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Unter den Monden des anbrechenden Lebensabends dehnt sich die Zeit und doch ist ihr Vergehen anders zu spüren als sonst. Jetzt wirken alle Fragen entscheidend, die Endgültigkeit scheint zum Greifen nah und Einsichten beginnen dort, wo alles Denken innehält.

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Kants Analyse von Wissen und Heisenbergs Leipziger Antrittsvorlesung

Kants Analyse von Wissen und Heisenbergs Leipziger Antrittsvorlesung

Dr. Konrad Lindner

Starke Impulse zur Philosophie der Physik

 

 

„Die Welt ist die begrifflich dargestellte und darstellbare Welt, keine Hinterwelt und keine bloße Mannigfaltigkeit von unaussprechlichen Sinnesempfindungen.“ (Pirmin Stekeler über Hegels spekulative „Anstrengung des Begriffs“.) (11; S. 187.) 

01. Begriff und Anschauung

Sie gehören unterschiedlichen geistigen Epochen an, doch treffen sie sich bei der Analyse der Konstitution von Wissen. Die Rede ist von Immanuel Kant (1724 – 1804) und Werner Heisenberg (1901 - 1976). Während sich Kant in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei der Analyse des Aufbaus von Wissen vor allem auf die klassische Mechanik von Isaac Newton (1643 – 1727) stützen konnte, sah sich Heisenberg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu herausgefordert, das Verhältnis von Begriff und Erfahrung in einer neuen Wissenschaftslandschaft unter die Lupe zu nehmen. Im Vergleich zur Epoche Kants war die neue Situation in der Physik durch eine Reihe verschiedener Theorien bestimmt, an denen vor allem Albert Einstein (1879 – 1955) einen großen Anteil hatte. Seine Elektrodynamik (Spezielle Relativitätstheorie 1905) und seine Theorie der Gravitation (Allgemeine Relativitätstheorie 1916) veränderten die Auffassung von Raum und Zeit auf eine unerwartet radikale Weise. Aber die Denkgewohnheiten in der Philosophie der physikalischen Erkenntnis wurden noch mehr durch die Quantentheorie erschüttert. Über die Beziehung von Begriff und Anschauung, von Wissen und Erfahrung, Theorie und Experiment dachte Heisenberg nun aber nicht als ein philosophischer Außenseiter nach, sondern als ein Akteur im geistigen Umbruch der Grundlagen der theoretischen Physik. Gestützt auf Max Planck (1858 - 1947), Einstein und Niels Bohr (1885 – 1962) sowie im Austausch mit Wolfgang Pauli (1900 – 1958) war es Heisenberg im Verlauf des Jahres 1925 gelungen, die neue Quantenmechanik des Atoms zu formulieren. Als Heisenberg am 01. Februar 1928 in der Universität Leipzig seine Antrittsvorlesung hielt, wählte er das Thema Erkenntnistheoretische Probleme der modernen Physik. Durch einige Schlaglichter auf die neue Physik begründete er die Aufgabe einer Revision von Kants Kritik der reinen Vernunft (1781). Ich möchte zunächst die Tragweite von Kants Vernunftkritik bei der Analyse des menschlichen Wissens skizzieren. Im zweiten Schritt wird besprochen, wie sich Heisenberg die Revision von Kants Theorie der Erkenntnis vorgestellt hat.

