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Es klingt fast wie ein Märchen, da kommt ein großer amerikanischer Künstler in ein kleines thüringisches Dorf und gestaltet dort die bisher unbedeutende Dorfkirche mit seinen Werken aus. Und doch ist es so geschehen in Bergern unweit der Kleinstadt Bad Berka. Die kleine Broschüre erzählt von der Kirche, dem Künstler und dem Werk, und wie es zu dieser unglaublichen Begenheit kam.

Lene Voigt und die Psychiatrie 1946-1962

Lene Voigt und die Psychiatrie 1946-1962

Thomas R. Müller

Wir „armen Irren“

Der letzte Lebensabschnitt der populären sächsischen Mundartdichterin Lene Voigt (1891-1962) ist eng mit der Psychiatrie verbunden. Von 1946 bis zu ihrem Tod 1962 war sie überwiegend in psychiatrischen Kliniken untergebracht. Aktuelle Archivfunde des Autors haben zu neuen Erkenntnissen über diese Lebensstationen geführt. Zu den Quellen dieses Beitrags gehören auch Gedichte, die Lene Voigt während der Aufenthalte in der Psychiatrie verfasst hat, und die einen Einblick in das Alltagsleben in den sächsischen psychiatrischen Einrichtungen der 50er Jahre geben können.

In einer Fallgeschichte in seinem „Lehrbuch für Psychiatrie und Neurologie" (1966) berichtet der Psychiater Dietfried Müller-Hegemann (1910-1989), eine Patientin habe ihm zu seinem Abschied als Direktor der Heilanstalt Leipzig-Dösen im Jahr 1954 das von ihr verfasste Gedicht Wir „armen Irren" überreicht. Die Patientin sei ihm bekannt gewesen. Oft habe man sie mit einem Packen Akten unter dem Arm im Gelände des Krankenhauses umhereilen gesehen. Das Gedicht jedoch mit seiner differenzierten Emotionalität, dem unzweifelhaften Stilgefühl, echtem Humor und einer allgemein menschlichen Abgeklärtheit habe ihn an der bisherigen Diagnose „Schizophrenie" zweifeln lassen. Eine Nachuntersuchung habe ihn, Müller-Hegemann, schließlich zu dem Ergebnis geführt, dass besagte Patientin nicht an einer Schizophrenie, sondern an einer reaktiven Psychose erkrankt gewesen sei, mit der sie sehr schwere Lebensbelastungen wiederholt psychotisch verarbeitete. Bei der beschriebenen Patientin handelte es sich ohne Zweifel um Lene Voigt.

Die Lebensgeschichte

Lene Voigt wurde am 2. Mai 1891 als Helene Wagner in Leipzig geboren. Ihr Vater, Carl Bruno Wagner, war Schriftsetzer, die Mutter Alma Maria Wagner, geborene Pleißner vermutlich Hausfrau. Lene Voigt besuchte die Volksschule und zwischen 1905 und 1910 auf Wunsch ihrer Mutter eine Kindergärtnerinnenschule. Ihre Interessen gingen jedoch in eine andere Richtung. Schon im Alter von 15 Jahren hatte Lene Voigt begonnen, Gedichte zu schreiben, schließlich machte sie eine Buchhandelslehre und arbeitete u.a. bei der B.G. Teubner Verlagsgesellschaft. 1914 heiratete sie den Orchestermusiker Friedrich Otto Voigt (1890-1976). Am 10. September 1919 wurde der Sohn Alfred geboren. Doch bereits 1920 wurde die Ehe geschieden und 1924 verlor sie ihren Sohn, der an einer Hirnhautentzündung starb. In dieser Zeit schwerer Schicksalsschläge wurde Lene Voigt freie Schriftstellerin. Sie publizierte u.a. in der „Neuen Leipziger Zeitung" und „Die Rote Fahne" und in dem Satireblatt „Der Drache". Populär wurde Lene Voigt mit den &bbdquo;Säk`schen Balladen" (1925 und 1926) und den „Säk`schen Glassigern" (1925), in denen sie Werke der deutschen Klassik auf humorvolle und originelle Weise in sächsischem Dialekt nachdichtete. Lene Voigt hatte auch einen neuen Partner, doch Karl Geil, ein stellungslose Opernsänger, starb überraschend 1929. Darauf verließ sie Sachsen und lebte u.a. in Bremen, später in München und Berlin. 1933 erschienen der Gedichtband „Die sächsische Odyssee" und 1934 der Unterhaltungsroman „Vom Pleißestrand nach Helgoland". Aber unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde es für Lene Voigt zunehmend schwieriger, als Autorin zu arbeiten. Sie wurde verunglimpft und erhielt Publikationsverbot. In dieser Lebenssituation wurde sie 1936 aufgrund von Unruhezuständen und Halluzinationen in der Nervenheilanstalt Schleswig behandelt. Sie selbst urteilte im Nachhinein, dass sie einen Verfolgungswahn an sich beobachtet hätte.

