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Florian Russi

Achim und Bettina von Arnim

Sie waren als Dichterehepaar einmalig in der deutschen Literaturgeschichte. Bekannt ist Achim von Arnim bis heute vor allem durch die Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“, die er zusammen mit Bettinas Bruder Clemens Brentano herausgab.

Hegel trifft Pääbo -  Akademieerlebnis 14. April 2023

Hegel trifft Pääbo - Akademieerlebnis 14. April 2023

Dr. Konrad Lindner

0. Wissenschaft entsteht im Gespräch

Eröffnung Frühjahrssitzung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften 2023 im Alten Rathaus zu Leipzig.
Eröffnung Frühjahrssitzung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften 2023 im Alten Rathaus zu Leipzig.

 

Die Sächsische Akademie der Wissenschaften, so meine These, steht auf den Schultern der Linnéischen Sozietäten, die im Jahr 1788 in London und im Jahr 1789 in Leipzig gegründet worden sind. Für diese These spricht meines Erachtens das folgende personelle Beispiel: Der Botaniker Christian Friedrich Schwägrichen (1775 – 1853) war wie Alexander von Humboldt (1769 – 1859) und wie Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775 – 1854) bereits als Student Mitglied der Leipziger Linnéischen Sozietät. Schwägrichen war ab 1818 aber auch Direktor der Naturforschenden Gesellschaft zu Leipzig. Der Direktor des Botanischen Gartens der Messestadt trat 1822 schließlich an der Seite von Lorenz Oken (1779 – 1851) als Mitbegründer der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte hervor. Auch noch am 01. Juli 1846 gehörte Schwägrichen zu den Initiatoren der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Mich interessiert Schwägrichen seit 1986, weil ich damals durch Nachforschungen zum jungen Schelling zu lernen begann, dass der angehende Botaniker und der angehende Naturphilosoph etwa zeitgleich in der Linnéischen Sozietät aktiv geworden sind. Daher freute ich mich sehr, dass ich am 14. April 2023 in der Klasse Wissenschaftsgeschichte der Sächsischen Akademie eine Wortmeldung zu Lorenz Oken vortragen durfte, bei der ich auch Schwägrichen erwähnen konnte. Mich hatte Pirmin Stekeler eingeladen, der in der KlasseWissenschaftsgeschichte einen Vortrag über Hegel und die Biologie hielt; danach trug ich ein Statement über Oken vor. Der Zeitgenosse Hegels war in Jena ein tüchtiger Arzt und Biologe; er fiel durch sein enzyklopädisches Journal Isis aber auch als ein beherzter Streiter für Presse- und Wissenschaftsfreiheit auf. Im Jahr 1804 gehörte Oken zu den Würzburger Schülern Schellings, die später ein wissenschaftsorganisatorisches Gespür entwickelten. Nicht zuletzt deshalb gibt es einen guten Grund, dass Oken gerade auch in Leipzig gewürdigt wird. Vor allem deshalb, weil der bekennende Schelling-Schüler im September 1822 in der sächsischen Buch- und Universitätsstadt die Gründung der Wandergesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte vollzogen hat. Oken lag gerade auch in der experimentellen Wissenschaft an der Begegnung der Forschenden von Angesicht zu Angesicht. Den Grundsatz des Dialogs brachte der Nobelpreisträger Werner Heisenberg (1901 – 1976) später auf die Formel, dass Wissenschaft im Gespräch entsteht. Bei der Wortmeldung am 14. April 2023 kam es mir auf den Gedanken an, dass Schellings Ideen zu einer Philosophie der Natur, die im Frühjahr 1797 in dem Leipziger Musikverlag Breitkopf & Härtel erschienen, die publizistische Eichel waren, aus der in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Idealismus die machtvolle Baumkrone der Wissenschaft der Logik (1812 – 1816) von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) hervorwuchs. Wie Pirmin Stekeler nun aber in seinem Vortrag über Hegel und die biologische Theorie der Evolution aufzeigte, war vor allem Hegel der Denker des deutschen Idealismus, von dem die Logik des Lebenden sowohl in seiner Wissenschaft der Logik als auch in seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1817 – 1830) als eine Logik der Freiheit und das heißt am klarsten und am konsequentesten auf den Begriff gebracht worden ist.

Womit Hegel aber, so die Ergänzung in meinem Statement vom April in der Akademie, einen Gedanken aus den Leipziger Ideen des jungen Schelling der Jahre 1796 bis 1798 über die Prozesshaftigkeit der biologischen Lebensformen ausdrücklich und erfolgreich festgehalten hat. So sehr der Begriff der Freiheit an das Handeln und den Willen der Menschen gebunden ist, was Hegel ausdrücklich herausgearbeitet hat, so wenig reduziert sich das Leben der Pflanzen, Tiere und Menschen auf Vollzüge ohne Freiheitsgrade.

1. Akademiepräsident Hans Wiesmeth getroffen

Prof. Dr. Hans Wiesmeth am 14. April 2023 im Festsaal des Alten Rathauses zu Leipzig.
Prof. Dr. Hans Wiesmeth am 14. April 2023 im Festsaal des Alten Rathauses zu Leipzig.

 

Zu 13. 00 Uhr war ich zu dem Vortrag von Professor Stekeler über Hegel eingeladen. Nach meinem kleinen, aber aufregenden Auftritt und nach dem Ende der Diskussion leerte sich der Tagungsraum. Ich packte die großen Bilder von Hegel, Schelling und Oken ein, die mir ein Halt und eine Hilfe waren. Zwar hatte ich mich für die öffentliche Frühjahrssitzung der Akademie im Alten Rathaus angemeldet, die um 16. 00 Uhr beginnen sollte, aber nach der Debatte in der Klasse und nach dem ungewohnten Statement dachte ich mir, dass ich nach Hause fahren sollte. Also nahm ich die Bildertasche samt Oken und Hegel und wollte in Richtung S-Bahn-Station aufbrechen. Nur gab es eine Schwierigkeit. Ich hatte keine Hand frei, um die schwere Eingangstür der Akademie öffnen zu können. Da stand ich nun. Aber es war ein netter Herr zur Stelle, der mir die Tür öffnete. Ich schaute den Helfer dankbar an, stutzte und sagte dann auch schon überrascht: "Sie sind doch der Präsident!" Ich stand Professor Dr. Hans Wiesmeth gegenüber. Er ist seit dem 1. Januar 2016 Präsident der Akademie. Ich zögerte nicht lange, sondern entschied, dass ich an der Seite des Präsidenten zur Festsitzung ins Alte Rathaus wandern sollte, bei der Hans Wiesmeth die feierliche Aufgabe des Hauptredners inne haben würde. Ich hatte Professor Wiesmeth schon bei der Herbstsitzung am 13. Dezember 2019 erlebt. Damals hatte ich ebenfalls zuvor in der Klasse für Wissenschaftsgeschichte Platz genommen und wie gebannt der Debatte auf dem Podium über Galilei und Newton gelauscht. Es ging um die Sprache der Mathematik beim Deuten unseres Planetensystems. Pirmin Stekeler sowie sein Kollege und Freund Nikolaos Psarros legten ein Feuerwerk des Dialogs hin. Danach konnte ich Herrn Stekeler in aller Ruhe und ausführlich zur Seinslogik Hegels befragen, deren Dialogischer Kommentar gerade im Verlag Felix Meiner in Hamburg erschienen war. Das war vor der Wesenslogik und vor der Begriffslogik der erste große Streich bei der Kommentierung des logischen Hauptwerkes von Hegel. Nach dem Interview hatte ich dem Präsidenten Wiesmeth im Grassi-Museum – das war noch kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie - gern und aufmerksam zugehört. Hans Wiesmeth hatte Mathematik und Physik an der Universität Erlangen-Nürnberg studiert und ist in seiner akademischen Laufbahn ein namhafter Wirtschaftstheoretiker und Wirtschaftsmathematiker geworden. Ihm machte es bei öffentlichen Auftritten hörbare Freude, so über die Projekte und das Leben der Akademie zu sprechen, dass sich sowohl Akademiker als auch Nichtakademiker angesprochen fühlten. Jetzt freute ich mich, auch die bevorstehende Veranstaltung, die noch einmal unter seiner Leitung stattfinden sollte, ohne weitere Aufgaben und das heißt völlig zwanglos miterleben zu dürfen.

