Leipzig Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.leipzig-lese.de
Unser Leseangebot

Neu

Flechtwerk
Lebendige Nachbarschaft und Integration

so heißt die erste Ausgabe unserer neuen Zeitschrift

FLECHTWERK - Lebebendige Nachbarschaft und Integration

Die Deutschen sind ofener geworden und haben gleichzeitig mehr Sinn für Heimat, Familie und Nachbarschaft entwickelt. Es müssen neue Wege gesucht werden, um Ausgrenzung und Anonymität zu verhindern.

Friedrich Nietzsche und seine Schwester Elisabeth, das „Lama“

Friedrich Nietzsche und seine Schwester Elisabeth, das „Lama“

Friedrich Ekkehard Vollbach

„Brüderlein und Schwesterlein“

Das Geburtshaus in Röcken. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel
Das Geburtshaus in Röcken. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel

Ein Leben lang hat sie den Bruder vergöttert. Wann immer er ihre Hilfe brauchte, war sie zur Stelle. Wenn sich sein Interesse einer anderen Frau zuwandte, versuchte sie dies durch Lügen und Intrigen zu unterbinden. Sie sorgte sich um den Bruder und pflegte ihn. Als Verwalterin seines schriftlichen Nachlasses ging sie daran, mit „Federmesser und Tinte" dafür zu sorgen, dass ihr eigenes Nietzsche - Bild als das einzig gültige propagiert wird.

Therese Elisabeth Alexandra Nietzsche wird am 10. Juli 1846 wie ihr zwei Jahre älterer Bruder Friedrich in Röcken, einem kleinen Ort an der L 188 zwischen Lützen und Weißenfels, geboren.
Nach dem frühen Tod des Vaters Carl Ludwig Nietzsche im Jahr 1849 muss dessen Witwe mit ihren Kindern das behagliche Pfarrhaus in Röcken verlassen, damit der Nachfolger des Verstorbenen dort einziehen kann.

Elisabeth Förster - Nietzsche 1894
Elisabeth Förster - Nietzsche 1894

Auf Empfehlung der Großmutter Erdmuthe bezieht die Familie eine kleine Wohnung in der Domstadt Naumburg. Die Familie - das sind außer der Pfarrwitwe Franziska (gerade mal 23 Jahre alt) deren Kinder Friedrich und Elisabeth, Großmutter Erdmuthe (Schwiegermutter von Franziska) und deren Töchter Auguste und Rosalie. Erst nach dem Tod der Schwägerin Auguste und der Schwiegermutter kann Franziska Nietzsche mit ihren Kindern eine eigene Wohnung beziehen.

Friedrich und Elisabeth haben miteinander ein inniges Verhältnis, das natürlich - wie bei Geschwistern üblich - nicht frei von Streit und Versöhnung ist. Das enge Miteinander der beiden ergab sich auch aus der Tatsache, dass Friedrich in der neuen Umgebung nur schwer Kontakt zu Gleichaltrigen findet, die ihn als den „kleinen Pastor" verspotten. 1851 verlässt Friedrich die städtische Knabenschule um, nach Unterricht an einem Privatinstitut, 1854 das Domgymnasium zu besuchen.

Seine Schwester geht bis 1861 in die Volksschule, danach besucht sie die „Schule für junge Damen" von Fräulein Paraskis, in der die Fächer Deutsch, Französisch, Naturkunde, Arithmetik, Geschichte, Singen und Religion unterrichtet wurden. Elisabeth ist eine gute Schülerin.

Friedrich  Nietzsche
Friedrich Nietzsche

Der Bruder ist zu der Zeit bereits Schüler des traditionsreichen Gymnasiums in der ehemaligen Zisterzienserabtei Schulpforte, das er 1864 verlässt.

Ab Februar 1862 ist Elisabeth Schülerin eines Pensionats in Dresden, in dem „Mädchen von Familie" auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. In solch einem Pensionat lernte man, eine gute Gastgeberin zu sein, Gäste zu unterhalten und Abendfeste zu organisieren. Auch Tanzunterricht stand auf dem Stundenplan. Die Mutter hält inzwischen Ausschau nach einer guten Partie für die Tochter. Die ist allerdings von diesen Aktivitäten der Mutter nicht sonderlich begeistert. Sie will ihren eigenen und keinen vorbestimmten Weg gehen. Dabei wird sie vom Bruder unterstützt.

Nietzsche als Student in Leipzig, 3. von links stehend. Foto: UAL
Nietzsche als Student in Leipzig, 3. von links stehend. Foto: UAL

Nachdem Friedrich in Bonn Theologie und Philologie studierte (das Theologiestudium gibt er bereits 1865 zum Leidwesen seiner Mutter auf), folgt er seinem Lehrer, dem bedeutenden Altphilologen Friedrich Ritschl, nach Leipzig. Seine Schwester nutzt den Aufenthalt des Bruders in Leipzig und wird 1868 „Schnupperstudentin" an der dortigen Universität.

