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Winckelmann im Kreise der Gelehrten

Klaus-Werner Haupt

Das Gemälde "Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek" von Theobald Reinhold Anton Freiherr von Oer steht im Mittelpunkt dieser Abhandlung über Winckelmann. Es dient dem Autor als Vorlage für eine kurze szenische Darstellung, in der die Geisteshaltungen und die Kontroversen der zwölf Gelehrten sichtbar werden.
Insgesamt besteht das Heft aus drei Teilen. Einem Kurzabiss zum Maler von Ohr, dessen Bild im Mittelpunkt steht, dann der szenischen Abhandlung, die das Bild zum Leben erweckt. Anschließend wird in einem wissenschaftlichen Abriss Winckelmann als Wegbereiter der Weimarer Klassik abgehandelt.

Eine unruhige Studienzeit Theodor Körners in Leipzig

Eine unruhige Studienzeit Theodor Körners in Leipzig

Hans-Joachim Böttcher

Theodor Körner als Student (Kreidezeichnung von Gerhard v. Kügelgen)(1)
Theodor Körner als Student (Kreidezeichnung von Gerhard v. Kügelgen)(1)

Es war Anfang August des Jahres 1810, als der junge Dichter Theodor Körner in Leipzig eintraf. Seit 1808 hatte er in der Freiberger Bergakademie studiert und wollte nun auch die altehrwürdige Alma Mater Lipsiensis zumindest für ein Semester kennenlernen. Schließlich hatten hier ehemals sein Großvater sowie sein Urgroßvater als angesehene Professoren gewirkt. Danach sollte der junge Mann sein Studium in Berlin weiterführen.

Eine Wohnung fand Körner außerhalb der Stadt, in Reichelts Garten. Obwohl es kurz vor Ende des Sommersemesters war, besuchte er eifrig noch einige Vorlesungen bei Philosophen sowie Historikern. Um seine Mängel, als Obersachse, in der Aussprache und dementsprechend auch der Rechtschreibung zu beseitigen, besuchte er zudem den Unterricht eines Dr. Appel, wovon er sich ein besseres Hochdeutsch versprach.

In der Pleißestadt lebten mehrere Verwandte der Familie Körner, aber auch alte Freunde, wo der junge Student ein gern gesehener Gast war. Entsprechend seiner lebenslustigen Art suchte er jedoch auch schnell Anschluss am allgemeinen studentischen Leben, also deren gesellige Vergnügungen zu finden. Da das nur in einer landsmannschaftlichen Verbindung möglich war, trat er dem 1807 gegründeten „Corps Thuringia“ bei, das offenbar seinen Ansprüchen in dieser Hinsicht entsprach. Zur Befriedigung seiner schöngeistigen Ambitionen gründete er fast gleichzeitig einen Dichterklub, beteiligte sich an einer ästhetischen Gesellschaft und wurde Mitglied der literarisch-geselligen Vereinigung „Makaria“, die ebenfalls nichts mit dem studentischen Leben gemein hatte. Als Verfasser der gerade im August erschienenen Gedichtsammlung „Knospen“ nahm man ihn in den literarisch interessierten Kreisen natürlich sehr gern auf.

Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Löbichau als Gast seiner Patin, der Herzogin Dorothea von Kurland, kehrte Körner am 5. Oktober nach Leipzig zurück. Als erstes zog er nun direkt in die Stadt um, in eine kleine Wohnung am Brühl, im Gerlachschen Haus, vier Treppen hoch. Am 8. Okt. war es dann soweit, dass er förmlich als Student aufgenommen wurde als „Kameralist“ in der philosophischen Fakultät. In dieser Richtung führte Körner allerdings sein bisheriges Studium nicht weiter, da er seine Zukunft nun als Dichter sah. Wie schon in den Wochen zuvor, waren es die Historiker und Philosophen deren Vorlesungen er sich anhörte. Bald verlor er aber auch daran das Interesse, genauso wie an den Makaristen, deren Philisterhaftigkeit ihn nun abstieß, so wie an den sogenannten ästhetischen Kreisen Leipzigs überhaupt.

