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André Barz
Kennst du E.T.A. Hoffmann?

"Erlaubst du, geneigter Leser, ein Wort? Hättest du nicht Lust auf einen Tee oder eine heiße Schokolade? Vielleicht magst du aber auch lieber einen Punsch, so wie ich?"

Dieses Buch, versehen mit allerlei Bildern und Zeichnungen, macht es leicht E.T.A. Hoffmann kennenzulernen. Das Beste daran ist, der "erste Fantasy-Dichter" erzählt ganz persönlich sein Leben, davon, wie er eigentlich Musiker werden wollte und dann doch Schriftsteller geworden ist, obwohl ihn das nie interessiert hat, und von seinen Erfahrungen mit der Liebe. Nebenbei gibt er einige seiner Märchen und Erzählungen zum besten.

Friedrich Wilhelm Zachow

Friedrich Wilhelm Zachow

Hans-Joachim Böttcher

Ein Leipziger als Musiklehrer Georg Friedrich Händels

Einer der schaffens- und einflussreichsten Komponisten der Geschichte, ein absoluter „Star" seiner Zeit, war Georg Friedrich Händel. Geboren am 23. Februar 1685 (Julianischer Zeitrechnung) in Halle (Saale), verstarb er am 14. April 1759 in London. Schon als Kind zeigte sich bei ihm eine außerordentliche musische Begabung. Von seiner Mutter Dorothe gefördert, wollte dennoch sein Vater Georg, ein herzoglicher Leibchirurg, dass sein Sohn einmal die juristische Kariere einschlägt. Bei einem Aufenthalt auf Schloss Neu-Augustusburg des Herzogs von Sachsen-Weißenfels hörte dieser den damals noch keine acht Jahre alten Georg Friedrich in der Schlosskapelle Orgel spielen. Sofort das ungewöhnliche Talent des Knaben erkennend, überredete der Herzog darauf Vater Georg Händel doch seinem Sohn eine solide musikalische Ausbildung angedeihen zu lassen. Vielleicht überzeugte dieses Urteil Händel, eventuell wagte er allerdings auch nur, nicht sich der Meinung des Herzogs zu widersetzen. Jedenfalls wurde daraufhin der junge Georg Friedrich spätestens ab Anfang 1693 Friedrich Wilhelm Zachow, dem Hallenser Organisten, Musikdirektor und Komponisten an der Marktkirche Unser Lieben Frauen, zur musikalischen Ausbildung übergeben.

Wer war nun dieser Mann, der das Wunderkind der Händels im Orgelspiel, in der Beherrschung weiterer Instrumente, aber auch in der Kompositionslehre unterrichten sollte?

Leipzig auf einem kolorierten Kupferstich von um 1740. In der Bildmitte befindet sich die Thomaskirche und in der rechten Hälfte, etwa mittig, die Nikolaikirche.
Leipzig auf einem kolorierten Kupferstich von um 1740. In der Bildmitte befindet sich die Thomaskirche und in der rechten Hälfte, etwa mittig, die Nikolaikirche.

 

Friedrich Wilhelm Zachow wurde in Leipzig in der elterlichen Wohnung im Stadtpfeifer-Gässlein, der späteren Magazin-Gasse und heutigen Universitätsstraße geboren. Vermutlich ein, zwei Tage später, am 14. November 1663, erfolgte die Taufe des Neugeborenen in der Nikolaikirche. Sein Taufeintrag lautet: „Friedrich Wilhelm. V.[ater] Heinrich Zachaw ein Kunstgeiger allhier, in Stadtpfeifergäßlein, M.[utter] Elisabeth. P.[aten] H. Johannes Friedrich Öheim von Leipzig, Frau Dorothea, George Bohnen B. v. Lohgerbers Eheliche Haußfrau, H. George Seber B. v. Cramer. Taufe H.L. Gottf. Christian Bose, H.3. pomerid." Die Eltern des Knaben waren also der Kunstgeiger Heinrich Zachow, der ursprünglich aus Cölln an der Spree stammte und dessen zweite Frau Elisabeth Maune, die Tochter eines Hallenser Stadt- und Kunstpfeifers. Schon auf Grund dieser Berufsausübung waren die Zachows nicht sehr gut situiert. Dazu kam, dass der junge Friedrich Wilhelm in einer sehr kinderreichen Familie aufwuchs. Denn sein Vater war in erster Ehe seit 1660 mit der Leipziger Stadtpfeiferwitwe Dorothea Law verheiratet gewesen, die fünf Kinder mit in die Ehe gebracht hatte. Nach der Geburt einer Tochter verstarb die Frau jedoch 1661. Zwei Jahre darauf hatte Heinrich Zachow erneut geheiratet; in dieser Ehe wurden ihm sodann insgesamt sieben Kinder geboren. Aus welchen Gründen auch immer, zog die Familie bald nach der Geburt von Friedrich Wilhelm nach dem Alten Neumarkt um.

