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Glauben und Wissen  bilden keinen polaren Gegensatz

Glauben und Wissen bilden keinen polaren Gegensatz

Dr. Konrad Lindner

0. Atheismusverlust durchlebt

Als ich im September 1986 an der Karl-Marx-Universität mit 34 Jahren Dozent des Dialektischen und historischen Materialismus wurde, wähnte ich mich im richtigen Glauben und auf einem guten Weg. Fühlte ich mich doch als geführt von einem Weltbild, das von sich behauptete, das grundlegende Gesetz der Geschichte erkannt zu haben; ein Gesetz, das im Realen Sozialismus zur heuristischen Maxime des Partei- und Regierungshandelns erhoben worden sei. Darüber hinaus glaubte ich, dass das Bündnis von Philosophie und Wissenschaft in den Gleisen des Marxismus-Leninismus auf eine vorbildliche Weise gepflegt werde. Wäre ich in der späten DDR mit meinen Kindern immer wieder einmal zu einem Gottesdienst in eine Kirche in Leipzig gegangen, hätte ich damals das Gefühl gehabt, vom Weg des Atheisten und von der verinnerlichten wissenschaftlichen Weltanschauung in den Gleisen von Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Iljitsch Lenin abgekommen zu sein. 35 Jahre sind vergangen und die Bilanz fällt ernüchternd aus. Ein Professor des Marxismus-Leninismus bin ich nicht geworden, sondern nur ein kleiner Journalist. Verdächtig aber ist dies: Ich bin stolz auf meine drei Enkel, die in einer Leipziger Kirche getauft worden sind, einen kirchlichen Kindergarten besucht haben und bis heute Freude am Aufführen des weihnachtlichen Krippenspiels entwickeln, was auch mir richtigen Spaß bereitet. Aus Atheisten-Sicht dürfte es scheinen, dass mir mein Leben misslungen ist, denn von den Gewohnheiten einer geschlossenen Gesellschaft habe ich mich ebenso entfernt wie von den Denkvorgaben eines geschlossenen Weltbildes. Den Glauben an den gesetzmäßigen Gang der Geschichte hin zum Sozialismus in Farben Lenins habe ich verloren. Als einstiger Vorzeigemarxist der DDR bin ich in einer Deutung des Denkens von Marx gelandet, bei der Menschen, die sich in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis für die Glaubensgewissheit "Gott" entschieden haben, weder ignoriert noch ausgelacht, sondern ernstgenommen und geschätzt werden.

1. Glauben kann wissend sein

Auf dem Hintergrund der skizzierten geistigen Biographie, die zwei Jahrzehnte lang vom Wissenschaftsdogma des marxistisch-leninistischen Weltbildes geleitet war, lese ich gerade die Masterarbeit von Anna Heidelk. Die Philosophin von der Universität Leipzig untersucht das Verhältnis von Glauben und Wissen. Bei der Festlegung beider Schlüsselbegriffe beschäftigt sie sich mit Festlegungen von Jürgen Habermas: Wissen steht bei ihm für "wissenschaftlich belegte Erkenntnisse", während Glaube "eine Form von Nicht-Wissen" ist. (1; S. 10.) In der Startphase ihres Textes stellt Anna Heidelk eine Frage, die mich sehr interessiert: "Sind Glauben und Wissen (wirklich) ein polares Gegensatzpaar?" Die Weise des Fragens lässt vermuten, dass sich beide Pole nicht nur ausschließen, sondern auch bedingen, was auf wissensförmige Glaubensmuster und glaubensgeleitete Wissensformen verweisen dürfte. Wodurch die polare Entgegensetzung infragegestellt werden würde. Anna Heidelk fasst die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen nicht etwa als eine religionsphilosophische Spezialfrage auf, sondern entdeckt in ihr ein philosophisches Zentralproblem, das sich um die Autonomie, Freiheit und Würde einer jeden Person dreht. Bei Glaube und Wissen geht's im Grunde um eine private und oft intime Angelegenheit, die jedoch von beachtlicher gesamtgesellschaftlicher Tragweite sein kann. Anna Heidelk schreibt knapp wie verständlich: "Die Frage nach der Rolle des Glaubens im Verhältnis zum Wissen war und ist für jeden Menschen, der sich zwischen seinen Überzeugungen und Gewissheiten zu orientieren sucht, relevant." (1; S. 5.) Es handelt sich um eine Frage, die ihre Wichtigkeit aus dem Lebensgrund der je verschiedenen Personen und aus deren elementaren Lebensinteressen empfängt. Das Weltbild, das ich als Dozent des Dialektischen Materialismus durchaus nicht geist- und erfolglos gelehrt habe, möchte ich aus heutiger Sicht kritisieren. Das Gebäude des Marxismus-Leninismus war eine Zivilreligion und der Dialektische und historische Materialismus konstituierte eine Spielart des Szientismus. Aus der Wissenschaft wurde frei nach Lenin ein Götze gemacht und Glaubenssätze wurden als Science-Sätze und als Aussagen über Tatsachen ausgegeben. Umso wackerer ertönte die Rede vom unvereinbaren Gegensatz zwischen Materialismus und Religion, ohne sich jedoch Rechenschaft darüber zu geben, dass es sich bei Redensarten wie der vom unausweichlichen Sieg des Sozialismus im Gang der Geschichte um eine Glaubensaussage handelt, die nicht weniger religiös ist als die Rede von "Gott". Deshalb sollte ich mir schon eingestehen, dass ich an den Sozialismus ähnlich unkritisch geglaubt habe, wie andere Menschen eben auch unkritisch an "Gott" glauben würden, wenn sie sich ihn als bärtigen Vater und unermüdlichen Helfer in allen unbequemen Lebenslagen vorstellen würden.

2. Heimlichen Szientismus aufgespürt

Es wäre ein große Illusion zu meinen, dass mit dem Untergang des Staatssozialismus und seiner Ideologie hierzulande der Szientismus verschwunden sei. Anna Heidelk ist nicht schüchtern, sondern tapfer und hellwach, wenn sie sich über das öffentliche Bewusstsein in den hiesigen Mediendemokratien äußert. Die Philosophin stellt nicht die demokratische Verfasstheit der öffentlich-rechtlichen Medien in Abrede, macht aber eine Ambivalenz bei der Meinungsbildung aus, indem sie eine "zunehmende Produktion von als Fakten deklariertem Unsinn" beanstandet. (1; S. 40.) Der Szientismus blüht und wuchert immer dann, wenn auf die wirklich kritische Analyse des Wirklichen verzichtet und eine einzelne Perspektive zum verbindlichen Blickwinkel verabsolutiert wird. Bei Anna Heidelk ist in der Masterarbeit nun aber zu lernen: Selbst Philosophen, die keine Szientisten sind, wie der bundesrepublikanische Starphilosoph Jürgen Habermas, verheddern sich bei der Erörterung der Beziehung von Wissen und Glauben in Aussagen, die zumindest in der Tendenz mit einem szientistischen Wunschdenken einhergehen. Das Dogma vom Absterben der Religion, das sich durch alle Spielarten des Marxismus zog und zieht, empfinde ich heute als eine Heilige Kuh, an die ich nicht mehr glaube. Dazu kenne ich inzwischen zu viele religiöse Menschen, die weder an einem Weltentzug noch an einem Wissensdefizit leiden. Deshalb lese ich bei Anna Heidelk besonders aufmerksam, wie sie bei keinem Geringeren als bei Habermas ein Warnschild auftstellt: "Als westlicher Philosoph und Soziologe mit Wurzeln in der Frankfurter Schule hält Habermas den religiösen Glauben für ein verschwindendes Phänomen." (1; S. 6.) Bereits Marx beschwor die Aufhebung der Religion, meinte dabei aber eine bestimmte geistig-politische Erscheinungsform derselben: "Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks." (4; S. 163.) Die hier besprochene "Aufhebung" – so eine wichtige Erfahrung der östlichen Freiheitsrevolutionen von 1989/90 – kann durchaus religionskonform erfolgen, wodurch die Religion, wie in der Herbstrevolution in Leipzig in der Nikolaikirche im Oktober 1989 geradezu symbolisch zu erleben war, zum Impuls der Desillusionierung über die prekäre gesellschaftliche Lebenssituation eines Volkes werden konnte. Nicht Demut und Opium kamen aus den Kirchen wie St. Nikolai, sondern der Protest und der Aufbruch in die Gesellschaftsreform.

