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Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

Lessings Leipziger Studentenleben zwischen  Hörsaal und Bühne

Lessings Leipziger Studentenleben zwischen Hörsaal und Bühne

Jürgen Krätzer

„Ich legte die ernsthaften Bücher eine Zelt lang auf die Seite . . .“

Leipziger Marktplatz 1804.
Leipziger Marktplatz 1804.

Leipzig war zu jener Zeit d i e Stadt Deutschlands; es war nicht nur die bedeutendste Handelsmetropole Deutschlands (in keiner anderen Stadt konnte man so viele Menschen aus aller Herren Länder sehen - und dies zu einer Zeit, in der die Journale die einzige Informationsquelle waren), es war auch die Stadt der Bücher, der Zeitschriften und des Theaters; die Bühne der Neuberin schrieb Theatergeschichte.

Lessing schreibt über seine Ankunft in der Stadt einen wunderbaren Brief an die Mutter:

Ich komme jung von Schulen, in der gewissen Überzeugung, dass mein ganzes Glück in den Büchern bestehe. lch komme nach Leipzig, an einen Ort, wo man die ganze Welt in kleinen sehen kann. Ich lebte die ersten Monate so eingezogen, als ich in Meißen nicht gelebt hatte. Stets bei den Büchern, nur mit mir selbst beschäftigt, dachte ich eben so selten an die übrigen Menschen, als vielleicht an Gott. Dieses Geständnis kommt mir etwas sauer an, und mein einziger Trost dabei ist, dass mich nichts Schlimmeres als der Fleiß so närrisch machte. Doch es dauerte nicht lange, so gingen mir die Augen auf: Soll ich sagen, zu meinem Glücke, oder zu meinem Unglücke? Die künftige Zeit wird es entscheiden. Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmer mehr zu einem Menschen machen. Ich wagte mich von meiner Stube unter meines gleichen. Guter Gott! was vor eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und andern gewahr. Eine bäuerische Schüchternheit, ein verwilderter und ungebauter Körper, eine gänzliche Unwissenheit in Sitten und Umgange, verhasste Mienen, aus welchen jedermann seine Verachtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigenschaften, die mir, bei meiner eignen Beurteilung übrig blieben. ich empfand eine Scham, die ich niemals empfunden hatte. Und die Wirkung derselben war der feste Entschluss, mich hierin zu bessern‚ es koste was es wolle. Sie wissen selbst wie ich es anfing. Ich lernte tanzen, fechten, voltigieren [die Reitkünste] [...] und ich suchte Gesellschaft, um nun auch leben zu lernen.

Friederike C. Neuber (1697-1760) "Die Neuberin". *
Friederike C. Neuber (1697-1760) "Die Neuberin". *

Doch nicht nur der Wechsel aus der Provinz in die Metropole eröffnete dem Siebzehnjährigen neue Räume, vor allem war es wohl der Wegfall autoritärer Unterordnung und einer ständigen Kontrolle des Tagesablaufs. Zwei Freundschaften halfen ihm, „leben zu lernen": zu Christian Felix Weiße, welcher um drei, und zu Christlob Mylius, der um sechs Jahre älter war. Weiße war ein Kommilitone Lessings, Mylius ein Verwandter (Mylius' Vater war in erster Ehe mit der Schwester von Lessings Vater verheiratet). Wer von beiden Lessing in die Leipziger Theaterwelt einführte, weiß man nicht, überliefert ist, dass sie „lieber trocknes Brot aßen," als eine Aufführung zu versäumen und, um sich ein Freiticket zu verschaffen, Theaterstücke übersetzten.