Der Leipziger Thomaskirchhof auf einem Kupferstich aus der ersten Hälfte des 18. Jh. Links im Hintergrund, neben der Kirche, steht die Thomasschule.
Der Leipziger Thomaskirchhof auf einem Kupferstich aus der ersten Hälfte des 18. Jh. Links im Hintergrund, neben der Kirche, steht die Thomasschule.
Für die Familie Zachow und ihren ältesten Sohn Friedrich Wilhelm stand offenbar schon zeitig fest, dass er eines Tages ebenfalls den Musikerberuf ergreifen wird. Und das nicht nur aus der Familientradition heraus, sondern da die Eltern schnell erkannt haben werden, dass ihr Sohn ein musikalisches Wunderkind war. Wie zu jener Zeit üblich, dürfte Vater Heinrich darum sehr früh begonnen haben, seinem Sohn die Instrumente beizubringen, die er selbst beherrschte, um ihm damit auf billigem Wege die Berufsgrundlage zu geben. Schon mit 10 Jahren beherrschte er so perfekt nicht nur die Violine und die üblichen Blasinstrumente der Pfeifer, sondern eben auch die Oboe, das Cembalo und die Orgel. Die höhere Kunst des Orgelspiels dürfte der junge Friedrich Wilhelm dagegen vermutlich durch den Organisten an der Thomaskirche, Gerhard Preisensin, erlernt haben, der allerdings schon 1671 starb. Das Schreiben und Rechnen wird ihm sicherlich die Mutter beigebracht haben, während ihm sodann als älteres Kind in einer der beiden Leipziger Lateinschulen, wahrscheinlich die der Thomasschule , welche auch ärmere Kinder aufnahm, die höhere Schulbildung vermittelt wurde. Dazu gehörte natürlich die lateinische Sprache, ohne die es damals selbst als Musiker nicht ging. Im Rahmen dieses Schulbesuches dürfte er auch von dem Thomaskantor Sebastian Knüpfer unterrichtet worden sein.
Eilenburg auf einem Merian-Stich (Ausschnitt) von um 1650. Rechts im Bild steht die Kirche St. Andreas und Nikolai.
Eilenburg auf einem Merian-Stich (Ausschnitt) von um 1650. Rechts im Bild steht die Kirche St. Andreas und Nikolai.
Im Mai 1676 trat Friedrich Wilhelms Vater eine feste Anstellung als einer von zumeist vier Stadtpfeifern in Eilenburg an. Das brachte für ihn und damit seine Familie eine ökonomische Verbesserung sowie einen leichten sozialen Aufstieg mit sich. Und das, obwohl man in dieser Funktion kein Gehalt bekam. Wettgemacht wurde das allerdings dadurch, dass nur Stadtpfeifer das Recht hatten zu allen Hochzeiten, Taufen und sonstigen Festlichkeiten aufspielen zu dürfen. Dazu kamen noch die Gelder, die sie erhielten, wenn sie im Auftrag zu Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen in der Kirche die Orgel spielten, was in diesen Fällen nicht dem angestellten Organist erlaubt war. Da Heinrich Zachow auch das Amt des Feuerwächters mit allen damit verbunden Aufgaben ausübte, wohnte die Familie nun jahrelang hoch oben in der Turmwohnung der Kirche St. Andreas und Nikolai am Marktplatz.
Die Eilenburger Kirche St. Andreas und Nikolai, in dessen oberster Turmetage sich die Pfeiferwohnung befand (Foto vor 1928).
Die Eilenburger Kirche St. Andreas und Nikolai, in dessen oberster Turmetage sich die Pfeiferwohnung befand (Foto vor 1928).
Hier in Eilenburg vervollkommnete Friedrich Wilhelm in der Nikolaischule nicht nur seine allgemeine Schul-, sondern auch seine musikalische Bildung. Da sein Vater wohl nur unvollkommen Orgel spielte, erhielt er nun sicherlich durch den Stadtorganisten Johannes Hildebrand weiter auf diesem Instrument Unterricht. Als „ein Wohlbekanter Vocal- und Instrumental-Musicus, erfahrener Komponist, und in der Poesie geübter Künstler" wird der junge Zachow sicher auf allen diesen Gebieten von seinem Lehrmeister profitiert haben. Jedoch auch der bis 1677 an der Kirche tätige Kantor Johann Schelle sowie später Basilius Petritz, die beide bedeutende Musiker waren, dürften an der Ausbildung von Friedrich Wilhelm Zachow beteiligt gewesen sein.