3. Marx-Kenner, aber kein Glaubensanalytiker

Von Anna Heidelk wird Habermas nicht als "Szientist" abgestempelt, zumal er dem östlichen Popanz einer angeblich wissenschaftlichen Weltanschauung nie nachgelaufen ist. In der "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) wird Karl Marx von Habermas nicht an den russischen Sozialisten Lenin ausgeliefert, sondern im Gegenteil mit Max Weber in die Traditionslinie "der großen Gesellschaftstheoretiker" der Neuzeit hineingestellt (2; S. 201.) Der Verfasser der Theorie kommunikativen Handelns feiert und würdigt Marx als einen Wegbereiter "der Analyse der gesellschaftlichen Rationalisierung, wie sie sich in der Moderne durchsetzt". (2; S. 208.) Dabei jedoch, so kann Anna Heidelk kritisch aufzeigen, entschwindet aus dem Gesichtsfeld von Habermas mehr und mehr der Glauben. Habermas ist ein Marx-Kenner, aber kein guter Glaubensanalytiker. Eine Verirrung, die ihn in die Ansicht reinrutschen lässt, dass "in Aushandlungsprozessen nur noch weltimmanente Gründe gelten" würden. (1; S. 10.) Dieser Ansicht, wonach sich Wissen endlos aus Wissen begründen lasse, hält die Autorin der Masterarbeit über Glauben und Wissen die kritischen Fragen entgegen: "Kann ein säkularer Mensch auch einem Glauben anhängen? Ist ein Glaube nicht vielleicht gar unausweichlich, da jede wissenschaftlich belegte Überzeugung auf Letztannahmen beruht, die sich selbst nicht wissenschaftlich begründen lassen? In welchem Verhältnis stehen Glaube und Religion zueinander?" (1; S. 10.) Der Autorin geht es in ihrem Denken und Fragen über die geistesphilosophische Analyse hinaus um die Klärung des Modells von Gesellschaft in der wir leben oder auch nicht leben möchten, wenn sie schreibt: "Es stellt sich die Frage, ob die Prozesse demokratischer Meinungs- und Entscheidungsfindung ganz auf der Seite des Wissens und jenseits des Glaubens zu verorten sind, wenn sie nur frei von religiös geprägten Argumentationsmustern oder gar religiös legitimierter Machtausübung sind." (1; S. 6.) Offenbar ist das Feld des Glaubensförmigen bei Weitem nicht auf religiöse Menschen begrenzt, sondern ebenfalls bei säkularen Menschen anzutreffen.

4. Philosophischer Glaube ist facettenreich

Der "philosophische Glaube" ist "facettenreich", schreibt Anna Heidelk im vierten Kapitel ihrer Masterarbeit. Um den geistigen Raum auszuloten, in dem bei säkularen wie bei religiösen Menschen der philosophische Glaube gedeiht und heimisch ist, sucht die Philosophin den Dialog mit Karl Jaspers. Der für seinen Begriff der "Grenzsituation" berühmte Denker greift auf den Roman "Die Brüder Karamasow" (1878 – 1880) von Fjodor M. Dostojewski zurück, um sich dem Raum zu nähern, auf den es beim philosophischen Glauben ankommt. Jaspers referiert: "Iwans fragende Formel lautet: Das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens? Unbedingt antwortet Aljoscha – vor der Logik muß man das Leben liebgewinnen ... unbedingt muß es vor der Logik geschehen, nur dann werde ich auch den Sinn des Lebens begreifen. Aljoschas 'vor der Logik' ist das Entscheidende. Aber was ist dieses 'Vorlogische'? Wer das sagen könnte, hätte alle Wahrheit." (1; S. 44.) In seinen Vorlesungen "Der philosophische Glaube" (1948) leuchtet Jaspers noch ein wenig weiter in die Regionen des "Vorlogischen" im menschlichen Dasein hinein: "Und überall führen die Ungeschlossenheit der Welt und das Scheitern jeden geschlossenen Weltbildes, das Versagen des Planens in der Welt, der menschlichen Entwürfe und Verwirklichungenn, die Unvollendbarkeit des Menschseins selber an die Grenze: vor dem Abgrund wird das Nichts oder Gott erfahren." Trotz des Scheiterns eines geschlossenen Weltbildes kann sich der Mensch in seinem Dasein als aufgehoben, als geschützt und eben als Menschenwesen erleben, das sich – wie Anna Heidelk schreibt – "nicht dem Nichts preisgibt". (1; S. 44.) Die Sensibilisierung für die vorlogischen Schichten im menschlichen Dasein lässt erkennen, dass Marx den Raum des Religiösen nicht wirklich getroffen hat, als in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" (1844) schrieb: "Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form". (4; S. 162.) In der zitierten Passage wird Religion als ein Geistes- und Wissensphänomen beschrieben, das uns heute nicht so sehr in der Kirche, sondern vor allem bei Wikipedia entgegentritt: Ein enzyklopädisches Kompendium und die Logik der Welt in einer leicht verstehbaren Form. Aber Religion erwächst zuallererst, was nicht bei Marx, dafür aber bei Jaspers zu lernen ist, aus den Daseinsfragen, die der Verwandlung in Logik mit verbalen Ausdrucksformen vorausgehen.

