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Cover zu Friedrich Albrecht: "Kennst du Anna Seghers?"

Friedrich Albrecht: "Kennst du Anna Seghers?"

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Georg Heym und Leipzig

Georg Heym und Leipzig

Prof. Dr. sc. Friedrich Albrecht

Georg Heym war einer der talentiertesten, vielleicht sogar der begabteste Dichter der expressionistischen Generation. Er starb im Januar 1912, erst 24 Jahre alt, hinterließ aber ein Werk von enormem Umfang. 2.000 Seiten Lyrik, Dramatik, Prosa und Tagebuchaufzeichnungen umfasst die Gesamtausgabe seiner Arbeiten, die in den sechziger Jahren erschien. Zeitgenossen wie auch Spätere rühmten ihn als Genie von seltener Größe. Einer seiner Freunde, der später als Philosoph in England und den USA Karriere machte, meinte später, selbst in Gesprächen mit Albert  Einstein, Thomas Mann und Sigmund Freud habe er nie das Gefühl gehabt, „einer so unmittelbaren geistigen Naturkraft gegenüberzustehen" wie bei Georg Heym. Und der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der für das Anlegen unbarmherziger Maßstäbe bekannt ist, urteilte, Heym wäre vielleicht einer der größten deutschen Dichter geworden, jedenfalls des 20.Jahrhunderts. In der Tat haben Gedichte wie „Der Krieg" oder „Der Gott der Stadt", die die unheilgeladene  Atmosphäre jener Jahre vor dem Ersten Weltkrieg in apokalyptischen Bildern einfangen, seine Zeitgenossen wie kaum etwas anderes erschüttert. Georg Heym schrieb aber auch Liebesgedichte zartesten Empfindens wie jenes berühmte &bbdquo;Deine Wimpern, die langen", das er seiner Freundin Hildegard Krohn widmete. Sie war Jüdin, ihr Leben endete 1942 in einem faschistischen Konzentrationslager.

Georg Heym aus Wikipedia gemeinfrei
Georg Heym aus Wikipedia gemeinfrei

Dieser junge Georg Heym also: Was verband ihn mit Leipzig? Er wurde in einer schlesischen Kleinstadt geboren, verbrachte die größte Zeit seines Lebens in Berlin, studierte dort wie auch in Würzburg und Jena die Jurisprudenz - aber in Leipzig war er nur einen einzigen Tag. Allerdings war dieser Tag im Januar 1910  für ihn folgenreich, denn er führte ihn mit dem Verleger seiner ersten Bücher zusammen. Das war der legendäre, damals auch erst 24 Jahre alte  Ernst Rowohlt,  der mit seinem 1908 gegründeten Verlag in das Vorderhaus der Drugulin-Druckerei in der Königstraße 10 eingezogen war.

Der Briefwechsel zwischen den beiden ist erhalten geblieben, und er zeigt das junge Genie  von einer eher amüsanten Seite. „Meine Krankheit heißt Ruhmsucht", vertraute Heym einmal seinem Tagebuch an, aber der Weg zum Ruhm, also an die Öffentlichkeit, war auch für ihn schwierig. Gewiss, er trug seine Gedichte in Zirkeln Gleichgesinnter vor und wurde hier und da auch in der Presse gedruckt, aber das alles genügte ihm natürlich nicht. Die Wende brachte erst der Brief  Rowohlts vom 30. November 1910. „Ganz ergebenst" wird darin angefragt, ob Heym ihm nicht ein Manuskript zum Verlag unterbreiten möchte, und es wird die Hoffnung ausgesprochen, dass dieser Wunsch recht bald erfüllt werde. Heym  antwortet umgehend, zustimmend und gleich einige Manuskripte anbietend, Gedichte und ein Drama vor allem, denn: „Meine Prosa ist für die Öffentlichkeit nicht geeignet, da sie sich fast nur mit dem Problem der Erotik beschäftigt." Dem Brief vom 4.Dezember 1910 folgen in den nächsten Monaten zahlreiche weitere, manchmal zwei am gleichen Tag. Heym offeriert neue Texte, ändert  sie auch wieder, macht aber vor allem Vorschläge, wie das Buch, der dann unter dem Titel „Der ewige Tag" erschienene Gedichtband, aussehen und was er kosten solle.