Nachdem er „sowohl die Organisten- als Stadt-Pfeifer-Kunst ex fundamento" beherrschte und die fünfjährige Lehrzeit absolviert hatte, wird er vermutlich vorrangig in Eilenburg bei seinem Vater als Geselle tätig geblieben sein. Obwohl der junge Zachow seit 1675 an der Universität in Leipzig als Student eingetragen war, ist es nicht glaubhaft, dass er auf Grund seiner Armut dort wirklich studiert hat. Und wenn schon, dann dürfte das nur sehr kurze Zeit gewesen sein.

Halle a.d. Saale auf einem Kupferstich etwa von 1750. Rechts von der Mitte steht die Marktkirche Unser Lieben Frauen.
Halle a.d. Saale auf einem Kupferstich etwa von 1750. Rechts von der Mitte steht die Marktkirche Unser Lieben Frauen.
Dagegen scheint es, dass Friedrich Wilhelm Zachow, der offenbar ein gutes Verhältnis zu seinem Großvater Gottfried Maune in Halle a.d. Saale pflegte, diesen vermutlich zeitweise als Geselle unterstützt hat. Denn es ist mehr als verwunderlich, dass der zwar außerordentlich talentierte Zachow, der allerdings zu jenem Zeitpunkt noch keine 21 Jahre alt und damit kaum Berufserfahrung aufwies, am 11. August 1684 zum Organisten und Musikdirektor an der Marktkirche Unser Lieben Frauen in Halle gewählt wurde. Das spricht einerseits dafür, dass die Auswahlkommission sein geniales musikalisches Können erkannte, andererseits lässt sich aber auch vermuten, dass sein in der Stadt sehr angesehener Großvater (der seit zirka 1660 Präfekt der Stadtpfeiferzunft war!) sicher mit all seinem Einfluss dafür sorgte, dass sein Enkel diese Stelle erhielt. Denn ohne entsprechende Beziehungen ging zu jener Zeit so gut wie überhaupt nichts. Mit dem Antritt dieser Stellung verbesserte sich nicht nur Zachows soziale Position (die nun höher, als die seines Vaters war!) entscheidend, sondern auch seine finanzielle Lage.

Mit jugendlichem Enthusiasmus erfüllte Friedrich Wilhelm nicht nur seine Pflichten als Organist zu jedermanns Zufriedenheit; das ist nicht verwunderlich, da sein Spiel eben das eines großen Orgelvirtuosen war. Sondern auch im Rahmen seiner Musikdirektortätigkeit, wozu die Leitung der Figuralmusik gehörte, setzte er neue künstlerische Maßstäbe. Für diese Aufgabe standen ihm fünf Stadtpfeifer, drei Kunstgeiger sowie ein Chor mit Sängern der Stadtkirchen und des Gymnasiums zur Verfügung. Zudem besaß er gegenüber den meisten Kollegen seiner Zeit ein großes künstlerisches Potential, was er doch seine Komponistentätigkeit zum Ausdruck brachte. Das Kirchenkollegium erkannte das schon im ersten Jahr von Zachows Tätigkeit an und gab ihm 100 Taler Gehalt; damit war er finanziell dem Diakon gleichgestellt. Aber auch in der Modernisierung der Kantatenmusik ließ ihm die Kirchgemeinde allen Spielraum, was für ihre fortschrittliche Haltung in jenen traditionellen Zeiten spricht. Bald mussten selbst Zachows Widersacher, die er natürlich auch auf Grund seines Erfolges hatte, ihn als eine Berühmtheit anerkennen.

