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Martinsfest - Wir feiern Martini

Florian Russi

Kleine Broschüre mit Texten und Liedern zum Martinstag

Laterne, Laterne ... Im dunklen Monat November hält das Martinsfest einen Lichtpunkt für uns bereit. Vor allem Kinder freuen sich weit im Voraus auf den Martinstag, um mit ihren leuchtenden Laternen durch den Ort zu ziehen. Die Hintergründe zur Geschichte des festes und den traditionellen Bräuchensind in dieser Broschüre festgehalten. Mit einer Anleitung für eine selbstgebastelte Laterne, drei leckeren Rezepten und vielen Liedern, Gedichten und Reimen ist sie ein idealer Begleiter für jedermann.

Martin Jankowski - Schriftsteller

Martin Jankowski - Schriftsteller

Jahrgang 1965

 

Wann waren Sie das erste Mal in Leipzig und wie war Ihr Eindruck?

Als Kind kam ich zum ersten Mal nach Leipzig. Ich hatte den Eindruck einer architektonisch grau in grau verrottenden, kulturell aber sehr lebendigen Künstlerstadt: Musik, Theater, Galerien, Literatur, viele ausländische Studenten und Besucher... da wollte ich hin!

 

Warum wollten Sie nach Leipzig gehen?

Das war Mitte der Achtzigerjahre. Ich wollte in einer Großstadt studieren - Ostberlin war mir aber wegen der allgegenwärtigen Dominanz der SED-Funktionäre und ihres Hofstaates unsympathisch und das schöne Dresden erschien mir ein wenig zu abgeschieden und selbstverliebt. Leipzig hatte spürbaren Bürgersinn, war uneitel, offen und besaß vor allem eine bunte Untergrundszene aus Studenten und Künstlern, die mich magisch anzog. 

 

Was hat Sie in Leipzig besonders beeindruckt?

Schon als Kind (ich bin Cellist) war ich ein Bach-Begeisterter. Bis heute ist seine Musik für mich einzigartig, unerreicht, universell. (An den großartigen Cello-Suiten übe ich heute noch...) Und die kleine Straße in L.-Neuschönefeld, in der ich anfangs wohnte, lieh später sogar meinen Roman über die Leipziger Wendezeit ihren rätselhaften Namen: Rabet. (Obwohl es mindestens zehn schön klingende Theorien dazu gibt, weiß bis heute niemand wirklich genau, was dieser Straßenname bedeutet! Näheres dazu siehe mein Roman...) Die Leipziger Nikolaikirche aber ist für mich der Ort, an dem eines Tages überraschend ein neues Zeitalter für Europa begann: Unsere zahlreichen geistigen Abenteuer dort werde ich nie vergessen. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich diesen Ort betrete.

Was haben Sie in Ihrer Arbeit für die Basisgruppen an der Nikolaikirche um 1989 erreicht und bewältigt? Was hatten Sie dafür auszustehen?

Wegen meiner kritischen Texte wurde ich ab meinem 17. Lebensjahr von der Stasi mit „Zersetzungsmaßnahmen" bedacht, d.h. noch bevor ich überhaupt selbstständig oder als Autor öffentlich aktiv war. Was u. a. zur Folge hatte, dass ich trotz gutem Abitur ohne Begründung  zu keinem Hochschulstudium zugelassen wurde. Ich bekam auch nur schwer Arbeit (und wenn, dann immer nur kurz) und durfte weder veröffentlichen noch legal auftreten (d.h. ich bekam dank der Stasi auch keine Auftrittslizenz als Musiker). Deswegen schloss ich mich ab Januar 1987 schließlich ganz bewusst „hauptamtlich" der politischen Leipziger Opposition an. Als Autor und Sänger unterstützte ich die Arbeit vieler Leipziger Basisgruppen wie der AG Menschenrechte, AG Umweltschutz, AG Gerechtigkeit, dem Friedenskreis Gohlis oder auch der Initiativgruppe Leben u.a.m. - mit Texten, Musik, Veranstaltungsorganisation und Büroarbeit. Ich unterstützte den damaligen oppositionellen Umweltaktivisten Michael Beleites jahrelang bei seinen heiklen Untersuchungen über den Uranbergbau und versteckte ihn und seine Manuskripte, die später internationales Aufsehen erregten, zeitweise in meinem Umfeld. Ab Januar 1988 gestaltete ich regelmäßig die neue politische Form der Friedensgebete an der Leipziger Nikolaikirche mit und wurde ökumenischer Sprecher der übergreifenden Kontaktgruppe der kritischen Gruppen (die damals schon ein Büro in Connewitz betrieb und ein Kommunikationszentrum für die gesamte Leipziger Opposition schaffen sollte). Im Frühjahr 1989 wurde ich (natürlich ohne jede Begründung) mit einem vollständigen Reisestop belegt und die Wohnung meiner jungen Familie wurde verwanzt (letzteres erfuhr ich erst in den Neunzigern aus den Stasiakten). Am 9. Oktober 1989 gestaltete ich mit dem Friedenskreis Gohlis das Friedensgebet in St. Nikolai (und sang u. a. das Lied vom „frischen Wind") - der Rest ist Geschichte.        

 

"Der Tag der Deutschland veränderte" von Martin Jankowski
"Der Tag der Deutschland veränderte" von Martin Jankowski

Wie haben Sie den 9. Oktober 1989  in Leipzig erlebt?

