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Hans-Jürgen Malles
Kennst du Friedrich Hölderlin?

Seine Werke gehört neben denen Goethes und Schillers zu den bedeutendsten der deutschen Klassik, auch wenn sein Leben im Wahnsinn endete. Eine Hinführung zum Verständnis von Hölderlins Persönlichkeit und Werk bietet Deutschlehrer Malles hier. Der Leser erhält Einblicke in ein facettenreiches Leben voller Höhen und Tiefen und darf teilhaben an Hölderlins Begeisterung für die Französische Revolution und die griechische Antike. Auch die Liebe zu Susette Gontard soll nicht unerwähnt bleiben.

Das Ebenbild

Das Ebenbild

Gotthold Ephraim Lessing

Gotthold Ephraim Lessing. Gemälde von Anna Rosina de Gasc (Lisiewska), 1767/1768.
Gotthold Ephraim Lessing. Gemälde von Anna Rosina de Gasc (Lisiewska), 1767/1768.

Ein gewisser Mensch wollte sich malen lassen. Ein jeder will einmal in seinem Leben gemalet sein. Es ist der Eigenliebe eigentümlich, dass sie Ebenbilder liebt. Diese Kunst, welche uns abmalet, scheinet uns auch zu vervielfältigen. Das ist nicht unsere einzige Torheit. Als das Ebenbild fertig war, wollte unser Mann das Urteil seiner Freunde, in der Malerei erfahrener Leute, darüber vernehmen. „Betrachtet es“, sagte er, „und seht, ob ich getroffen bin und ob es meine Gestalt ist.“

„Gut“, sagte der eine, „man hat Euch schwarz gemalt, und Ihr seid doch weiß!“ -- Der andere sprach: „Was für ein verdrehtes Maul!“ – „Die Nase steht nicht am rechten Orte“, setzte ein dritter hinzu. „Ich möchte wohl wissen, ob Ihr solche kleine und finstre Augen habt? Und wozu dienen denn diese Schatten? Kurz, Ihr seid es nicht, es muss ganz anders gemalet werden!“

Der Maler schreit vergebens dawider; umsonst ärgert er sich. Auf diesen Ratschluss muss er wieder anfangen zu malen. Er arbeitet und verbessert; es gelingt nach seinen genommenen Maßregeln, und er wollte dieses Mal sein ganzes Vermögen draufsetzen, dass es vollkommen getroffen wäre, Die Kenner werden wieder zusammen berufen, und sie verdammen noch einmal das ganze Stück. „Das Gesicht“, heißt es, „ist zu lang, die Backen sind eingefallen, die Haut ist runzlig; Ihr seid schmutzig und wie ein Mann von sechzig Jahren gemalt, und ohne Schmeichelei, Ihr seid jung und schön.“

Der Schwarm dieser Kunstverständigen versammelte sich den Tag darauf wieder. Der Maler zeigte ihnen das Bild ein wenig von ferne und sagte: „Nun, gefällt Euch dieses besser? Was dünkt Euch? Wenigstens habe ich den Kopf von neuem mit großem Fleiß gemalt!“ „Warum lasst Ihr uns wieder rufen?“ sagten diese. „Warum zeigt Ihr uns diesen unausgearbeiteten Entwurf noch einmal? Wenn wir es aufrichtig sagen sollen: er ist es ganz und gar nicht; Ihr habt es noch schlimmer gemacht!“

„Ihr irret Euch, meine Herren!“ sprach der Kopf. „Ich bin es selbst.“

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