5. Offenheit leben, die Anderen kennenlernen

Im Zuge des Einlebens in eine freiheitlich-demokratische Ordnung hatte ich nicht das Bedürfnis, mich an eine Konfession zu binden. Dabei spielte auch das Bewusstsein für eigene Wissensdefizite eine Rolle. Liedtexte oder auch Gebete wollen gelernt und eingeübt sein. Die lithurgische Praxis einer jeden Gemeinde ist eine komplexe Kulturform des Feierns, die wie der Walzer mit seinen Schrittfolgen eingeübt werden muss. Kirchliches Leben sah ich von der Ferne als Hochkultur. Aber wohl auch deshalb ist mir der Versuch wichtig geworden, die Glaubensentscheidung anderer Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis, die sich konfessionell entschieden haben, durch ein besseres Verstehen zu achten. Dabei kann und sollte von Theologen gelernt werden. Anna Heidelk knüpft in ihrer Masterarbeit an die "Radikale Theologie" (2013) von Ingolf U. Dalferth an. Ihr gelingt es, das Phänomen einer gläubigen Lebenshaltung plastisch zu erläutern: "Dem gläubigen Menschen ist die Gegenwart Gottes und durch ihn die Phänomenalität aller Phänomene Begründung genug – auch wenn er nicht begründen kann, warum gerade er oder sie und nicht ein anderer ein gläubiges Leben führt oder, warum ihm die Möglichkeit im Glauben zu leben vielleicht erst zu einem bestimmten Zeitpunkt aufging." (1; S. 35.) Für den Umgang der Philosophen mit Glaubenden ergeben sich einige Anforderungen, die bedacht sein möchten, wenn Toleranz in Glaubensfragen gelingen soll. Anna Heidelk nimmt ihre Leserinnen und Leser an die Hand und formuliert die Maxime: "Der säkulare Philosoph muss, wenn er sich für die Religion nicht nur als gesellschaftliches oder historisches Phänomen interessiert, offen sein, den Glauben nachzuvollziehen, ohne das, was ihm durch den Gläubigen begegnet, sogleich in die ihm verfügbaren, säkular wissenschaftlichen Kategorien des Verstehens einzuordnen. Er kann dann anerkennen, dass der andere anders erlebt als er selbst. Unredlich und anmaßend wäre es, den Glauben des anderen, den der andere dankbar als in Gott begründet erfährt, besser verstehen zu wollen als jener selbst."