2. Auf dem Weg zum Festvortrag

Bei unserem Gang über die Kreuzung am Neuen Rathaus stellte ich mich dem Präsidenten ein wenig vor. Ich erzählte, dass ich Journalist im Ruhestand bin. Dabei sagte ich auch, dass ich im Ehrenamt für den Kultur-Blog Leipzig-Lese und Sachsen-Lese schreiben würde. Als Beispiel erwähnte ich, dass ich im Herbst 2022 Dr. Arend Oetker zu seinem Engagement für Leipzig interviewen durfte. Dr. Oetker hatte eine Professur an der Handelshochschule gestiftet, deren Rektor Hans Wiesmeth war. Durch den bekennenden Musikfreund Oetker waren wir bei dem Spaziergang zum Alten Rathaus aber auch gleich bei Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) und bei dem Einsatz der Sächsischen Akademie für die Erforschung der Musikgeschichte von Leipzig. Die Akademie verantwortet und betreibt ein digitales Forschungsportal Bach zur Lebens- und Wirkungsgeschichte der Musikerfamilie von den Anfängen bis 1810. Ich hatte gerade gelesen, dass Hegel in Berlin in seinen Vorlesungen zur Philosophie der Kunst über das musikalische Schaffen von Bach ausführlich und begeistert sprach und ihn als unübertroffenen Meister einer geisterfüllten protestantischen Kunst gewürdigt hat. Mir war ferner aufgefallen, dass der Verleger Gottfried Christoph Härtel (1763 – 1827), der für Schelling 1797 neben Christoph Gottlob Breitkopf (1750 – 1800) als Mitherausgeber seiner Ideen zu einer Philosophie der Natur ein wichtiger Mann war, seit dem 3. Oktober 1798 in Leipzig "bey Breitkopf und Härtel" die Allgemeine Musikalische Zeitung herausgab. Härtel verfasste kein Vorwort, sondern versah das Titelblatt des ersten Jahrgangs des Musikjournals mit einem Bildnis von Bach. Kein Geringerer als Ludwig van Beethoven (1770 - 1827) würdigte Bach im Briefwechsel mit dem Leipziger Verleger als "den unsterblichen Gott der Harmonie". Bei unserer Unterhaltung über das Leben der Sächsischen Akademie redeten wir dann auch über den Nobelpreis der Medizin des Jahres 2022. Selbstverständlich sprachen wir über Svante Pääbo, der im Herbst 2022 den höchsten Forschungspreis nach Leipzig und auch in die Akademie geholt hatte. Da ich wusste, dass sich Hans Wiesmeth im Alten Rathaus gleich gegen 16.00 Uhr die goldene Kette des Präsidenten umlegen lassen und an das Rednerpult treten wird, um die feierliche Eröffnung vorzunehmen, war ich mir sicher, das er den schwedischen Erforscher des Genoms der Neandertaler bei dieser Gelegenheit erwähnen wird, was dann auch wirklich so geschah. Nachdem wir uns kurz über Svante Pääbo und die neuesten Höhepunkte im Leben der Akademie ausgetauscht hatten, blieb auf unserer Wanderung in Richtung Markt aber gerade noch Zeit zu einer Bemerkung, die mir zuvor während der Zusammenkunft in der Klasse zur Wissenschaftsgeschichte nicht aus dem Kopf gegangen war. Ich schaute den Präsidenten Hans Wiesmeth von der Seite an, um folgenden Gedanken auszusprechen: "Wenn es in der Philosophie einen Nobelpreis geben würde, dann würde dieser in diesem Jahr für die Übersetzung von Hegels Wissenschaft der Logik in die Sprache der Philosophie Gegenwart vergeben werden. Für diese Leistung würde Pirmin Stekeler-Weithofer von der Universität Leipzig den Nobelpreis für Philosophie erhalten." Hans Wiesmeth hörte zu. Er sagte nichts. Aber er widersprach auch nicht. Es mag sein, dass ihm Pirmin Stekeler – sein Akademiekollege und Vorgänger im Amt des Präsidenten – sogar selber gebeten hat, dass um sein Werk im Festvortrag nicht viel Wind gemacht werden sollte. Immerhin stehen die drei Bände im Umfang von 3000 Seiten zur Lektüre für alle Interessenten leiblich und gedruckt mit olivgrünem Einband da. Das Übersetzungswerk Stekelers hat seinen Weg in die Welt der Philosophie längst begonnen. Als ich den Dialogischen Kommentar Stekelers erwähnte, hatten wir aber schon die Arkaden des Alten Rathauses erreicht. Dieses Thema konnte nicht weiter besprochen werden. Ich wünschte dem Präsidenten für seinen Auftritt guten Erfolg. Bei seiner Rede im Festsaal des Alten Rathauses ging er bei den einführenden Worten vor allem auf die in sechs Jahrhunderten gewachsene sächsische Identität ein. Als ich das hörte und beim Heimweg darüber nachdachte, überlegte ich mir die folgende Argumentation: Pirmin Stekeler von der Universität Konstanz gelang es als Gründungsprofessor der Philosophie in Leipzig von 1992 bis 2022 mit stiller Bestimmtheit und das heißt ohne jeglichen Lärm, sowohl die dialektische Logik als Extrakt einer Philosophie des Geistes als auch den sozialphilosophischen Gedanken der Rechtsstaatlichkeit aus den Meisterwerken Hegels zu einer intellektuellen Begleitmusik der sächsischen Kultur und Identität des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Diese Leistung wurde dem Denker aus Meßkirch vor allem deshalb möglich, weil für Hegel die höchste Bestimmung des Geistes die Freiheit war. Professor Stekeler hat meines Erachtens in das Ursprungsland der Friedlichen Revolution von 1989/90 mit seinen Hegel-Büchern und darunter mit insgesamt acht Dialogischen Kommentaren zu Meisterwerken von Hegel eine Philosophie der Freiheit hineingeschrieben, die im begonnenen 21. Jahrhundert noch einige Studentengenerationen weltweit lesen können und lesen werden und die aber auch mein geistiges Leben im Alter von 70 Jahren beeinflussen und bereichern.

