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Gadamers Leipziger Erbe

Gadamers Leipziger Erbe

Dr. Konrad Lindner

0. Leipzig – Ort des Verstehens

Es mag überraschen, aber in der Geschichte des Nachdenkens über das Verstehen und das Nichtverstehen der Menschen war Leipzig seit Christian Thomasius immer wieder ein wichtiger Ort, obwohl die Universität dieser Stadt in ihrer Relevanz für das philosophische Denken der Neuzeit eher unterschätzt wird. Ein geistiges Ereignis auf dem Gebiet der hermeneutischen Philosophie, die nach den Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Verstehens fragt, brachte der Beginn des Jahres 2018 mit sich: Im Verlag Mohr Siebeck in Tübingen erschien das Buch "Die Kunst des Verstehens" von Ingolf Dalferth. Der Geisteswissenschaftler war im Wintersemester 2017/18 der erste Theologe, der an der Universität Leipzig eine Leibniz-Professur innehatte. Gute Theologen sind häufig hervorragende philosophische Denker. So kann es nicht überraschen, dass Dalferth in seinem Buch über „Grundzüge der Hermeneutik“ den Denkeinsatz eines Philosophen des 20. Jahrhunderts aufgreift, der in der Geschichte der Universität Leipzig als ein Analytiker des Verstehens und als ein Erforscher der dialogischen Verfasstheit von sprachlichen Äußerungen in Wissenschaft wie in Kunst hervortrat. Die Rede ist von Hans-Georg Gadamer: Ein Jahrhundertdenker, der mit Wirkung vom 1. Januar 1939 in Nachfolge von Arnold Gehlen zum Professor der Philosophie an die Universität Leipzig berufen wurde. Gadamer erwies sich in der schwierigen Zeit der NS-Diktatur als ein hervorragender Lehrer der Philosophie. Seine Lehrveranstaltungen waren für viele Studenten ein geistiger Halt in dunkler Zeit. Das betraf nicht nur Hörer aus den Geisteswissenschaften, sondern auch aus den Naturwissenschaften. Damit nicht genug. Gadamer trat auch als jener Gelehrte in Sachsen hervor, der den Geist besaß und den Mut entwickelte, die traditionsreiche Leipziger Universität unter sowjetischer Besatzung am 5. Februar 1946 als Rektor mit einer Rede „Über die Ursprünglichkeit der Wissenschaft“ wieder zu eröffnen.

1. Verstehen analysieren

Das Buch Gadamers mit dem Titel „Wahrheit und Methode“ gilt bis heute als Lehrbuch der Hermeneutik. Es gehört zu den Wälzern der Philosophie, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rund um den Globus für eine unglaubliche Resonanz sorgten. Wie das Werk „Die Kunst des Verstehens“ von Dalferth erschien auch Gadamers Opus in dem Verlag Mohr Siebeck. Die Studenten tauften dieses Buch aus dem Jahr 1960 in der westlichen Hemisphäre – und nach der Friedlichen Revolution auch in Leipzig - liebevoll wie stöhnend auf den Namen „Wum“. Deshalb, weil die Frage nach dem Verstehen in den Sektoren der Kunst, der Geschichte und der Sprache mit einer Wucht und einer Tiefe besprochen wird, die den Lesern Konzentration und Ausdauer abverlangt. Wer einen Satz verstehen will, wie den folgenden, der darf keine Anstrengung scheuen: Im dritten Teil des Buches, das der Sprache gewidmet ist, legt Gadamer den Lesern eine harte Nuss auf den Tisch, wenn er behauptet: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“ Bei diesem Satz geht es um Ontologie und das heißt um die Lehre vom Sein und Seienden. Es geht aber auch um Hermeneutik und das heißt um die Lehre vom Verstehen und Missverstehen. Wer die Wende der Verstehenslehre zur Ontologie begreifen möchte, kommt um den zitierten Satz nicht herum. Es ist nicht zu übersehen, dass Theologen, wie Werner Löser im katholischen Raum und Ingolf Dalferth im protestantischen Raum, derartige Sätze Gadamers zum unversalen Aspekt der Hermeneutik souverän auslegen. Dalferth erläutert: "Der Satz wird richtig, wenn man 'Sprache' sehr weit fasst und alles damit meint, was in und durch Zeichen kommuniziert werden kann." Sprache verwandelt Sein in Sinn, egal ob es sich um eine Talkrunde im Fernsehen oder um die Gestik einer Sandsteinskulptur im Kunstmuseum oder um die Andacht beim Abschied von einem geliebten Menschen handelt. - Gadamer geht es um das Verstehen des Verstehens, das sich nicht nur, aber gerade dann ereignet, wenn wir auf die Erfahrung der menschlichen Endlichkeit verwiesen werden. Wenn wir gefordert sind, den Sinn unseres Daseins zu bedenken. Der gedankliche Fokus von „WuM“ liegt nicht auf der Analyse der Methode der Naturwissenschaften, sondern auf dem Entdecken der Besonderheit von Wahrheit in den Geisteswissenschaften. Gadamer entfaltet die Deutung des sprachlich verfassten Wissens aus der Situation des Gesprächs und aus dem Miteinander des Du und des Ich, wodurch sich Wahrheit nicht als unwandelbare Gewissheit, sondern als eine offene Dialogik von Frage und Antwort herausstellt. Eine Perspektive, die auch betreffs der Naturwissenschaft von Belang ist. Seine Deutung des Menschen als einem Wesen, dass zum Dialog und zum Verstehen befähigt ist, begann Gadamer bereits als junger Akademiker. Seine Hermeneutik besitzt ein Leipziger Erbteil, was nicht bedeutet, dass seine vorherigen Lehrjahre belanglos waren. Sicher keimte der Wunsch und Wille, sich eines Tages schriftlich dem Verstehen des Verstehens zu widmen, sogar schon während der Studienjahre.