St. Nikolai Leipzig
St. Nikolai Leipzig

6. St. Nikolai - Leipziger Denkort des Glaubens

Als ich von 1970 bis 1974 in Leipzig studierte und durch das Internatsleben immer auch Freizeit hatte, ging ich gern in die Nikolaikirche und setzte mich auf eine der Holzbänke. Der Paradieswald erinnerte mich an die Buchenwälder in der norddeutschen Heimat. Später las ich, dass der junge Schelling im April 1796 beim Diakon der Nikolaikirche an die Tür klopfte, als er für zwei Jahre nach Leipzig kam. Auch Ernst Bloch begab sich gern an diesen Ort, da sich sein Institut anfangs gleich um die Ecke befand. Zusammengepresst wie ein Hering in der Büchse hörte ich in der Nikolaikirche aber auch den Vortrag "Der Gang zur Freiheit", den Carl Friedrich von Weizsäcker am 29. März 1990 hielt. Der Gast aus Starnberg fand Worte, die die Bereitschaft weckten, sich in den Abgrund der neuen Welt fallen zu lassen, ohne zu wissen, was die Zukunft im eigenen Leben an Verwerfungen bringen würde. Im Unterschied zu Weizsäcker ist Habermas bei seinen Kommentaren zum ostdeutschen Geschehen zurückhaltender. Er beließ es bei der Redewendung über "Die nachholende Revolution". Anna Heidelk rekonstruiert an Hand des Briefwechsels von Christa Wolf mit Habermas vom Herbst 1991 bei dem westdeutschen Philosophen ein Verharren in "kommunikationsunwilliger Haltung", das sie als den Ausdruck einer "Abneigung gegen (Selbst-)Kritik des westdeutschen Systems" deutet. (1; S. 27.) Wenn ein begabter Sozialanalytiker wie Habermas wenig Gespür für die geistig-politische und mentale Leistung weiter Teile der ostdeutschen Bevölkerung zu entwickeln vermochte, mag das auch mit dem Ausblenden von vorlogischen Glaubensbeständen wie Freuen und Sorgen, Hoffen und Trauern, Danken und Dulden im Denken und Handeln gerade auch säkularer Menschen zu tun haben. Die kritische Mischung aus Zusammenbruch von alten und Kreation von neuen Glaubensbeständen, muss man erlebt haben, um über sie schreiben zu können. Das Wunder eines Systemwechsels ohne Atom- oder Bürgerkrieg ist in vielerlei Hinsicht bis heute unverstanden. Sowohl Kirchenproteste als auch Basisproteste in der Staatspartei spielten wie in einem guten Orchester so zusammen, dass die gewaltsame Systemsprengung friedlich verlaufen konnte. Die Nikolaikirche steht für die Vielschichtigkeit des östlichen Bürgeraufstandes. St. Nikolai ist ein Ort in Leipzig, der als Denkort des Glaubens immer auch für säkulare Menschen offen war und ist. Nicht zuletzt Habermas ergriff in Leipzig das Wort. Am 21. März 1996 hielt er seine "Laudatio auf Georg Henrik von Wright". Anschließend erstrahlte eine Leuchtspur um die Nikolaikirche; eine Performance der Künstlerin Marianne Manda. In seiner Laudatio mahnte Habermas mit Ludwig Wittgenstein, dass "selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind". (3; S. 10.) Eine Maxime, die über das Philosophieren von Habermas selber hinauszuweisen scheint, in dem die Macht des Vorlogischen weitgehend unbesprochen bleibt, wie Anna Heidelk zeigt. Ohne ein tieferes Verstehen des ostdeutschen Aufbruchs keine moderne Philosophie des Geistes, die den Herausforderungen längst fälliger Gesellschaftsreformen gerecht wird. Ein Hegel würde heute nicht nur am 14. Juli auf die Revolution der Franzosen, sondern auch am 9. Oktober auf die Revolution der ostdeutschen Bürgerschaft anstoßen, die von Sachsen und Leipzig aus begann.

7. Subjektive Kirchenblicke

Den Artikel begleiten wir in Fotografie (Anna Heidelk) und Aquarell (Konrad Lindner) mit einigen Kirchenblicken. Dabei handelt es sich um subjektive Annäherungen an die Dorfkirche Klaushagen in der Uckermark, die Dorfkirche am Bergsee Beucha, die Evangelische Kreuzkirche Papitz sowie an das Paulinum und die Propsteikirche in Leipzig.

14. Juni 2021

Literatur

(1)

Anna Heidelk: Auch eine Betrachtung von Glauben und Wissen. Habermas und

Jaspers im Vergleich. Masterarbeit. Leipzig 2021. 58 Seiten.

(2)

Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1.

Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Band 2.

Zur Kritik funktionalistischer Vernunft. Frankfurt am Main 1999.

(3)

Jürgen Habermas: Zwischen den Traditionen. Laudatio auf Georg Henrik von

Wright. Georg Henrik von Wright: Die Stellung der Psychologie unter den

Wissenschaften. Universität Leipzig 1997.

(4)

Deutsch-Französische Jahrbücher herausgegeben von Arnold Ruge und Karl

Marx 1844. Leipzig 1973.

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