19,90 €

Auerbachs Keller und Mori Ôgai

Auerbachs Keller und Mori Ôgai

Bernd Weinkauf

Einen folgenreichen Besuch erlebte Auerbachs Keller am 27. Dezember 1885. Zwei Japaner saßen beim Wein und unterhielten sich...Die beiden Gäste waren Tetsujiró Inoue, von Freunden Sonken genannt, der seit dem Wintersemester 1885 in Leipzig Philosophie studierte, dazu der junge Militärmediziner Rintaró Mori, der sich später den Beinamen Ôgai geben sollte, was in etwa Sturmvogel bedeutet. Er hatte schon als Kind Kenntnis der deutschen Sprache erworben, seine medizinische Ausbildung erhielt er an der Kaiserlichen Universität von Tokyo. Im Range eines Leutnants wurde Rintaró Mori nach Deutschland entsandt, um bei führenden Medizinern in Berlin, Leipzig und München Hygiene und Militärsanitätswesen zu studieren. Am 22 September 1884 traf er inLeipzig ein, fand ein Zimmer in der Talstraße und begann die Ausbildung. Seine freie Zeit nutzte Mori, um deutsche Literatur zu lesen, aber er besuchte auch den Bierkonvent junger Akademiker. In sein Tagebuch hat er geschrieben:

„Die Studenten tranken gewaltige Mengen von Bier. Die Biergläser in Deutschland fassen normalerweise einen halben Liter Bier. Es ist aber keine Seltenheit, dass jemand fünfundzwanzig Gläser leert, da sind zwölfeinhalb Liter! Ich habe mit Mühe drei Glas Bier getrunken, und glaube, das ist auch mein äußerstes Maß.“ Das Besäufnis hat er zum Anlass für eine Studie genommen: „Über die diuretische Wirkung des Bieres“.

Weil Mori regelmäßig und detailfreudig Tagebuch geführt hat, ist auch bekannt, worüber er und Herr Tetsujiró Inoue an jenem Abend gesprochen haben: „Abends besuchte ich zusammen mit Herrn Inoue ,Auerbachs Keller´.Wir überlegten, ob es wohl möglich sei, Goethes ,Faust´in chinesische Verse zu übersetzen. Herr Sonken meinte, ich sollte es doch einfach mal versuchen. Lachend sagte ich zu.“

Volker Pohlenz: Mori Ôgai erinnert sich an den 27. Dezember 1885.
Volker Pohlenz: Mori Ôgai erinnert sich an den 27. Dezember 1885.


Seit April 2009 ist diese Szene in Auerbachs Keller auf einem Bild zu sehen. Und so ist es dazu gekommen: Ende der 1970er Jahre besuchte ein Team des japanischen Fernsehsenders NHK Leipzig, um Bilder von Orten einzufangen, die mit Goethe in Verbindung stehen. Mir wurde die Bitte angetragen, ihnen entsprechendes zu zeigen. Dabei fragten mich die Fernsehleute nach Mori Ôgai, was mir jedoch nichts sagte. Da ich mich seit längeren Jahren mit japanischen Haiku beschäftigte, kannte ich einiges an Literatur und las ein bisschen über den Dichter. Nun besuchte ich damals einen Japanischkurs an der Universität und dorthin kam bisweilen eine Japanerin, deren Ehemann hier in der Stadt als Bauleiter ein großes Hotel errichtete. Mit ihr sprach ich über Mori Ôgai , sie besorgte mir aus Japan Kopien der Seiten aus dem „Deutschen Tagebuch“, die sich auf Leipzig beziehen. Dann haben wir diese gemeinsam übersetzt. Das ist natürlich schamlos übertrieben, denn sie übersetzte und ich half ihr, die auf Leipzig bezogenen Örtlichkeiten zu verstehen. Jahre später, im Juni 2003 fand in Tokyo der 22. Weltgaskongress statt, bei dem auch das Leipziger Unternehmen Verbundnetz Gas AG (VNG) ausstellte. Man hatte erfahren, dass Auerbachs Keller in Japan sehr bekannt war. Also wurde der Messestand mit einem Foto des Fasskellers gestaltet. An mich ging die Frage, ob es ein passendes „giveaway“ gäbe. Ich schlug vor, ein Büchlein zu drucken, das Mori Ôgais Beobachtungen aus Leipzig enthielt, auch jene vom Besuch in Auerbachs Keller. Die Resonanz auf diese Heftchen war überraschend. Aus aller Welt fragten Bibliotheken bei VNG danach an. 2006 gab es einen Wirtswechsel in Auerbachs Keller, wo das Büchlein verkauft wurde. Der neue Wirt entschloss sich, angesichts der stark anwachsenden Zahl von japanischen Gästen, den in Japan hoch geehrten Dichter auch hier nahe zu bringen. Mit dem Mahler Volker Pohlenz wurde das Anliegen besprochen. Die Idee, die Episode in eine Bildkomposition zu übersetzen, erwies sich als kompliziert, aber gemeinsam wurde sie gefunden.

Mori Ôgai war als junger Mann in Leipzig, den Japanern ist er aber vor allem durch ein Altersporträt bekannt. Es galt, die beiden Lebensalter im Bild zu vereinen. So sitzt der alte Dichter, wie er bekannt ist, etwa 1920 in seiner Wohnung und blickt durch einen ,Rauchvorhang der Erinnerung´ auf den Abend mit Sonken im Auerbachs Keller. Natürlich sind Faust und auch Mephistopheles im Geiste anwesend. Auf dem Tisch liegt das Manuskript seiner Faust-Übersetzung, die er 1913 beendet und veröffentlicht hatte. Zu sehen ist die Szene aus Auerbachs Keller. Damit die Gegenwart im Bild nicht fehlt, kommt der dienstälteste Kellner von Auerbachs Keller, Volker Maaß, er arbeitet immerhin seit 1971 hier, die Treppe herunter und bringt neuen Wein. Als das Bild am 21. April 2009 feierlich enthüllt worden ist, war sogar ein Team des japanischen Fernsehsenders NHK dabei.

Quelle:

Weinkauf, Bernd: Chronik von Auerbachs Keller. Leseprobe

Bildnachweis:

Kopfbild: Porträt Volker Pohlenz

Gemälde: Mori Ôgai erinnert sich an den 27. Dezember 1885

beide Bilder: Volker Pohlenz

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