2. Lebensanalytik und Methodologie

Zu Beginn der Weimarer Republik saß Gadamer erst in Freiburg und ab Wintersemester 1923/24 in Marburg als Student in den Lehrveranstaltungen Martin Heideggers und kam aus dem Staunen nicht heraus. Das "revolutionäre Genie des jungen Martin Heidegger" war für Gadamer ein Schlüsselerlebnis. Den Übergang von der Erkenntnistheorie zur Hermeneutik erlebte er wie „ein Erdbeben“, wie sein Biograf Jean Grondin formuliert. In einem Essay über Heidegger (1960) berichtet Gadamer selber von dem heftigen Umbruch, den sein Lehrer in den Vorlesungen dadurch vollzog, indem er "die uralte Frage nach dem Sinn von Sein neu aufrührte". Zu lernen, dass sich das Sein im menschlichen Dasein mit sich selbst in Beziehung befindet und dass sich in unseren Tätigkeiten wie dem Sorgen, dem Fragen und dem Entdecken, aber auch dem Danken und dem Trauern nicht nur wir uns ändern, sondern dass sich dabei das Sein selber zu zeigen, zu entbergen oder zu lichten beginnt, beinhaltete einen Ausbruch aus der gewohnten Sprache der Philosophie. Es war dies ein geistiges Erleben, von dem Gadamer bis ins hohe Alter zehrte. Der Gelehrte machte noch im Januar 1992 darauf aufmerksam: „Wenn Martin Heidegger über philosophische Dinge redete, sah man die Dinge vor Augen. Bei anderen konnte man nur die Augen zumachen. Da musste man reflektieren und argumentieren. Dort sah man es. Es war so, als ob die Dinge nicht auf eine Leinwand projiziert würden, sondern als ob man die Dinge von allen Seiten sieht, so dass sie sozusagen die Lebensdimension des Dreidimensionalen erhielten.“ Das Verstehen wurde von Heidegger nicht in einer zweistelligen Bild-Abbild-Relation belassen, sondern aus der dialogischen Seinsverfassung des menschlichen Daseins heraus geborgen. Bis in die Gegenwart steht die Frage nach dem Verständnis des Verstehens im Zentrum der „Grundzüge einer Hermeneutik“. Dalferth betont gleich zu Beginn seines Werkes über „Die Kunst des Verstehens“, dass sich die Hermeneutik zunächst und vor allem um die Frage dreht: "Was heißt es, verstehen zu können, was es heißt, zu verstehen?". Der Theologe unterscheidet bei der Beantwortung dieser Frage zwei Deutungen oder zwei Richtungen der hermeneutischen Philosophie: Zum einen gibt es den Versuch, das Verstehen als Grundzug des menschlichen Lebens zu identifizieren und zum anderen ist der Versuch charakteristisch, das Verstehen als eine besondere Operation menschlichen Geistes neben anderen anzusehen. Beide Versionen des hermeneutischen Philosophierens schließen sich im Verlauf ihrer Entfaltung keineswegs gegenseitig aus. Auch Gadamer lag nicht allein daran, Verstehensprozesse als verankert in Daseins- und Lebensprozessen zu entdecken, sondern auch daran, im mannigfachen Lebensgeschehen die Spezifik der Prozesse des Verstehens auszuloten.

