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Matt Lamb Kirche Bergern

Klaus von der Weiden, Susanne Wellhöfer

Es klingt fast wie ein Märchen, da kommt ein großer amerikanischer Künstler in ein kleines thüringisches Dorf und gestaltet dort die bisher unbedeutende Dorfkirche mit seinen Werken aus. Und doch ist es so geschehen in Bergern unweit der Kleinstadt Bad Berka. Die kleine Broschüre erzählt von der Kirche, dem Künstler und dem Werk, und wie es zu dieser unglaublichen Begenheit kam.

Carl Friedrich Zöllner – Komponist und Chordirigent

Carl Friedrich Zöllner – Komponist und Chordirigent

Alfred E. Otto Paul

Carl Friedrich Zöllner, Abb. vor 1860.
Carl Friedrich Zöllner, Abb. vor 1860.

Wenngleich er zu seinen Lebzeiten eine beachtliche Berühmtheit erlangt hat, so ist der Komponist Carl Friedrich Zöllner doch heute weitgehend vergessen. Im deutschen Liedgut ?ndet sich eine ganze Reihe von Vertonungen des Meisters, von denen „Das Wandern ist des Müllers Lust" bis in unsere Zeit an Popularität nichts eingebüßt hat. Seinen Nachruhm aber hat er sich bewahrt durch seine unbestreitbaren Verdienste um die Entwicklung des Männerchorgesangs, die weit über die Grenzen seines Vaterlandes Anerkennung gefunden haben.(Vergleiche dazu: http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=337.)

Am 17. März 1800 wird er als Dritter von fünf Söhnen des Lehrers und Kantors Johann Andreas Zöllner im thüringischen Mittelhausen geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahre 1809 begleitet ein Onkel das junge Leben des Knaben. In Eisleben und Eisenach besucht er das Gymnasium, gelangt 1814 durch persönliche Verbindungen des Onkels an die Leipziger Thomasschule.

Sein 1819 beginnendes Studium der Theologie an der Leipziger Universität entspricht weniger den ausgeprägten musikalischen Neigungen des Carl Friedrich Zöllner, der bereits 1820 durch Vermittlung des Thomaskantors Schicht eine Gesangslehrerstelle an der Leipziger Ratsfreischule erhält, sondern eher einer damals üblichen familienbestimmten Laufbahn. Schließlich bricht er 1822 das theologische Studium ab, um noch im gleichen Jahr gemeinsam mit seinem Freund Wilhelm Hemleben in Leipzig ein privates Musikinstitut zu begründen, das sich besonders dem Chorgesang verp?ichtet fühlt.

1833 erscheint im Leipziger Musikverlag von Friedrich Kistner Zöllners erstes Liederheft für Männerstimmen und er gründet im gleichen Jahr einen ersten Männergesangsverein.

Sehr zahlreich entstehen nun weitere Zöllner- Chorgründungen in Leipzig und Umgebung, so auch 1846 der noch heute bestehende Männergesangsverein in Bernburg. Das vieljährige unermüdliche Chorschaffen Carl Friedrich Zöllners ?ndet im Jahre 1859 anlässlich des 100jährigen Geburtsjubiläums von Friedrich Schiller einen ersten großen Höhepunkt, bei dem Zöllner 20 Chöre mit mehreren 100 Sängern zum gemeinsamen Gesang aufbietet. Wohl im Zusammenhang mit Zöllners 60. Geburtstag, 1860, treffen sich erneut 500 Sänger in Leipzig, um bei einem abendlichen Festkonzert den großen Begründer des Chorgesanges zu ehren. Aus Anlass dieses besonderen gesellschaftlichen Ereignisses verschieben selbst die Stadtverordneten ihre obligate Sitzung.

Sein Tod am 25. September 1860, er stirbt in seinem Hause am Matthäikirchhof, löst in aller Welt Betroffenheit und große Trauer aus. Entsprechend honorig ?ndet am 27. September 1860 das Begräbnis in einem von der Stadt Leipzig gestifteten Ehrengrab in der III. Abteilung auf dem Neuen Johannisfriedhof statt.

Am Abend des nachfolgenden Tages veranstaltet man in Leipzig ein Bene?zkonzert zugunsten der Witwe und ihrer Kinder, weitere Konzerte zu gleichem Zweck gibt es in anderen deutschen Städten, ja, selbst in Russland, Australien und Amerika.

Wenige Monate später, am 25. Februar 1861, bittet der Advocat Carl Emil Heinze in einem Schreiben im Auftrag der Leipziger Männergesangsvereine den Rat der Stadt um eine ?ächenmäßige Erweiterung der Grabstätte von Zöllner, um sie besonders wirkungsvoll gestalten zu können. Der Rat ist für diese Idee wenig zu begeistern und lässt verlauten, dass es weitergehende Zugeständnisse als ein Ehrengrab auch bei anderen bedeutenden Persönlichkeiten noch nie gegeben hätte, stimmt aber letztlich doch dem Antrag zu, woran wir die außerordentlich große und volksnahe Verehrung Zöllners erkennen können.

