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Zur Geschichte der  Wagner-Denkmale in Leipzig

Zur Geschichte der Wagner-Denkmale in Leipzig

Dipl.-Päd. Ursula Brekle

Klingerwürfel. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.
Klingerwürfel. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.

Die Leipziger, die gewöhnlich im Urteil über ihre Denkmäler uneins sind, vereinen sich ohne Widerspruch im Urteil über den Sockel des Richard-Wagner-Denkmales. Den Auftrag für dieses Denkmal erhielt Max Klinger (1857-1920) von seiner Vaterstadt 1904. Für die Errichtung fand 1913  eine feierliche Grundsteinlegung am Fleischerplatz, in der Innenstadt, statt. Das unvollendete Postament, „Klingerwürfel" genannt, wurde dann 1924 zunächst im Klinger-Hain (ehemals Clara-Zetkin-Park) aufgestellt. Der Bildhauer Klinger konnte oder wollte aber dieses Denkmal nicht vollenden. Heute steht der Klingerwürfel wieder an der Großen Fleischergasse bzw. in der Nähe zum Geburtshaus Wagners; die Stadt hat die Klinger-Treppe dafür wieder hergestellt. Die Leipziger nennen den Klinger-Würfel respektlos „Porno-Würfel", weil er auf der Schauseite drei nackte Rheintöchter zeigt, und sie lieben ihn und die nackten Töchter. (Die Aufnahme zeigt den „Klingerwürfel" noch im Klingerhain.)

Kein geringerer als der Oberbürgermeister Dr. Carl Friedrich Goerdeler* nahm anlässlich des 50. Todestages von Richard Wagner 1933 den zweiten Anlauf und lobte einen internationalen Ideenwettbewerb aus. Zusammen mit einer Jury entschied er sich für den Entwurf des Bildhauers Emil Hipp (1893-1965).

Die Jury und Goerdeler ließen sich von der Intention des Bildhauers überzeugen, sich ausschließlich mit der Umsetzung der Wagnerschen Tondichtung auseinanderzusetzen, mit sonst nichts. Er schuf das Denkmal im neoklassizistischem Stil. Emil Hipp sagte: „Ich habe es absichtlich und bewußt vermieden, Gestalten aus Wagners Werken für meine Arbeit zu verwenden. Es lag mir vielmehr daran, den Wagnerischen Ideengehalt und die musikalische Ausdeutung in plastische, zeitlose Form zu bringen." Die vier Seiten des Reliefs sollen Folgendes bezeichnen:

  • Schicksal

  • Mythos

  • Erlösung

  • Bacchanal

Modellwand "Schicksal" von Emil Hipp. Bild: Sammlung U. u. H. Drechsel.
Modellwand "Schicksal" von Emil Hipp. Bild: Sammlung U. u. H. Drechsel.

Da wird das Scheitern der mythischen Helden dargestellt, das Ringen mit dem Schicksal und Liebe und Erlösung. Und eben das waren die Werte, die für alle drei, für Wagner, Goerdeler und Hipp, entscheidend waren. Das Denkmal sollte aus 4 Seiten bestehen, die jeweils 10 Meter lang waren und insgesamt ca. 4 Meter hoch. In der Mitte wäre ein quaderförmiger Hauptblock gestellt worden. Hipp hatte berechnet, dass er 250 Tonnen Marmor für seine überlebensgroßen Heldenreliefs brauchen würde. Die Stadt Leipzig finanzierte das Werk mit 3,6 Millionen Reichsmark bis zur Fertigstellung. Es wäre das größte Wagner-Denkmal weltweit gewesen, der größte Bronzeguss in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg.

Grundsteinlegung am 6. März 1934 im Richard-Wagner-Hain. Bild: Bundesarchiv 102-01318a.
Grundsteinlegung am 6. März 1934 im Richard-Wagner-Hain. Bild: Bundesarchiv 102-01318a.

Zum Menetekel für dieses Denkmal wurde dann Adolf Hitler, der auch dieses Denkmal für seine Ideologie instrumentalisieren wollte. Er vollzog selbst am 6. März 1934 die Grundsteinlegung zum Richard-Wagner-Nationaldenkmal im Richard-Wagner-Hain Leipzig, eine 150 mal 80 Meter große streng geometrische und terrassenförmige Anlage, die am östlichen Ufer des Elsterbeckens der angemessene Standort des Denkmales sein sollte. Dazu gehörte eine umfassende und gestaltete Gartenanlage. Reste der Anlage sind heute noch zu sehen.

Nach 1945 verzichtete die Stadt Leipzig darauf, das so belastete Denkmal zu übernehmen, obwohl es bezahlt war. Schließlich wurde der zentrale Denkmalblock zwangsversteigert. Ein Arzt in Bayern ersteigerte den Hauptblock und stellte ihn nicht als Block, sondern der Reihe nach folgend an der Innenseite seiner Hofmauer auf, wo er für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich ist.