02. Kants kopernikanische Revolution

Im Sommersemester 1991 entwickelte John McDowell in seinen John-Locke-Vorlesungen in Oxford den Standpunkt, „daß Kant immer noch eine Hauptrolle bei unserer Diskussion über den Zusammenhang von Gedanke und Wirklichkeit spielen sollte“. (09; S. 27.) Obwohl es McDowell vor allem um den kritischen Kant und um die Theorie der Erkenntnis geht, ist auch der vorkritische Kant bis in die Gegenwart ein Impulsgeber der Forschung. So formulierte der junge Kant in der Schrift Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755) eine Hypothese über die Entstehung unseres Sonnensystems. Unseren Heimatplaneten betrachtete der Denker in Königsberg als einen im Innern noch immer heißen Begleiter der Sonne. In seiner Theorie des Himmels trat Kant als ein Wegbereiter der Geophysik hervor, zumal aus der Plattentektonik des 20. Jahrhunderts hervorgeht, dass die Erde im Innern hauptsächlich aus heißer und flüssiger Materie besteht. Kant begründete im Alter von 57 Jahren aber auch eine bahnbrechende Theorie der menschlichen Erkenntnis. Kippte der junge Kant die alte Annahme, dass die Erde im Innern erkaltet sei, verabschiedete der späte Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) die nicht weniger verfestigte Annahme, dass unser Wissen zuallererst von den Dingen abhänge. Bei Kant ist in seinem Werk zur Theorie der Erkenntnis zu lernen, dass im menschlichen Denken, Forschen und Handeln der Gedanke und die Wirklichkeit, das Wissen und die Dinge eine Ehe, ein Wechselspiel, ein Verhältnis eingehen. Die zentrale Maxime bei der Analyse von Wissen lautet in der Kritik der reinen Vernunft: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (09; S. 28. Fußnote 3. 04; S. 126.) Wie Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543) die Erde um die Sonne, so lässt Kant die Gegenstände um die Gedanken kreisen. Damit ist ein erkenntniskritischer Ansatz verbunden, der gegen den gesunden Menschenverstand verstößt. Völlig zu Recht erblickte Kant in seiner Analyse von Wissen eine kopernikanische Revolution. Für Kant ist unser Wissen nicht Ding, sondern Gedanke, nicht Abbild, sondern Entwurf, nicht totes Sein, sondern lebendige Sprache.

03. Wissen - ein Vermögen der Freiheit

In der Philosophie Kants wird unser Vermögen zum Begriff als ein Ausdruck unserer Freiheit entdeckt. Damit wird klargestellt, dass das Wissen von der Physik über die Chemie und Biologie bis zur Psychologie immer nur das Ergebnis unseres geistigen Handelns ist. In der Vorrede zur zweiten Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft (1787) ließ Kant keinen Zweifel daran, dass er zu einem Schlag gegen die bislang vorherrschende empiristische Tradition ausgeholt hat. In der Tat dürfte es Kant gelungen sein, einen Denkfehler in Realismus, Empirismus und Materialismus aufzuzeigen.  Der Denker in Königsberg setzte in der Theorie des Erkennens nicht auf das Ding, sondern auf das Denken, indem er ausführt: „Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte.“ (12; S. 210. 04; S. 22.) Damit ist in der Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Gegenstand, von Begriff und Anschauung auch die Sackgasse bezeichnet, die im Dialektischen Materialismus Karriere gemacht hat. Wenn Karl Marx (1818 – 1883) meinte, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, war das trotz der heutigen Popularität dieser Rede kein Geniestreich, sondern ein kapitaler Irrtum. (8; S. 503.)  Allerdings sollte ich nicht verschweigen, dass ich als Dozent des Dialektischen Materialismus in der DDR selber dem Wunderglauben huldigte, dass das Ding vor dem Denken kommt. Völlig richtig an der These von Marx ist, dass das Bewusstsein und das Wissen der Menschen gesellschaftliche Phänomene sind. Aber meines Erachtens ändert das nichts daran, dass Kant im Zuge einer geistigen Revolution erkannt hat, dass nicht das Sein das Bewusstsein bestimmt, wenn wir nach der Anatomie des Wissens fragen, sondern dass unser Bewusstsein das Sein und seine Wahrnehmung bestimmt. Alles Seiende – von unserem Leib bis zur Sonne - kann nur durch unser Bewusstsein zur Sprache kommen. Der Mensch ist kein sprachlos Seiendes, sondern das alleinige Seiende im Kosmos, das durch den Willen und durch das Vermögen zur Sprache und damit zur Freiheit des Verstehens begabt ist.