3. Den Anderen verstehen

Ingolf Dalferth, der erste Theologe, der an der Universität Leipzig eine Leibniz-Professur inne hatte.
Ingolf Dalferth, der erste Theologe, der an der Universität Leipzig eine Leibniz-Professur inne hatte.

Den beglückenden Fluss des Verstehens erleben wir allerorten. In der Wissenschaft, in der Kunst, seltener, aber auch in der Politik. Verstehen kann gelingen, obwohl das Nichtverstehen weitaus häufiger ist. Dalferth macht gleich zu Beginn seiner Grundzüge der Hermeneutik nun aber auch wieder im Einklang mit Gadamer auf ein Paradoxon aufmerksam: Das Ziel aller Verständigung ist das Einverständnis in der Sache, aber dieses Einverständnis wird nicht immer und nicht sofort erreicht. In dem Buch über "Die Kunst des Verstehens" wird beschrieben, was uns häufig widerfährt: Ein Verstehen ist keine Selbstverständlichkeit! Aber Dalferth argumentiert weiter, dass wir den Unfall des Missverstehens nicht scheuen sollten. Immerhin werden wir erst durch das Nichtverstehen veranlasst, die dialogische Verfasstheit der Verständigung genauer zu bedenken. Der Autor zitiert auch jetzt aus dem philosophischen Klassiker „Wahrheit und Methode“, um kurz und knapp zu zeigen, dass uns ein Misslingen der Verständigung nachdenklich stimmt und folglich einen nicht unwichtigen Denkprozess in Gang setzen kann. Herangezogen wird Gadamers Einsicht: „Erst das Scheitern des Versuchs, das Gesagte als wahr gelten zu lassen, führt zu dem Bestreben, den Text als die Meinung eines anderen – psychologisch oder historisch – 'zu verstehen'." Über den Irrtum als "Unfall der Erkenntnis" sprach Gadamer auch am 5. Februar 1946 als Rektor im zerstörten Leipzig in einem Kinosaal. Er erinnerte an die antike Anekdote, dass der Philosoph Thales von Milet beim Blick in den Sternenhimmel in den Brunnen gefallen sei, aus dem ihn dann jedoch eine Magd herausgezogen haben soll. Der Leipziger Philosoph bewies einen Sinn für existentielle Erfahrungen des Scheiterns, des Verlusstes und des Misslingens. Neuanfänge im Zusammenleben sowie die Besinnung auf die Autonomie des Anderen erfolgen oft aus der quälenden Erfahrung des Nicht- oder Missverstehens heraus. An die Erfahrung des Scheiterns im Verstehens knüpft auch Dalferth die folgende Verschiebung der Perspektive in der Verstehensfrage: „Diese Fragestellung hat nicht mehr das Ziel, Einverständnis zu erzielen, sondern die Fremdheit der anderen Meinung zu verstehen.“ Zum Zusammenleben der Menschen gehört nicht nur das „Sachverstehen, das auf Einverständnis zielt“, sondern auch das „Verstehen des anderen in seiner Andersheit, das auf gemeinsamen Sinn verzichtet“. Der große Gewinn in den Nachforschungen von Gadamer (1960) und von Dalferth (2018) liegt somit darin, dass bei der Analyse des Gesprächs, das wir sind, das DU und folglich auch das ICH großgeschrieben werden. Die Autonomie der anderen Person, mit der wir um die Sache streiten, wird deshalb herausgestellt, weil das Ziel aller Verständigung und alles Verstehens letztlich das Einverständnis in der Sache ist. Nur kann Einvernehmen nicht durch Zwang oder Überrumpelung hergestellt werden, sondern allein durch ein Miteinander autonomer Personen, die sich für den freimütigen Austausch entscheiden. Noch im 100. Lebensjahr – im September 1999 - brachte sich Gadamer mit seinem Denkeinsatz mit den Worten auf den Begriff: „Wenn ich mich selber mit der Hermeneutik auf eine Formel bringen soll, dann würde ich sagen: 'Die Hermeneutik ist die Überzeugung, dass auch der andere Recht haben kann!'“