Durch Vermittlung seines Lehrers und Förderers Ritschl wird Friedrich Nietzsche 1869 zum Honorarprofessor an der Universität Basel berufen, obwohl er weder ein Staatsexamen noch eine Promotion vorweisen kann, von einer Habilitation ganz zu schweigen. Am 28. Mai 1869 hält der 25 Jährige - er ist der jüngste Professor seiner Zeit - seine Antrittsvorlesung.

Ein Jahr später holt er seine Schwester nach Basel, damit sie ihm seinen Haushalt führt. Das hatte sie ja gelernt. Der Mutter war es recht, hatte doch die Tochter so ihr Auskommen und eine angemessene Stellung. Fast 10 Jahre lang ist Elisabeth für ihren „Herzensfritz" tätig und hält ihm den Rücken frei. Er braucht sich weder um Einkäufe noch um Finanzen oder sonstige Mühseligkeiten des Alltags zu kümmern. Da der Bruder oft krank ist und durch seine Kurzsichtigkeit in seinen Möglichkeiten eingeschränkt, ist sie auch seine Krankernpflegerin und Vorleserin. Durch ihren Bruder bekommt Elisabeth Zugang zur Baseler Gesellschaft. Sie besucht Konzerte und Vorträge, erhält Besuche und wird zu Besuchen eingeladen.

Wichtig ist für sie die Bekanntschaft mit der Familie Wagner. Sie hütete deren Kinder und ist schließlich mit Cosima Wagner per Du.

Nietzsche ist mit seiner Tätigkeit als Altphilologe an der Universität Basel unglücklich und unzufrieden. Bereits 1871 bewirbt er sich um den gerade freien Lehrstuhl für Philosophie an seiner Universität, obwohl er selbst nie Philosophie studiert hatte. Seine Bewerbung wird mithin auch nicht berücksichtigt. Im gleichen Jahr erkrankt er schwer. Seine Schwester begleitet ihn nach Lugano und kümmerte sich dort auch um seine Pflege.

Zu dieser Zeit arbeitet er an einer Schrift mit dem Titel „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik". Viele Überlegungen Richard Wagners und Gedanken des Philosophen Schopenhauer fließen in dieses Werk ein. Wagner sorgt auch dafür, dass es 1872 gedruckt werden kann.

Nietzsches Freunde und Bekannte sind des Lobes voll, doch seine altphilologischen Kollegen lehnen es als unwissenschaftliches Machwerk rundweg ab. Als gar noch der junge Altphilologe Ulrich von Wilamowitz - Moellendorf (er prägt später die klassische Philologie des 20. Jahrhunderts) eine sehr ironische Rezension zur Schrift Nietzsches veröffentlicht, ist Nietzsches Ruf als akademischer Philologe völlig zerstört.

Richard Wagner und Friedrich Nietzsche waren sich bereits in Leipzig begegnet. Beide verband das große Interesse an der Musik und an der Philosophie Arthur Schopenhauers. Bereits am 17. August reist der erst kürzlich ernannte Professor Nietzsche von Basel nach Tribschen am Rande Luzerns, um Wagner zu besuchen, der nach „unsteten Reisejahren" nun hier mit seiner Geliebten und späteren Frau Cosima von Bülow, geborene Liszt, eine Bleibe gefunden hat.

Bis 1872 wird Nietzsche 23 mal sein Idol Wagner hier in Tribschen besuchen. Aber das gute Verhältnis zwischen beiden beginnt sich mehr und mehr einzutrüben. Nietzsche blieb nicht mehr länger der Philosophie Schopenhauers verhaftet. Seine Gedanken gehen - zum Verdruss Wagners - weit über das von Schopenhauer Gedachte hinaus. Und, was sicher noch schwerer wog, Nietzsche wird Wagner gegenüber immer kritischer.

1873 lernt Nietzsche den Philosophen und späteren Arzt Dr. Paul Ree kennen. Beide sind voneinander beeindruckt. Trotz der Warnungen Wagners entwickelt sich daraus eine enge Freundschaft. Beide weilen auf Einladung von Malwida von Meysenbug, die Nietzsche bei der Grundsteinlegung des Festspielhauses in Bayreuth kennengelernt hatte, in Sorrent. Wegen seines Augenleidens ist Nietzsche auf die Hilfe Rees und der Gastgeberin angewiesen (Vorlesen, Schreiben nach seinem Diktat).