04. Priorität des Gedankens gegenüber dem Gegenstand

Der neue Denkansatz in der Frage des Wissens, den Kant mit Wucht vorschlug, lautet schlicht und einfach: „Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten“. (12; 210; 04; S. 22.) Nicht der Gegenstand der Anschauung bestimmt die Bildung von Erkenntnis oder von Wissen, wie es beispielsweise John Locke (1632 – 1704) angenommen hat, sondern der Begriff und die immer auch durch Theorie getragene Sprache der Menschen. Kant setzt auf das Subjekt und er setzt auf den Raum der Begriffe, um mit John McDowell zu sprechen. Kant stellt mit Nachdruck heraus, dass der Begriff darüber entscheidet, wie wir einen Gegenstand sehen und beschreiben und über ihn reden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, aber Anschauungen ohne Begriffe taugen nichts, weil sie blind sind. In den Gedanken kommt dann aber auch das Seiende als Gedanken-Inhalt zur Sprache und wird zur geistigen Wirklichkeit. Wird unter der Voraussetzung des Subjekts und der Sprache davon gesprochen, dass das Sein unser Bewusstsein bestimme und gestalte, dann ist die Rede über die seinslogische Bestimmtheit des Wissen kein Unsinn. Jedoch ist das Wissen nicht einfach ein Abbild der Dinge, wie von Friedrich Engels (1820 – 1895) und Wladimir Iljitsch Lenin (1870 – 1924) bei der Diskussion über den Zusammenhang von Gedanke und Wirklichkeit unbeirrt und in Abkehr von der Denkleistung Kants behauptet worden ist. Vielmehr ist das menschliche Wissen immer ein Entwurf, ein gedankliches Gebilde, eine Wirklichkeit im Raum der Begriffe, durch die wir die Erfahrung des Gegenstandes ordnen und im Dialog mit den anderen Menschen zur Sprache bringen. In und mit unserem Wissen übersteigen, überschreiten, transzendieren wir das Wirkliche.

05. Transzendieren heißt Überschreiten

Seine Philosophie der Erkenntnis bezeichnet Kant mit Stolz als „Transzendental-Philosophie“. Der Analytiker der begrifflichen Konstitution des Wissens führt in der Kritik der reinen Vernunft aus: „Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unseren Begriffen a priori von Gegenständen überhaupt beschäftigt.“ (04; S. 82.) Kurzum, der Hauptinhalt der kritischen Philosophie erwächst aus einer Revolution der Denkungsart weg vom dialektischen Materialismus, der in der Frage des menschlichen Wissens alles andere als dialektisch ist. Die Sichtweise des Materialismus speziell von Lenin ist deshalb nicht dialektisch, weil das Ding über den Gedanken gestellt und die Freiheit des menschlichen Denkens und Handelns aus den Augen verloren wird. Das passiert deshalb, weil durch den Kult der Materie das Subjekt mit seiner Sprache, seinen Begriffen, seinen gedanklichen Perspektiven, seinen intellektuellen Entscheidungen und seiner Praxis geradezu geistlos unter den Tisch fallen gelassen wird. So sehr sich Lenin in den guten Bibliotheken der Schweiz für die Elektrodynamik Einsteins mit dem Verzicht auf den Ätherbegriff, für die Deutung des lichtelektrischen Effekts durch Einstein mit dem Begriff der Photonen und für dessen Theorie der Gravitation mit der Idee der Raumkrümmung interessiert hat, so wenig durchschaute der russische Sozialist im Unterschied zu Eduard Bernstein (1850 – 1932) die Tragweite von Kants Kritik der reinen Vernunft. (05) Insofern sind die erkenntnistheoretischen Irrungen und Wirrungen in Marxismus und Leninismus kein schlechtes Exempel für die folgende Einsicht der John-Locke-Vorlesung von 1991 in Oxford: Soll eine Philosophie der Physik gelingen, dann sollte – wie John McDowell in seinem Bestseller über Geist und Welt (2001) ausführt - Kant immer noch eine Hauptrolle bei unserer Diskussion über den Zusammenhang von Gedanke und Wirklichkeit spielen