1940 kehrte Lene Voigt nach Leipzig zurück. Im selben Jahr wurde sie kurzzeitig in der Universitäts-Nervenklinik aufgenommen. In den folgenden Jahren arbeitete sie in einer Druckerei und als Fakturistin im Verlag Lange & Meuche.

In der Psychiatrie

Lene Voigt in den 50ziger Jahren des 20. Jh. Foto: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.
Lene Voigt in den 50ziger Jahren des 20. Jh. Foto: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

Am 11. Juli 1946 musste Lene Voigt wiederum in die Nervenklinik der Leipziger Universität eingewiesen werden. Durch den Fund ihrer Patientenakte im Universitätsarchiv Leipzig können nun erstmals genauere Aussagen über die Einweisungsumstände und ihren 14tägigen Aufenthalt in der Klinik gemacht werden. Die Akte umfasst 16 Blatt. Sie enthält u.a. den Aufnahmebogen, die Anamnese, Pflegerberichte und die „Kurve". Außerdem ist der Akte ein kleiner Artikel aus der Leipziger Volkszeitung vom 18. Juli 1946 beigeheftet, in dem die Komödiantin und Kabarettistin Fridel Hönisch (1909 - 1999) über eine Begegnung mit Lene Voigt berichtet. Nach mehr als zehn Jahren, so Hönisch, hätten sie sich wiedergetroffen und planten die Aufführung einiger Gedichte Lene Voigts im neuen Programm des in Leipzig ansässigen „Literarischen Cabarets". Als dieser Zeitungsartikel erschien, befand sich Lene Voigt bereits in der Psychiatrie. Der einweisende Arzt gab auf dem Überweisungsschein an, dass sie „wegen eines schizophrenen Erregungszustandes der sofortigen Aufnahme in der Nervenklink" bedarf. In der Anamnese ist die Schilderung ihrer Hauswirtin festgehalten. Danach habe Lene Voigt ein ängstlich erregtes Bild geboten. Sie habe sich beobachtet gefühlt und geglaubt, ihr Körper wäre unter Strom gesetzt worden.

Lene Voigt plagten auch in der Nachkriegszeit Existenz- und Zukunftsängste. Sie selbst gab lt. Krankenakte an, sie habe finanziell nicht mehr recht ein und aus gewusst. „Wenn ich Sorgen habe, dann verliere ich das Köpfchen", wird sie zitiert. An anderer Stelle mutmaßt sie, die „Köpfchenstörungen" hätten wohl mit ihren Wechseljahren zu tun.
Bei ihrer Einweisung befand sich Lene Voigt in einem körperlich schlechten Zustand. Sie wog lediglich 38,3 kg. Aus dem vom Personal geführten Beobachtungsbogen geht hervor, dass Lene Voigt häufig unruhig gewesen ist, dass sie halluzinierte und für die Schwestern unverständliche Dinge erzählte oder stundenlang an die Decke starrte. In der Akte finden sich auch Anhaltspunkte zu den Therapiemaßnahmen. Lene Voigt wurde, wie offenbar schon bei ihrer ersten Einweisung in der Nervenklinik, mit der seinerzeit bei Schizophrenie üblichen Elektrokrampftherapie behandelt. Gegen die Erregungszustände wurden ihr die Barbiturate Luminal bzw. Veronal verabreicht. Außerdem kann man aus den Eintragungen schließen, dass sie auch eine Netzbehandlung erhielt, die der Fixierung unruhiger Patienten diente.

Nach zwei Wochen wurde Lene Voigt am 26.7.1946 aus Platzgründen in die Landesheilanstalt Altscherbitz verlegt. Eine Anfrage im heutigen Sächsischen Krankenhaus Altscherbitz ergab, dass sie dort bis zum 24.02.1947 verblieb.