In einem Brief nach Naumburg teilt Nietzsche mit, dass es ihm gesundheitlich nun wieder besser ginge. In dieser Zeit verfasst er die Niederschrift von über 1000 Aphorismen mit dem Titel „Menschliches, Allzumenschliches" , in dem einige Aphorismen direkt gegen Wagner gerichtet sind. Damit wendet sich Nietzsche von dem Mann ab, den er einst so vergöttert hatte. Zwar nimmt er noch 1876 am 1. Festspiel in Bayreuth teil, ist aber schockiert darüber, wie das „niveaulose" Publikum dem „Maestro" Wagner zu Füßen liegt. Die einstige Freundschaft der beiden wandelt sich in bittere Feindschaft. 1878 übersendet Wagner zum letzten Male ein Werk an Nietzsche (Parsifal), der ihm darauf einen Brief schickt und seine Schrift „Menschliches, Allzumenschliches".

Für Friedrichs Schwester kam das einer Katastrophe gleich. Wie kann der Bruder nur so leichtfertig die Verbindung zu einem „bedeutenden Mann" aufs Spiel setzen? Mit der Länge der Zeit werden Bruder und Schwester einander immer fremder. Geradezu fassungslos aber ist Elisabeth, als Nietzsche 1879 aus Krankheitsgründen um die Entlassung aus dem Universitätsdienst nachsucht. Im Juni erhält er die erbetene Entlassungsurkunde. Immerhin billigt man ihm eine jährliche Pension in Höhe von 3.000 Franken zu. Elisabeth hilft ihm noch, die Wohnung in Basel aufzulösen, dann kehrt sie nach Naumburg zurück.

In Briefen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit beklagt sie sich bitter über das Verhalten ihres Bruders. Sie tut das derartig impertinent, dass er sie nicht mehr in seiner Nähe dulden mochte.

Dessen physischer Zustand verbessert sich aber auch nach der Entlassung aus dem Universitätsdienst nicht. Im Gegenteil, in seinen Briefen beklagt er sich über innere Leere und beständige Schmerzen. Unglücklicher Weise hatte auch seine Sehkraft wieder stark nachgelassen.

Weil Nietzsche seinen Aufenthaltsort zwischen 1879 und 1883 auf der Suche nach Linderung ständig wechselt, kann er mit Freunden und Bekannten nur brieflich verkehren. Hier ein Beispiel für seine Unrast:

Nachdem Nietzsche den Winter 1879 / 80 bei der Mutter in Naumburg verbrachte, reist er im Frühjahr nach Italien. In Riva am Gardasee beginnt er mit den ersten Arbeiten zur „Morgenröthe". In Venedig schreibt er weiter an dieser Schrift. Im Juni weilt er in Marienbad, und im Herbst befindet er sich wieder in Naumburg, um von dort erneut nach Italien zu reisen. Kein Wunder also, dass er immer wieder über seine Einsamkeit klagt.

Als Nietzsche 1881 zum ersten von sieben Sommeraufenthalten (1881, 1883 - 1888) in Sils - Maria weilt, verbietet er der Schwester, ihn zu besuchen. (In Sils entstanden die Schriften „Zarathustra" (2.Teil), „Jenseits von Gut und Böse", „Götzendämmerung" und „Der Antichrist".) Die Geschwister gehen sich nun, wenn möglich, aus dem Weg.

Elisabeth kauft inzwischen mit ihrer Mutter ein Haus in Naumburg. Sie wird Vorsitzende des Wagnervereins und beginnt eine Novelle (Nora) zu schreiben.

Das Foto: Lou Salome, die Peitsche schwingend, und F. Nietzsche und P. Ree an der Deichsel
Das Foto: Lou Salome, die Peitsche schwingend, und F. Nietzsche und P. Ree an der Deichsel

Auf einer Italienreise (1882) lernt Paul Ree durch Vermittlung der Alwida von Meysenbug die 22 jährige Schriftstellerin Lou Salome aus Petersburg kennen. Er verliebt sich sofort in sie. Bald macht er ihr einen Heiratsantrag, der aber von Lou abgewiesen wird. Noch im gleichen Jahr lernt auch Nietzsche die attraktive Russin kennen. Auch er erliegt sofort dem Charme dieser Frau. Wie Reese so macht auch Nietzsche der beeindruckenden Dame einen Heiratsantrag. Als der nicht erhört wurde, erneuert er diesen etwas später sogar. Lou Salome aber macht ihm deutlich: Zusammenleben, diskutieren und philosophieren ja, aber Heirat - nein.

Lou, Nietzsche und Ree planen darum eine Art Arbeitsgemeinschaft, von ihnen die „Dreieinigkeit" genannt. Doch das Vorhaben scheitert an der Eifersucht der beiden Männer.