Wappen der Thuringia Leipzig (neuere Ausführung) (2)
Wappen der Thuringia Leipzig (neuere Ausführung) (2)

In seinem jugendlichen Drang widmete er sich dagegen mit großem Eifer der studentischen Bewegung im Corps Thuringia. Wie überall in Deutschland entwickelte sich auch in Sachsen, bedingt durch die Enttäuschung, welche die Napoleonische Tyrannei immer mehr hervorrief, der Drang zur Veränderung der Lebens- und damit der Staatsverhältnisse. Im Rahmen dieser deutsch-nationalen Bewegung hatte man in den Verbindungen - in Leipzig waren das die Landsmannschaften Lusatia und Thuringia - versucht ein neues zeitgemäßes Komment (Gesamtheit der Lebensregeln und Umgangsformen in Studentenverbindungen) durchzusetzen. Bei der in Leipzig ebenfalls agierenden sogenannten adeligen Fechtgesellschaft, deren Mitglieder sich in vornehmer Distanz zum gewöhnlichen, bürgerlichen Studentenleben hielten, hatten die Forderungen der Landsmannschaften dagegen keinerlei Anklang gefunden. Da Vermittlungsversuche scheiterten, gewannen bald radikalere, adelsfeindliche Kräfte unter den Studenten die Oberhand. Der mit einem sehr lebhaften, leidenschaftlichen Wesen ausgestattete Körner hatte sich mit seiner Aufnahme bei der Thuringia diese Angelegenheit sofort zu seiner eigenen gemacht. Und das besonders, als man ihn, wohl auf Grund seines gesellschaftlichen sicheren Auftretens und seiner poetisch-geistigen Fähigkeiten schon zu Beginn des Wintersemesters 1810/11 zum Senior der Thuringia wählte. Die Spannungen zwischen den Mitgliedern der Landsmannschaften und der Fechtgesellschaft stiegen so stetig an. Bald überschütteten sie sich, wenn sie aufeinander trafen, gegenseitig zunehmend mit immer schlimmeren ehrenrührigen Beleidigungen. Dabei blieb es jedoch nicht, sondern in der Folge sollten die Beziehungen immer mehr ausarten. So kam es, dass bei Zusammentreffen der Konfliktgruppen, und die gab es im alten, kleinen Leipzig stetig, zwischen ihnen immer mehr Rempeleien und dann sogar Massenschlägereien stattfanden. Ob sich daran auch gelegentlich Körner beteiligte, ist unbekannt.

Verwickelt war er jedenfalls in vielerlei übliche Ehrenhändel, die letztlich bei Mensuren mit der Klinge ausgetragen wurden. Und die wusste er sehr gut zu führen. Körner war voller glühender Begeisterung für die studentischen Ideale: Ehre und Freiheit, Treue und Mut sowie Kraft und Recht. So verfasste er darüber wie über das lustige Studentenleben auch mehrere Gedichte, wie „Bundeslied der Thuringia“ und „Burschenweihe“ sowie die Trinklieder „Kommt, Brüder, trinket froh mit mir“ und „Gläser klingen, Nektar glüht“.

Die Silhouette Körners in der Studentenzeit (3)
Die Silhouette Körners in der Studentenzeit (3)

Auf die warnenden Worte seines Vaters, sich nicht durch die Landsmannschaft in fatale Verhältnisse verwickeln zu lassen und lieber Leipzig zu verlassen und sein Studium in Berlin fortzusetzen, hörte der junge Student nicht. So kam es, dass er am 5. Dezember an einen Freund schrieb: „Hier in meiner Burschenwelt so ungeheure Revolution entstanden, wo ich gewöhnlich mitten drin war, dass ich erst heute seit langer Zeit zu einer ruhigen Stunde gekommen bin.“ Da ihm immer mehr Duellhändel drohten, kam es dazu, dass er sich schließlich kurz vor Weihnachten „schleunigst auf die Socken (nach Dresden) machte, um dem Karzer zu entgehen“, oder sogar dem Verweis von der Universität.