06. Mach' den alten Herrn Kant nicht so schlecht

Sein Studium der Physik begann Heisenberg 1920 in München in einer geistigen Epoche der Naturforschung, in der sich die menschliche Vorstellung von Raum und Zeit, von Begriff und Anschauung, von Mathematik und Erfahrung im Vergleich zur Epoche der klassischen Mechanik Newtons erheblich verändert hatte. Dadurch ging die kritische Philosophie Kants keineswegs zu Bruch, aber es entstanden in den Kreisen der Physiker völlig zu Recht erhebliche Zweifel an der Tragweite von Kants Theorie der Erkenntnis mit den Begriffen a priori, also mit den Begriffen, die in der Forschung der Erfahrung vorausgehen. Ausgerechnet der hochbegabte Carl Friedrich von Weizsäcker (1912 – 2007) durchlebte die Qualen des Zweifels, während er als Gymnasiast in Berlin die Kritik der reinen Vernunft von Kant zu studieren begann. Der Schüler, Freund und Kollege Heisenbergs berichtete im Interview in Rückschau auf die Zeitmarke von etwa 1927 von einem Brief an Heisenberg: „Ich erinnere mich, als ich vielleicht im Alter von 15 Jahren zum ersten mal die 'Kritik der reinen Vernunft' las, schrieb ich ihm: 'Das stimmt doch alles gar nicht, was Kant da schreibt!' Er antwortete mir: 'Mach mir den alten Herrn Kant nicht so schlecht, hast Du ihn überhaupt verstanden?' Also er nahm das ernst.“ (07; S. 63.) Zweierlei wird sichtbar: Heisenbergs Einstellung war offenbar die, dass der Zweifel an speziellen naturphilosophischen Ideen von Kant keinesfalls die Vernachlässigung des Studiums der kritischen Schriften des Königsberger Denkers rechtfertigt. Im Gegenteil sollte das Verhältnis von Begriff und Anschauung mit Blick auf die Gravitations- und Quantentheorie zu Beginn der 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts neu durchdacht werden. Der alte Herr Kant musste also neu und gründlich studiert werden. Heisenberg zählt zu den Naturforschern, denen das bewusst wurde. Der Physiker aus der Schule von Arnold Sommerfeld (1868 – 1951) fand im September 1925 die gültige Formulierung der Quantenmechanik des Atoms und entdeckte im Frühjahr 1927 die Unschärferelation, womit sich herausstellte, dass die Sprache der klassischen Mechanik nicht ausreicht, um das Geschehen in der Welt der Atome begrifflich zu beschreiben. Um zu berechnen, wie sich ein Elektron im Wasserstoffatom verhält, musste eine völlig ungewohnte Art und Weise der mathematischen Beschreibung erarbeitet werden. Durch seine Recherchen in der Korrespondenz und im Nachlass von Heisenberg fand David Cassidy heraus, dass das Nachdenken des späteren Physikers über philosophische Fragen nicht erst 1920 mit dem Beginn des Studiums zur Gewohnheit geworden ist, sondern bereits in seiner Gymnasialzeit. Cassidy fand Hinweise, dass sich Heisenberg für seinen von Mai bis September 1918 in Miesbach absolvierten bäuerlichen Hilfsdienst „eine von Kants Kritiken mitgenommen“ hat. (01; S. 56.) Obwohl die körperliche Arbeit schwer war und an eine ungestörte Lektüre gar nicht zu denken war, ist es aufschlussreich, dass sich Heisenberg bereits im Alter von 16 Jahren aus der Kritik-Trilogie angefangen von der Kritik der reinen Vernunft (1781) über die Kritik der praktischen Vernunft (1788) bis zur Kritik der Urteilskraft (1790) ein Werk herausgegriffen hat.