Im Sommer 1882 weilt Nietzsche wieder einmal in Naumburg. Seine Schwester hilft ihm hier bei den Korrekturen des Manuskripts der Schrift „Die fröhliche Wissenschaft". Aber dieses Werk fand - wie auch seine vorherigen Werke - sehr wenig Beachtung in der Öffentlichkeit. Von den 1000 gedruckten Exemplaren werden bis 1886 lediglich 200 verkauft. Im Januar hatte ihm die Schwester die von ihm erwünschte „Schreibkugel", die erste damals in Serie hergestellte Schreibmaschine, geschenkt. Der halbblinde Bruder ist damit einer der ersten Nutzer solch eines Geräts.

Damit sich Elisabeth von seinem „Schwarm" Lou ein Bild machen kann, lädt er Elisabeth zu den Festspielen nach Bayreuth ein. Doch die Dinge entwickeln sich ganz anders, als Nietzsche es erhofft hatte. Die Schwester sieht in Lou Salome lediglich eine Konkurrentin und lehnt sie rundweg ab. In Briefen und Gesprächen beschwert sie sich über das angeblich unziemliche Verhalten dieser Frau. Und als Lou einmal zum Vergnügen aller ein Foto herumzeigt, auf dem zu sehen ist, wie Nietzsche mit Ree an der Deichsel eines Wagens stehen und sie, eine Peitsche schwingend, auf dem Wagen sitzt, empfindet Elisabeth das als eine unmögliche Erniedrigung ihres Bruders und der ganzen Familie Nietzsche. Sie beschwert sich heftig darüber bei Friedrich. Elisabeths Aversion gegen die Freundin ihres Bruders wird immer größer. Dennoch begleitet sie als Anstandsdame Friedrich und dessen Geliebte in die Sonnenfrische nach Tautenburg (bei Dornburg). Doch sie fühlt, wie überflüssig sie ist, wenn Friedrich und Lou endlose Gespräche über philosophische und psychologische Themen führen. Täglich bis zu 10 Stunden und bis in die tiefe Nacht hinein vermochte Nietzsche sich mit Lou auszutauschen, wobei Elisabeth den Gesprächen meist geistig nicht folgen kann. Aus der Aversion Elisabeths wird abgrundtiefer Hass, als Friedrich seiner Schwester erzählt, dass Lou bereit wäre, mit ihm in wilder Ehe zu leben. Elisabeth beginnt böse Intrigen gegen Lou und Bruder Friedrich zu spinnen. Sie schreibt zum Beispiel Briefe an Lous Mutter und an die Familie von Ree. Sie unternimmt alles nur Erdenkliche, um Lou aus der Nähe ihres Bruders zu entfernen. Alle bisherigen Hoffnungen Elisabeths schwinden dahin. Ihr Bruder entwickelt sich so ganz anders, als von ihr gedacht und gewollt. Für ihn ist Naumburg nichts anderes als eine „natürliche Versorgungsstation", die mit seinem geistigen Leben nichts zu tun hat. So sieht er auch die Schwester, die er das „Lama" nennt, die lediglich dazu da ist, seine Lasten zu tragen, wenn sie auch spuckt.

Elisabeth und Friedrich treffen sich noch einmal (1883) bei Malvida von Meysenbug in Rom. Nach einer nicht sehr zu Herzen gehenden Versöhnung der Geschwister eröffnet Elisabeth ihrem Bruder, dass sie mit Bernhard Förster in einem engen brieflichen Kontakt steht. Friedrich mochte diesen Antisemiten nicht, der wegen einer Schlägerei mit einem Juden aus dem Schuldienst ausscheiden musste. In einem Brief an seinen Freund Overbeck schreibt Nietzsche: „...die verfluchte Antisemiterei ... ist die Ursache eines radikalen Bruches zwischen mir und meiner Schwester."

Schon drei Jahre zuvor unterstützte Elisabeth durch das Sammeln von Unterschriften die von Förster und anderen auf den Weg gebrachte „Antisemitenpetition" an Bismarck, in der ein Zuzugsstopp von Juden nach Deutschland, die Entlassung von Juden aus dem Staatsdienst, die Entfernung jüdischer Lehrer aus der Volksschule und andere Maßnahmen gegen Juden gefordert wurden. (Bismarck verweigerte die Annahme der Petition.)