4. Gedanken entstehen im Gespräch

Gadamers Schriftzug
Gadamers Schriftzug

Über die Frage-Antwort-Struktur des Denkens und Lebens hat Gadamer ausgehend von seiner Lektüre der Dialoge Platons immer wieder nachgedacht. In Leipzig hielt er im Wintersemester 1939 als frisch berufener Professor eine Plato-Vorlesung und führte ein Seminar durch, das der Lektüre eines platonischhen Dialogs gewidmet war. Wenn Gadamer die hermeneutische Erfahrung analysiert, dann lässt er sich in "Wahrheit und Methode" von dem "Vorbild der platonischen Dialektik" leiten, indem "der hermeneutische Vorrang der Frage" gegenüber der Antwort herausgearbeitet wird. Gadamers Entdeckung des Primats der Frage gegenüber der Antwort ist unverzichtbar, wenn im Sinne von Georg Wilhelm Friedrich Hegel die Freiheit als höchste Bestimmung des Geistes begriffen werden soll. Auch Dalferth verhandelt die "Frage nach der Frage". In der Texthermeneutik gibt erst die Frage nach "dem Anlass, dem Problem, der Provokation, der Forderung, dem Ruf (Ricoeur)", den erhellenden Aufschluss darüber, worauf ein Text zu antworten versucht. Die Notizen Gadamers zur Logik von Frage und Antwort beinhalten einen Themenkreis, der nicht nur für die Deutung der Geisteswissenschaften belangvoll ist, sondern auch greift, wenn Revolutionen in den Naturwissenschaften rekonstruiert werden sollen. Einer der Kollegen im Kreis der Professoren an der Philosophischen Fakultät in Leipzig, die Gadamer sehr schätzte, war der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg. Beide Professoren waren fast gleichaltrig. Beide Akademiker hatten in jungen Jahren in ihren Fächern eine geistige Revolution erlebt. Bei Gadamer war es die Geburt der Ideen Heideggers, die ihm in dessen Vorlesung "Hermeneutik der Faktizität" (1923) und in dem Werk "Sein und Zeit" (1927) entgegentraten. Bei Heisenberg handelte es sich um die Ideen von Max Planck, Albert Einstein und Niels Bohr, die ihn 1927 bei der Deutung des Atoms zur quantentheoretischen Entdeckung der Unschärferelation herausgefordert hatten. Gadamer wie Heisenberg setzten sich unabhängig voneinander mit der Frage des Verstehens auseinander. In einem privaten Manuskript zur Philosophie, das er während der Leipziger Jahre begann, das aber erst nach seinem Tod unter dem Titel "Ordnung der Wirklichkeit" erschien, schrieb Heisenberg zur Verstehensfrage: "die Fähigkeit der Menschen, zu verstehen, ist unbegrenzt". Seine Studie zur Philosophie gab Heisenberg dem Kollegen Gadamer nun aber nicht zum Lesen, weil er sie als Privatangelegenheit empfand. Aber beide Akademiker schätzten sich und verkehrten ferner miteinander in dem Professorenkreis "Coronella". Eröffnet Heisenberg sein biographisches Buch "Der Teil und das Ganze" (1969) mit dem Satz, dass Wissenschaft von Menschen gemacht wird, steckt darin ein hermeneutisches Erbteil, indem der Mensch als ein dialogisches Wesen betrachtet wird. Doch auch Heisenberg vollzieht, um mit Dalferth zu sprechen, in seinem hermeneutischen Denken den Wechsel von der Lebensanalytik zur Methodologie und zurück. Immerhin untersetzt Heisenberg den Hinweis auf die personale und soziale Verfasstheit der Wissenschaft mit der für ihn elementaren Lebens- und Forschungserfahrung, dass "Wissenschaft im Gespräch" entsteht. Die Konvergenz zwischen Gadamer und Heisenberg in der Frage des Verstehens besteht offenbar darin, dass beide Jahrhundertforscher das je erreichte Wissen – in den Natur- und Geisteswissenschaften - nicht als fixe Gestalt aufgefasst haben, sondern einem unabschließbaren Wechsel von Frage und Antwort ausgesetzt sahen, bei dem im zuweilen heftigen Streit um die Sache immer auch der andere Recht haben kann.