Doch nicht nur jenen Verlockungen war es geschuldet, dass für Lessing nun eher eine Zeit des Studentseins als des Studierens begann; wie schon in St. Afra so waren es auch in Leipzig nur wenige Lehrer, die ihn überzeugen konnten. Sein Bruder Karl berichtet:

Herr Weiße und Lessing hörten anfänglich mit einander einerlei Collegia [die gleichen Vorlesungen]. Es währte aber nicht lange, so lief Lessing aus einem ins andere. Kein Lehrer tat ihm Genüge: all schienen ihm seicht, und gaben seinem Leichtsinn oft Gelegenheit zum Spotte; den einzigen Ernesti ausgenommen, den er dann und wann über die Römischen Altertümer, über die Griechischen Klassiker, und über die Universalgeschichte, doch sparsam genug, hörte. Oft schwatzte er seinen Freund Weiße noch vor Ernestis Tür weg, und auf die Promenade. 

Christian Felix Weiße (1726-1804). *
Christian Felix Weiße (1726-1804). *

Auf der „Promenade" traf man sich, es ging um sehen und gesehen werden, um kennenlernen, wohl auch ums Flirten - heute würden sie vermutlich „raus gehen" oder „cruisen". Prägender als Weiße war Christlob Mylius. Als Lessing nach Leipzig kam, war jener bereits ein erfahrener Zeitschriften- und Theaterautor; möglicherweise kannte ihn Lessing auch bereits als einen solchen. Bemerkenswert ist, dass sich Lessing überhaupt traute, in eine solche Beziehung zu treten, löste jener doch wenige Jahre zuvor in Kamenz einen handfesten Skandal aus: Das Theater galt als Ort der Sünde - und der Kamenzer Schuldirektor Heinitz hatte es gewagt, in der Schule Theateraufführungen zu zeigen. Er musste daraufhin die Stadt verlassen, voll Wut über die engstirnigen Bürger verfasste Mylius eine Schmähschrift, in der er auch an Lessings Vater kein gutes Haar lässt. Mylius wurde wegen dieses Gedichts „gefänglich eingezogen", Lessings Vater wird jene Schmähung nie vergessen; über Jahre hinweg muss sich Lessing immer wieder seines Freundes wegen rechtfertigen. Zudem besaß der „Naturforscher" Mylius (er gab u. a. eine gleichnamige Zeitschrift heraus) die Stirn, Wunder der Bibel natürlich zu erklären und auch den unmittelbar göttlichen Ursprung ihres Wortlautes anzuzweifeln.

ln Mylius‘ Zeitschriften, die zeitgemäß eine Mischung aus allen Gebieten bot, debütierte Lessing als Dichter: Wein, Weib und Gesang sind die Themen, der Rest ist Spott ...

Lob der Faulheit

Faulheit, jetzt will ich dir

Auch ein kleines Loblied bringen. -

O - - wie - - sau - - er - - wird es mir, - -

Dich - - nach Würden - - zu besingen!

Doch, ich will mein Bestes tun,

Nach der Arbeit ist gut ruhn.

 

Höchstes Gut! wer dich nur hat,

Dessen ungestörtes Leben - -

Ach! - - ich - - gähn´ - - ich - - werde matt - -

Nun - - so - - magst du - - mir‘s vergeben,

Dass ich dich nicht singen kann;

Du verhinderst mich ja dran.

* Friederike Caroline Neuber war Schauspieldirektrice und Theaterreformatorin.

* Christian Felix Weiße wurde später ein gut situierter Kreissteuereinnehmer und zu seiner Zeit ein viel gelesener und gespielter Autor.

Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch von Jürgen Krätzer Kennst du Gotthold Ephraim Lessing? S. 16 bis 19.

Bildnachweis

Gotthold Ephraim Lessing nach einem Gemälde von C. Jäger, gemeinfrei

Leipziger Marktplatz 1804, Kupferstich 16,5 x 20,5cm (Plattenrand) von Benjamin Schwarz 1804, gemeinfrei

Friederike Caroline Neuber (Neuer Theater-Almanach, 1898), gemeinfrei

Christian Felix Weisse, Gemälde von Anton Graff, ca. 1769, Gleimhaus Halberstadt, gemeinfrei

Postkarte  Lob der Faulheit erstellt von Friederike Günther 

 

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