Leipzig Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.leipzig-lese.de

Weiterempfehlen

Verfasser Sebastian Hennig erweist sich als ein Meister der leisen und der Zwischentöne. Behutsam didaktisch erschließt er dem Leser den nur scheinbar so zeitenfernen Dichter. Zudem weiß er verblüffende Verbindungen vom Werk Fontane`s zu aktuellen Geschehnissen herzustellen.


ISBN: 978-3-86397-055-0

zum Buch

Unser Leseangebot
Theodor Fontane - ein Apotheker aus Preußen in Leipzig

Theodor Fontane - ein Apotheker aus Preußen in Leipzig

Dr. Jürgen Friedel

Theodor Fontane  im Alter von 23 Jahren. Zeichner: Georg Friedrich Kesting.
Theodor Fontane im Alter von 23 Jahren. Zeichner: Georg Friedrich Kesting.

Theodor Fontane (1819 - 1898) langte am 31. März 1841 abends 18.00 Uhr in unserer Stadt an, um in der Adler-Apotheke in der Hainstraße zu arbeiten. Damals hieß sie übrigens noch "Zum weißen Adler". Am 3. Januar 1841 hatte der junge Fontane im Berliner "Hotel de Saxe" das Ehepaar Neubert aufgesucht und seine Anstellung in ihrer Apotheke ab Ostern zugesagt bekommen.

Seinen ersten Eindruck von unserer lieblichen Lindenstadt gibt er 50 Jahre später so wieder:

"Mein Gepäckträger ... machte in gutem Sächsisch den Führer. Ich war ganz benommen und möchte behaupten, daß‚ soweit Architektur und Stadtbild in Betracht kommen, nichts wieder in meinem Leben einen so großen, ja komisch zu sagen, einen so berauschenden Eindruck auf mich gemacht hat wie dieser in seiner Kunstbedeutung doch nur mäßig einzuschätzende Weg vom Post- und Universitätsplatz (heute Augustus-Platz) bis in die Hainstraße."

Altes Rathaus. Fotograf:  Appaloosa.
Altes Rathaus. Fotograf: Appaloosa.

Er begründete dieses Erstaunen damit‚ dass er bis dahin nichts von der Welt kannte als "unser gutes Berlin". Leipzig ließ Fontane ahnen, daß Städteschönheit "was anderes ist als gerade Straßen und breite Plätze mit aus der Schachtel genommenen Häusern und Bäumen".

Die Adler-Apotheke 1907. Fotograf: Hermann Walter (1838-1909).
Die Adler-Apotheke 1907. Fotograf: Hermann Walter (1838-1909).

Die nun folgenden Monate waren für Theodor Fontane ausgefüllt mit Arbeit und interessanten Begegnungen. Die Adler-Apotheke war damals nämlich nicht nur Ausgabeort von Medikamenten, sie war Kommunikationsort. Ärzte kamen und verschrieben ihre Rezepte, anderen "war die Apotheke bloß Lesehalle, Doktorbörse‚ Klubloka1". Es gab im Raum ein großes Lesepult, wo verschiedene Leipziger Zeitungen auslagen.

Im Somer nutzten Fontane und seine Apothekerkollegen die nahe Elster‚ um schon gegen 6 Uhr ein Morgenbad zu nehmen. Danach gingen sie ins Rosental, wo die zwei Hauptlokale, Bonorand und Kinschy‚ um 7 Uhr bereits geöffnet hatten.

Im Herbst des Jahres 1841 zog es Fontane auf die Felder der Völkerschlacht von 1813. Die Gedanken, die Wachau, Gohlis‚ Möckern und andere Erinnerungsplätze an die schweren Gefechte in ihm auslösten‚ fügte er zu Versen, in die auch sein Verlangen nach deutscher Einheit und Freiheit mit einfloss:

Auf Leipzigs Schlachtgefilden

Ich heute gewandert bin.

Das fallende Laub der Bäume

Tanzte vor mich hin ...

 

Ein Herbst hat hier genommen

Des deutschen Laubes viel. -

Wann wird der Frühling komen‚

Für den es freudig fiel?

Fontane schrieb auch etwa in dieser Zeit ein Spottgedicht auf die Euphorie der Leipziger Schillerfreunde über ein erworbenes Kleidungsstück (eine Weste) des großen Klassikers. Vorsichtshalber nannte er es "Shakespeares Strumpf". Im vielgelesenen "Leipziger Tageblatt" wurde es gedruckt.

Laut gesungen, hoch gesprungen.

Ob verschimmelt auch und dumpf.

Seht, wir haben ihn errungen,

William Shakespeares wollnen Strumpf.

 

Seht, wir haben jetzt die Strümpfe,

haben jetzt das heil'ge Ding.

Drinnen er durch Moor und Sümpfe

Sicher vor Erkältung ging.

 

Und wir huldigen dem Strumpfe‚

Der der Strümpfe Shakespeares ist,

Denn er reicht uns bis zum Rumpfe‚

Weil er fest zwei Ellen mißt.

 

Seht, wir haben jetzt die Strümpfe,

Dran er putzte‚ wischte, rieb

Ungezählte Federstümpfe‚

Als er seinen Hamlet schrieb.

 

Drum herbei, was Arm und Beine!

Euer harret schon Triumph.

Und dem "Shakespeare-Strumpfvereine"

Helft vielleicht ihr auf den Strumpf.

Theodor Fontane. Gemälde von  Carl Breitbach (1833–1904).
Theodor Fontane. Gemälde von Carl Breitbach (1833–1904).