5. Sich auf Bilder verstehen

Das Buch über "Die Kunst des Verstehens" legt die Wissenschaftsdisziplin der Texthermeneutik dar; jedoch formuliert in einem Zeitalter, in dem die visuelle Kommunikation ein globales Phänomen geworden ist. Heute durchwirken Bilder die Lebensprozesse und die Sinnfindung von Jung und Alt in einer Weise, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unvorstellbar war. "Die Macht des Zeigens" (Boehm) hat sich in den Bilderfluten der digitalen Informationsströme in einer Weise vervielfacht, die der Generation "Gadamer" nicht oder höchstens als Abgrund vorstellbar gewesen wäre. Umso wichtiger ist, dass Dalferth derart auf die Seins- und Verstehensfrage zugreift, dass in seiner Texthermeneutik weder das Bildverstehen unter den Tisch fällt noch die Leistung Gadamers bei seiner Erforschung. Wenn Gadamer den Satz formuliert: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache“, dann lenkt Dalferth durch den allgemein gefassten Zeichenbegriff hin zu der Einsicht: Nicht nur Bausteine eines Textes, sondern auch Farbkleckse eines Bildes oder Körperlinien einer Skulptur lassen sich als in einer Personengemeinschaft vereinbarte oder zumindest vereinbarbare Ausdrucksformen deuten, die als "Sprache" bezeichnet werden können. Texte und Bilder sind – wenngleich auf je verschiedene Weise – Erzeuger von Sinn. Das ruft eine Bildhermeneutik auf den Plan: "Bild, Bildtheorie und Bildgeschichte" steigen von einer spezialisierten kunstwissenschaftlichen zu einer "zentralen hermeneutischen, medienwissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Thematik" auf. Die Folge ist, dass die Überlegungen aufgewertet werden, die Gadamer gleich im ersten Teil von "Wahrheit und Methode" zur Bildhermeneutik vorgetragen hat. Hier wird die "Seinsvalenz des Bildes" verhandelt und die "Seinsart des Bildes" analysiert: "Das Bild ist ein Seinsvorgang – in ihm kommt Sein zur sinnvoll-sichtbaren Erscheinung." Somit bleibt zu erwähnen, dass Gadamer in Leipzig in Theodor Hetzer auch einen geistigen Partner in der Kunstgeschichte hatte. Eine Koryphäe in der Publizistik zur Bildenden Kunst. Hetzer hatte mit Heidegger in Freiburg auf einer Schulbank gesessen. Er war als Professor der Kunstgeschichte als Lesender bis hin zu den Physikstudenten beliebt und gehörte wie Heisenberg und Gadamer dem Gesprächskreis "Coronella" an. Durch sein Buch "Tizian. Geschichte seiner Farbe“ (1935) gilt er als herausragender Farbhistoriker. Seit der Studentenzeit in Marburg hatte Gadamer den geistigen Austausch mit Kunsthistorikern kultiviert, was seiner Hermeneutik in der Frage des Bildverstehens zu Gute kam. Im Jahr 1960 publizierte Gadamer einen Essay über Heideggers Abhandlung "Der Urspung des Kunstwerkes" (1936), die Hetzer gewidmet war. Im Einklang mit seinem Hauptwerk "Wahrheit und Methode" arbeitete Gadamer heraus, dass bei Werken der Bildenden Kunst das "Verbergen" und "Entbergen" als "ein Geschehen des Seins selber" erfolgt. Werke der Kunst bewirkten "Zuwachs an Sein" (Boehm). Wie Hegel legt auch Gadamer den Bildbegriff so fest, dass er sich sowohl auf die zweidimensionalen Werke der Malerei als auch auf die dreidimensionalen Skulpturen bezieht. Gadamer, der Meister der Hermeneutik, der bis 1947 in Leipzig gewirkt hatte, brachte Sein und Sprache, Bild und Skulptur, aber auch Bildverstehen und Dialog zusammen, wenn er in seinem Essay von 1960 schreibt: "Es ist eine eigene Manifestation von Wahrheit, die im Kunstwerk geschieht."

Literatur und Quellen:

Ingolf U. Dalferth: Die Kunst des Verstehens. Grundzüge einer Hermeneutik der Kommunikation durch Texte. Tübingen 2018.

Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin 2017.

Hans-Georg Gadamer: Zur Einführung. (1960). In: Martin Heidegger. Der Ursprung des Kunstwerkes. Stuttgart 2008. S. 93 – 114.

Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 6. Auflage. Tübingen 1990.

Hans-Georg Gadamer: Über die Ursprünglichkeit der Wissenschaft. (1947). In: Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik im Rückblick. Tübingen 1995. S. 287 – 294.

Jean Grondin: Hans-Georg Gadamer. Eine Biographie. Tübingen 1999.

Werner Heisenberg: Ordnung der Wirklichkeit. München/Zürich 1990.

Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. München 1991.

Werner Löser: Hermeneutik oder Kritik? Die Kontroverse zwischen Hans Georg Gadamer und Jürgen Habermas, in: Stimmen der Zeit 188, 1971, 50-59.

Unveröffentlichtes Interview: Hans-Georg Gadamer befragt von Konrad Lindner am 29./30. Januar 1992 und am 19. September 1999 in Heidelberg.

07. Februar 2018

Bildnachweis:

Bilder: Dr. Konrad Lindner

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