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Lustige, spannende, fantasievolle Märchen über Zwerge, den Zauberer Krabat und den Müllergesellen Pumphut sind hier versammelt.

Die Verleger- und Buchhändlerdynastie RECLAM

Die Verleger- und Buchhändlerdynastie RECLAM

Alfred E. Otto Paul

Leipziger Geschäftshaus des Reclam-Verlages. (1)
Leipziger Geschäftshaus des Reclam-Verlages. (1)

Der Name Reclam ist untrennbar mit der Buchstadt Leipzig verbunden, da die nunmehr bereits über 200jährige, äußerst erfolgreiche Geschichte der Reclam-Buchhändler hier ihren Anfang nimmt.


Die Wurzeln dieser hugenottischen Reclam-Familie liegen in Savoyen.
Als der französische König Ludwig XIV. Im Oktober 1685 durch sein Edikt von Fontainebleau das von seinem königlichen Vorgänger König Henri IV. Im Jahre 1598 erlassene Edikt von Nantes widerruft, verlieren die Reclams wie alle Hugenotten neben ihren einst verbrieften Recht der freien religiösen Glaubensausübung auch ihre bürgerlichen Privilegien.
So kommt es zu einem Exodus von hunderttausenden Hugenotten, die in den Niederlanden, in der Schweiz und besonders auch in Brandenburg-Preußen eine neue Heimat finden. Nachdem sich die Vorfahren der Verlegerfamilie zunächst in der Schweiz niederlassen, führt sie die Suche nach einer geeigneten künftigen Heimat anschließend dann im 18. Jahrhundert über Dublin nach Magdeburg, später nach Berlin.
Beruflich bleiben die Reclams in diesem Jahrhundert ihrer Tradition als Kaufleute, Edelsteinhändler, Goldschmiede, Maler, Prediger verbunden.

Anton Philipp Reclam, ca. 1830.(2)
Anton Philipp Reclam, ca. 1830.(2)

Der 1772 in Berlin geborene Charles Henri Reclam, dessen Vater noch als Königlich-Preußischer Hofjuwelier unter Friedrich II. gewirkt hat, durchbricht erstmals die berufliche Familientradition, um eine Lehre in der Buchhandlung von Campe in Braunschweig zu machen. Dort heiratet er dann auch Wilhelmine Campe, eine Nichte des Verlegers.

Im Jahre 1802 begibt sich Charles Henri Reclam in die Buchstadt Leipzig, wo er in gleichem Jahr eine Buchhandlung für französische Literatur eröffnet.
Seinen 1807 in Leipzig geborenen Sohn Antoine Philippe Reclam lässt er ab 1823 in Braunschweig bei dessen Onkel Friedrich Vieweg in einer fünfjährigen Lehre solide zum Buchhändler und Buchdrucker ausbilden.
Nachdem Antoine Philippe Reclam* 1828 wieder nach Leipzig zurückkehrt, erwirbt er als 21jähriger junger Mann das Beygang‘sche „Literarische Museum“, eine Leihbibliothek in der Grimmaischen Straße, für 3 000 Taler, die er sich vom Vater geliehen hat.

Schon im gleichen Jahr gründet er hier auch den „Verlag des Literarischen Museums“, den er später, im Jahre 1817, zum Verlag „Anton Philipp Reclam jun.“ umwandelt. Mit dem Erwerb der Haack‘schen Druckerei weitet sich seine Unternehmung immer mehr aus und die eindrucksvolle Unternehmensgeschichte von „Anton Philipp Reclam jun.“ nimmt ihren Anfang.

Einige Jahre zuvor, 1832, erwirbt der Vater Carl Heinrich Reclam, wie er sich nun nennt, auf dem jahrhundertealten Leipziger Johanniskirchhof in deren V. Abteilung das Erbbegräbnis No. 51. Als er 1844 stirbt, wird er hier beerdigt.

Eigenartigerweise gehört der Sohn Anton Philipp Reclam nicht zu den Erben dieses familiären Erbbegräbnisses. Die Grabstätte gelangt durch testamentarische Verfügung des Vaters in den Besitz seiner Schwester Cäcilie sowie seiner Brüder Alexander und Carl Heinrich.

