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Über Auerbachs Keller schrieb die New York Times am 28. Dezember 1995 (deutsch übersetzt): „Das Restaurant überlebte fast 500 Jahre mit Kriegen, Pest und Diktaturen, aber die Einführung des Kapitalismus in Ost-Deutschland war erwiesenermaßen zu viel für es. Dennoch behauptet das seit fast einem halben Jahrtausend bestehende Restaurant seit 1996 wieder seinen Rang als eine der weltweit renommiertesten Gaststätten.“

Der Schriftsteller Bernd Weinkauf begleitet Auerbachs Keller seit 1996 als »Haushistoriker« und schrieb dieses einzigartige Buch, erschienen im Sax Verlag.

ISBN 978-3-86729-206-1

Preis 19,90 €

Auerbachs Keller  und das Gemälde

Auerbachs Keller und das Gemälde "Kaiserliche Pfalz"

Bernd Weinkauf

Während der Vorbereitung des Jubiläums [500 Jahre Keller] kam zur Sprache, was denn bleiben wird, wenn das Fass geleert, der Wein ausgetrunken und das Zelt wieder abgebaut ist. Was wird bleiben von dem Jubel? Da saß man am Tisch 99 und blickte auf die letzte Wandnische ohne Bild. Noch standen alle Beteiligten unter dem Eindruck der „Schneider-Pleite“ und deren Folgen für Auerbachs Keller. So entstand die Idee zu einem Gemälde, das die Reihe der Faust-Bilder im großen Keller fortsetzen sollte. Im 1. Bild des zweiten Teils vom „Faust“ agiert Mephistopheles als Finanzjongleur am Kaiserhof. Der Staat ist pleite, der Kaiser ratlos. Die Hofgesellschaft ist verunsichert, der Hofnarr entlassen. In diese chaotische Umbruchsituation kommen Faust und Mephistopheles, der die Situation sofort erkennt und dem Kaiser einen teuflischen Plan entwirft. Er ermutigt ihn, seine defizitären Finanzen dadurch aufzubessern, dass er Coupons, also Papiergeld auf die dem Kaiser gehörenden aber noch ungehobenen Schätze in den Tiefen der Erde auszugeben. Mephistopheles schmeichelt sich ein mit den Worten:

Was könnte da zum Unheil sich vereinen,

Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?

Aber die Herren des Hofstaates sind wegen der zweideutigen Anspielungen misstrauisch:

Das ist ein Schalk – Der‘s wohl versteht -

Er lügt sich ein – So lang‘ es geht -

Ich weiß schon – Was dahinter steckt -

Und was denn weiter? - Ein Projekt -

Diese Situation im Thronsaal der kaiserlichen Pfalz hat der Maler Volker Pohlenz mit seinem Gemälde dargestellt.

Volker Pohlenz: Kaiserliche Pfalz. Acryl auf Leinwand. 1,80 x 3,60 m 2000
Volker Pohlenz: Kaiserliche Pfalz. Acryl auf Leinwand. 1,80 x 3,60 m 2000


Für die Herren des kaiserlichen Gefolges saßen ihm Personen Modell, die auf unterschiedliche Weise mit Auerbachs Keller geschäftlich verbunden waren. Für die Ehre, auf einem Bild in Auerbachs Keller verewigt zu sein, gab jeder der Porträtierten seinen Obolus zum Honorar des Malers. Der Darsteller des Mephistopheles hat sich an dieser Aktion jedoch nicht beteiligt. Handelt es sich bei diesem um eine anonyme Person? Damals glaubten viele Gäste des Kellers in dessen Gesicht das des Finanzjongleurs und Milliardenpleitiers Jürgen Schneider erkannt zu haben. Sogar er selbst meinte bei einem späteren Besuch in Leipzig, dass er auf dem Bild dargestellt sei und in einem Interview darauf angesprochen, kommentierte er die Szene so: „Ich bin der Teufel. Was sagt denn das Bild: Er sitzt auf dem Thron und Mephisto schlägt ihm vor, die Schätze, die sich unter der Erde des Landes befinden, zu Geld zu machen. Er soll Wertpapiere verkaufen und die Anleger damit an dem künftigen Ertrag der Bodenschätze beteiligen. Der Haken ist: Was die Bodenschätze künftig wirklich bringen, ist ungewiss. Der König aber hat sofort das Geld. Ich habe damals genau das gleiche gemacht: Ich habe den Banken erklärt, welcher Schatz Leipzig ist. Und die haben sich verführen lassen, weil sie Geld verdienen wollten.“

Die Personen des Bildes:

linke Seite

Kaiser (Heinrich Stromer von Auerbach)

Heermeister (Graf Heinrich Gottlieb von Lindenau)

Sekretär Sixtus Oelhafen (Bernd Weinkauf, Haushistoriker)

rechte Seite

Kanzler (Wolfgang Welter, Brauerei Krostiz)

Herold (Thomas Jaritz, Getränkehandel Staude)

Marschalk (Axel Baumbach, Architekt)

Astrolog (Konrad Wiedemann, Restaurator)

Schatzmeister (Wolfgang Behrens, Rechtsanwalt)

auf dem Medaillon an der Wange der Bank (Volker Pohlenz, Maler)

in der Bildmitte Mephistopheles (ein Finanzjongleur)

im Bildhintergrund (Ulrich Reinhardt, Gastwirt)

Quelle:

Weinkauf, Bernd: Chronik von Auerbachs Keller. Leseprobe

Bildnachweis:

Kopfbild: Porträt Volker Pohlenz

Gemälde Kaiserliche Pfalz

beide Bilder: Volker Pohlenz

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