Die Psychiatrie in Sachsen nach 1945

Lene Voigt erlebte die Psychiatrie in einer äußert angespannten Periode. In den ersten Nachkriegsjahren herrschten in der sächsischen Psychiatrie katastro­phale Zustände. Viele Anstalten waren nach der Ermordung zehntausender Patienten im Rahmen der „Euthanasie" während des Zweiten Weltkrieges zweckentfremdet worden. Sie beherbergten z.B. Reservelazarette und Umsiedlerlager. Nach dem Krieg wurden u.a. in Arnsdorf Anstaltsgebäude von der sowjetischen Armee genutzt.

Die Psychiatrische und Nervenklinik der Universität Leipzig war nach ihrer Zerstörung bei einem Bombenangriff 1943 auf das Gelände der Heilanstalt Dösen ausgelagert worden. 1945 standen dort 200 Betten für die Psychiatrie und die Neurologie zur Verfügung. Diese Bettenkapazität konnte den Bedarf aber nicht decken. Mitte 1946, also zu der Zeit, als Lene Voigt hier untergebracht war, mussten täglich bis zu 25 Aufnahmegesuche abgewiesen werden. Auch die personelle Besetzung in den Anstalten war völlig unzureichend. Ärzte und Pflegekräften waren zum Teil noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt oder im Rahmen der Entnazifizierungsmaßnahmen entlassen worden.

Durch ihre aktive Mitwirkung an der „Euthanasie" hatte sich die Psychiatrie erheblich diskreditiert. Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Verstrickungen fand innerhalb der Psychiatrie nicht statt. Immerhin förderte der Dresdner Euthanasie-Prozess im Jahr 1947 erste Erkenntnisse über das Ausmaß der Verbrechen zu Tage und belastete eine Anzahl Ärzte und Pflegekräfte schwer. U.a. wurde der ehemalige Direktor der Heilanstalten Dösen und Pirna-Sonnenstein und spätere Ärztliche Leiter der T 4-Mordaktion Hermann Paul Nitsche (1876-1948) hingerichtet.

Auch nach 1945 ging das Sterben in den Anstalten fast unvermindert weiter. Teilweise waren die Todesraten sogar höher als während des Krieges. In Altscherbitz starben nach einer Untersuchung von Heinz Faulstich zwischen 1945 und 1948 jährlich mehr als 800 Menschen. Im Jahr 1947 wurde hier mit 887 Todesfällen eine Höchstzahl (38% der Patienten) registriert. Hauptsächliche Ursache dafür war die schlechte Versorgungslage mit Nahrungsmitteln und Heizmaterial. Im Winter 1946/47 erfroren in der Heilanstalt Arnsdorf Patienten, weil Krankenräume nur Temperaturen von 3-5 Grad aufwiesen. Krankheiten wie Typhus, Ruhr, Tuberkulose grassierten. Erst um 1949 kam es zu einer spürbaren Verbesserung der Situation.

Wie Lene Voigt diese Zeit erlebt hat, lässt sich aufgrund fehlender Akten nicht rekonstruieren. Dass sie mit dem tagtäglichen Sterben konfrontiert war, könnte das nach Aussage von Müller-Hegemann in Altscherbitz entstandene Gedicht Erkenntnis im Schlafsaal dokumentieren. Auf anrührende Weise schildert Lene Voigt darin das Schicksal einer Mitpatientin. Das junge Mädchen kommt als Neuzugang in den Schlafsaal. Ihr Gesang stört den Schlaf der Zimmergenossinnen. Als die sich am nächsten Morgen bei der Schwester darüber beklagen wollen, erfahren sie, dass das Mädchen in jener Nacht gestorben ist. Lene Voigt gibt dem Gedicht ein tröstliches Ende, dem eine bemerkenswerte Gelassenheit angesichts dieses tragischen Todes innewohnt:

„Mit ihrem Liedchen kinderbrav / sang sie sich in den letzten Schlaf... / Beschämt verstummte unsre Runde, / nachsinnend tröstlich - milder Kunde: / Die Angst vorm Ende ist genommen. / Süß kann selbst das Versterben kommen."

Lene Voigt in der Heilanstalt Dösen

Lene Voigt's Grab auf dem Südfriedhof. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.
Lene Voigt's Grab auf dem Südfriedhof. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.