Dadurch wurde man auf ihn aufmerksam. Der Verlagsbuchhändler Robert Binder forderte Fontane zur Mitarbeit für seine beiden Zeitschriften auf und lud ihn schließlich gar zu einer kleinen Abendgesellschaft ein. Durch Dr. Georg Günther, den Redakteur der beiden Zeitschriften, einer demokratisch-politischen und einer belletristischen‚ wurde der junge Fontane auch auf Robert Blum aufmerksam, der ein Schwager Günthers war (siehe Gedenktafel am Alten Rathaus, Portal) .

Georg Günther und seine Freunde führten Theodor Fontane in einen Leipziger Dichterverein‚ in dessen gedanklichen Zentrum Georg Herwegh stand. Großer Gewinn daraus war für Fontane besonders seine Begegnung mit der russischen Literatur.

Im folgenden Jahr siedelte Fontane krankheitshalber um. Er bekam Quartier bei seinem Onkel in der Poststraße (heute hinter der ehemaligen Hauptpost zur Querstraße hin). Mit dem Onkel kehrte Fontane im Großen und Kleinen Kuchengarten (Kohlgartenstraße) ein, quasi auf Goethes Spuren wandelnd.

Zwischen Juli 1842 und Sommer 1843 arbeitete Fontane in der Struveschen Apotheke in Dresden, wo er den Wert der Dr.-Struveschen-Minerelwässer kennen und schätzen lernte. Den Leipzigern ist dieses Getränk noch bis in die fünfziger Jahre des 19. Jh. gut bekommen.

Bis Oktober 1843 blieb Fontane in Leipzig. Sich als Schriftsteller sein Brot hier zu verdienen, gelang ihm nicht. So kehrte er zu den Eltern zurück, versuchte, sich auf ein Geschichtsstudium vorzubereiten, wobei er nicht viel Freude empfand. Im Oktober 1844 trat er dann in Berlin beim Franz-Regiment sein Militär-Dienstjahr an.

Leipzig und sein Kreis literatursinniger Männer, der Fontane aufgenommen hatte, hatten ihm wohl endgültig die Lebensrichtung gegeben, ein Schreibender werden zu wollen.

Fontane über die Sachsen

Daß die Sachsen sind, was sie sind, verdanken sie nicht ihrer 'Gemüt1ichkeit', sondern ihrer Energie. Dies Energische ... ist ... als Lebens- und Kraftäußerung größer als bei irgendeinem andern deutschen Stamm, selbst die Bayern nicht ausgenommen; - die bayerische Energie ist nur derber ... S i e (die Sachsen, J.F.) sind die überlegenen, und ihre Kulturüberlegenheit wurzelt in ihrer Bildungsüberlegenheit, die nicht von neustem Datum, sondern fast vierhundert Jahre alt ist.

Fontane vergleicht Leigzig mit Berlin

Parade auf dem Opernplatz in Berlin. Gemälde: Franz Krüger.
Parade auf dem Opernplatz in Berlin. Gemälde: Franz Krüger.

Die Sache findet darin ihre Erklärung (vgl. Zitat 1), daß ich, außer einer Anzahl märkischer und pommerscher Nester, in denen ich meine Kinderjahre verbracht hatte, bis zu jener Stunde nichts von der Welt kannte wie unser gutes Berlin, das mir von allen echten Berlinern immer als der Inbegriff städtischer Schönheit geschildert werden war. Und nun! Welcher Zusammenbruch. Es gereicht mir noch in diesem Augenblick zu einer gewissen Eitelkeitsbefriedigung, daß mein künstlerisches Gefühl angesichts des Neuen oder richtiger des Alten, was ich da sah, sofort gegen das Dogma vom ‘schönen Berlin' revoltierte und instinktmäßig weghatte, daß Städteschönheit was andres ist als gerade Straßen und breite Plätze mit aus der Schachtel genommenen Häusern und Bäumen ... Seitdem hat sich freilich (in Berlin, J.F.) sehr vieles gebessert: aber eines fehlt auch jetzt noch: individuelles Leben. Wir ahmen nach. Nur die Schachtel, aus der genommen wird, ist etwas größer, reicher und bunter geworden. 0riginelles‚ wie selten!

Fontane als Antwort auf die Kritik des Leigziger Arztes und Dichters Dr. Adler an seinen Dichtversuchen

Eine Frage noch, die lange

Schon auf meiner Lippe schwebt

Und vor einer Antwort bange

Ängstlich stets zurückgebebt.

Nun denn, schlechte Verse machen,

Die nicht einen Heller wert,

Die kaum wert, darob zu lachen,

Das ist nicht mein Steckenpferd.

Kann ich nicht ein Herz bewegen,

Sprechen nicht mit Geist zu Geist,

Will ich mir ein Handwerk legen,

Das mit Recht dann Handwerk heißt.

Fehlt von eines Dichters Wesen

Jede Spur mir und Idee,

Will ich ohn viel Federlesen

Schaffen ein Autodafé.

Daß ein Lied, das nie erwärmte,

Mir doch die Hände wärmt

Und, wofür sonst niemand schwärmte,

Eine Motte noch umschwärmt.

 

Die Antwort des kritischen Arztes darauf war

Wackrer Jüngling, brav gesungen.

Sieh, das schmeckt schon nach Idee.

Jetzt, wo Du Dich selbst bezwungen,

Spare Dein Autodafé.