Leipzig-Lese

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Ein Buch, das zu Herzen geht

Klinikclown Knuddel erinnert an die vielen Kindern und Jugendlichen, die er begleiten durfte, und in seinen Geschichten lässt er ihr Wesen und ihre Persönlichkeit nochmals aufleben. Geschichten über die Liebe und einen Clown im Sterbezimmer.

Der Spiritus familiaris in Leipzig

Der Spiritus familiaris in Leipzig

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts lebte in Leipzig ein Mann, dem man den Beinamen Scheide-Wasser-Hans gegeben hatte, weil er sich gewöhnlich bei den Kupferstechern aufzuhalten und dort seinen Unterhalt durch Dienste fand, die er leistete. Dieser kam nun eines Tages zu einem Künstler, der lange Jahre darüber nachgesonnen hatte, wie er den Namen eines Adepten mit gutem Grund erlangen könnte. Weil er nach dem gewöhnlichen Sprichwort die teure Venus wenig achtete, wenn er nur den lieben Vucanos zu seinem Schwager haben konnte, so machte er besagten Hans zu seinem Handlanger oder vielmehr zu einer Missgeburt von einer Vestalischen Jungfrau, damit er ihm sein Feuer beständig in Brand erhalten möchte. Eines Tages musste der Künstler wegen dringender Geschäfte sein Laboratorium verlassen, da er eben eine gewisse Materie in einer wohl lutierten* Phiole auf dem Sandfeuer hatte. Als er wegging sagte er zu seinem getreuen Feuer-Achates: „Hans, gib wohl acht auf das Feuer und fürchte dich nicht, wenn dich etwas im Laboratorium besuchen sollte, der kann dir kein Schaden tun.“

Dieser wußte nicht, was er für eine Antwort geben sollte, blieb aber, dem Befehl des Dienstherrn gehorsam, im Laboratorium eingeschlossen, obwohl er gern fortgegangen wäre. Er wartete auf die Dinge, die da kommen sollten, freilich nicht, ohne eine gewisse Angst zu empfinden. Es dauerte auch nicht lange, da sah er durch die verschlossene Türe eine große Katze zu sich kommen, die so seltsame Sprünge vor ihm her machte, die wohl kein sechzig jähriger Tanzmeister kreieren würde. Die Katze verfügte sich nach langem Herumschwärmen in die lutierte Phiole hinein, ohne diese zu öffnen. Darüber verwunderte sich Hans höchlich, dass das Tier sich aus freien Stücken in einen Narrenkasten einschloss. Bald darauf verlor das Tier seine Katzengestalt und verwandelte sich in einen kleinen Wurm, der sich im Feuernest versteckte.

Da kam aber endlich der Künstler nach Hause. Hans erzählte ihm, was sich zugetragen hatte. Er rief freudig aus: „Nun habe ich den Schelm gefangen, nach dem ich lange Zeit getrachtet habe!“


* Lutein: gelber Farbstoff in Blättern von Pflanzen und im Eidotter

Bildnachweis

Kopfbild Urheberin: Ursula Brekle

Quelle

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