Das neue Denkmal, vollendet von Stephan Balkenhol. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.
Das neue Denkmal, vollendet von Stephan Balkenhol. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.

Im dritten Anlauf, das Denkmal anlässlich des 200. Geburtstag am 22. Mai 2013 zu vollenden, brach 2008 ein heftiger Streit aus. Angeführt von dem Kunstwissenschaftler und Denkmalpfleger Wolfgang Hocquel plädierten nicht wenige Leipziger dafür, das „neoklassizistische Werk" , geschaffen von Emil Hipp, neu gießen zu lassen und aufzustellen, weil es „eine phantasievolle, allegorische Bildhauerarbeit von zeitloser Ästhetik" sei. Das gleiche Denkmal beschrieb der Kunsthistoriker und Hochschullehrer Frank Zöllner als Huldigung der „Kraft, Ewigkeit und Zuversicht der Nationalsozialistischen Jugend" und damit als Propaganda für die NS-Kunst, Hipp bezeichnete er gar als einen „Nazi-Bildhauer ersten Ranges". Zöllner setzte sich durch.



Nachdem die Stadt Leipzig abgewinkt hatte, organisierten sich 2005 Wagner-Verehrer in dem Wagner Denkmal e. V. Das Ziel war, das Wagner-Denkmal vollenden zu lassen und die Finanzierung zu sichern. Auch der Klinger -Verein half. Neun Künstler reichten ihre Entwürfe in einem Wettbewerb ein. Durch den Verkauf von Stifterbriefen konnte ein Teil des Geldes gesammelt werden, aber den Löwenanteil hat der Karlsruher Bildhauer Stephan Balkenhol, der Sieger des Wettbewerbes, selbst eingebracht - durch den Verkauf von 25 kleinen Bronzeplastiken. Welch glückliche Fügung.

Das neue Denkmal, Ausschnitt von Stephan Balkenhol. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.
Das neue Denkmal, Ausschnitt von Stephan Balkenhol. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.

Obwohl die Vorgeschichte des Denkmales von einem Debakel ins andere führte, gibt es jetzt wenigstens ein komplettes Denkmal: Richard Wagner steht etwas überlebensgroß, er selbst war nur 1,66 Meter groß, vor dem eigenen gigantischen Schatten, den er selbst bis heute geworfen hat.

Den jugendlichen Bronze-Wagner in verspielter Haltung hat Balkenhol farbig bemalt, mit schwarzer Schleife und blauem Rock. In gleicher Höhe, wie ursprünglich Max Klinger seine Wagner-Statue geplant hatte, erhebt sich die Silhouette des Schattens im Hintergrund. Sie ist 4 Meter hoch, in Bronze gegossen und patiniert.

Die Interpretation dieser Skulptur lässt viel Raum, auf jeden Fall reiht sie sich nahtlos in die nicht abreißenden kontroverse Diskussion über den Nachruhm des Komponisten Richard Wagner ein. Manche Betrachter haben von einer „überzeugenden Lösung" gesprochen, andere halten die Skulptur für eine gar zu simple Interpretation des Lebens und Wirkens von Richard Wagner. Und wieder andere bedauern, dass Balkenhols Schöpfung so gar nicht, weder ästhetisch noch von den Größenverhältnissen her, zum Klinger-Würfel passt. Eigentlich widerfährt dieser zeitgenössischen Denkmalgestaltung wieder, sie wird geduldet, aber nicht geliebt.

Leipziger Betrachter können sich lediglich zu einem gemeinsamen Satz aufraffen: "Morr musse's gesähn hamm!"

    * Carl Friedrich Goerdeler (1884-1945) wurde im Mai 1930 zum Oberbürgermeister der sächsischen Metropole Leipzig gewählt. Er entwickelte sich bis 1936 zu einem entschiedenen Gegner der Nationalsozialisten. Im November 1936 nahm er den Abriss des Denkmals von Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig durch die Nationalsozialisten zum Anlass, demonstrativ von seinem Amt als Oberbürgermeister zurück zu treten. Er engagierte sich dann als führender Kopf in der zivilen Widerstandsbewegung und sollte nach dem gelungenen Attentat auf Hitler am 20 Juli 1944 das Amt des Reichskanzlers übernehmen. Im August 1944 wurde er auf der Flucht denunziert, zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1945 in Berlin - Plötzensee hingerichtet. Vergleiche dazu:
    http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=100

Quellen:

http://www.welt.de/kultur/kunst-und-architektur/article116376640/Hauptsache-Richard-Wagner-verschwindet-im-Off.html

http://www.wagner-denkmal.com/

http://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Hipp

Leipziger Blätter. Sonderausgabe Max Klinger. 2007

Vogel, Julius: Max Klinger und seine Vaterstadt Leipzig. Leipzig 1923

Wega Mathieu, Stella: Max Klinger. Frankfurt a. M. 1976

Meyer-Krahmer, Marianne: Carl Goerdeler - Mut zum Widerstand, Leipzig 1989

von Schlabrendorff, Fabian: Offiziere gegen Hitler, Berlin 1984