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Gudrun Schulz
Kennst du Bertolt Brecht?

Neugier wecken für einen Autor, der mit frechem neuen Ton die bürgerliche Gesellschaft attackierte und das Theater revolutionierte. Dies gelingt der Literaturwissenschaftlerin Gudrun Schulz in diesem Band. Brecht selbst kommt mit Briefen, Gedichten und Auszügen auas einigen seiner Werke selbst zu Wort. Dem Buch liegt eine CD mit 13 Hörbeispielen bei.

Fazit : Ein Buch für alle, die noch selbst denken können.

Mommsen: „Die Juden sind Deutsche…“

Mommsen: „Die Juden sind Deutsche…“

Friedrich Ekkehard Vollbach

„Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille.
Er ist eine schauerliche Epidemie.
Man kann ihn weder erklären noch teilen.
Man muss geduldig warten,
bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert."

Theodor Mommsen

Heinrich von Treitschke, Historiker (1834-1896).
Heinrich von Treitschke, Historiker (1834-1896).

Die völlige Emanzipation der Juden in Deutschland war per Gesetz seit 1869 gegeben. Christliche und konservative Kreise opponierten aber immer wieder dagegen. Ende der 70 er Jahre griff der „Antisemitismus" (Erfinder dieses Wortes ist 1879 der Journalist Wilhelm Marr) auch in Berlin um sich. Dabei spielte der Geschichtsprofessor, Publizist und Politiker Heinrich von Treitschke (1834 - 1896) eine höchst fatale Rolle.

Im Novemberheft 1879 veröffentlichte er nämlich in den angesehenen „Preußischen Jahrbüchern" einen Artikel mit dem Titel „Unsere Aussichten". Der Schluss dieses Beitrags hatte, wie Mommsen es formulierte, eine „Bombenwirkung". 1880 erschien dieser Artikel als Sonderdruck unter dem Titel „Ein Wort über unser Judentum", der auf erhebliche Resonanz stieß.

Treitschke ergeht sich darin in gehässigen Urteilen über die Juden. Diese gipfeln in dem Satz: „Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück." (Die letzten fünf Wörter „zieren" später die erste Seite des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer"!)

Mommsens Antwort „Auch ein Wort über das Judenthum" erscheint ein Jahr später. Er betrachtet den Artikel seines Kollegen Treitschke zugleich auch als einen Angriff auf den linken Liberalismus. Für ihn sind die Ausführungen über die Juden das „Entsetzlichste"quot; und „Scheußlichste", was je geschrieben wurde.

Aufsehen erregt auch Mommsens Akademierede am 18. März 1880, in der er äußert:

„Der Kampf des Neides und der Missgunst ist nach allen Seiten hin entbrannt. Wirft man uns doch die Fackel in unsere eigenen Kreise, und der Spalt klafft bereits in dem wissenschaftlichen Adel der Nation."1

Theodor Mommsen im hohen Alter.
Theodor Mommsen im hohen Alter.

Er macht Treitschke, ohne dessen Namen zu nennen, kenntlich als den geistigen Brandstifter des Streites, da durch dessen Aufsatz der Antisemitismus in Deutschland hoffähig wurde. Höhepunkt der Attacken auf das Judentum ist die sog. Antisemitenpetition, die von Bismarck allerdings ignoriert und dem Reichstag nicht vorgelegt wird.

1891 ist Mommsen Gründungsmitglied des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismnus" Für ihn, der mit einigen Juden befreundet ist, hat das Ferment des jüdischen Einflusses nämlich sehr positive Wirkungen auf die Nationen. Er ist der Meinung, der Antisemitismus ist eine Missgeburt des nationalen Gefühls.

Seine Empfehlung: Die Juden sollen durch die (protestantische) Taufe die volle Staatsbürgerschaft des Deutschen Reiches annehmen, denn der Eintritt in eine große Nation hat eben einen Preis. Übrigens - wie sich später herausstellt - schätzte er seine Landsleute falsch ein, wenn er meint, das Problem Antisemitismus sei mit der Taufe aus der Welt.

Im Grunde denkt Mommsen so viel anders nicht als Treitschke. Treitschke meint: Juden können Juden bleiben, müssen aber Deutsche werden. Mommsen sagt: Die Juden sind Deutsche, aber um des Deutschtums willen müssen sie Christen werden. Der Unterschied zwischen beiden: Treitschke urteilt gehässig und böse über das Judentum. Mommsen gibt sich Mühe, die Juden gerechter zu beurteilen.1

1

„Auch ein Wort über unser Judentum" Th. Mommsen und der Berliner Antisemitismusstreit. Erschienen in:

Th. Mommsen, Gelehrter, Politiker und Literat. J. Wiesehöfer (Hg). Unter Mitarbeit von H. Börm.

Stuttgart, F. Steiner, 2005, S. 137 - 164

1

nach K. Krieger, Der Berliner Antisemitismusstreit, Teil 1 u. 2, München, 2003

Folgender Artikel  zu Theodor Mommsen wird noch erscheinen:

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sind bereits erschienen.

Bildnachweis: Beide Porträts sind Wikimedia Commons entnommen, sie sind gemeinfrei.

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