Leipzig-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Leipzig-Lese
Unser Leseangebot

 

Auf seiner Reise weilte Beskow auch in Weimar, wo er die Bekanntschaft Goethes machte und auch an der herzoglichen Tafel eingeladen war. Beskows Sicht auf Weimar um 1820 ist noch heute lesenswert und beeindruckend.

Es ist seltsam, sich an einem Hof aufzuhalten, an dem Literatur, die schönen Künste und die Bildung fast das einzige Gesprächsthema sind.

Eine lebhafte Handelsstadt

Eine lebhafte Handelsstadt

Bernhard Beskow

Der junge Bernhard Beskow begab sich 1819 zu einer Bildungsreise durch Deutschland und Mitteleuropa. Später hat er seine Reiseerinnerungen in dem 3-bändigen Werk Vandringsminnen herausgegeben. Darin hält er seine Eindrücke und Gedanken zu den verschiedenen Städten fest.
Im Folgenden nimmt Beskow uns mit auf einen Spaziergang durch Leipzig, vorbei an verschiedenen Sehenswürdigkeiten, die auch heute, 200 Jahre später, noch täglich betrachtet und fotografiert werden. 

Der Ausschnitt stammt aus  Bernhard Beskows Vandringsminnen, S. 78f.
Nadine Erler hat es aus dem Schwedischen übersetzt. 

 

Aus Neugier wollten wir auch den sagenumwobenen Auerbacher Hof sehen, das Hauptquartier während der Messen. Wir stellten ihn uns sehr imposant vor. Nachdem wir oft nach dem Weg gefragt hatten und viel hin und her gelaufen waren, standen wir schließlich in einer kleinen, dunklen Gasse, ungefähr so wie der Skottgränd in Stockholm. Dort fragten wir einen Mann, ob er uns den Auerbacher Hof zeigen könne.
„Sie stehen davor“, antwortete er. „Suchen Sie jemanden, der darin wohnt?“, fragte er.
„O nein, wir wollten den Hof nur sehen.“
„Nun, da haben Sie nicht viel zu sehen“, sagte er lachend und fragte sich wohl, was für badauds wir waren.

Diese Stadt des Friedens und des industriellen Betriebs war häufiger als die meisten anderen Orte Schauplatz blutiger Schlachten. Die Heere Gustafs II. Adolf, Tillys, Wallensteins, Napoleons und der Alliierten sind hindurch gezogen und das Kriegsglück wechselte oft. Die Umgebung der Stadt war oft übersät von den Leichen Gefallener.
Zum Gedenken an die letzte große Völkerschlacht 1813 wurde im Dorf Großgörschen ein Monument errichtet, das die schlichte Inschrift trägt: Die gefallenen Helden ehrt dankbar das Vaterland. Sie ruhen in Frieden. Das Denkmal ist, wie es zu jener Zeit üblich war, aus Eisen und mit einem Kreuz versehen.

An der Elster ist die Stelle markiert, an der der tapfere Poniatowsky (1) sich verwundet und unter dem Ausruf C’est ici qu’il faut mourir avec honneur in die Fluten gestürzt hat und ertrunken ist. Wenn man sieht, wie schmal und flach die Elster hier ist, wundert man sich beinahe, dass hier jemand ertrinken konnte.

Im Park oder an der Stadtpromenade steht auch ein schönes Denkmal. Dankbare Bürger haben es C. v. Müller (2) gewidmet, der die Esplanade angelegt hat. Wie viel dankbarer ist es doch, für die Bürger zu arbeiten als für die Söhne der Kunst! Der Park-Anleger Müller hat ein Monument, das eines Königs würdig wäre.
[…]

Leipzig ist eine lebhafte Handelsstadt, vom Aussehen her halb modern, halb altdeutsch, die Läden haben viel im Angebot und sind gut besucht. Die abendliche Unterhaltung für Reisende, das Theater, ist auch sehr schön. Die Sängerinnen Madame Sessi-Neumann (3) und Fräulein v. Böhler (4) und der Tenor Klengel (5) haben die Hauptrollen in der Oper und erfüllen ihre Aufgabe im Allgemeinen gut. Die Szene ist untadelig und das Orchester gut. Es gibt nur drei Reihen mit Logen, doch es haben vier Sitze hintereinander Platz, so dass neunhundert Zuschauer hineinkönnen.

Hier beginnt schon die sächsische Aussprache, bei der b und p, d und t vertauscht werden, z. B. Dalende (Talente), petteln (betteln), arveiden (arbeiten) usw. Das führt auch zu einer falschen Schreibweise, und zum Eindämmen des Bettelns findet man Schilder mit der Aufschrift: Alles Petteln ist hier verpoten.

 

(1) Józef Antoni Poniatowski (1763–1813), polnischer General (Anm. d. Ü.).
(2) Carl Wilhelm Müller (1728–1801), Bürgermeister von Leipzig. Er machte sich vor allem um das Schulwesen und die städtebauliche Gestaltung Leipzigs verdient (Anm. d. Ü.).
(3) Anna Maria Neumann-Sessi (1790–1864), italienische Opernsängerin in der Stimmlage Sopran (Anm. d. Ü.).
(4) Karoline Christine Böhler, verheiratete Genast (1800–1860 in Weimar), deutsche Sängerin, Schauspielerin und Pianistin. Vielleicht meinte Beskow auch ihre Schwester Dorothea „Doris“ Böhler, verheiratete Devrient (1804–1882), die ebenfalls Schauspielerin und Sängerin war (Anm. d. Ü.).
(5) August Gottlieb Klengel (1787–1860), deutscher Tenor (Anm. d. Ü.).

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Großstadt-Weihnachten
von Kurt Tucholsky
MEHR
Lieder eines Lumpen
von Wilhelm Busch
MEHR
Blumengruß
von Johann Wolfgang von Goethe
MEHR
Es seufzt der Wald
von Heinrich Heine
MEHR
Anzeige:
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen