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Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

Ein junger Gelehrter in Leipzig -  Gotthold Ephraim Lessing

Ein junger Gelehrter in Leipzig - Gotthold Ephraim Lessing

Dr. Jürgen Friedel

G. E. Lessing. Gemälde von Anna Rosina Lisiewska (1713-1783).
G. E. Lessing. Gemälde von Anna Rosina Lisiewska (1713-1783).

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"Er lebte in der Zeit der Zöpfe‚

und er trug selber einen Zopf.

Doch kamen seitdem viele Köpfe

und niemals wieder so ein Kopf."

So pries Erich Kästner‚ der "Enkel der Aufklärung", wie er sich selber gern nannte, sein hochverehrtes Vorbild Gotthold Ephraim L e s s i n g ‚ der ebenso wie er seinen literarischen Werdegang in Leipzig begann.

1746, am 20. 9. schrieb sich Lessing ins Matrikel der Leipziger Universität ein. Noch nicht 18 Jahre war er alt und sollte Theologie studieren.

"Ich komme nach Leipzig, an einen Ort, wo man die ganze Welt im kleinen sehen kann ... Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber niemals zu einem Menschen machen."

So schrieb Lessing zurückschauend auf seine erste Leipziger Zeit 1749 aus Berlin an seine Mutter.

Zunächst hatte er sich mit Feuereifer ins Studium gestürzt, wobei er aber bald von der Theologie wegkam. Mehr fesselten ihn die Vorlesungen zur Philosophie bei Kästner, die Interpretationen der klassischen Dichter durch Professor Christ und das Lesen griechischer und lateinischer Texte im Original.

"Ich lernte tanzen, fechten, voltigieren ... ich suchte Gesellschaft, um nun auch leben zu lernen ... Ich lernte mich selbst kennen ..."

Die Bedingungen, unter denen diese Entwicklung sich vollzog, waren alles andere als günstig. Lessing wohnte in dieser Zeit in der Alten Baderei in der Burgstraße 16 und auch, nach seiner Rückkehr aus Kamenz 1748, in der Grimmaischen Straße 15 (heute Hansahaus).

"Ein Winkel im fünften oder sechsten Stockwerke oder in einem spannenlangen Hofe über der Müllgrube wird an Studenten zu 16 Talern vermietet ... Dabei hat man noch den Vorteil, den Studenten beim Kaufe des Kaffees, Holzes und anderer Viktualien zu betrügen."

Friederike Caroline Neuber (Neuberin; 1697–1760).
Friederike Caroline Neuber (Neuberin; 1697–1760).

Nimmt man diese Schilderung von Andreas Georg Friedrich Rebmann (1760 - 1824), die er 1795 herausgab und seine Leipziger Studienzeit 1793 betreffen, wörtlich, dann verwundert es nicht, dass das liebste Ziel Lessings und seiner Freunde die Nikolaistraße 24 war. Dort war "Zotens Hof", ab 1750 "Quandts Hof", seit 1896 mit den Ritterstraßengrundstücken 25/29 als "Oelsners Hof" noch heute vorhanden und unter Denkmalsschutz stehend. In diesem Hofe spielte die Neuberin mit ihrer Truppe Theater. Christian Felix W e i ß e (1726 - 1804), späterer Kreissteuereinnehmer und Verfasser von Dramen und Operntexten (letztere für Adam Hiller, den ersten Kapellmeister im alten Gewandhaussaal), war enger Studienfreund Lessings und erinnerte sich:

"Wir aßen lieber trocken Brot - denn auch Lessing hatte nicht viel zu vertun - ehe wir es einmal versäumt hätten (das Theater, d. Verf.) ... wir sannen auf Mittel, uns ein Freibillet zu verschaffen ... übersetzten also gemeinschaftlich verschiedene französische Stücke ..."

Das Theatererlebnis beflügelte den jungen Mann, selbst Theaterstücke zu schreiben. "Der junge Gelehrte" hieß ein Lustspiel, das schon vor der Leipziger Zeit in Meißen entstanden war. Mit Blick auf das Theater der Neuberin arbeitete er es um, und zum Jahresende 1747 erlebte er einen vollen Erfolg der Aufführung durch die Neubersche Truppe in "Quandts Hof". 1749 spielte die Neuberin nach viel Streit mit Quandt, der in seinem Neubau lieber die Kochsche Truppe spielen lassen wollte, im "Großen Blumenberg" am Richard-Wagner-Platz (damals die Färberböden). Sein erster Erfolg trieb Lessing zur Weiterarbeit als Dramatiker.

 Porträt Ewald Christian von Kleist. Gemälde von Gottfried Hempel, wohl 1751.
Porträt Ewald Christian von Kleist. Gemälde von Gottfried Hempel, wohl 1751.

Im Dezember 1747 wurde Lessing vom Vater unter einem Vorwand nach Hause gerufen. Die Eltern waren besorgt über den Lebenswandel des Sohnes in K1ein-Paris. Nach einem Vierteljahr war er wieder in Leipzig und versuchte, sich der Medizin zuzuwenden. Aber bald holten ihn das alte Studentenleben und die Schulden, die er für Schauspieler gemacht hatte, ein.

