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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Wie kochte der Osten?

Wie kochte der Osten?

Nina Vogt

Nancy Nilgen erforscht die Ernährungsgeschichte der DDR

Nancy Nilgen. Foto: Swen Reichhold.
Nancy Nilgen. Foto: Swen Reichhold.

Wenn Sie den Begriff „DDR-Küche“ hören, was fällt Ihnen als erstes ein? Spontan werden Sie vermutlich an Gerichte wie Soljanka, Broiler oder Jägerschnitzel denken. Nancy Nilgen geht in ihrer Doktorarbeit der Frage auf den Grund, was die Ernährung in der DDR tatsächlich ausmachte. „Standardisierte Gerichte waren definitiv ein Teil dieser Zeit, aber das kann nicht alles gewesen sein“ sagte sie. In ihrer Arbeit möchte sie differenzierteres Bild der ostdeutschen Ernährungsgeschichte zeichnen.

Nancy Nilgen (geboren 1982) beschäftigt sich von Haus aus mit Ernährung, denn ihr Vater war Koch in ihrer Heimat Freyburg (Unstrut). Nach der Schule zog es sie ebenfalls für 10 Jahre in die Gastronomie. 2011 jedoch begann sie ein Studium der Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig und schloss von 2014 bis 2017 einen Master in Mittlerer und neuer Geschichte an. Bereits in ihrer Bachelorarbeit beschäftigte sie sich mit Kochbüchern des 19. Jahrhunderts, in der Masterarbeit widmete sie sich der Süßwarenindustrie in der DDR.

Ernährungsgeschichtliches fasziniert Nancy Nilgen. „Essen ist ein natürlicher Prozess. Jeder Mensch muss essen, um zu überleben. Gleichzeitig ist dies durch und durch kulturell aufgeladen. Was, wie und wann man etwas isst., ist kein Zufall. An den Ernährungsverhalten kann man viel über die Geschichte einer Gesellschaft ablesen“, ist sie überzeugt. Sie betont, dass die Idee einer Nationalküche immer ein Konstrukt sei, das dazu diene, innerhalb einer Gruppe identitäts- und gemeinschaftsstiftend zu wirken, auch sich nach außen abzugrenzen.

In der ersten Phase ihrer Promotion hat die Wissenschaftlerin sich auch intensiv mit Kochbüchern aus der DDR auseinandergesetzt und die sich darin widerspiegelnden politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen herausgearbeitet. So habe der Klassiker „Wir kochen gern“, der wohl in jeder DDR-Küche zu finden war, einen deutlich ablesbaren sozialistischen Erziehungsauftrag erfüllt. „Man orientierte sich stark an Grundnahrungsmitteln, die leichter verfügbar und besser planbar waren. Es sollten keine falschen Erwartungen bei den Lesern geweckt werden.“ Eine bescheidene Küche wurde propagiert, die dennoch auch Wünsche des Lesers berücksichtigte.“ Die Kochbücher hätten einem ständigen Aushandlungsprozess zwischen Zensur, Verlag und Bedürfnissen der Leserschaft unterlegen.

Mit Ernährungskampagnen zum Beispiel für Fisch oder Eier habe die Staatsführung aus planwirtschaftlichen Überlegungen heraus versucht, Einfluss auf die Essgewohnheiten der Bevölkerung zu nehmen. Auch was in den Kantinen und Schulen auf dem Tisch kam, wurde zentral gesteuert. Auf die ausgeprägte Kantinenkultur sei es wohl zurückzuführen, dass die Küche der DDR rückblickend so homogen erscheint, so Nilgen, denn hier würden viele Menschen ähnliche Erinnerungen teilen.

Genau an diesem Punkt will sie im zweiten Teil ihrer Forschungsarbeit ansetzen. In Gesprächen mit Zeitzeugen möchte sie die Vielfalt der ostdeutschen Küche wieder zum Vorschein bringen. Daher spricht sie auch nicht von der einen DDR-Küche, sondern von der DDR-Küche.. „Mich interessiert, was die Menschen privat gekocht haben“, erklärt sie. Regionale Besonderheiten (viel Fisch an der Ostsee, die traditionelle Küche des Erzgebirges) seien schlechter dokumentiert, dürften aber – so ihre These – so auch in der DDR fortbestanden haben. Außerdem will sie herausfinden, inwieweit Zuwanderung, Urlaubsreisen, osteuropäische Küchen oder die Beziehung zur Bundesrepublik Einfluss auf die DDR-Esskultur nahmen.

Ihre Erkenntnisse später mit den Forschungsprojekten von Ernährungshistorikern aus anderen Ländern zu verknüpfen, wäre ein großes Ziel. „Denn eine regionale Küche versteht man erst, wenn man auch die Einflüsse von außen betrachtet“, so Nancy Nilgen.

Quelle

Das Leipziger Universitätsmagazin 2019 - Nachdruck gestattet

Bildnachweis

Kopfbild: DDR-Jägerschnitzel (aus Jagdwurst) mit Spirelli und Tomatensoße. Foto:

Author

Xipolis

Nancy Nilgen. Foto (Ausschnitt): Swen Reichhold

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