Als im November 1865 Anton Philipp Reclams Eehefrau Augustine Susanne geb. Baumann wenige Wochen vor ihrem 47. Geburtstag stirbt, wird sie nicht in diesem Erbbegräbnis der Familie Reclam auf dem Johanniskirchhof beerdigt, sondern im schlichten Reihengrab No. 16 in der Reihe N der dritten Gruppe der 1. Abteilung des Neuen Johannisfriedhofes…
Erst viele Jahre später, am 31. Mai 1888, erwirbt der Sohn und Nachfolger von Anton Philipp Reclam der Buchhändler und Kommerzienrat Hans Heinrich Reclam gemeinsam mit seiner Ehefrau Hedwig Ottilie geb. Sachse für 900 Goldmark die Wandstelle No. 58 in der IX. Abteilung des Neuen Johannisfriedhofes auf einhundert Jahre.

Hans Heinrich Reclam, ca. 1900.(3)
Hans Heinrich Reclam, ca. 1900.(3)

Im August 1888 beantragt Hans Heinrich Reclam die Errichtung der Wandstellenarchitektur nach einem Entwurf des namhaften Leipziger Architekten Max Bösenberg. Die Ausführung erfolgt in den folgenden Wochen, die Fertigstellung der Baulichkeit ist für den 3. Januar 1889 vermerkt.
Die Wandstellenachitektur ist schlicht, ohne Anspruch auf besondere Repräsentation gestaltet und entspricht offenbar der Forderung des Auftraggebers. Ein flächig aufgeführtes, aus Naturstein bestehendes Zyklopenmauerwerk wird beidseitig durch sandsteinerne Eckquader eingefasst und mit sandsteinernem Gesims abgedeckt.
Mittig findet sich eine quer rechteckige, durch bronzene Dübel befestigte Schriftplatte aus schwarz schwedischen Granit mit der großbuchstabigen Inschrift RECLAM. Wie üblich, erfolgt die Umfassung der Grabstätte durch ein eisernes Gitter.
Offenbar ist der Erwerb dieser Begräbnisstätte, wie so oft, durch einen absehbaren Todesfall in der Familie begründet, denn bereits am 9. Juli 1888 wird der knapp 30jährig gestorbene Neffe Emil Sachse hier beerdigt.

Ein Jahr später, im Oktober 1889, wird der im Alter von erst 11 Jahren gestorbene Karl Otto Reclam, der Sohn des Geheimen Kommerzienrates Hans Heinrich Reclam, in der Grabstätte beerdigt.
Damit enden die Leipziger Begräbnisse der Familie Reclam, denn es findet nachfolgend eine deutliche Zäsur im Bestattungsritual der Familie Reclam statt.

 Medaille (Bijou) von 1766 der Freimaurerloge Minerva zu den drei Palmen in Leipzig, Vorderseite. (4)
Medaille (Bijou) von 1766 der Freimaurerloge Minerva zu den drei Palmen in Leipzig, Vorderseite. (4)

Um diese zu verstehen, müssen wir an den beeindruckenden Fortschrittsglauben eines Anton Philipp Reclam erinnern, auf den hier näher einzugehen, uns leider der Raum fehlt.
Aber die Tatsache, dass alle prägenden Persönlichkeiten der Buchhändlerfamilie Reclam – Carl Heinrich, sein Sohn Anton Philipp und auch dessen Sohn Hans Heinrich – Mitglieder der Leipziger Freimaurerloge „Minerva zu den drei Palmen“ sind und Anton Philipp Reclams Bruder, der Mediziner Prof. Dr. Carl Heinrich Reclam**, zu den bedeutendsten Wegbereitern der Feuerbestattung in Deutschland zählt, begründet die künftige Wahl der Feuerbestattung innerhalb der Familie Reclam.