So verließ er Leipzig zum zweiten Mal im Juni 1748:

"Ich sah allzu deutlich, wenn ich in Leipzig bleibe, so werde ich nimmermehr mit dem, was mir bestimmt ist, auskommen können."

Über Wittenberg wandte er sich nach Berlin, wo er versuchte, sich mit Schreiben den Lebensunterhalt zu verdienen.

1755 lernte er den Leipziger Kaufmann Winkler kennen, der eine dreijährige Bildungsreise durch Europa plante. Gern verpflichtete dieser den sprach- und antikekundigen Lessing als Reisebegleiter. Lessing seinerseits erhoffte sich selbst in England, Frankreich und Italien notwendigen Bildungsgewinn. Er übersiedelte wieder nach Leipzig und bezog Quartier in Winklers Haus, der "Großen Feuerkugel" am Neumarkt 3/5, wo 10 Jahre später Goethe für drei Jahre einziehen sollte. (Heute Galeria Kaufhof.) Der Winter 1755/56 verging mit Reisevorbereitungen. Am 10. Mai war Reisebeginn. Aber schon in Amsterdam war Schluß. Der Siebenjährige Krieg war ausgebrochen. Winkler eilte besorgt nach Leipzig, wo beide im September eintrafen.

In den folgenden Wochen und Monaten lernte Lessing unter anderen den preußischen Major Ewald von Kleist kennen, der zwar 14 Jahre älter war, sich aber literarisch sehr interessiert zeigte. Ein sehr reger Briefwechsel wurde mit dem Dichter Johann Wilhelm G 1 e i m (1719 -1803) in Halberstadt und dem Buchhändler N i c o l a i in Berlin geführt.

Lessing und Lavater zu Gast bei Moses Mendelssohn. Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim 1856.
Lessing und Lavater zu Gast bei Moses Mendelssohn. Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim 1856.

Engster gedanklicher Vertrauter in dieser Zeit war der gleichaltrige Moses M e n d e l s s o h n (1729 -1786) in Berlin, mit dem Lessing in Briefen alle Schaffensfragen der Komödie, Tragödie und der Fabeln diskutierte. Beide veröffentlichten in Nicolais "Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freien Künste". Die zutiefst humanistischen Züge des Freundes gingen später in die Gestalt des Nathan ein. Mit Rezensionen und Übersetzungen (griechisch, lateinisch‚ französisch, englisch) verdiente sich Lessing Geld, denn mit dem Kaufmann Winkler hatte er sich überworfen‚ da dieser ihm zugesagtes Geld nicht zahlte. Erst über einen Prozeß (bis 31.10.1764) kam er zu einer Reiseentschädigung von 600 Talern. In dieser produktiven Zeit wurden auch die ersten Fabeln fertig, das "fortlaufende Kleingewehrfeuer"‚ wie Franz Mehring sie bezeichnete.

Lessing erlebte, wie Christian Fürchtegott G e l l e r t (1715 - 1769) den Krieg verwünschte‚ und forderte von seinen Briefpartnern Spott gegen Johann Christoph G o t t s c h e d (1700 - 1766), der sich seiner Unterredungen mit dem kriegerischen Preußenkönig (23.11.1756 und 15.10.1757) prahlerisch rühmte.

"Was für ein unseliges Ding ist doch der Krieg! Machen Sie, daß bald Frieden wird, oder nennen Sie mir einen Ort, wo ich die Klagen der Unglücklichen nicht mehr höre", schrieb er am 22.10.1757 an Moses Mendelssohn nach Berlin.

1758, am 4. Mai verließ Lessing in Begleitung des Buchhändlers Voß unsere Stadt, um wieder in Berlin zu leben. Noch zweimal, 1766 von Berlin und 1768 von Hamburg aus, war Lessing in Leipzig. Den großen Erfolg, den sein Lustspiel "Minna von Barnhelm" in unserer Stadt hatte, erfuhr er so hier.

Lessings Leben blieb in der Arbeit und im Privaten ein unaufhörlicher Kampf bis an sein viel zu frühes Ende 1781. Trotzdem bekannte er sich dazu wie in dem kleinen "Lied aus dem Spanischen":

Gestern liebt‘ ich,

Heute leid' ich,

Morgen sterb ich„

Dennoch denk' ich

Heute und morgen

gern an gestern.

Ein Studienkollege Lessings (später Rektor der Thomasschule) erinnerte sich:

"Wie ich von Koburg hierher auf die Universität kam, da zog ich mit Einem zusamen‚ der schon ein Jahr da war: guter Leute Kind -- ein Predigersohn aus der Lausitz. Wir wohnten in der Burgstraße; drüben in der alten Baderei.

Was hatte Gott dem Menschen für Gaben gegeben! Was konnte der für Griechisch und Latein! Wir brauchten den Ernesti der damals berühmt war, scilicet (wohlverstanden)! - den brauchten wir Beide nicht ... Was hätte aus dem (Lessing, d. Verf„) werden können! Aber er hatte auch so einen Hang! Er hatte schon vorher viel Deutsch gelesen; nun gewöhnte er sich auch Deutsch zu schreiben und machte deutsche Verse. Nun ging's immer weiter und war kein Halten mehr ...Er fing sogar an, Komödien zu schreiben ... der Kerl hieß - Lessing!"

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