Körner blieb mehrere Wochen in seinem Elternhaus in Dresden. Naiver Weise glaubend, dass die gegen ihn eingereichte Anzeige der Adligen beim Universitätsgericht, die allerdings erst am 8. Januar 1811 einging, keinerlei Folgen haben würde, veranlasste ihn gegen Ende jenes Monats nach Leipzig zurück zu kehren. Schon am 26. wurde er jedoch zum Verhör vorgeladen. Dabei ging es hauptsächlich um die Frage, ob es stimmte, so wie man ihn beschuldigt hatte, dass er im Zimmer eines Herrn von Blücher erschienen sei und ihm den Vorschlag gemacht habe, dass einige aus der Fechtgesellschaft austreten sollten, um dann die Sache mit ihnen, den Landsmannschaften auszumachen. Dieses „ausmachen“ legte man als Herausforderung zum Duellieren aus. Vier Tage nach dem Verhör erfolgte gegen Körner und weitere fünf angezeigte Mitstudenten erst einmal das Verhängen des eigentlich harmlosen „Stadtarrestes“. Ziel des Universitätsgerichtes war wohl, damit Duelle außerhalb Leipzigs zu verhindern. Wer sich über das Weichbild der Stadt begeben würde, sollte allerdings sodann von der Universität verwiesen werden.

Die Landsmannschafter waren maßlos empört und wie sie verlor auch der an und für sich schon heißblütige Körner nun den letzten Rest von Besonnenheit. Mit allen Mitteln wollte man jetzt den Mitgliedern der „elenden“ Adelspartei den Aufenthalt an der Leipziger wie auch an anderen Universitäten verleiden. So verfasste Körner nicht nur eine Verrufserklärung für die „Schwefelbande“, die nach Jena geschickt wurde, sondern er reiste im Februar auch selbst nach Wittenberg, um dort für einen Verruf der Adelspartei Stimmung zu machen. Damit verletzte er allerdings den „Stadtarrest“.

Nicht von seinem Sohn, sondern dem darüber informierten Kirchenrat in Dresden musste Theodor Körners Vater vorab erfahren, dass sein Sohn am 11. März 1811 „wegen erheblichen Verdachts der Aufforderung zu einem Duell“ mit acht Tagen Karzerstrafe belegt wurde. Damit kam er jedoch noch glimpflich davon, da man vier weitere mitangeklagte Studenten von der Universität verwies. Der verständnisvolle Körner Senior riet seinem Sohn, sich der leidlichen Strafe zu unterwerfen und danach sofort den geplanten Universitätswechsel nach Berlin vorzunehmen. Und er appellierte an ihn sich jeglicher Racheaktionen gegen die Adelspartei zu enthalten.

Körners Beschreibung des Systems der Hiebe beim studentischen Fechten (4)
Körners Beschreibung des Systems der Hiebe beim studentischen Fechten (4)

Durch sein leidenschaftliches Wesen in vielerlei Konflikte verwickelt, dachte der junge Theodor allerdings überhaupt nicht daran sich in dieser Hinsicht nun etwas zurückzuhalten. So focht er Mitte März eine Mensur aus, bei der beide Kontrahenten auf Grund ihrer Unvorsichtigkeit leicht verletzt wurden; er mit einem derben Schmiss über dem Auge. Da bei ihm noch dazu eine Wundinfektion auftrat, was damals auf Grund verschmutzter Klingen die Regel war, stellten sich kalte Fieberschauer ein. Als am 18. März der Pedell, also Hochschuldiener, bei Körner erschien, um ihn für den 19. zur Urteilsverkündung vorzuladen, lag er darum krank im Bett. Wegen seines verbundenen Kopfes vom Pedell befragt, erklärte er, auf der Treppe gestürzt zu sein und sich verletzt zu haben. Als er am 19. nochmals aufgesucht und vorgeladen wurde, erklärte er zu schwach zu sein, um vor dem Universitätsgericht zu erscheinen. Da dieses den wahren Sachverhalt der Krankheit nicht kannte, unternahm es erst einmal nichts gegen Körner. Am Morgen des 21. ging jedoch eine Anzeige beim Rektor ein, in welcher erwähnt wurde, dass ein Duell stattfand, was der vermutliche Hintergrund der Krankheit Körners sei. Sofort beauftragte man zwei Universitätsärzte mit seiner Untersuchung. Als diese am Nachmittag im Gerlachschen Haus erschienen, war der Verletzte allerdings nicht anwesend. Denn schon am Morgen war er aufgestanden, um mit seiner Landsmannschaft zwei relegierten Brüdern ein feierliches Geleit aus der Stadt zu geben. Auf dem Rückweg bekam Körner die Kunde davon, dass er von der Universität gesucht wird. Trotzdem ging er in die Stadt zurück und verbarg sich erst einmal bei einem Kommilitonen. Am Abend begab er sich verkleidet in ein Gewandhauskonzert, wo eine sehr große Gefahr bestand, erkannt zu werden. Das nahm er jedoch wagemutig, wie er war, auf sich, da er noch einmal vor seiner bevorstehenden Flucht eine dort auftretende, von ihm heiß verehrte Sängerin sehen wollte, der er mehrere Lieder gewidmet hatte.