Nach ihrer Entlassung im Februar 1947 arbeitete Lene Voigt in der Lebensmittelkartenstelle beim Rat des Kreises Leipziger-Land. Über ihre weiteren Lebensumstände in jenen mehr als zwei Jahren ist wenig bekannt.

In der Landesheilanstalt Leipzig-Dösen wurde sie entgegen bisheriger Annahmen nämlich erst am 6. Juli 1949 aufgenommen. Die Dösener Krankenakte ist nicht mehr auffindbar. Müller-Hegemann zufolge hatte ihr Verhalten bei der Aufnahme manische Züge: Sie „tanzte Walzer vor dem aufnehmenden Arzt, soll auch halluziniert und paranoide Ideen geäußert haben". Schon nach kurzer Zeit, Anfang August 49, sei das akute Stadium abgeklungen und die Patientin seit dem gleichen Jahr in der Verwaltung tätig gewesen. Entlassungswünsche habe sie nicht geäußert, vielmehr Bedenken gehabt, dem Leben mit seinen immer wechselnden Anforderungen gewachsen zu sein. Lene Voigt habe sich, so Müller-Hegemann, im Krankenhaus geborgen gefühlt, regelmäßig Ausgang in die Stadt gehabt und sich mit literarischen Arbeiten beschäftigt.
Auch Barbara Koellner, zu jener Zeit Fürsorgerin in Dösen, berichtet in ihren Erinnerungen, dass für Lene Voigt das Krankenhaus ihr Zuhause geworden war. Ein heimlicher Wunsch sei es jedoch gewesen, den Lebensabend im Fritz-Austel-Heim in Leipzig-Connewitz zu verbringen. Frau Koellner stellte im August 1960 einen Feierabendheimantrag. Das Gedicht Mei letzter Wunsch sollte dem Antrag Nachdruck verleihen, brachte aber keinen Erfolg. Lene Voigt starb am 16. Juli 1962 in der Heilanstalt Leipzig-Dösen. Ihr Grab befindet sich heute in der sogenannten Künstlerabteilung des Leipziger Südfriedhofes.

Psychiatrie im Spiegel der Dichtungen von Lene Voigt

Lene Voigt am Klavier( 50ziger Jahren des 20. Jh.) Foto: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.
Lene Voigt am Klavier( 50ziger Jahren des 20. Jh.) Foto: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

Auch während ihres Aufenthaltes in Dösen dichtete Lene Voigt. Da ihre Arbeiten in der DDR nicht veröffentlicht wurden, schrieb sie die alten und ihre neuen Gedichte in Oktavhefte und verschenkte diese an Freunde und Mitarbeiter.

Erst in den 80er Jahren wurde Lene Voigt durch Wolfgang U. Schütte wiederentdeckt. Nach 1989 gründete Schütte in Leipzig die Lene-Voigt-Gesellschaft. Schütte ist auch Mitherausgeber einer Gesamtausgabe ihrer Werke. Im sechsten Band „Fernes Erinnern" (2010) sind die nachgelassenen Schriften versammelt. In einigen, hauptsächlich in den 50er Jahren entstandenen Arbeiten schildert Lene Voigt auf ihre Art, mit viel Humor und gleichfalls mit dem Feingefühl für die dunklen Facetten des Lebens, den Alltag in der Psychiatrie. Für sie wie für viele andere Patienten war es normal, während des nicht selten langjährigen Psychiatrieaufenthaltes einer regelmäßigen Tätigkeit in der Anstalt nachzugehen. Schon bald nach ihrer Aufnahme arbeitete Lene Voigt in der Verwaltung und als Botin. In dem Text Weihnachten 1960 im D-Haus lässt Lene Voigt den Weihnachtsmann Orden verteilen. Neben der kleinen Spitzfindigkeit gegenüber der herrschenden Mangelwirtschaft - die Orden würden wegen „technischer Schwierigkeiten in der himmlischen Metallverarbeitungswolke" erst zehn Jahre später geliefert - werden die Patientinnen des D-Hauses, das den Status eines Pflegeheims hatte, hauptsächlich für ihre Arbeitsleistungen ausgezeichnet. Wenn sie beispielsweise den „Männerknöpfeannähorden", die „Einholemedaille", das „goldene Landwirtschaftskreuz", den „Beheizungsorden" oder den „Tischlein-deck-dich-Orden" verliehen bekommen, dann zeigen diese hübschen Wortschöpfungen die vielen Arbeitsaufgaben für Patientinnen im Anstaltsbetrieb. Eine solche Einbindung der Patienten in die alltäglichen Verrichtungen auf den Stationen oder die Beschäftigung in den Werkstätten der Einrichtungen hat in der Psychiatrie eine lange Tradition und hatte neben therapeutischen Gründen auch ökonomische Aspekte.

