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Zum 330'ten Geburtstag von Johann Friedrich Böttger

Zum 330'ten Geburtstag von Johann Friedrich Böttger

Hans-Joachim Böttcher

Leipziger Markt aus der Petersstraße gesehen Bild: Sammlung: U. Brekle
Leipziger Markt aus der Petersstraße gesehen Bild: Sammlung: U. Brekle

Wie kein anderer Name ist der von Johann Friedrich Böttger mit der Entwicklung des sogenannten Jaspisporzellans (heute Böttger-Steinzeug genannt!) und des europäischen Hartporzellans am Anfang des 18. Jahrhunderts verbunden.

Getauft in Schleiz am 5. Februar 1682, kann im Februar 2012 also Böttgers 330‘ten Geburtstages gedacht werden. Im Vorfeld dieses Anlasses brachte der Dresdner Buchverlag im Dezember 2011 die von Hans-Joachim Böttcher verfasste BiografieBöttger - Vom Gold- zum Porzellanmacher" heraus.

Der folgende Textteil stellt daraus einen Auszug dar. Böttgers Leben in Sachsen ist zutiefst mit den Städten Dresden, Meißen und Königstein verbunden. Jedoch spielte gerade Leipzig in der Anfangsphase, als das neu entwickelte sächsische Porzellan zum Verkauf bereitgestellt wurde, für dessen Verbreitung und damit Erfolg eine sehr bedeutende Rolle und damit auch für das Wohl und Wehe von Böttger.

 

... In Vorbereitung der Ostermesse wurde wohl auf Anweisung von August II. Ende Januar mit einer massiven Werbung für das sächsische Porzellan begonnen. Man verbreitete eine mit Datum vom 23. Januar 1710 versehene Druckschrift, welche offiziell die Gründung einer Porzellanmanufaktur in Sachsen bekannt gab. Wenig später erschien dieses Schriftstück zudem in Französisch, Holländisch und Latein. Stolz wurde darin im Namen des Königs bekannt geben, „...daß aus denen in Unseren Landen häuffig und überflüßig befindlichen Materialien Uns nicht allein eine Art rother Gefässe, so die Indianischen, von so genannter Terra Sigillata [Siegelerde] gemachten weit übertreffen, nicht weniger, allerhand besonders colorirte und auch von diversen Farben künstlich melirte Geschirr und Tafeln, welche insgesamt nebst ihrer Zärtlichkeit von so ungemeiner Härte sind, daß sie sich gleich dem Jaspis und Porphyr schleiffen, schneiden und poliren lassen, auch übrigens alle andere Eigenschafften besitzen, welche von dergleichen Indianischen Gefässen können und mögen gesaget werden; Nicht minder sie auch bereits ziemliche Prob-Stücken von dem weissen Porcellan, so wohl glasurt, als unverglasurt vorgelegt, welche gnugsame Anzeigung geben, daß aus denen in Unseren Landen befindlichen Materialien ein dem Ost-Indianischen Porcellan, so wohl an Durchsichtigkeit, als anderen dabey erforderten Eigenschafften gleichkommendes Gefässe könne und möge fabriciret werden, auch wohl zu vermuthen ist, daß in Zukunft bey rechter Einrichtung und Veranstaltung dergleichen weisses Porcellan, wie bereits bey dem rothen erweißlich gemachet worden, dem Indianischen an Schönheit und Tugend, noch mehr aber an allerhand Facons [Formen] und grossen, auch massiven Stücken, als Statuen, Columnen [Säulen], Servicen ec. weit übergehen möchten: Ingleichen einen guten Borrax, welcher den innerlichen Qualitäten nach, dem Venetianischen in allen Proben die Gleichheit hält, und nach Verlangen zu derer Künstler und Handwercker, so selbigen unumgänglich gebrauchen müssen, zu mehrern und bequehmern Nutzen zugerichtet werden kan: Ferner Holländische Plattgens, Delffter runde Gefässe, Schmelz-Tiegel und dergleichen vorgestellet: Wie nicht weniger allerhand besondere und noch nie bekandte Wissenschafften proponiret, von welchen aber biß dato, wegen Kürtze der Zeit die rechte vollkommene Prob-Stücken nicht haben gezeiget werden können".