3. Begegnungen im Alten Rathaus

Prof. Dr. Hans Wiesmeth am 14. April 2023 im Festsaal des Alten Rathauses zu Leipzig.
Prof. Dr. Hans Wiesmeth am 14. April 2023 im Festsaal des Alten Rathauses zu Leipzig.

 

Nach der Aufnahme der neuen Akademiemitglieder und nach dem Festvortrag von Professor Wiesmeth ging auch ich zum Buffet. In der feierlichen Atmosphäre des großen Saales stieß plötzlich Dr. Ulrich Stein mit mir mit Sekt an, denn er war der Mathematiklehrer und der Direktor an dem Gymnasium in Möckern, das 1992/93 meine Kinder besucht haben. Damals habe ich für das Gymnasium in Möckern den Namen Werner Heisenberg vorgeschlagen. Die Namenswahl begründete ich in einem Text, den ich als arbeitsloser Akademiker an der Fortbildungsakademie der Wirtschaft in Gohlis im Rahmen eines spannenden Kurses verfasst hatte, in dem ein Journalist aus Bonn mit uns das Schreiben von Nachrichten trainierte. Der Name Werner Heisenberg wurde nicht nur von Dr. Stein begrüßt, sondern auch von der 2. Schulkonferenz am 01. März 1993 angenommen. Für mich war das ein Fest und Test der Demokratie. Dr. Stein hob am Buffet der Sächsischen Akademie das Glas und sagte zu mir: "Das war damals eine gute Idee!" Dem Leipziger Gymnasium gab der Heisenberg-Freund Dr. Stein von 1992 bis 2018 als Direktor ein markantes und kluges Gesicht. Auch den legendären Kanzler der Universität Leipzig aus den bewegten Nachwendezeiten habe ich sprechen können. Der geschätzte Kanzler a. D. ist Peter Gutjahr-Löser, der sich in Leipzig als ein versierter Jurist und als ein gescheiter Bildungspolitiker einen klangvollen Namen erarbeitet hat. Als Kanzler im Dienst stellte er sich vor seine Belegschaft. Er litt unter den fatalen Stellenkürzungen wie ein Hund. Peter Gutjahr-Löser kämpfte aber auch gegen das Ministerium in Dresden wie ein Löwe, wenn die Ministerialbürokratie versuchte, der Universität in der aufmüpfigen Bürgerstadt Leipzig die Luft zum Atmen zu nehmen. Von Peter Gutjahr-Löser erschien im Universitätsverlag gerade das Buch Hinter den Kulissen. Die Erneuerung der Universität Leipzig nach der friedlichen Revolution (2023). Beim Glas Sekt im Alten Rathaus schoss mir ins Gehirn: Peter Gutjahr-Löser hat mir bereits am Ende der 90iger Jahre gesagt, dass der schwedische Anthropologe Svante Pääbo, der gerade aus München nach Leipzig gekommen war, eines Tages den Nobelpreis erhalten werde. Unvergesslich. Durch seine berufliche Erfahrung in der Max-Planck-Gesellschaft, aber auch durch seine Leidenschaft für kluge wissenschaftspolitische Entscheidungen und durch sein gesundes menschliches Gespür für Talente in der Wissenschaft konnte Peter Gutjahr-Löser eine derartige Vorhersage treffen. Im Oktober 2022 ging sie in Erfüllung. Mit Svante Pääbo war 1998 aus Uppsala ein Forscher nach Leipzig gekommen, der mit seiner Begeisterung für Mumien wie für frühe Menschenformen sowohl in die hochspezialisierte Welt der internationalen mikrobiologischen Laborarbeit als auch in die Geschichte der Universität Leipzig tief eintauchte. Es war der Arzt und Philosoph Ernst Platner (1744 – 1818), der im 18. Jahrhundert überhaupt erst den Namen der Anthropologie erfand und treffsicher für die empirische Erforschung des Menschen im Spannungsfeld von Anatomie und Verhalten einführte. Platner stand auf den Schultern des Carl von Linné (1707 – 1778) in Uppsala, der für unsere biologische Art den Namen Homo sapiens, der wissende Mensch eingeführt hatte.