Die Reformbemühungen der späten 50er Jahre in der Psychiatrie der DDR, die auf eine Verbesserung des Binnenklimas im Krankenhaus abzielten, illustriert das 1960 verfasste Gedicht Lob der Sanatoriumsstation. Beim Betreten der Station B 8 / II könne man, so Lene Voigt, kaum den eigenen Augen trauen und würde glauben, im Hotel zu sein: hochfeudale Beleuchtungskörper, bequeme Polstersessel, der Elite-Radioapparat und schmucke kleine Tische für die Mahlzeiten zu viert. Lene Voigt charakterisiert damit, wie die Maßnahmen des „Heilschutzregimes" und der „Milieutherapie" auf einer Vorzeigestation umgesetzt wurden.

Milieutherapie

„Die Station soll", so heißt es über die „Grundsätze und Aufgaben der Milieutherapie" im Plan der Einrichtung 1959, „für den Patienten einen angenehmen Aufenthaltsort darstellen und entsprechend nett ausgestaltet sein... Auf Ausschmückung mit Blumen, Bildern, Gardinen u. a. ist immer mehr Wert zu legen, wobei der Eigeninitiative keine Grenzen gesetzt werden sollen, außen durch den guten Geschmack. Soweit Tagesräume bestehen, sind diese durch bequeme Möbel, Stuhlkissen, Tischdecken u. a. zu verschönen. Auch auf den übrigen Stationen ist durch gemütliche Sitzecken usw. mehr Behaglichkeit zu schaffen." Neben der Inneneinrichtung und Ausstattung der Stationen sollte auch der Zustand der Gebäude, die Qualität und Darreichung des Essens, die kulturelle Betreuung und das Verhalten des Personals zur Gestaltung der Behandlungsumwelt beitragen und damit alle ungünstigen Einwirkungen auf den Kranken ausgeschaltet und positive Einflüsse wirksam werden. „Das Krankenhaus und die Station sollen gerade länger festgehaltenen Kranken zu einem freundlichen Heim werden und die Schrecken des Kahlen, Eintönigen oder gar Düsteren ganz verlieren."

Auch auf die kulturelle Betreuung der Patienten wurde Wert gelegt. Trotz der schwierigen Verhältnisse wurden in Dösen schon Ende 1945 wieder Kulturveranstaltungen organisiert. Seit den 30er Jahren war dafür der Anstaltslehrer und Organist der Anstaltskirche Fritz Teichmann zuständig. 1955 wurde unter dem Direktor Josef Riepenhausen (1910-1960) eine monatlich tagende Kulturkommission eingerichtet. Über kulturelle Aktivitäten und Feste dichtet Lene Voigt beispielsweise in Erinnerung an den 17. Juni 1957 und Zur Erinnerung an den 29. Oktober 1958. In diesen Gedichten berichtet Lene Voigt von Tagesfahrten mit umfangreichem Besichtigungsprogramm, die hauptsächlich arbeitenden Patientinnen vorenthalten waren. In Kinofreuden schildert sie die regelmäßig durchgeführten Kinovorstellungen. Neben den zentralen Veranstaltungen im Festsaal fanden Kultur und Feste wie Weihnachten oder Fasching auch auf einzelnen Stationen statt, wie der Fasching auf der B 2 / II. Ein besonderes Ereignis war für Lene Voigt und einige ihrer Mitpatientinnen jeweils auch die Ausgabe neuer Bücher durch die Patientenbibliothek (Wenn`s neue Bücher gibt).