Die Leipziger Universitätskirche St. Pauli mit den daran anschließenden Universitätsbauten (von der Stadtaußenseite), so wie sie auch Körner kennenlernte(5)
Die Leipziger Universitätskirche St. Pauli mit den daran anschließenden Universitätsbauten (von der Stadtaußenseite), so wie sie auch Körner kennenlernte(5)

Den folgenden Tag verbrachte Theodor Körner versteckt zu, während die Thuringia-Bundesbrüder seine Flucht vorbereiteten. Am frühen Morgen des 23. März 1811 verließ er, begleitet von einigen seiner Freunde sowie „den treuen Schläger und die Laute“ im Arm, Leipzig. Ein Wagen führte ihn eilig durch die Dübener Heide nach Wittenberg und weiter nach Berlin, wo er am Abend des 25. eintraf. Zwei Tage später ließ er sich hier in die Liste der philosophischen Fakultät an der Universität eintragen, um sein Studium fortzusetzen.

Körners Vater war natürlich wenig erfreut, wie die „Studienzeit“ seines geliebten Sohnes in Leipzig endete. Zum ersten Mal schrieb er ihm deshalb einen vorwurfsvollen Brief wegen seines unbesonnenen Verhaltens, in dem er allerdings auch anerkannte, dass die Flucht richtig war. Denn wegen der Verletzung des Stadtarrestes, dem Duell und der Verwundung des Gegners hätte er eine harte Strafe zu befürchten gehabt. So sollte wenig später wegen viel geringerer Vergehen Körners Freund Gauch, der Subsenior der Thuringia, nach einer halbjährigen Untersuchungshaft zu acht Jahren Gefängnis verurteilt werden, die nur durch einen königlichen Gnadenakt auf ein Jahr verringert wurden. Zumindest in der Hinsicht hatte der junge Heißsporn also einmal richtig gehandelt.

Mit seiner Flucht waren all seine strafbaren Handlungen in Leipzig allerdings nicht einfach vergessen. Durch eine öffentliche Vorladung, also in Nachrichtenblättern, leitete man gegen ihn das gerichtliche Verfahren ein. Sofort wandte sich Körner Senior von Dresden aus an mehrere ihm gut bekannte Leipziger Universitätspersönlichkeiten und Institutionen und setzte sich für seinen Sohn ein. Natürlich brach man deswegen dort das Verfahren nicht einfach ab, sondern lud den Flüchtigen noch zweimal öffentlich unter der Androhung des Universitätsrelegation vor. Da er wieder nicht erschien, wurde am 19. Juni der Verweis von der Alma Mater Lipsiensis ausgesprochen. Und der galt nicht nur für Leipzig, sondern auch für mehrere andere bedeutende Universitäten in Deutschland, zwischen denen für solch einen Fall vertragliche Vereinbarungen bestanden; und dazu gehörte auch Berlin. Die Folge war, dass man Theodor Körner durch Beschluss des akademischen Senats der Universität Berlin vom 14. August 1811 auch dort vom Studium ausschloss.

Damit wurde für den jungen Heißsporn eine neue Phase seines nur noch zwei Jahre währenden Lebens eingeleitet, die ihn allerdings auf Grund seines frühen heldenhaften Todes als „Sänger und Held“ zu einer patriotischen Identifikationsfigur und damit unsterblich werden ließ.

Bildnachweis:

Kopfbild, Abb. 2 und 4: Wikipedia, gemeinfrei

Abb, 1, 3 und 5: Archiv Hans-Joachim Böttcher