Man hatte mir am frühen Nachmittag in der Superintendentur der Nikolaikirche erzählt, die Stadt sei von bewaffnetem Militär umzingelt und es gäbe definitiv einen Schießbefehl, deswegen hatte ich schreckliche Angst - nicht so sehr um mich, aber um die zehntausenden Mutigen, die nicht im Schutz der Kirchen, sondern draußen auf den Straßen nach Veränderung schrieen. (Man darf ja nicht vergessen, die übergroße Mehrzahl der Demonstranten waren keine frommen Leute, sondern „nur" politisch unzufriedene Bürger aus allen Teilen des Landes!) Dass dann alles friedlich ablief, erschien nicht nur mir wie ein Wunder... Und es steht heute fest, dass dies keinem einzelnen Friedenspfarrer oder noch so couragierten Dirigenten, Polizeichef oder gar einem Politbürofunktionär zu verdanken war, sondern einzig und allein der übergossen Anzahl derer, die mehr als genug von der Diktatur der sozialistischen Funktionäre hatten. Sie hatten sie so sehr satt, dass sie dafür sogar ihr Leben riskierten - und ihr Erfolg ist einmalig in der deutschen Geschichte. Was wir heute in Ostdeutschland an Freiheit und Demokratie als selbstverständlich ansehen, ist kein Geschenk irgendwelcher Gönner, sondern selbst erkämpft. Und der 9. Oktober machte aus der 1989er Revolution eine definitiv friedliche. Von da an änderte sich alles. Über diesen ungewöhnlichen Tag gibt es so viel bedeutsames zu berichten, dass ich es in einem Buch zusammengetragen habe („Der Tag der Deutschland veränderte")...

 

Was sind Ihre Ziele?

Dass jeder Mensch frei über sich selbst bestimmen darf (egal, was andere darüber denken).

Martin Jankowski
Martin Jankowski

Was sind Ihre Hobbys?

Lesen und Musik.

 

Welche Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Eine umfassende Anthologie deutscher Poesie von Walther von der Vogelweide und Hildegard von Bingen bis Ron Winkler und Uljana Wolf...(Leider gibt es das in dieser Form noch gar nicht.) Denn gute Gedichte kann man ein Leben lang immer wieder neu lesen und bedenken - genau das richtige für die Insel!

 

Welches Buch, das Sie selbst geschrieben haben, liegt Ihnen am Herzen und warum?

Fragt man denn eine Mutter, welches Kind ihr liebstes sei...? Mein erster Roman „Rabet oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung" ist für mich aber deshalb etwas Spezielles, weil darin die starken Gefühle und Erlebnisse der „heißen" Leipziger Zeit verarbeitet sind, die im plötzlichen Zentrum eines Epochenumbruchs entstanden. Es bleibt zu vermuten, dass wir kaum noch einmal so etwas Tiefgreifendes und glücklich Gelungenes erleben werden...

 

Beabsichtigen Sie,  weitere Bücher zu schreiben?

Ja.

 

Was war für Sie Ihr größter Erfolg?

Dass Günter Grass sauer wurde, als ich ihn einmal öffentlich bat, nicht immer ungefragt als Fürsprecher der Ostdeutschen aufzutreten (und der staunenden Welt zu verkünden, was wir armen und sprachlosen Ossis angeblich dächten)! Schon gar nicht, wenn zugleich genügend neben ihm sitzen ...Aber im Ernst: Dazu beigetragen zu haben, dass die Revolution von 1989 erfolgreich (und friedlich) verlief, war bislang mein größter - und „unerwartetster" - Erfolg.. Ich bin sehr glücklich über die freiheitliche Lebensform heute - vor allem darüber, dass man (anders als im Sozialismus!) heute nicht mehr seine Existenz riskieren muss, wenn man Probleme klar benennen und aktiv etwas verändern möchte.

 

Wo möchten Sie sich später niederlassen und warum gerade dort?

Volker Braun schrieb kurz nach der Friedlichen Revolution im Gedicht „Das Eigentum":

Da bin ich noch, mein Land geht in den Westen.

Krieg den Hütten, Frieden den Palästen.

...

Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.

Und ich kann bleiben, wo der Pfeffer wächst.

...

Richtig! Genau dort wollte ich auch schon immer hin!! Ich würde mich gern eines Tages dort wo der Pfeffer wächst niederlassen. Ich weiß inzwischen sogar, wo das ist: Am anderen Ende der Welt, dort, wo die Sonne aufgeht - in Indonesien. Es ist atemberaubend anders dort. In den letzten Jahren habe ich mich (ausgelöst durch einen glücklichen Zufall) intensiv mit der erstaunlichen Literatur der drittgrößten Demokratie der Welt (240 Mio Einwohner), dieses dicht bevölkerten Äquatorarchipels aus 17 000 Inseln beschäftigt, die in Europa keiner kennt. Inzwischen gehöre ich zum lebendigen Netzwerk indonesischer Schriftsteller meiner Generation, ich habe zeitweise da gelebt, gute Freunde gefunden und dort veröffentlicht - und könnte mir durchaus vorstellen, eines Tages länger dort zu leben. (Allerdings nicht auf dem touristischen Bali, sondern an einem ganz anderen Ort...) - Eine indonesische Bekannte schreibt übrigens gerade ihre Doktorarbeit über Volker Braun... Und zum Weihnachtsoratorium würde ich dennoch jedes Jahr nach Leipzig kommen!

 

Der Bertuch-Verlag dankt Martin Jankowski für die Nutzungsrechte der Fotos in diesem Artikel.