Die Marktkirche in Halle auf einer Luftaufnahme um 1935.
Die Marktkirche in Halle auf einer Luftaufnahme um 1935.
Üblich war, da eine gute zusätzliche Einnahmequelle darstellend, für einen Musikdirektor auch talentierten Kindern Musikunterricht zu erteilen. Zu solchen Schülern gehörten die späterhin ebenfalls als Musiker und Komponisten bekannt gewordenen Gottfried Kirchhoff, Johann Krieger, Johann Gotthilf Ziegler und eben der in der Texteinleitung erwähnte begnadete Georg Friedrich Händel. Der Schwerpunkt von dessen Ausbildung lag offenbar hauptsächlich auf der weiteren Vervollkommnung im Orgelspiel, dem Studium von Violine, Harpsichord, Oboe und natürlich der Kompositionslehre. So vermochte Händel angeblich ab dem 9'ten Lebensjahr schon Kantaten mit Gesangstimmen und Instrumenten zu komponieren. Nachweislich schrieb er während seiner Lehrzeit zu Zachows Kantate „Herr, wenn ich nur dich habe" eine zusätzliche Harfenstimme.
Voll ausgebildet und in das Berufsleben eingetreten erlangte Händel sehr schnell, da noch dazu sehr geschäftstüchtig veranlagt, internationalen Ruhm. Die Frage, ob solch ein Genie wie er das auch ohne solch einen guten Lehrer wie Zachow geschafft hätte, ist natürlich müßig.

Friedrich Wilhelm Zachow hatte vermutlich keine Zeit, auch fehlten ihm offensichtlich die Geschäftstüchtigkeit und der Ehrgeiz, um gezielt im größeren Rahmen auf sich als genialer Musiker aufmerksam zu machen. So schrieb er, soweit wie bekannt, auch kein einziges Werk für die Bühne. Jede Stunde seines Lebens, in der er nicht seinen Lebensunterhalt verdiente oder komponierte, widmete er seiner Familie. Offenbar mit seiner Position in Halle zufrieden, bemühte er sich anscheinend auch nicht eine besser bezahlte Position in größeren Städten oder Hofdiensten zu erhalten, also um sein berufliches Fortkommen.

Zachow hatte am 24. Oktober 1693 die aus Eilenburg stammende Maria Dorothea Anschütz geehelicht. Dabei handelte es sich um eine sozial gute Heirat, da ihr Vater Jurist, Ratsmitglied und Stadtrichter war. In dieser Ehe wurden dem Paar drei Söhne und zwei Töchter geboren. Ihr Glück währte allerdings nicht allzu lange, da Friedrich Wilhelm Zachow unerwartet am 7. August 1712, nur knapp 49 Jahre alt, an einem Schlaganfall verstarb. Sozial überhaupt nicht abgesichert, kam dadurch seine Frau mehrmals in große finanzielle Not.
Zu Hilfe kam ihr in dieser Situation wiederholt, in dankbarer Erinnerung an seinen Lehrer, Georg Friedrich Händel. In seinem Handschriften-Nachlass befanden sich im Übrigen mehrere Kantaten und eine Klaviersonate Zachows. Nachhaltig hatte dieser jedoch auch Händels kompositorisches Schaffen geprägt, was darin zu erkennen ist, dass er mehrmals thematische Materialien seines Lehrmeisters aufgegriffen und kunstvoll verarbeitet hat. Das tat im Übrigen aber auch Johann Sebastian Bach. Er war es, der sich nach dem Tod von Zachow für dessen Posten bewarb, dann jedoch in seiner bisherigen attraktiveren Stellung in Weimar verblieb. So bekam das Hallenser Amt Zachows talentierter Schüler Johann Gotthilf Ziegler.

Friedrich Wilhelm Zachow war einer der herausragendsten deutschen Musiker und Komponisten der vorbachschen Zeit. In dem Bemühen ihn nicht vergessen zu lassen erinnert seit 1930 in Halle die „Zachowstraße" an ihn. Seit jüngerer Zeit befindet sich auch an der Marktkirche Unser Lieben Frauen eine Gedenktafel, welche neben anderen hier ehemals wirkenden Persönlichkeiten Zachow erwähnt. Aber auch seine Werke, wovon 32 Kantaten und über 50 Orgelwerke erhalten blieben, werden immer wieder aufgeführt und halten die Erinnerung an den großen Musiker wach.

Bildnacheis

Der Bertuch Verlag dankt Herrn Hans-Joachim Böttcher für die Bereitstellung der Bilder aus seinem Archiv.