Elisabeth fühlt sich Bernhard Förster immer mehr verbunden. Der befand sich zu dieser Zeit (1883/84) bereits in Paraguay, um dort die Siedlerkolonie „Neu - Germania" (eine Art Zufluchtsort für die arische Rasse) zu gründen. Förster macht Nietzsches Schwester einen Heiratsantrag, den sie freudig annimmt. Am 22. 5. 1885, dem Geburtstag Richard Wagners, heiraten die beiden. Friedrich Nietzsche gehörte nicht zu den Hochzeitsgästen. Im Oktober des Jahres trifft Elisabeth ihren Bruder zum letzten Mal vor dessen Umnachtung, dann reist sie nach Südamerika ab. Im März 1888 kommt das Ehepaar Förster in „Nueva Germania" an, doch der Traum vom neuen arischen Germanien in Paraguay währte nicht lange. Die finanziellen Probleme der Siedlung werden letztendlich so groß, dass Förster sich aller Verantwortung durch Selbstmord entzieht. (Seine Witwe bestritt allerdings zeitlebens, dass es sich um Selbstmord gehandelt habe.)

Faksimile Nietzsches
Faksimile Nietzsches

Friedrich Nietzsche leidet in den Jahren 1879 bis 1883 unter Einsamkeit und beklagt sich immer wieder darüber. Da er seinen Aufenthaltsort ständig wechselt (Riva am Gardasee, Venedig, Marienbad, Naumburg und dann wieder Italien), kann er mit seinen Freunden lediglich brieflich verkehren. In diesen Briefen klagt er über innere Leere und die ihn ständig plagenden physischen Schmerzen. Aber wo immer er weilt, die Krankheit hat ihn fest im Griff. Nur ein paar Tage des Jahres ist er ohne Schmerzen. Auch hat seine Sehkraft wieder deutlich abgenommen. Umso erstaunlicher ist, mit welch ungeheurem Arbeitseifer er an seinen Manuskripten schreibt und welche Unmengen von Briefen er verfasst.

1883 befindet Nietzsche sich plötzlich in einem Schaffensrausch. In nur wenigen Tagen schreibt er in Rapallo den 1. Teil von „Also sprach Zarathustra" (etwa 100 Buchseiten). Er nennt diese Schrift „Ein fünftes Evangelium". Darin formuliert er gleichsam als Motto seiner letzten Lebensjahre den Satz: „Was liegt am Glück, ich trachte nach meinem Werk." Dieser Hochstimmung folgt ein erneuter Absturz. „Es ist wieder Nacht um mich ... Ich glaube, ich gehe unfehlbar zugrunde ..." teilt er in Briefen mit.
In Sils und in Nizza verfasst der recht kranke Philosoph die nächsten Teile des „Zarathustra" (1883/84). Sein „Zarathustra" ist das Werk eines begnadeten Dichters und eines Propheten. Es enthält viele Anspielungen auf biblische und christliche Formulierungen. Im Grunde handelt es sich um eine neue antichristliche Heilslehre. An seinen Freund Erwin Rohde schreibt er 1884: „Ich bilde mir ein, mit diesem Zarathustra die Sprache zu ihrer Vollendung gebracht zu haben." Ein Jahr später vollendet Nietzsche auch den vierten Teil dieses Werkes. Doch zu seinem Leidwesen ist auch diese seine Schrift kein publizistischer Erfolg. Der Autor ist sogar dazu gezwungen, den 4. Teil des „Zarathustra" privat drucken zu lassen. Es handelt sich dabei um 45 Exemplare, die Nietzsche lediglich sieben Freunden zusenden kann. „So fremd ist Nietzsche auf der Höhe seines Schaffens der Zeit geworden" (St. Zweig).

Obwohl der geniale Mann immer neue Menschen kennenlernt, kapselt er sich doch mehr und mehr ab. Selbst seinem Freund Köselitz kündigt er 1887 die Freundschaft auf. Es geht Nietzsche nur noch um sein Werk, das er vor Missverständnissen bewahren möchte. Insgeheim arbeitet er an einer neuen Philosophie, die als Überwindung der bisherigen Philosophie erkannt werden soll. In einem schriftlichen Entwurf mit dem Titel „Willen zur Macht" finden sich die ersten Gedanken dieser seiner neuen Philosophie.

(Übrigens hat Nietzsche außer antiken philosophischen Schriften, bedingt durch das Philologiestudium, nur wenige Philosophen im Original gelesen. Meist begnügte er sich mit Sekundärliteratur.)

Von „Jenseits von Gut und Böse - Vorspiel einer Philosophie der Zukunft" (1885) kann er lediglich 114 Exemplare verkaufen. Erst nach seinem Tod stoßen seine Bücher auf großes Interesse. Viele deutsche Soldaten haben im 1. Weltkrieg den „Zarathustra" im Tornister. -

Doch die Philosophen tun sich schwer mit dem Werk Nietzsches. In Deutschland wird durch seine Philosophie vor allem der Existenzphilosoph Martin Heidegger (1889 - 1976) in besonderer Weise geprägt. Hocherfreut ist Nietzsche über die Nachricht, dass der Philosoph Georg Brandes an der Universität Kopenhagen eine Vorlesungsreihe über den „deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche" gehalten hat.