Wir „armen Irren“

Schon 1935 hat Lene Voigt in Unverwüstlich, einem ihrer populärsten Gedichte, sich selbst und den Sachsen bescheinigt, dass sie trotz Kummers nicht tot zu kriegen sind und ihr froher Mut siegen wird. Diese optimistische Grundhaltung hat die Dichterin in ihren Werken mit Humor und Mutterwitz verbreitet. Doch wie bei allen großen Komödianten erwächst ihr Lebensmut auch aus den ernsten und tragischen Seiten des Lebens. Lene Voigt hat diese Schattenseiten selbst erfahren. Auch wenn sie sich in ihrer letzten Lebensphase mit dem Schicksal arrangiert zu haben scheint, so offenbaren ihre Psychiatrie-Gedichte die Sehnsüchte der Patienten und lassen ihre seelischen Verletzungen erahnen.

Zu den Zumutungen des Patientenalltags gehörte beispielsweise die strikte Geschlechtertrennung innerhalb der Anstalt. Selbst zu Festivitäten wurde von diesem Prinzip nur in Ausnahmefällen abgewichen. In Fasching auf der B 2 / II herrscht auf der Station eine ausgelassene Stimmung. Die Patientinnen haben sich kostümiert, eine Tanzkapelle spielt und es wird ausgelassen getanzt. Doch das Gedicht endet mit wehmütigen Zeilen. Auf einer reinen Frauenstation konnte eine solche Feier eben doch nur „ganz nett" sein. Denn „tausendfach so schön / Läßt`s mit einem Mann sich drehn. / Drum: Hoch die Entlassung!". Auch bei den Filmvorführungen im Festsaal saßen Männer und Frauen getrennt und es konnten sich nur „zarte Fädchen ... von den Buben zu den Mädchen" spinnen (Kinofreuden).

Lene Voigt weiß auch um das Bild, das in der Öffentlichkeit von der Psychiatrie existiert. „Sie wähnten uns fest hinter Gittern, dieweil wir durch die Landschaft schlittern.", dichtet sie mit einiger Selbstironie in Erinnerung an den 17. Juni 1957 über einen Patientenausflug. Am eindrücklichsten aber setzt sich Lene Voigt mit dem Stigma „Schizophrenie" in dem Gedicht Wir „armen Irren" auseinander. Während die Krankheit im allgemeinen Verständnis zu einer fortschreitenden „Verblödung" führt, erlebt der Schizophrene jeden Schub auch als eine besondere Erfahrung, als ein „Fernenwandern", das ihn bis ins Schattenreich dringen lässt. Die Erkenntnis oder der „Genuss", den Wissenschaftler späterer Zeiten daraus ziehen werden, bleibt den heute Betroffenen vorenthalten. Denn, so Lene Voigts illusionsloses Resümee:
„Für heute sind wir offenbar / Nur Teil der „Idi"-Schar."

Wir „armen Irren"

Eine kleine Buschiade

Der Schizophrene von Format
prüft nach dem Schub das Resultat.
Es ist nicht schlecht, weil unbedingt
solch kleine Staupe stark verjüngt.
Nicht äußerlich gemeint, o nein,
denn Altersfalten müssen sein.
Doch innrer Auftrieb, neuer Schwung,
erhält des Geistes Kräfte jung.
So manches ahnen wir voraus.
Skeptiker ziehn die Stirn wohl kraus
und nennen dieses gar verblöden
(man könnte für die Herrn erröten).
Denn mit der Schulweisheit allein
kann nicht erschöpft die Sphäre sein.
Es scheidet sich ein Ich vom andern,
und so beginnt das Fernenwandern.
Ob Orkus, ob Olymp, ganz gleich,
wir dringen bis ins Schattenreich.
Noch gibt es keinen Apparat,
der solches registrieren tat.
Erzählt man`s wem, er tippt zur Stirn,
belächelt unser krankes Hirn.
Auch wir von der Schizophrenie
besitzen viel Selbstironie,
doch spüren wir, ob Weib, ob Mann:
Etwas ist an der Sache dran!
Dem Wissenschaftler spätrer Zeiten
mag dies Gebiet Genuß bereiten.
Für heute sind wir offenbar
nur Teile von der „Idi"-Schar. 

Für die Unterstützung dankt der Autor Wolfgang U. Schütte und der Lene-Voigt- Gesellschaft e.V., Herrn Dr. Blecher und Frau Hesse (Universitätsarchiv Leipzig), Frau Horn-Kolditz (Stadtarchiv Leipzig) und dem Sächsischen Krankenhaus Altscherbitz.

Der Beitrag ist im Ärzteblatt Sachsen, 3/2013, S. 114-117 erstveröffentlich.

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