Als der Prof. Dr. Carl Heinrich Reclam am 6. März 1887 im Alter von 65 Jahren in Leipzig stirbt, wird sein Leichnam nach Gotha gebracht, in das dort seit 1878 bestehende, einzige Krematorium Deutschlands. Hier wird der Tote am 10. März 1887 feuerbestattet. Seine hinterlassene Witwe Marie Reclam, geb. Sachse stirbt im November 1894 und auch sie wird am 19. November 1894 vormittags 11 ½ Uhr in Gotha feuerbestattet.
Und auch der Leichnam des berühmten am 5. Januar 1896 im Alter von 88 Jahren gestorbenen Verlegers Anton Philipp Reclam wird am 10. Januar 1896 mittags 12 ½ Uhr im Gothaer Krematorium eingeäschert. Alle drei Urnen mit der Asche der vorgenannten Reclams verbringt man in das prächtige Kolumbarium des Gothaer Friedhofes.

Die Ursache dafür, die Aschurnen dieser Verstorbenen nicht in deren eigener Familiengrabstätte auf dem Neuen Johannisfriedhof beizusetzen, findet sich im Widerstand entsprechender feuerbestattungsfeindlicher Kreise im Königreich Sachsen. Erst die gesetzlich geregelte Einführung der Feuerbestattung in Sachsen vom 29. Mai 1906 schafft, wenngleich äußerst zögerlich, hierzu die notwendige Akzeptanz und praktische Möglichkeit.

Obwohl die Familie Reclam ja seit 1888 das Erbbegräbnis No. 58 in der IX. Abteilung des Neuen Johannisfriedhofes besitzt, hält sich der Ahnenkult sehr in Grenzen. Das zeigt sich darin, dass man sich nicht sonderlich um die künftige Bewahrung der sterblichen Überreste bereits dahin geschiedener Familienmitglieder bemüht.
Das Erbbegräbnis der Familie auf dem bereits 1883 geschlossenen Johanniskirchhof wird nie angetastet, und letztlich wird die Grabstätte später von der Buchdruckerschule überbaut, ohne vorher die Gebeine von Carl Heinrich Reclam und seiner Ehefrau umgebettet zu haben.

Eine Ausnahme gilt im Jahre 1910 der früh verstorbenen Ehefrau des Anton Philipp Reclam, Augustine Susanne Reclam, geb. Baumann, am 10. November 1910 beantragt der Geheime Kommerzienrat Hans Heinrich Reclam die Exhumierung seiner 1865 beerdigten Mutter aus dem Reihengrab des Neuen Johannisfriedhofes und die Überführung ihrer sterblichen Überreste in das familiäre Erbbegräbnis...

Als der Geheime Kommerzienrat Hans Heinrich Reclam Ende März 1920 stirbt, wird sein Leichnam im seit 1910 bestehenden Krematorium des Leipziger Südfriedhofes eingeäschert und seine Ascheurne in eine Nische des dortigen Kolombariums eingestellt.

Der Sarkophag auf der Urnengruft der Reclam-Grabanlage.(5)
Der Sarkophag auf der Urnengruft der Reclam-Grabanlage.(5)


Einige Monate später, im Juli 1920, entschließt sich der Sohn Dr. Ernst Reclam zur Errichtung einer Urnengruft in der Familiengrabstätte auf dem Neuen Johannisfriedhof.
Die ursprünglich geplante, ein Meter tiefe Urnengruft, die mit einem steinernen Sarkophag oberirdisch überbaut werden soll, wird zwar vom Friedhofsamt genehmigt, allerdings mit dem Verweis, dass künftige Erdbestattungen dann in der Grabstätte nicht mehr zulässig sind, weil bei Erdbestattungen zwangsläufig der Baukörper der Urnengruft unterfahren wird.
So beantragt der beauftragte Architekt Alfons Berger schließlich die Ausführung dieser Urnengruft, und zwar bis in eine Tiefe von drei Metern, um künftig auch eine Doppelbelegung der jeweils zwei daneben befindlichen Gräber für Erdbestattungen zu ermöglichen. Dementsprechend wird im Herbst 1920 die Urnengruft mit einer Tiefe von drei Metern gebaut, und der darüber befindliche steinerne Sarkophag aus rotem Rochlitzer Porphyr vom Leipziger Bildhauer Wil Howard gefertigt.
Der klassizistische Sarkophag ist mit einem akroteriengeschmückten, gewölbten Deckel verschlossen, an dessen Front sich ein Halbstern zeigt. Frontal ist der Sarkophag geschmückt mit dem erhaben ausgearbeiteten Wappen der Familie Reclam, auf dessen Spruchband wir den Wahlspruch „Veilez sans peur“ - „Wachet ohne Furcht“ lesen. In den flankierenden Ecken des Sarkophages finden sich trauernde Putti, einen Schleier in der Linken haltend…