Ziel der Schrift war es, Händler und damit Käufer auf die neuen Produkte aus Sachsen aufmerksam zu machen. Aber man hoffte auch, finanzkräftige Leute zu gewinnen, die den Aufbau der Manufaktur mit Kapital unterstützen. Des Weiteren bestand das Ziel, mittels der Bekanntmachung: „... wohlerfahrene Künstler und Meister, Glaß- und Stein-Schneider, Schleiffer und Polirer, Gold-Schmiede, Schmeltz- und Glaß-Mahler, Bildhauer und Poussirer, gut und saubere Mahler und Zeichner, ingleichen Töpffer" anzuwerben.

Böttger-Denkmal in Dresden, Original uploader was Hejkal at de.wikipedia
Böttger-Denkmal in Dresden, Original uploader was Hejkal at de.wikipedia

Die Bekanntmachung hatte sicher Böttger, um sich und sein Wirken bei August II. in gutes Licht zu setzen und damit eventuell seine Freiheit zu erringen seinem Sekretär Matthiae reichlich vollmundig diktiert. Da sie in ganz Europa verbreitet wurde, gab es nun kein zurück mehr. Als ob der Erfolg schon eingetreten sei, erfolgte die Ernennung von Matthiae zum Kommerzienrat. Mit Datum vom 24. Januar 1710 berief man zudem ein neues Direktorium für die Manufaktur, das sich aus Nehmitz und Matthiae zusammensetzte, zu dem wenig später noch der Sekretär Emanuel Jacobi kam.

Viele europäische Zeitungen verbreiteten die Nachricht, dass es in Sachsen gelungen sei, Hartporzellan herzustellen. Etliche Händler kamen so schon mit großen Erwartungen im Mai 1710 zur Ostermesse nach Leipzig gereist, um hier die neue Ware zu besehen oder sogar zu kaufen.

Von den in einem Wertumfang von etwa 7800 Taler in der Manufaktur auf Lager liegenden Produkten hatte Böttger die attraktivsten für die Präsentation in Leipzig ausgewählt. Das war rotes Porzellan im festgelegten Wert von 3557 Talern. Dazu kamen noch einige wenige kleinere Musterstücke weißen Porzellans. Böttger erhoffte sich nicht nur den reißenden Absatz ersterer Ware, sondern danach umfangreiche Bestellungen. Mit diesen eingehenden größeren Finanzmitteln plante er die Manufaktur weiter ausbauen zu können. Andererseits fürchtete er sich aber auch vor den Aufträgen, da man die Produktionsschwierigkeiten immer noch nicht ganz in den Griff bekommen hatte.

Die Messepräsentation erfolgte vom 7. bis 19. Mai im Leipziger Verkaufslokal des „Blauen Engel" [Der historische Bau in der Petersstraße 20 existiert schon lange nicht mehr!]. An den letzten drei Tagen stand die Ware zum Verkauf bereit. Vom ersten bis zum letzten Tag wollte die Zahl der Neugierigen sowie der potentiellen Käufer nicht abreißen. Wie schon zuvor im April, veröffentlichte die „Leipziger Post- und Ordinar-Zeitung" noch einmal kurz vor Messeende, am 14. Mai 1710, einen sehr positiven und detaillierten Bericht über die Präsentation des neuen roten Porzellans. Dazu gehörten „Geschirre, als Tisch-Krüge, Thee-Bottgens, türkische Caffe-Kannen, Bouteillen [Flaschen]". Aber auch die wenigen Muster weißen Porzellans beschrieb man - und dass gleichfalls „eine Schachtel Borrax á 10 Pfund" angeboten wurde.