07. Heisenbergs Privatphilosophie geborgen

Für jeden, der sich für das frühe Philosophieren Heisenbergs interessiert, brachte die Edition der Gesammelten Werke des Physikers eine Sensation mit sich: Sowohl der Vortrag über Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen Physik (1928) als auch das Manuskript über Ordnung der Wirklichkeit (1942/43) wurden erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Beide Texte Heisenbergs aus der Leipziger Professorenzeit (1927 – 1942) bildeten einen erfreulichen Schritt bei der Bergung von Heisenbergs Privatphilosophie. Der Text zur Theorie der Erkenntnis und zu Kant sowie der Text zu den Schichten des Wirklichen im Dialog mit Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) ermöglichen zusammen mit den zu Lebzeiten veröffentlichten populären Vorträgen eine wichtige personale Einsicht zu Heisenberg: Für den Entdecker der Unschärferelation des Jahres 1927 war ein freiheitliches Philosophieren nicht nur in der Weimarer Republik, sondern auch in den Jahren der NS-Diktatur eine geistige Artikulationsform, die ihm ebenso bedeutsam war wie das tägliche Klavierspiel. Diese geistige Passion ließ sich der Physiker selbst in der Zeitphase seines Wirkens als Theoriechef im deutschen Programm zum Bau von Atomwaffen unter  Adolf Hitler (1889 – 1945) und Albert Speer (1905 – 1981) nicht nehmen. Leider ist den Editoren der Gesammelten Werke gleich bei dem ersten Text zur Philosophie aus der Leipziger Schaffensphase ein Schnitzer unterlaufen. Den Vortrag über Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen Physik verorteten sie einfach nur als einen Vortrag vor Philosophen. Fast klingt es so, als hätte es sich um einen Vortrag mit einigen Philosophen irgendwo in einem Hinterzimmer der Wissenschaft gehandelt. Doch dieser Eindruck trügt. Auch David Cassidy schreibt leider nur vage von einem „nicht veröffentlichten Vortrag vor den Leipziger Kollegen“. (01; S. 317.)  Bei etwas genaueren Nachforschungen im Universitätsarchiv in Leipzig ist jedoch zu entdecken, dass der erwähnte Vortrag über Philosophie und Physik für Heisenberg nicht weniger als seine Antrittsvorlesung an der Universität Leipzig als Professor für theoretische Physik war.

08. Ein Zeugnis vom Geist der Radioleute

Als ich im Jahr 1991 am Philosophischen Institut in Leipzig ein Seminar zu Heisenbergs Manuskript Ordnung der Wirklichkeit durchführte, recherchierte ich im Archiv der Universität. Dabei stieß ich auf ein Schreiben der Mitteldeutschen-Rundfunk-A. - G. von Anfang 1928. Die Radioleute fragten beim Rektor der Universität Erich Julius Adolf Bethe (1863 – 1940) höflich an, ob „die Antrittsvorlesung des Herrn Prof. Dr. Heisenberg über 'Erkenntnistheoretische Probleme der modernen Physik' am Mittwoch den 1. Februar von 12 bis 1 Uhr auf unserem Sender durchgegeben werden darf“. Der Vertreter des Senders teilte mit: „Die hierzu notwendige Apparatur liegt bereits in die Aula der Universität hinein.“ (06; S. 8.) Heisenberg hielt seinen Vortrag also nicht vor einem kleinen Kreis von Philosophen. Vielmehr sprach der durch die Formulierung der Quantenmechanik und die Entdeckung der Unschärferelation bereits berühmte junge Naturforscher vor den Kollegen aller Fakultäten. Das war in der Weimarer Republik nicht ungewöhnlich. Immerhin war bereits Einstein sogar in den Spalten der Berliner Illustrierten als „eine neue Größe der Weltgeschichte“ und als Forscherpersönlichkeit vom Range eines Kopernikus gefeiert worden. (02; S. 116/117.) Das Schreiben an Rektor Bethe ist mit dem Namen „Jaeger“ unterzeichnet. Der Brief des Radiomannes dokumentiert, dass der Leipziger Sender von Anbeginn mit Geist und mit Sinn für Neues in der Wissenschaft begabt war. Auch wenn die Technik in der Aula bereits aufgebaut war, gab Heisenberg den Rundfunkleuten einen Korb. Er informierte den Rektor, dass er mit dem Mitteldeutschen Rundfunk telefoniert habe und zu dem Ergebnis gelangt sei, dass sich „die Vorlesung zu einer solchen Verbreitung nicht eignen würde“. (06; S. 8.)               

