„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“
(Paul Klee: Schöpferische Konfession. 1920.)
Werden die Tage länger, scheint die Sonne kräftiger, wird es draußen wärmer, dann verändern sich in unseren Breiten Mensch und Natur. Die Bäume werden grün, die Blumen zeigen ihre farbigen Gesichter und die Menschen verstauen ihre Winterkleidung im Schrank. Die einen strömen häufiger an die frische Luft und die anderen bepflanzen ihre Gärten. Seit mehr als zehn Jahren begleite ich die Abfolge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter mit dem Pinsel und mit Wasserfarben, um Neuigkeiten im jahreszeitlichen Leben zu entdecken. Im Winter sind es die weißen Christrosen, die ich bewundere und aquarelliere, im Frühjahr warte ich voller Sehnsucht auf die Stiefmütterchen und schließlich den Mohn, während mir im Sommer die Farbvielfalt der Malven imponiert und im Herbst die großen Köpfe der Sonnenblumen ins Auge fallen. Bisher wurde es mir nicht langweilig, im jahreszeitlichen Rhythmus Bild für Bild zu malen. In diesem Jahr war es ein Zeichenblock von Hahnemühle der Marke Britannia mit zwölf großen Blättern, mit dem ich mich voller Neugier in das heimische Blumenleben begab.
Was mich vor allem zum Malen motiviert, das sind die Farben der Blumen. Ihr Aufleuchten empfinde ich wie Musik. Das Erleben leuchtender Farbtöne lässt mich zum Pinsel greifen. Am 25. Februar 2026 begann ich mit „Dreizehn Tulpen“, die aber nicht schon draußen im Garten, sondern in einer Vase vor mir auf dem Tisch standen. In dem Tulpenstrauß spielen Blüten in Gelb, Rot, Orange und Violett auf dem Klavier der Farben. Am 13. März 2026 entstand mit „Märzenbecher“ dann aber auch das Porträt einer einzelnen Pflanze. Im Schlosspark Lützschena bevölkern diese typischen Frühblüher den Waldboden in großen Scharen: Die Märzenbecher. Ihre großen Blüten veranstalten einen Zauber in Weiß. Die unbunte Farbe Weiß besetzt den höchsten Punkt auf der Farbenkugel. Keine andere Farbe ist heller als das Weiß. Mir kam es bei dem Aquarell darauf an, das Aufleuchten eines einzelnen Blütenglöckchens staunend zu feiern. Am 15. März 2026 tupfte ich bereits blaue Farben auf den Malkarton: „Veilchen.“ Beim Spaziergang in der Elsteraue waren die ersten Blaublütler auf dem Boden zu entdecken. Aber die Malserie entwickelte sich weiter. Denn bereits am 24. März 2025 porträtierte ich „Stiefmütterchen“. Drei Gesichter erstrahlen mit Blütenblättern in Gelb und in Violett. Mir geht es so, dass ich mich von Stiefmütterchen immer angeschaut und beachtet fühle.

Veilchen, 15. März 2026

Stiefmütterchen, 24. März 2026
Über „Farbspiele“ kann man ein ganzes Buch schreiben. Ich habe es im Angelika Lenz Verlag in Neu-Isenburg gerade versuchen dürfen, über „Farbspiele in Blumen, Landschaften und Meer“ in Bild und Text zu berichten. Dabei dachte ich im Dialog mit dem Logiker und Philosophen Ludwig Wittgenstein über die Wechselwirkung von Farbspielen und Sprachspielen in der menschlichen Lebenswelt nach. Man muss aber nicht immer viel reden oder lange schreiben, sondern man sollte sich über das Spiel der Farben in unserem Lebenskreis auch hin und wieder einfach nur freuen. Gerade im Verlauf des jährlichen Aufblühens der Pflanzenwelt betätigt sich die Natur durch das Vorzeigen so leuchtstarker Farben wie Weiß, Blau, Gelb und Rot sowie Grün als Künstlerin. Das Bild „Kleine Stiefmütterchen“ vom 01. April 2026 entfaltete sich in der Tat zu einem erstaunlichen Spiel der Farben. Das Aquarell zeigte zum Osterfest einfach nur einen Topf mit Blumen, der auf unserem Küchenfenster steht. In dem Bild leuchten die kleinen Stiefmütterchen in einem lebhaften Konzert der Farben. Wir Menschen erleben die Buntheit der Blumen als ein Symbol von Lebensfreude. Am 02. April 2026 überquerte ich in der Nähe die „Elsterbrücke“. Mir ging beim Blick auf das zarte Grün des neuen Blattkleides der Weide am Fluss der Gedanke durch den Kopf: „Die Weiden feiern das Osterfest als das Fest der Auferstehung.“ Im Laufe des Monats April blühten draußen in den Gärten sowohl Osterglocken als auch Tulpen. Besonders beeindruckten mich am 15. April 2026 aber die „Himmelsschlüsselchen“ in unserem Schrebergarten. Während sich die blauen Veilchen eng an den Boden schmiegen, recken sich die Himmelsschlüsselchen mit ihren Blüten hoch hinauf. Voller Stolz lassen sie ihr Gelb aufscheinen und vereinen selbstbewusst Himmel und Erde.

Elsterbrücke, 2. April 2026

Himmelsschlüsselchen, 15. April 2026, Schrebergarten
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Bilderserie:
(1) Dreizehn Tulpen vom 25. Februar 2026. Aquarell. 23 cm x 16 cm.
(2) Märzenbecher vom 13. März 2026. Aquarell. 23 cm x 16 cm.
(3) Veilchen vom 15. März 2026. Aquarell. 23 cm x 16 cm.
(4) Stiefmütterchen vom 24. März 2026. Aquarell. 23 cm x 16 cm.
(5) Kleine Stiefmütterchen vom 01. April 2026. Aquarell. 23 cm x 16 cm.
(6) Elsterbrücke vom 02. April 2026. Aquarell. 23 cm x 16 cm.
(7) Himmelsschlüsselchen vom 15. April 2026. Aquarell. 23 cm x 16 cm.