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Strandgut
Ein Inseltagebuch

Berndt Seite

Die Ostsee ist ein Sehnsuchtsort, an dem man seine Gedanken mit dem Meer schweifen lassen kann. Beim Anblick der Wellenbewegungen kommen Erinnerinerungen an das Auf und Ab des Lebens auf. In eindrucks- und stimmungsvollen Bildern beschreibt Berndt Seite in seinem Tagebuch philosophische Reflexionen in Rückblick auf sein privates und poltisches Leben. Das raue und derbe Klima der Ostsee, die verschiedenen Jahreszeiten am Meer haben dabei ihren ganz eigenen Charme und helfen ihm, alte Dinge abzustreifen und wieder zu sich selbst zu finden.

Felix Bloch

Felix Bloch

Prof. Dr. habil. Gerald Wiemers

Felix Bloch 1952
Felix Bloch 1952

Felix Bloch beginnt seinen Lebenslauf zu seiner Dissertation 1928 in Leipzig so:
"Ich, Felix Bloch, israelitischer Konfession, bin geboren am 23. Oktober 1905 als Sohn des Kaufmanns Gustav Bloch in Zürich und seiner Frau Agnes, geb. Mayer." Nach der Stadtschule in Zürich besuchte Bloch das kantonale Realgymnasium seiner Heimatstadt vom Frühjahr 1918 bis Sept. 1924 und schloss mit dem Maturitätszeugnis ab. An den einzelnen Fachnoten ist nicht zu erkennen, für welche Studienrichtung sich der junge Mann entscheiden wird. In Chemie, Mathematik und Physik erhielt er ebenso ein "sehr gut" wie in Deutsch, Englisch, Französisch und Latein. Einen Fingerzeig könnte der Besuch von den "nicht maßgebenden Fächern", den fakultativen, geben. Hier hat er gleichfalls mit sehr gutem Erfolg "Darstellende Geometrie" belegt. Anschließend studierte er an der ETH Zürich zwei Semester Ingenieurwissenschaften, um danach für vier Semester"in das gänzlich nutzlose Feld der Physik überzuwechseln". Er hörte u. a. Physik bei dem hoch angesehenen Peter Debye, des weiteren Mathematik bei David Hilberts Meisterschüler Hermann Weyl, daneben besuchte er aber auch chemische und kristallographische Vorlesungen.
In seinen Erinnerungen an Werner Heisenberg schreibt Bloch 1976, dass Physik auch an der gegenüber der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) weniger berühmten Fakultät der Universität Zürich gelehrt wurde. "Die Theorie lag dort in den Händen eines gewissen Österreichers namens Schrödinger", hält er fest, "und das Kolloquium wurde abwechselnd an beiden Institutionen abgehalten." Dort lernte er die Wellenmechanik von Erwin Schrödinger kennen, ohne daraus Schlüsse zu ziehen, die auch Schrödinger selbst zu diesem Zeitpunkt nicht zog. Er las die revolutionierende Arbeit von Debye über den Compton-Effekt, diskutierte mit Debye und hatte das Gefühl, neue Methoden, die er schnell aufnahm, zu erkennen. Als Schrödinger nach Berlin und Debye nach Leipzig berufen wurden, entschied sich Bloch auf Empfehlung von Debye, der ihm von Heisenberg erzählt hatte, für Leipzig. Unmittelbar vor Beginn des Herbstsemesters 1927 verließ Bloch zum ersten Mal Zürich, um an einem grauen Oktobermorgen "in der ziemlich hässlichen Stadt Leipzig anzukommen." In der Tat gehörte die Nostizstraße (heute Reichpietschstraße) nicht zu den bevorzugten Wohngegenden der Stadt. Sie lag unmittelbar an einer viel befahrenden Eisenbahnstrecke in Leipzig -Reudnitz. Im Mai 1928 zog er um und nahm ein Zimmer in der Lorckstraße 3 (heute Kurt-Günther-Str. 3), das er bis Ende 1932 behielt, auch dann, als er für ein Jahr (1929/30) als Assistent zu Wolfgang Pauli nach Zürich zurückkehrte.
Nur wenige Tage nach seiner Ankunft in Leipzig schrieb er sich am 2. November 1927 für das Studium der Physik ein und begann bei Heisenberg im Institut für theoretische Physik mit der Arbeit an seiner Dissertation. Im Vorfeld musste er noch klären, ob das Zeugnis der Reife am Realgymnasium in Zürich dem deutschen Abitur gleichgestellt wird. Nach einem positiven Ergebnis tat sich eine neue Hürde auf. Die Fakultät beantragte Ende Dezember beim Ministerium für Volksbildung, dem Kandidaten Felix Bloch wenigstens vier Semester, die er an der ETH Zürich zugebracht habe, "auf das akademische Triennium" anzurechnen, obgleich die Philosophische Fakultät nach ihren Statuten keine Semester, die an einer TH absolviert worden waren, anzuerkennen brauchte. Als Schüler von Debye konnte Bloch dann doch auf ein gewisses Entgegenkommen rechnen. (Peter Debye hatte von 1927 bis 1934 die Professur für Experimetalphysik an der Leipziger Universität inne und erhielt 1936 den Nobelpreis.)
Das Ministerium gewährte "ausnahmsweise", "dass dem cand phys. Felix Bloch abweichend von den Bestimmungen" vier von den sechs Semestern zuerkannt werden.
Blochs Dissertation "Über die Quantenmechanik der Elektronen in Kristallgittern" ist von Heisenberg angeregt und mit "sehr gut" bewertet worden: "Die Art der Durchführung der Arbeit verrät völlige Beherrschung der Methoden der modernen theoretischen Physik, eingehende Literaturkenntnis und einen sicheren Blick für physikalische Zusammenhänge." Debye schloss sich dem sehr guten Urteil an. Die mündlichen Prüfungen fanden am 24. Juli 1928 statt und erbrachten in Mineralogie bei Ernst Albin Schiebold ein gutes, bei Heisenberg und dem Mathematiker Leon Lichtenstein jeweils ein sehr gutes Ergebnis. Das Diplom bekam Bloch erst nach Eingang der 150 gedruckten Pflichtexemplare am 15. Januar 1929 ausgehändigt.

Konferenz in Kopenhagen 1932 Ganz links: W. Heisenberg 10. von links: F. Bloch
Konferenz in Kopenhagen 1932 Ganz links: W. Heisenberg 10. von links: F. Bloch
Anschließend verließ Bloch Leipzig und wurde für ein Jahr Wolfgang Paulis Assistent an der ETH Zürich und verbrachte ein weiteres Jahr bei den Professoren L. Ornstein und Hendrik A. Kramers als Lorentz-Stipendiat in Holland. Erst im Herbst 1930 kehrte er nach Leipzig zurück und wurde nach dem Weggang von Guido Beck Oberassistent bei Heisenberg. Bloch hatte es schon als Glück empfunden, "Heisenbergs erster Student zu sein", doch nun stand Heisenberg ganz im Zentrum dieser Periode seines Lebens, die ihn auch im Rückblick am meisten geformt hat. "Es war niemals die mathematische Methode", sagt Bloch, "sondern nur der physikalische Inhalt, auf den es Heisenberg ankam. Was die Eleganz betrifft, so würde er wohl mit Boltzmanns Meinung übereingestimmt haben, dass man diese, am besten Schneidern und Schuhmachern [Schustern?] überlassen sollte". Am 9. Dezember 1931 legte Felix Bloch "auf Empfehlung und im Einverständnis mit Herrn Prof. Heisenberg" seine Habilitationsschrift "Zur Theorie des Austauschproblems und der Remanenzerscheinung der Ferromagnetica" der Philosophischen Fakultät vor. Er strebte zugleich die venia legendi (Lehrbefugnis) für das Fach der theoretischen Physik an. Im ersten Gutachten schreibt Heisenberg: "Im ganzen ist die Arbeit ein außerordentlich wertvoller Beitrag zur Quantentheorie des Ferromagnetismus, Bloch ist - auch nach seinen frühen Publikationen - ein völlig selbständig denkender und forschender Wissenschaftler." Debye nennt ihn einen "ausgezeichneten Physiker". Friedrich Hund, Erich Anselm Marx und der Mathematiker Bartel Leendert van der Waerden schließen sich dem positiven Urteil an. Lediglich der Astronom JosefHopmann bemängelt die "Art des mündlichen Vortrags", und der Mathematiker Paul Koebe behielt sich Stimmenthaltung "aus allgemeinen Gründen (Ausländer!)", offensichtlich aus nationalistischen, vor. In Abwesenheit von Debye und Marx setzte Koebe bei der Sitzungsniederschrift durch: "Die Kommission ist sich darüber einig, dassbesonders in gegenwärtiger Zeit bei der Habilitation von Ausländern Zurückhaltung zu üben ist ... " Das wurde eingeschränkt durch den Hinweis, "dass seit jeher mit der Schweiz ein reger akademischer Austausch besteht". Bloch wird zur Habilitation zugelassen. Etwa zur gleichen Zeit befand er sich zu Studien bei Niels Bohr in Kopenhagen. Heisenberg hielt in dieser Zeit die Verbindung zwischen Fakultät und Bloch aufrecht und teilte der Fakultät die drei Themen für den Probevortrag mit, wobei das zweite, "Probleme des Atomkernbaus", ausgewählt wurde. Die Probevorlesung fand am 30. Januar 1932 in der Linnestr. 5 statt, mit "sehr gutem Erfolge", wie es in dem kurzen, von Heisenberg, Debye, Hund, Hopmann, van der Waerden, Marx und Weickmann unterschriebenen Protokoll heißt.
Ein Jahr später kamen die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht. Das sogenannte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 zeigte in aller Deutlichkeit, wie sich das Regime das künftige Deutschland vorstellte. Vor allem jüdische Gelehrte sollten vom Universitätsleben ausgeschlossen werden. Umsonst appellierte am 19. April die Leipziger Philosophische Fakultät an das Ministerium für Volksbildung in Dresden mit dem Satz: "Privatdozent Dr. Felix Bloch, ein Schüler von Professor Dr. Heisenberg, gilt als ein sehr hoffnungsvoller theoretischer Physiker." Zwei Monate später, Heisenberg hatte zwischendurch beim Ministerium interveniert, folgte die Antwort, dass keine Aussicht auf Weiterbeschäftigung von Felix Bloch bestehe und Heisenberg möge ihm anheim stellen, "zur Vermeidung eines umständlichen Verfahrens ... seine Assistentenstelle selbst aufzugeben sowie der Philosophischen Fakultät gegenüber auf die venia legendi zu verzichten". Daraufhin schrieb Heisenberg erneut an das Ministerium. Sein Brief vom 19. Juni ist nicht erhalten, aber die Antwort aus dem Ministerium vom 28. Juni lässt einige Schlüsse zu. "Denn Ihre Annahme", heißt es dort, "daß man Bloch dieses Recht", die venia legendi betreffend, "nicht nehmen könne, beruht auf einem Irrtum." Der Ministeriale hatte formal Recht, Heisenberg hatte offenbar die dritte "Ausführungsverordnung" vom 6. Mai zum Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums nicht beachtet. Es kam noch schlimmer. Im Dresdner Volksbildungsministerium denunzierte ein Hilfsreferent den großen Physiker am 30. Mai 1933 mit den Worten: "Dr. Bloch ist Privatdozent im theoretischen Institut, nachweislich Jude, schweizerischer Staatsangehörigkeit und kommunistischer Gesinnung ... ".
Nun teilte aber Bloch selbst am 13. August 1934 aus Zürich der Fakultät mit, dass er seine Tätigkeit als Privatdozent in Leipzig aufgebe und nicht die Absichthabe, unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen "an irgend einer deutschenHochschule" wieder zu arbeiten. Bloch hatte sich längst mit Hilfe seines Lehrers Heisenberg von Leipzig und Deutschland abgewandt und anders orientiert. Er blieb zunächst in Zürich und emigrierte im Sommer 1934 in die USA. "Aber meine Erinnerungen an Heisenberg", schreibt er 1976, "gehören zu den glücklicheren Zeiten vor diesen Ereignissen. Viele von ihnen beziehen sich auf gänzlich profane und alles andre als professionelle Unterhaltungen auf Spaziergängen, in Skihütten in den Bayerischen Alpen oder unter anderen erholsamen Umständen. Sie sind mir nicht weniger kostbar als unsere Gespräche über Physik .... " Heisenberg traf viele seiner ehemaligen Schüler heimlich im Ausland wieder, so wollte er 1939 auch Felix Bloch in Stanford Kalifornien treffen. "Ich habe mich riesig gefreut über die Aussicht, Sie und Ihre Frau vielleicht schon in kürzerer Zeit hier zu sehen." Dazu kam es aber leider nicht mehr. Auch nach dem Krieg hielt die Freundschaft an. Als Bloch 1952 den Nobelpreis für Physik (zusammen mit Edward Purcell) erhielt, schrieb er an Heisenberg: "Während all der ereignisschweren Jahre, seit ich Sie das letzte Mal gesehen habe, hat mich niemals das Gefühl der tiefen Verbundenheit verlassen für alles, was Sie mir gegeben haben."
Felix Bloch starb am 10. September 1983 in seiner Geburtsstadt Zürich.
Beide Bilder stammen aus Wikipedia; sie sind gemeinfrei.