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Das Thaer-Denkmal

Das Thaer-Denkmal

Doz. Dr. agr. habil. Eberhard Schulze

Die Bronze-Statue befindet sich wieder auf einem dem ursprünglichen nachgebildeten hohen Sockel.
Die Bronze-Statue befindet sich wieder auf einem dem ursprünglichen nachgebildeten hohen Sockel.

Seit Juni 2011 steht das Denkmal für Albrecht Daniel Thaer, Begründer der modernen Agrarwissenschaften in Deutschland und einer der bedeutendsten Wissenschaftler im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, wieder an dem Platz, wo es sich von 1859 bis 1947 befand: an der Lenné-Anlage vor der 1. Bürgerschule, die auf den Fundamenten der Moritzbastei erbaut worden war. 1947 musste es dort einer Enttrümmerungstrasse weichen und wurde im Lichthof der Universität abgestellt. 1954 kam es auf das agra-Gelände, dem Ort der Landwirtschaftsausstellung der DDR, um die Einheit von Wissenschaft und Praxis zu demonstrieren. Aber bereits 1957 waren führende SED-Funktionäre der Meinung, dass Thaer als Begründer der bürgerlichen Agrarwissenschaft nicht als Vorbild für die sozialistische tauge. Das Denkmal sollte deshalb, wie man hörte, entsorgt werden, auf welche Weise, blieb unbekannt. Wissenschaftliche Assistenten unter Leitung des späteren Professors Erdmann Röhlig verbrachten es deshalb illegal in einer Art von Nacht- und Nebelaktion mit Traktor, Wagen und Kran mit stillschweigender Billigung der leitenden Professoren der Landwirtschaftlichen Fakultät zu dieser. 1963 durfte das Denkmal dort vor dem Eingang zum neuen großen Hörsaal in der verlängerten Liebig-Straße wieder aufgestellt werden, allerdings aus dem bereits genannten Grund nicht vor dem Hauptgebäude Johannisallee 21 - 23. Es stand auf einem niedrigen Sockel aus Sandstein, der mit der Höhe des Hörsaalgebäudes korrespondierte, wie aus dem Bild zu erkennen ist.

Der Sockel trägt diese Aufschrift.
A. D. Thaer
A. D. Thaer

Die Stifter würdigten Thaer, der von 1752 bis 1828 lebte, mit einer in den Grundstein eingebrachten Urkunde, die leider inzwischen verloren gegangen ist, deren Text aber erhalten blieb:

Albrecht Daniel Thaer ... Doktor der Heilkunde, königl. preußischer Staatsrat im Ministerium des Innern, Stifter der landwirtschaftlichen Anstalt zu Celle, Begründer und Leiter der Akademie des Landbaus zu Möglin, Ritter mehrerer Orden, Verfasser zahlreicher, höchst bedeutungsvoller Schriften und Abhandlungen über Heilkunde, Naturwissenschaften und Landwirtschaft, dem Begründer der Landwirtschaftslehre, Förderer der Wechselwirtschaft, des Kartoffelbaus, der Schafzucht, dem tapferen siegreichen Vorkämpfer für die Freiheit des landwirtschaftlichen Gewerbelebens, dem Ausstreuer fruchtbaren Samens zur mannigfaltigen Verbreitung von Wohlstand und Bildung, dem tiefen und scharfen Denker, dem kühnen und großartigen Schöpfer, dem ruhmgekrönten Vollbringer, dem anerkannten Meister deutscher Schreibart, dem unendlich Verdienten, Deutschlands hoher Zier, Deutschlands gerechtem Stolze, ihm dem Großen, setzt im Geiste deutscher Einheit zu Leipzig, im Mittelpunkte Deutschlands, an der Geburtsstätte der Jahresversammlung dieses eherne Denkmal die Wandergesellschaft deutscher Land- und Forstwirthe."

(Vergl.: Albrecht Daniel Thaer - Begründer der Landwirtschaftslehre in Deutschland in http://www.sachsen-lese.de/redaxo/index.php?page=content&article_id=423&category_id=422&mode=edit&clang=0.)

Warum befindet sich das erste zu Ehren Thaers errichtete bedeutende Denkmal aber gerade in Leipzig?

Thaer hat auf fast allen Gebieten der Landwirtschaft Hervorragendes geleistet. Nach 1811 stieg er auch zum berühmtesten Schafzüchter auf. 1765 hatte Sachsen spanische Merinoschafe importiert, diese sowohl rein erhalten als auch in die sächsischen Schafe eingekreuzt. Die sächsische Schafzucht übertraf die spanische, entwickelte sich zur besten der Welt und erzielte die höchsten Wollpreise. Auf sächsischen Zuchten aufbauend erreichte Thaer mit der Einkreuzung eines französischen Schafbocks aber eine noch wertvollere Qualität.