So wird Zöllners Grabstätte, die sich unmittelbar an einer Ecke zweier Wege be?ndet, um drei Grabstätten erweitert. Die Männergesangsvereine lassen plangemäß an den vier Ecken der jetzt quadratischen Grabstätte je eine Eiche p?anzen, statt der ursprünglich geplanten schlichten granitenen Grabplatte wird nun ein sandsteinerner Quader als Grabmal gefertigt.

Das Grabmal mit sehr ?achem pyramidalen Abschluss thront über einen kräftigen Granitsockel und zeigt an der Front in großen Buchstaben den vertieft eingearbeiteten Namen KARL FRIEDRICH ZÖLLNER sowie darunter be?ndlich seine Lebensdaten. Die Grabstätte wird eingefasst mit einem eisernen Zaun. Am 17. März 1861, dem Geburtstag Zöllners, wird die neu hergerichtete Grabstätte mit entsprechendem Gesang eingeweiht.

Das Denkmal Zöllners im Leipziger Rosental. Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Das Denkmal Zöllners im Leipziger Rosental. Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Im Juli 1861 gründet sich auf Initiative der Leipziger Männergesangsvereine der „Zöllner-Bund", dem zeitweise etwa 700 Mitglieder angehören. Und dieser Bund rnüht sich in den nachfolgenden Jahren ehrenhaft um die Errichtung eines würdigen Ehrenmals für Carl Friedrich Zöllner. Am 24. Mai 1868 wird das vom namhaften Leipziger Bildhauer Hermann Knaur geschaffene Denkmal im Leipziger Rosental nach einer Weiherede des Dichters Roderich Benedix enthüllt und anschließend vom  verdienstvollen Stadtoberhaupt Bürgermeister Dr. Otto Koch in die Obhut der Stadt übernommen.

Die das Denkmal bekrönende marmorne Büste des Komponisten und Chorgründers Carl Friedrich Zöllner tauscht man wegen witterungsbedingter Morbidität am 17. März 1950 anlässlich des 150. Geburtstages Zöllners gegen eine 1944 vom Leipziger Bildhauer Paul Stuckenbruck gefertigte Kopie der Büste aus.

Erst in jüngster Vergangenheit, im Jahre 1996, hat man erneut mit erheblichem restauratorischen Aufwand den künftigen Erhalt des Denkmals gesichert.

Über das Schicksal der hinterlassenen Familie von Zöllner ?nden sich wenig Informationen. Aber einem Brief des Professors der Musik, Heinrich Zöllner‚ eines Sohnes von Carl Friedrich Zöllner, den dieser im September 1920 in Freiburg im Breisgau geschrieben hat, können wir entnehmen, dass Zöllners Witwe auf einem Dresdner Friedhof ruht.

Dieser Brief von Prof. Heinrich Zöllner ist von ihm geschrieben worden, weil der Grabp?eger Schütz eine Geldforderung in Höhe von 270 Mark für die P?ege des väterlichen Grabes erhoben hat, während er gleichzeitig die Einebnung der Grabstätte androht. Der Prof. Zöllner verweist hingegen auf die einstige unentgeltliche Überlassung dieser Grabstätte durch die Stadt Leipzig „auf ewige Zeit" und erwähnt gleichzeitig, dass ihm die Zahlung der geforderten Summe „wegen der schwierigen Zeiten" schwer fallen würde.

In einer internen Stellungnahme zur Sache schreibt der Verwalter des Neuen Johannisfriedhofes, Matthes, dass die Grabstätte mit einem ganz niedrigen, geschmacklosen Gitter eingefasst sei und sich auf dem Grabe ein ganz einfacher Sandsteinquader befände. Die ganze Anlage sei keine Zierde für den Friedhof und hätte keinen Anspruch auf den Namen „Ehrenplatz". 

Schließlich entscheidet die Stadt dann doch den künftigen Erhalt der Grabstätte als ein Ehrengrab, und zwar „in Anbetracht von Zöllners Bedeutung für das deutsche Liedgut". Die Kosten der Grabp?ege aber habe der Professor Zöllner zu zahlen, was dieser dann auch bis an sein Lebensende 1941 getan hat. 

Zöllners Grabstein ?ndet sich heute sockellos im Lapidarium des Alten Johannisfriedhofes - die
Eichen, die seine Grabstätte einst so markant und dauerhaft bezeichnet haben, sind gefällt.

Quelle:

Der Artikel ist ungekürzt aus dem Buch des Autors  Der Neue Johannisfriedhof in Leipzig  entnommen, ISBN 978-3-00-039357-0.