Philosophen unserer Tage sehen in seinen Lehren einen tiefen „Irrationalismus, mit stark theologischem Einschlag", so Ernst R. Sandvoss, der auch feststellt: „Nietzsches Grundlehren lassen sich in wenigen Sätzen, von Jaspers als „Absurditäten" bezeichnet, zusammenfassen:

1. Gott ist tot - es lebe der Übermensch!

2. Alles war schon einmal da und kehrt ewig wieder: Ewige Widerkehr.

3. Wille zum Leben heißt: Wille zur Macht.

4. Sünde ist eine jüdische Erfindung. Dafür: Unschuld des Werdens

5. Anstelle von Freiheit: Liebe zum Schicksal oder amor fati.

In der ihm noch in klarem Bewusstsein verbleibenden Zeit entstehen seine Biografie „ecce homo" (nach Johannesevangelium 19, 5) und die Schrift „Nietzsche contra Wagner", in denen er darlegt, wie er sich selbst versteht und wie er von seinen Lesern verstanden werden möchte.

Der kranke Nietzsche, Porträt von Hans Olde.
Der kranke Nietzsche, Porträt von Hans Olde.

Am 17. 12. 1888 kommt es zu einem merkwürdigen Vorfall. Nietzsche umarmt in Turin auf offener Straße aus Mitleid ein Kutschpferd, das soeben vom Kutscher geschlagen wurde, und will es einfach nicht wieder loslassen. Die Menschen bleiben neugierig stehen. Seinem Vermieter, der gerade vorbeikommt, gelingt es, Nietzsche nach Hause zu bringen.

Nun beginnt sich sein Wahnsinn zu steigern. Nietzsche zerreißt Geldscheine und Briefe, schreit, tanzt nackt herum und tut andere absonderliche Dinge. Als Professor Overbeck in Basel vom Zustand seines Freundes erfährt, reist er sofort nach Turin und bringt den Kranken nach Basel ins Irrenspital. Nietzsche kann künftig nicht mehr ohne Pflege und Aufsicht leben. Woran er erkrankt ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Hatte er sich in seiner wilden Studentenzeit bei geschlechtskranken Prostituierten mit Syphilis infiziert? War es eine Erbkrankheit, an der bereits sein Vater frühzeitig verstarb? Oder handelte es sich bei Nietzsches Leiden um einen Hirntumor, wie manche heute meinen? Da Elisabeth nach dem Tode ihres Bruders vehement die Obduktion des
Verstorbenen verhinderte, muss die Frage nach der Ursache von Nietzsches Leidens wohl vorerst unbeantwortet bleiben.

Nietzsche erfährt in seiner Umnachtung nicht, dass er plötzlich berühmt ist und große Anerkennung erfährt, zwar nicht bei den Philosophen, aber bei den Cafehausliteraten, den Bohemiens und nichtakademischen Intellektuellen. Detlev von Liliencron (1844 -1909) schrieb bereits im Jahre 1889 enthusiastisch: Nietzsche „war der geistig höchststehende Deutsche." Einer der frühen Bewunderer Nietzsches war z. B. auch Christian Morgenstern (1871-1914). Nach 1900 wird Nietzsche allgemein bekannt, aber nur wenige lesen ihn im Original, die meisten begnügen sich mit Sekundärliteratur.

Und plötzlich gilt Nietzsche als einflussreichster Philosoph des 20.Jahrhunderts. Sehr viele Schriftsteller und Literaten lassen sich von seinen Gedanken beeinflussen. Man denke nur an Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Hermann Hesse, Stefan Zweig, Franz Kafka, Bert Brecht, Albert Camus, um nur einige zu nennen. Es waren bei manchen Schriftstellern weniger Nietzsches philosophischen Erkenntnisse als die eigene Befindlichkeiten der Literaten, die sie mit ihm verbanden.

Mitte Januar 1889 holt die Mutter ihren kranken Sohn in Basel ab, damit er in der Psychiatrie der Universität Jena weiter behandelt wird. Bereits im November desselben Jahres wird Friedrich Nietzsche entmündigt. Schließlich nimmt die Mutter ihren Sohn bei sich in Naumburg auf.

Elisabeth kommt 1889 nach Deutschland. Die Mutter hofft, durch sie Hilfe bei der Pflege und Betreuung des Kranken zu bekommen, doch die Tochter fährt erneut nach Paraguay.
Aber in der Kolonie wurde sie inzwischen zur persona non grata und ist keineswegs willkommen. Ein Telegramm der Mutter ruft Elisabeth schließlich ganz nach Naumburg zurück. Sofort nach ihrer Ankunft lässt sie sich den Doppelnamen Förster - Nietzsche gerichtlich bestätigen.