Foto: W. Brekle
Foto: W. Brekle

Da heißt es dann in einem Brief vom 6.Dezember 1910: „ In der Buchausstattung überlasse ich alles Ihrem Geschmack. Ich persönlich würde es gern sehen, wenn auf weißem Büttenpapier mit irgend einer anständigen deutschen Type gedruckt würde. Den Einband würde ich gern in etwa je 4 cm breiten abwechselnden dunkelblauen und schwarzen Querstreifen über den ganzen Deckel weg sehen (So die gebundenen Exemplare, deren Preis man vielleicht auf 4 M. normieren könnte), die gehefteten entsprechend einfacher ..." Und so weiter und so fort, aber am Ende dieses ellenlangen Briefes versichert er, dass er natürlich alles dem erfahreneren Geschmack von Rowohlt überlasse. Er entwirft auch ein Nachwort zu dem Band, in dem es heißen sollte: „Ich habe vor kurzer Zeit das Referendarexamen gemacht und bin bereit, mich von jeder Welle treiben zu lassen. Ich möchte gern die weite Welt sehen. Vielleicht interessiert sich einer meiner Leser soweit für mich, dass er das mir ermöglicht." Dieses Nachwort zieht er dann wieder zurück, setzt aber Rowohlt ständig mit neuen Vorschlägen und Nachfragen zu, so auch am 14.März 1911:

„Sehr geehrter Herr Rowohlt, Ich gestatte mir, - jetzt schon zum dritten Mal - anzufragen, warum sich die Herausgabe meines Buches solange hinzieht. Die letzten Correcturen sind am 4. oder 5.März in Ihre Hände gelangt, so dass das Buch wohl schon heraus sein könnte. Die Besprechungen liegen überall schon fertig da, der neue Club veranstaltet Ende März einen Abend, der mir gewidmet ist ... Man darf doch die Neugier der Interessierten nicht zu sehr überspannen."

 Rowohlt muss sich zur Wehr setzen.  Am 16. März schreibt er: „Die Verzögerung im Erscheinen Ihres Gedichtbandes haben Sie sich selber zuzuschreiben. Ihre Korrekturen sind derartig ausgeführt, dass ich die ganzen Bogen von A-Z  persönlich habe durcharbeiten müssen, um Ihre Korrekturen einem Buchdrucker überhaupt verständlich zu machen." Heym drängelt weiter, zumal er schon eine ganze Schar von Rezensenten  seines Buches  mobilisiert hat: „Ich habe überall jetzt dicke Beziehungen, aber machen Sie doch bitte." Endlich, am 20.April 1911, kann er schreiben: „Besten Dank für das wirklich schön gewordene Buch." Jetzt aber geht es Heym um die Vermarktung seines Buches, in einer ganzen Serie von Briefen wird Rowohlt aufgefordert, Rezensionsexemplare an alle Welt zu versenden. Noch am 12.Januar schreibt Heym - inzwischen hat er mit Rowohlt schon einen neuen Vertrag für einen Band seiner Novellen abgeschlossen -: „Wieviel Bücher sind denn jetzt verkauft ... Wieviel Bücher also verkauft? Bitte um Nachricht."

Das war der letzte Brief an Ernst Rowohlt, und wohl auch der letzte, den Georg Heym überhaupt geschrieben hat. Vier Tage später ereilte den Vierundzwanzigjährigen der Tod, unter dem Eis des Wannsees bei  einem Schlittschuh-Ausflug, den er zusammen mit einem Freund unternommen hatte. Dieser Freund war in ein Loch geraten, das man für das Wassergeflügel in die Eisdecke geschlagen hatte - Georg Heym ertrank bei dem Versuch, ihn zu retten.

Der Ruhm, den er so ersehnt hatte, erreichte erst den Toten, und er währt bis in unsere Zeit. Stephan Hermlin schrieb über Heyms Gedichte: „Keiner, der diese Strophen gelesen hatte, konnte sie ganz vergessen. Keine Anthologie, die Anspruch auf Gültigkeit erhob, kam ohne sie aus."