09. Neuanfang in der Kant-Lektüre wagen

Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass Heisenberg in seiner Vorlesung bereit war, wie David Cassidy formuliert, „gegen beinahe alles aus Kants Erkenntnislehre“ anzutreten, auf das sich die klassische Physik im wesentlichen stützt." Es trifft zu, dass Heisenberg erzählte, „die Relativitäts- und die Quantentheorie seien eine Herausforderung an die Behauptung Kants, daß Raum, Zeit und eben auch Kausalität sogenannte synthetische Urteile a priori seien und deshalb eine geeignete Basis für die Erschaffung einer rationalen, objektiven Naturwissenschaft darstellten“. (01; S. 318.) Es ist richtig, dass es nicht nur den Raum der euklidischen Geometrie, sondern auch die durch Schwerkraft gekrümmten Flächen gibt. Zu bedenken ist, dass die Lichtgeschwindigkeit eine hohe, aber endliche Signalgeschwindigkeit ist. Die eindeutige Definition ortsunabhängiger Gleichzeitigkeit ist unmöglich. (11; S. 162.)  

Es gibt in der Natur nicht nur linear verfasste Gesetze, sondern es gibt vor allem statistische Gesetze. Die Quantenphysik erlaubt keine absolut sicheren Prognosen, sondern sie spielt im Reich des Möglichen. Heisenberg spricht in seiner Vorlesung eine Reihe dieser Einsichten durch, woraus er aber nicht schließt, dass Kants Kritik der reinen Vernunft für immer zuzuklappen sei. Der junge Professor argumentiert in Leipzig 1928 wie John McDowell 1991 in Oxford: Kant sollte immer noch eine Hauptrolle bei unserer Diskussion über den Zusammenhang von Gedanke und Wirklichkeit spielen. Heisenberg schlägt eine Revision vor, aber kein Wegwerfen der Theorie der Erkenntnis Kants. Ihm liegt an einem Neuanfang in der Kant-Lektüre. Er spricht über die „sehr schwere Aufgabe, noch einmal das Kantsche Grundproblem der Erkenntnistheorie aufzurollen“ und „sozusagen von vorne anzufangen“. An die Geisteswissenschaftler im Auditorium gewandt sagte Heisenberg: „Doch dieses ist Ihre Aufgabe, nicht die der Naturwissenschaftler, die nur Material liefern sollen, mit dem Sie weiterarbeiten können.“ (01; S. 318.)   