Mit Entschlossenheit und Tatkraft bemüht sich Elisabeth Förster - Nietzsche, der Welt ein nach ihren Vorstellungen ideales Bild des Bruders zu präsentieren. Zu diesem Zweck erscheint 1895 der 1. Band ihrer Nietzsche - Biografie. Im Gegensatz zu ihrer Intimfeindin Lou Salome, die bereits eine Jahr zuvor die Werk - Biografie „Friedrich Nietzsche in seinen Werken" (noch heute lesenswert) veröffentlichte, ist Elisabeths Nietzsche - Biografie ganz familiär geprägt und mit dem Impetus versehen, aus Nietzsche eine Kultfigur zu machen. Sie beabsichtigte dabei von Anfang an nicht, sich ernsthaft mit der Philosophie und den Gedanken ihres Bruders auseinanderzusetzen. Prof. Overbeck, langjähriger Freund Nietzsches, urteilte über das Buch Elisabeths: „Nietzsche von einer Köchin beschrieben".

Elisabeth Förster - Nietzsche setzt nun alles daran, das alleinige Verfügungsrecht über den Nachlass ihres Bruders zu erlangen. Dabei ist ihr jedes Mittel recht. Selbst ihre Mutter, die noch immer hauptsächlich die Last der Krankenpflege trägt, verschont sie dabei nicht. Durch die Bürgschaft verschiedener Nietzsche - Freunde erhält sie vom Bankier Robert von Mendelssohn (dass er Jude war, schien die Antisemitin nicht zu stören) einen Kredit in Höhe von 30.000 Mark. Dadurch kann sie der Mutter alle Rechte am Nachlass Friedrichs abkaufen. Jetzt ist es ihr möglich, das Werk Nietzsches in der ihr eigenen Sicht, unwissenschaftlich und selbstherrlich zu edieren.

1894 gründete sie das Nietzsche - Archiv in Naumburg. Zwei Jahre später kann sie es nach Weimar verlegen, denn Barbara Margaretha von Salis-Marschlins (Meta von Salis), Historikerin und Frauenrechtlerin in der Schweiz, die Nietzsche öfter getroffen hatte, kaufte in Weimar ein Haus, so dass das Nietzsche - Archiv dort einziehen kann (in die Stadt Goethes!).

Nach dem Tod der Mutter (August 1897) bringt Elisabeth den Bruder in einer Nacht - und Nebelaktion von Naumburg nach Weimar. Im neuen Haus, der „Villa Silberblick", vegetiert nun der Kranke dahin, teils abwesend, apathisch oder brüllend. Und die Schwester schämt sich nicht, den hilflosen Bruder interessierten Besuchern zu präsentieren.

Die Kirche zu Röcken mit den Gräbern der Geschwister Nietzsche. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel
Die Kirche zu Röcken mit den Gräbern der Geschwister Nietzsche. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel
Am 25. August 1900 stirbt Friedrich Nietzsche nach einem Schlaganfall. Für die vorgesehene Bestattung im Garten der Villa Silberblick in Weimar (analog zur Grabstätte Wagners im Park hinter dem Haus Wanfried) erhält Elisabeth keine Genehmigung. Mithin beschließt sie, den Leichnam des Bruders in Röcken beizusetzen. Eine hinreichende Geldspende für die Gemeinde motiviert den dortigen Pfarrer, der Bestattung des Antichristen Nietzsche im Familiengrab an der Kirchenmauer zuzustimmen. Er selbst nimmt an dieser Beerdigung nicht teil.

Mit Glockengeläut (!), Gesang eines Männerchores, Reden, Abschiedsworten und Zitaten aus dem „Zarathustra" wird der Philosoph Friedrich Nietzsche zu Grabe getragen.

Nach St. Zweig besteht die Tragik dieses Mannes in Folgendem: „Kein einziger Mensch wagte sich nahe und voll in den inneren Kreis dieses Geschicks, immer spricht, immer kämpft, immer leidet Nietzsche für sich allein. Er redet zu niemandem, und niemand redet zu ihm. Und was noch furchtbarer ist: niemand hört ihm zu." In ähnlichem Sinne schreibt der Altphilologe, Literaturhistoriker und ehemalige Präsident des PEN - Zentrums Walter Jens: „Nietzsches Tragik ist, dass ihm der Dialog in einer Schule vorenthalten war..., dass er nur mittelbar, durch seine Schriften, wirken durfte, durch dürftige Ersatz - Kollegs.... Nietzsche , ein Pastor ohne Kanzel. Ein Professor ohne Katheder."