4. Stekeler über Idee und Realität der biologischen Arten

Prof. Dr. Pirmin Stekeler-Weithofer beim Vortrag über Hegel am 14. April 2023.
Prof. Dr. Pirmin Stekeler-Weithofer beim Vortrag über Hegel am 14. April 2023.

In der Klasse für Wissenschaftsgeschichte hielt Pirmin Stekeler am 14. April 2023 einen Vortrag über den Evolutions- und Entwicklungsbegriff von Hegel. Bereits der Verfasser der Wissenschaft der Logik und der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften entwickelte ein Verständnis von Biologie und Anthropologie, das heute dabei helfen kann, aktuelle Forschungen wie die am Deutschen Platz im Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zu verstehen. Wegweisend ist, dass Hegel bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Lebensforschung durchschaute, dass Struktur und Prozess sowie Anatomie und Verhalten zwei Seiten einer Medaille sind. Obwohl die Paläogenetik von Pääbo in dem Vortrag von Stekeler nicht behandelt wurde, ging es um etwas Grundlegendes, das gerade auch in den Forschungen des schwedischen Arztes, Genetikers und empirischen Anthropologen Pääbo eine tragende Rolle spielt. Stekeler zeigte, dass für Hegel die Stammesgeschichte (der Pflanzen, Tiere und Menschen) das Medium von Entwicklung und die Individualgeschichte - wie für Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) - die Sphäre der Metamorphose ist. Bei seiner Textanalyse zeigte Stekeler, dass für Hegel, der die griechische Sprache beherrschte, die Begriffe Art und Begriff identisch sind. Das Wort eidos steht im Griechischen für Art wie für Begriff. In den einschlägigen Passagen der Enzyklopädie, die Stekeler in der Sächsischen Akademie ausgelegt hat, steht der Name Begriff häufig für Art, was zur Folge hat, dass die dem Griechischen Unkundigen die biologische Tragweite dieser Paragraphen nicht verstehen und auch nicht verstehen können. Steht der Name Begriff nun aber für Art, dann ist damit die durch die Lebenswissenschaften begrifflich erfasste und bestimmte biologische Realität gemeint, die sich in Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen, Arten und Unterarten aufgliedert. Von der Realität der Arten als in der Zeit fluktuierender und hochdynamischer biologischer Wesenheiten, bei denen es sich um auszählbare Fortpflanzungsgemeinschaften (Populationen) handelt, ging nun aber nicht erst Charles Darwin (1809 – 1882), sondern bereits Linné aus. Die Prämisse von der Realität der Arten machte es Linné überhaupt erst möglich, die zweiteilige botanische Nomenklatur für die Pflanzen der Erde einzuführen und in seinem Herbarium – dem Urmeter der Botanik – methodisch korrekt zu dokumentieren. Das Herbarium wird bis heute in der Linnean Society in London sorgsam aufbewahrt und ist im Internet weltweit zugänglich. Linné selber war nie nur Taxonom, sondern er war zuallererst Biologe, wie wir heute formulieren würden. Schon während seiner Lapplandreise beobachtete der junge Linné, dass es Normalbirken und dass es Zwergbirken gibt; was besagt, dass eine biologische Art nicht starr im Raum schwebt, sondern unter sich ändernden Bedingungen in der Zeit selber verändert und variiert. Das Gründungsproblem der Linnéischen Sozietäten in London wie in Leipzig brachte Hegel in seiner Enzyklopädie dadurch zur Sprache, dass er die Begriffe Begriff und Art in der Biologie als Eines und als etwas Wesenhaftes zu denken vermochte.