Nach Fertigstellung der Urnengruft werden am 07. Dezember 1920 die Urnen mit der Asche von Prof. Carl Heinrich Reclam und dessen Ehefrau Marie Reclam sowie von Anton Philipp Reclam aus dem Kolombarium Gotha nach Leipzig überführt, um sie gemeinsam mit der bisher im Kolumbarium des Südfreidhofes befindlichen Ascheurnen von Hans Heinrich Reclam am gleichen Tage hier in der Urnengruft feierlich beizusetzen.

Nachdem die Witwe des Geheimen Kommerzienrates Hans Heinrich Reclam, Hedwig Ottilie Reclam, hochbetagt im April 1940 stirbt, birgt diese Gruft auch ihre Ascheurne. Drei Jahre später stirbt Hans Emil Reclam, auch dessen Asche wird hier im April 1943 beigesetzt. Es ist der letzte Reclam, der in dieser Familiengrabstätte auf dem Neuen Johannisfriedhof seine Ruhestätte findet.

Zerstörte Leichenhalle und beschädigte Trauerkapelle auf dem Neuen Johannisfriedhof Leipzig 1946.(6)
Zerstörte Leichenhalle und beschädigte Trauerkapelle auf dem Neuen Johannisfriedhof Leipzig 1946.(6)


Mit Ortsgesetz vom 11. Oktober 1950 verkündet der Rat der Stadt Leipzig die Sperrung des Neuen Johannisfriedhofes für künftige Bestattungen. Demgemäß endet die Totenruhe, die Schonung des Friedhofes, im Oktober 1965, und seine Zerstörung ist längst beschlossene Sache.
Wenige Tage vor Ablauf dieser Frist veranlasst die Familie Reclam die Bergung der in der Urnengruft befindlichen insgesamt sechs Urnen, die dann am 02. Oktober 1965 erfolgt; am gleichen Tage werden die Reclam-Aschen nach Stuttgart gebracht, wo sie in der Familiengrabstätte der Reclams auf dem dortigen Waldfriedhof beigesetzt worden sind.
Die Gebeine der einst in der Familiengrabstätte des Neuen Johannisfriedhofes erdbestatteten Familienmitglieder sowie der hierher umgebetteten Ehefrau von Anton Philipp Reclam aber finden sich noch immer an diesem Grabesort, der wenige Jahre später dem Erdboden gleichgemacht wird.
Wenngleich man den steinernen Sarkophag geborgen und schutzlos auf dem Johanniskirchhof gelagert hat, ist er seinen wichtigsten Insignien beraubt worden.
Und so findet er sich heute fragmentarisch, ohne Wappen und ohne trauernde Putti, im Lapidarium auf dem Johanniskirchhof und teilt damit das beschämende Schicksal aller hier befindlichen Grabzeugnisse.


* Die ursprünglich französischen Namen werden nach dem Untergang des französischen I. Kaiserreiches eingedeutscht.

** Prof. Dr. med. Heinrich Reclam begründet 1876 den „Verein für Feuerbestattung zu Leipzig“.

Quelle

Paul, Alfred E. Otto: Der Neue Johannisfriedhof in Leipzig. S. 356 – 361.

Bildnachweis

Aus Wikimedia Commons – gemeinfrei: Kopfbild, Abb. 2, 3 und 4

Paul, Alfred E. Otto: Abb. 5 und 6

Abb. 1: Bundesarchiv_Bild_102-06449_700x517