Nietzsche-Archiv in der Villa Silberblick in Weimar. Foto: © R.Möhler
Nietzsche-Archiv in der Villa Silberblick in Weimar. Foto: © R.Möhler

Ein Jahr später erscheint postum das angebliche Hauptwerk Nietzsches mit dem Titel „Der Wille zur Macht". Der hatte ja, wie oben bereits erwähnt, einige wenige Passagen zu diesem Thema zu Papier gebracht und Pläne für eine solche Schrift entworfen. Nun aber wird unter diesem Titel von Elisabeth das wenige Vorhandene zusammengestellt, verändert und vor allem nach eigenem Gutdünken erweitert. Dieses Machwerk wird ein großer Erfolg. Doch 30 Jahre später wird gerichtlich festgestellt, dass es sich bei diesem Buch um eine weitgehend selbständige Arbeit von Elisabeth Förster - Nietzsche handelt.
Durch die unwissenschaftliche und eklektische Bearbeitung der schriftlichen Hinterlassenschaft ihres Bruders leistet Elisabeth Förster - Nietzsche der Vereinnahmung Nietzsches durch die Nazis Vorschub.

Mit fast krimineller Energie fälscht sie etliche originale Briefe Friedrichs, macht mit Tinte und Federmesser Brieftexte des Bruders unleserlich, fügt Zusätze ein oder eliminiert Textpassagen. Dieses Elaborat erscheint in drei Bänden unter dem Titel „Friedrich Nietzsches gesammelte Briefe". Ihr Treiben veranlasst Kurt Tucholsky 1929 zu der Bemerkung: „Wir wollen nicht mehr die Werke des Lieschen Förster, sondern die Werke Friedrich Nietzsches."

In den zwanziger Jahren kommt es im Nietzsche - Archiv Weimar zu einem deutlichen Rechtsruck, den auch Frau Förster - Nietzsche durchaus bejaht. Sie begrüßt den Putsch 1923 in München und bedauert dessen Ausgang. Mussolini ist für sie „der herrlichste Jünger Zarathustras". Schließlich mutiert das Nietzsche - Archiv zu einem Zentrum nationalsozialistischer Weltanschauung. Man benutzt Nietzsches Werke wie einen Steinbruch und holt all die Passagen heraus, die für das Naziregime nützlich und brauchbar erscheinen. Friedrich Nietzsche wäre entsetzt gewesen, wie sein Werk verfälscht wird. Kommentar Tucholskys zum Umgang mit Nietzsches Schriften: „Sage mir, was du brauchst, und ich will dir dafür ein Nietzsche - Zitat besorgen." Elisabeth schreibt 1933 an den schwedischen Bankier Ernest Theil (Mäzen der Nietzsche - Bibliothek): „Wir leben eigentlich in einem Rausch der Begeisterung, weil eine so wundervolle, geradezu phänomenale Persönlichkeit, unser herrlicher Reichskanzler Adolf Hitler, an der Spitze unseres Landes steht." Mit ihm ist sie auch ein paar Mal zusammengetroffen. Bei einer dieser Begegnungen überreicht sie Hitler den Degenstock Nietzsches. Wie wichtig den braunen Machthabern die Schwester Nietzsches war, wird dadurch deutlich, dass sie einen Ehrensold (300 RM) erhält und zu ihrem 75. Geburtstag die Ehrendoktorwürde der Universität Jena.

Am 8. November 1935 stirbt Elisabeth Förster-Nietzsche. Auch Herr Hitler nahm an der Trauerfeier teil. Beigesetzt wurde die Verstorbene in Röcken zwischen Vater und Bruder.

Verwendete Literatur:

- Friedrich Nietzsche, Sein Leben erzählt von Otto A. Böhmer, Diogenes - Verlag, 2007

- Walter Jens, Friedrich Nietzsche Pastor ohne Kanzel, in: FAZ v. 06. 02. 1974

- Hans Küng, Existiert Gott, S. 383 - 469, R. Piper & Co. Verlag München, 1978

- Friedrich Nietzsche - Spuren - Biographie, www.friedrichnietzsche.de

- Ernst R. Sandvoss, Geschichte der Philosophie, Bd 2, dtv wissenschaft, München 1989

- Stefan Zweig, Der Kampf mit den Dämonen - Hölderlin, Kleist, Nietzsche, Fischer Taschenbuch Verlag, 1981

-Ulrike Ackermann, Elisabeth Förster - Nietzsche

Eine fatale Emanzipation am Fin-de-siecle, bei WIKIPEDIA

- Carol Diethe, Nietzsches Schwester und der Wille zur Macht, Europa Verlag, Hamburg, 2001

- Heinz Friedrich Peters, Zarathustras Schwester - Fritz und Lieschen Nietzsche- ein deutsches Trauerspiel, Kindler, München, 1983