5. Hegel's Logik trifft Pääbo's Paläogenetik

Prof. Dr. Pirmin Stekeler-Weithofer beim Vortrag über Hegel am 14. April 2023 (in der Klasse Wissenschaftsgeschichte).
Prof. Dr. Pirmin Stekeler-Weithofer beim Vortrag über Hegel am 14. April 2023 (in der Klasse Wissenschaftsgeschichte).

Es gibt einen Punkt, bei dem Hegel bereits 1817 in Heidelberg so redete, als hätte er sich nicht nur 1821/22 mit Lorenz Oken, sondern auch Ende 2022 mit Svante Pääbo bei der Nobelpreisvergabe in Stockholm unterhalten. Von dem denkwürdigen Ereignis der Preisverleihung zeigte Hans Wiesmeth in seinem Festvortrag im Alten Rathaus am 14. April 2023 eine Fotografie. Hegel würde heute den Forschern mit höchster Wertschätzung begegnen, die es wie Pääbo in dem Fachgebiet der Paläogenetik gelernt haben, aus winzigen Knochensegmenten Informationen über ganze Organismen herauszuholen, die seit Jahrtausenden nicht mehr leben. Wie gesagt: Stekeler dozierte im April in der Akademie nicht über Pääbo und dessen Buch Der Neandertaler und wir (2014), aber der Philosoph und Logiker zeigte dennoch eindrucksvoll, dass Hegel genau den Stier bei den Hörnern packt, auf den es auch Pääbo und seinem Team in den Forschungen zur Entwicklung unserer Menschenform sowie zu den uns nächsten, aber bereits ausgestorbenen Formvarianten vor allem ankam. Deutlich wird das sehr schön daran, dass Georges Cuvier (1769 – 1832) in Paris, wo ihn auch Oken im Sommer 1821 aufsuchte, von Hegel bereits in der Enzyklopädie von 1817 und auch noch in der Enzyklopädie von 1830 "als der große Stifter der vergleichenden Anatomie" gefeiert wurde, der "sich rühmen konnte, aus einem einzelnen Knochen die wesentliche Natur des ganzen Tieres erkennen zu können". Dabei war von Cuvier unterstellt worden, dass zum Ganzen des Tieres und einer komplexen biologischen Art nicht nur das Knochenskelett, sondern insbesondere auch die Mannigfaltigkeit des Verhaltens gehört. Die Paläogenetiker um Pääbo benötigen heute für ihre Genanalysen nun aber keinen ganzen und großen Knochen mehr, sondern nur wenige Gramm reichen hin, doch ihre spezialisierten Verfahren der Analytik sind immer noch und entschieden auf das Ganze der zu untersuchenden biologischen Formen – in diesem Fall der differenten Menschenformen – gerichtet, was besagt: Pääbo's Logik der Forschung, die er in seinem Buch Der Neantertaler und wir wie in einem Wissenschaftskrimi dem breiteren Publikum vorstellt, korrespondiert mit dem forschungslogischen Ansatz, den Hegel 1817 in Heidelberg und auch noch 1830 in Berlin ein Jahr vor seinem unerwarteten Tod an dem großen Cuvier gewürdigt und erläutert hat. So wichtig unsere Knochen und Zähne für alle unsere Lebensvollzüge auch sind, wir reduzieren uns in unserem Leben und Lernen und Laufen und Lachen und Lieben als Wesen mit Geist und Einfühlungsvermögen in und zwischen den Köpfen und Leibern nicht auf ein nur klapperndes Skelett. Obwohl wir Vieles, was wächst und west und seint überhaupt nicht beeinflussen können, sind wir von Grund auf und durch und durch zur Freiheit begabte Wesen, wobei das Prinzip Freiheit dem gesellschaftlichen und öffentlichen Handeln von Frauen und Männern immer wieder neuen Schwung verleiht. Den 14. April 2023 erlebte ich in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig jedenfalls dankbar als einen Tag der Wissenschaft und der Freiheit.

 

05. Mai 2023

Bildnachweis

Alle Rechte liegen bei dem Autor, Dr. Konrad Lindner.

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