10. Ein Leipziger Ausblick

Wer nach einem Werk fahndet, in dem das Kantsche Grundproblem der Erkenntnis noch einmal aufgerollt wird, sollte sich mit Hegel vertraut machen. In seiner Phänomenologie des Geistes (1807) stellte sich Hegel auf eigene und originelle Weise auf den Boden der Kritik der reinen Vernunft (1781). Ihm liegt daran, die – wie er sagt - spekulative und also denkerische „Anstrengung des Begriffs“ so zu kultivieren, dass sie gerade auch mit dem bereits zu seinen Lebzeiten einsetzenden Hinausgehen der Physik über die klassische Mechanik konform geht. Stellt Heisenberg in seiner Antrittsvorlesung von 1928 die Frage nach dem Verhältnis der kritischen Ansätze von Kant und Einstein, antwortet Pirmin Stekeler von der Universität Leipzig in seinem Dialogischen Kommentar zur Phänomenologie (2014) mit einem Hinweis auf das Gemeinsame: „Das Relative der Relativitätstheorie besteht … ähnlich wie das Kritische in der Transzendentalphilosophie Kants gerade in der expliziten Anerkennung der Perspektivität von Messungen, Erfahrungen, Maßzahlen“. (11; S. 149.) Bereits Hegel liegt an einer geistvollen Revision Kants, die es noch immer zu durchdenken gilt. Die Phänomenologie Hegels leistet eine kritische Sichtung der Fundamente der Vernunftkritik, um gerade auch in dieser Kathedrale philosophischen Wissens neue Räume und Schätze aufzuzeigen.    

22. Januar 2026

 

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Literatur

(01)

Cassidy, David C.: Werner Heisenberg. Leben und Werk. Aus dem Amerikanischen von Andreas und Gisela Kleinert. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg – Berlin – Oxford 1995. 

(02)

Grundmann, Siegfried: Einsteins Akte. Einsteins Jahre in Deutschland aus der Sicht der deutschen Politik. Springer-Verlag Berlin-Heidelberg 1998.

(03)

Heisenberg, Werner: Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen Physik. In: Werner Heisenberg – Gesammelte Werke – Serie C: Allgemeinverständliche Schriften. Herausgeber Walter Blum, Hans-Peter Dürr, Helmut Rechenberg. Band 1: Physik und Erkenntnis 1927 - 1955. Piper München. Springer-Verlag Berlin – Heidelberg – New York – Tokio.  

(04)

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Ehemalige Kehrbachsche Ausgabe. Herausgegeben von Raymund Schmidt. Nachwort von Helmut Seidel. Sachregister von Theodor Valentiner. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1979.

(05)

Lindner, Konrad: Was Lenin von Einstein wußte … In: wissenschaft und fortschritt. Heft 4. Akademie der Wissenschaften der DDR 1988. S. 98 – 101.

(06)

Lindner, Konrad: Konferenzbericht. Werner Heisenberg zum Neunzigsten. In: Universität Leipzig. Januar 1992. Ausgabe 1/92.

(07)

Lindner, Konrad: Carl Friedrich von Weizsäckers Wanderung ins Atomzeitalter. Ein dialogisches Selbstporträt. mentis Verlag GmbH Paderborn 2002.

(08)

Marx, Karl: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort. In: Karl Marx. Friedrich Engels. Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band II. Dietz Verlag Berlin 1987.

(09)

McDowell, John: Geist und Welt. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2001.

(10)

Scheibe, Erhard: Die Kopenhagener Schule. In: Klassiker der Naturphilosophie. Von den Vorsokratikern bis zur Kopenhagener Schule. Herausgegeben von Gernot Böhme. Verlag C. H. Beck, München 1989. S. 374 – 392.

(11)

Stekeler, Pirmin: Hegels Phänomenologie des Geistes. Ein dialogischer Kommentar. Band 1: Gewissheit und Vernunft. Felix Meiner Verlag Hamburg 2024.

(12)

Wolters, Gereon: Immanuel Kant (1724 – 1804). In: Klassiker der Naturphilosophie. Von den Vorsokratikern bis zur Kopenhagener Schule. Herausgegeben von Gernot Böhme. Verlag C. H. Beck, München 1989. S. 203 – 219.

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Bundesarchiv Bild183-R57262, Werner Heisenberg, 1933, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 de; Immanuel Kant - Gemaelde 1, 1768, Urheber: Johann Gottlieb Becker via Wikimedia Commons Gemeinfrei; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

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