Wie immer bei derartigen Neuentwicklungen gab es einige Neider, welche den sich anbahnenden Erfolg des sächsischen Porzellans zu verhindern versuchten. Das waren einmal niederländische Großkaufleute, die mit dem Import des fernöstlichen Porzellans sowie dem Handel mit ihren eigenen Delfter Fayencewaren unermeßlich reich geworden waren. Aber es waren auch Leipziger Kaufleute, die - mit diesen verbunden - ebenfalls bislang von deren Handel profitierten. Vielleicht durch Bestechung dieser Leute kam es beim Verkauf und der Präsentation des Porzellans zu verschiedenen seltsamen Vorkommnissen. Unter Umständen sind diese allerdings auch auf die übliche chaotische Art des Vorgehens der Leute um Böttger - und das erst recht in kommerziellen Fragen - zurückzuführen. Eventuell auch auf deren überall sich auswirkenden stetigen Drang, sich selbst zu bereichern. So behielt eigenartiger Weise der für den Porzellanverkauf verantwortliche Matthiae die besten Stücke auf seinem Zimmer und betrieb damit einen Privathandel. Und das zu stark überhöhten Preisen, welche die Käufer von der neuen Ware mehr abschreckten, als dass man sie dafür gewann. Auch veranlasste Matthiae, eine nachgesandte Kiste mit Porzellan nicht sofort im Verkaufsgewölbe auszupacken. Er ließ diese einfach bis zum Ende der Messe im Zimmer von Nehmitz stehen, um dann zusammen mit diesem frei über das Porzellan verfügen zu können.

Briefmarke 300 Jahre Porzellanherstellung
Briefmarke 300 Jahre Porzellanherstellung

Obwohl schon allein an den ersten Messetagen erfolgreich Reservierungen auf das Porzellan für 1993 Taler angenommen wurden, was dann so weiter ging, war der Reinertrag der Messe eigentümlicher Weise so gut wie null. Allein die Kosten der Messe betrugen weit über 2 000 Taler, die man angeblich vergessen hatte, auf die Preise für das Porzellan aufzuschlagen. Immerhin gehörten neben den beiden genannten Herren noch der Sekretär Jacobi, der Kondukteur Blumenthal, zwei Kaufmannsdiener, ein Aufwärter, vier Bediente und drei Glasschleifer, die auf Verlangen das Porzellan mit Namen oder Devisen verzieren konnten, zum Messepersonal. Von dem kleinen Gewinn blieb also für die Manufaktur letztlich auch so gut wie nichts übrig, da dieser von Matthiae nach der Messe für eine Reise von Leipzig nach Halle ausgegeben wurde. Für den August II. zustehenden Gewinnanteil erwarb man teilweise französische Tapeten.

Petersstraße Leipzig zur Messe     Bild: Sammlung U. Brekle
Petersstraße Leipzig zur Messe Bild: Sammlung U. Brekle

Böttger war über die Ergebnisse der Ostermesse natürlich mehr als verbittert und dürfte dementsprechend getobt haben. Da besänftigte ihn, der ein unmäßiger Raucher war, auch nicht das Fass besten Tabaks, das ihm Matthiae als Geschenk mitgebracht hatte. Wütend beschwerte sich Böttger beim König. Man habe das Porzellan auf der Messe überteuert verkauft, die Messekosten viel zu hoch berechnet, die eingenommenen Gelder willkürlich verteilt, ihm aber, der obschon er die Ware kostenfrei nach Leipzig geliefert und die Reisespesen bestritten hätte, nicht einmal die 1000 Taler gegeben, die er auf die Manufaktur geborgt habe. Dazu hatte Böttger noch an anderer Stelle einen kleinen finanziellen Verlust zu verzeichnen. Da nach Sachsen jährlich eine größere Menge Borax aus Venedig eingeführt werden musste, wovon ein Zentner immerhin 200 Taler kostete, hatte er Versuche begonnen, diese Substanz künstlich herzustellen. In seiner üblichen großspurigen Art versprach er schon vor deren Erfolg dem König, das Monopol der Venezianer zu brechen. Als Böttger schließlich merkte, dass seine Experimente kein positives Ergebnis bringen würden, griff er wieder einmal zu einem Betrug: Seinen Kammerdiener Johann Georg Krüger wies er an, heimlich venezianisches Borax zu erwerben, und stellte dieses der Untersuchungskommission als von ihm gefertigt vor. Dieses Borax veranlasste er sodann in Leipzig als zu seinem Produktionsprogramm gehörig billiger als das venezianische zu verkaufen.

Böttger ließ sich vom ökonomischen Ergebnis der Leipziger Ostermesse nicht entmutigen. Sofort ließ er eine Sendungen mit Porzellan im Wert von 1328 Taler nach Karlsbad, eine für 307 Taler und 12 Groschen für die Naumburger Messe und zwei für insgesamt 956 Taler nach Berlin und Hamburg fertig machen ...