Der Aufstieg der Schafzucht, des Wollhandels und des Tuchmachergewerbes erforderte, dass sich Schafzüchter, Wollhändler und Tuchmacher über die Zuchtziele und eine gemeinsame Fachsprache einigten. 

Hotel de Prusse am Roßplatz um 1882
Hotel de Prusse am Roßplatz um 1882
Es bot sich an, Leipzig als Stapelplatz der Wolle und als annähernd geografischen Mittelpunkt des Deutschen Bundes für den sogenannten Wollkonvent zu wählen, der dann auch 1823 im Hotel de Prusse am Roßplatz stattfand. Der Wollkonvent regte führende deutsche Landwirte dazu an, darüber nachzudenken, jährlich eine Versammlung der Landwirte durchzuführen, um die neuesten Erkenntnisse auszutauschen. Sächsische Landwirte stellten sich dabei mit an die Spitze und so kam es, dass die erste Versammlung 1837 in Dresden stattfand. Im Jahre 1840 wurde die Versammlung in Brünn, damals zu Österreich gehörend, ausgerichtet und ins Gespräch gebracht, Thaer in Leipzig, dem Ort des Wollkonvents und der Völkerschlacht, ein Denkmal zu widmen. Es gab zwar Einsprüche, vor allem aus Preußen, aber die Leipziger Ökonomische Societät unter ihrem Direktor, dem Landwirt und Unternehmer Wilhelm Crusius (1790 - 1858), stellte schnell erste Mittel dafür bereit.
 Ernst Rietschel. Grafik von Adolf Neumann.
Ernst Rietschel. Grafik von Adolf Neumann.
Die Versammlung beauftragte zunächst den bekannten Berliner Bildhauer Christian Daniel Rauch (1777 - 1857) mit dem Entwurf des Denkmals. Dieser verzichtete und so erhielt nach einem Wettbewerb auf der Grundlage der vorgelegten Entwürfe sein Schüler Ernst Rietschel (1804 - 1861) den Auftrag. Er war inzwischen zum Professor für Bildhauerei an der Dresdner Kunstakademie berufen worden, hatte auch bereits bei der Gestaltung des Hauptgebäudes der Universität Leipzig, dem Augusteum, mitgewirkt und sollte auch noch die berühmten Standbilder von Goethe und Schiller in Weimar schaffen (1857). In seinen Entwürfen arbeitete Rietschel immer mehr das Typische Thaers heraus, verzichtete auf ursprünglich vorgesehene Chakteristika wie Pflug und Schafbock und stellte ihn schließlich mit eingerollten Manuskriptblättern mit der Aufschrift „Rationelle Landwirthschaft" als Hinweis auf sein wichtigstes Werk „Grundsätze der rationellen Landwirthschaft" dar. Aus künstlerischer Sicht wird darüber hinaus die hervorragende Modellierung des Kopfes, die gelungene Kleidung, seine Darstellung als Lehrender sowie die Proportionen von Standbild und Marmorsockel gelobt. Nach diesem Entwurf wurde das Standbild in Lauchhammer gegossen und konnte 1850 im Bereich des Promenadenrings aufgestellt und feierlich eingeweiht. Wilhelm Crusius hielt die Einweihungsrede. Der ausgewählte Standort erwies sich jedoch wegen erforderlichen Straßenbaus als ungünstig, so dass das Denkmal bereits 1859 an den neuen Standort an der Lenné-Anlage verlegt wurde.

Auf der feierlichen Einweihungsfeier am 24. Juni 2011 enthüllten Bürgermeister Michael Faber und Knut Strittmatter, Albrecht-Daniel-Thaer-Institut für Agrarwissenschaften an der Universität Leipzig, das Denkmal. Beide würdigten auch Thaer und Rietschel in ihren Ansprachen, ebenso Erdmann Röhlig und Eberhard Schulze, beide Leipziger Ökonomische Societät e. V., der Ur-Ur-Enkel Ernst Rietschels, Martin Rietschel, sowie die Vertreter des Deutschen Bauernverbandes, Adalbert Kienle, der Albrecht-Thaer-Gesellschaft e. V. (Celle), Rudolf Hessler, und der Fördergesellschaft Albrecht Daniel Thaer e. V., Möglin, Martin Frielinghaus.

Die Restauration und Wiederaufstellung des Denkmals kostete fast 35.000 €, etwa ein Viertel davon wurde durch Spenden aufgebracht, vor allem von den genannten Einrichtungen.

Bildnachweis:

Die vier Fotos zum Thaer-Denkmal sind vom Autor selbst aufgenommen worden, die Abb. vom Hotel de Prusse und von Ernst Rietschel sind Wikimedia Commons entnommen, sie sind gemeinfrei.

 

Das Thaer-Denkmal

Universitätsstraße
04109 Leipzig

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