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Sommerschnee

Berndt Seite

Hardcover, 124 S., 2020 erscheint demnächst; Bereits vorbestellbar

ISBN: 978-3-86397-134-2
Preis: 15,00 €

Sommerschnee – das sind die luftig-bauschigen Samenfasern der Pappelfrüchte, die sich im Sommer öffnen und die Welt mit ihrem weißen Flaum überziehen: Schnee in der wärmsten Jahreszeit. Mal melancholisch, mal mandelbitter, aber stets in größter Genauigkeit geht Berndt Seite auch in seinem neuen Lyrikband den Erscheinungsformen der Natur nach und lotet in ihnen die Bedingungen des Lebens aus.

Blut für das Herz – Grüntzig sprengt Durchfluss frei

Blut für das Herz – Grüntzig sprengt Durchfluss frei

Dr. Konrad Lindner

Lokalgeist Leipzig

Andreas Grüntzig 1985 in Atlanta. (1)
Andreas Grüntzig 1985 in Atlanta. (1)

Die einen kommen von weit her, um in Leipzig Karriere zu machen und der Bürgerstadt frischen Geist zuzuführen. Die andern haben in Leipzig ihre Wurzeln oder haben zumindest durch Schule oder Studium wichtige Impulse erfahren und gehen in die Welt. Zur ersten Gruppe gehört Kurt Masur, der 1946 zum Studium nach Leipzig kam und letztlich in der Bürgerstadt als Kapellmeister einwurzelte. Zur zweiten Gruppe gehört ein Mediziner, den nur die Insider kennen. Das Klinische Wörterbuch "Pschyrembel" verzeichnet das Stichwort "Grüntzig - Katheter", den Namen "Andreas Grünzig" und die Lebensdaten "1939 – 1985". Doch etwas Wichtiges fehlt: Grüntzig machte 1957 in Leipzig sein Abitur. Ein Anlass, davon zu erzählen, dass Grüntzig seinem älteren Bruder Johannes nach Heidelberg zum Studium der Medizin folgte. Während Johannes Grüntzig Augenarzt wurde, stieg sein Bruder Andreas nach Zwischenschritten in der Schweiz zu einem Starmediziner auf: Der Jüngere der Grüntzig-Brüder sorgte in Zürich für eine Innovation, mit der einneues Verfahren eingeführt wurde zur Behandlung von Patienten mit lebensbedrohlicher Angina pectoris („Brustenge“, Schmerzen in Herzgegend) sowie mit gefährlichem Herzinfarkt.

Pioniertat in Zürich

Grüntzig in der OP im Züricher Universitätsspital 1979. (2)
Grüntzig in der OP im Züricher Universitätsspital 1979. (2)

16. September 1977. Im Universitätsspital Zürich wurde ein Herzpatient behandelt,der an einer schweren Angina pectoris litt. Bei ihm wurde nicht, wie ursprünglich geplant der Brustkorb aufgeschnitten. Das defekte Gefäß wurde nicht durch eine Vene aus dem Bein überbrückt („Bypass-Operation“), sondern es wurde von innen repariert. Eine Revolution bei der Behandlung von Patienten, bei denen ein Gefäß verstopft ist, durch das sauerstoffreiches Blut zur Herzmuskulatur strömt. Der 38 jährige Oberarzt Andreas Grüntzig führte weltweit erstmals in Zürich den Eingriff von einem kleinem Punktionsloch aus in der Leiste durch und das ohne Narkose. Die Herzchirurgen standen als Notfallteam für eine Bypassoperation bereit, aber sie brauchten nicht einzugreifen. Grüntzig rüttelte an der gewohnten Hierarchie in der Medizin. Ein Eingriff, der gut vorbereitet war. Aber niemand konnte sicher sein, dass er gelingt. Grüntzig öffnete bei dem Herzpatienten Dölf Bachmann in Zürich 1977erstmals ein verstopftes Herzkranzgefäß mit einem Katheterballon. Ein Katheter ist ein langer Schlauch mit einem Führungsdraht, der in ein Blutgefäß und bis in die Herzkranzgefäße geschoben werden kann. An dem Katheter ist ein noch schlaffer und somit dünner Ballon befestigt. Mit Blick auf das Röntgenbild rückte Grüntzig den Ballon bis zu der kritischen Stelle vor, wo das Herzkranzgefäß verschlossen war. An der Engstelle angelangt, ließ er plötzlich Luft in den Ballon strömen. Der winzige raupenförmige elastische Körper reckte und streckte sich. Der Ballon schaffte im defekten Gefäß wieder Freiheit: Raum zum Fließen von Blut. Das Gefäß wurde"rekanalisiert", wie es im Fachjargon heißt. Das Blut strömte wieder ungehindert zum Herzmuskel des Patienten. Das neue Verfahren war ein Erfolg. In einem Bericht schreibt Andreas Grüntzig: "Jedermann war überrascht ob der Einfachheit der Methode und ich begann zu realisieren, daß meine Träume wahr geworden waren."(Beck; S. 209.) Der Eingriff von September 1977 in Zürich markiert den Beginn der invasiven Kardiologie. Hinter dem Stichwort vom "Grüntzig-Katheter" steht ein Arzt mit Wurzeln in Dresden, Rochlitz und Leipzig.

Wurzeln in Sachsen

Grüntzig erhält Pionierauszeichnung LVZ 1953. (3)
Grüntzig erhält Pionierauszeichnung LVZ 1953. (3)

Die Gebrüder Grüntzig wurden in Dresden geboren. Johannes am 24. Dezember 1937. Andreas am 25. Juni 1939. Die Familie zog während des Krieges 1940 nach Rochlitz. Vater Wilmar, diplomierter Chemiker und Studienrat, unterrichtete an der Oberschule in Rochlitz. In der Stadt an der Mulde wurden die Jungen Johannes und Andreas eingeschult. In Rochlitz rückten am 14. April 1945 amerikanische Truppen ein. Am 30. Juni folgten sowjetische Truppenteile. Das Schloss Rochlitz wurde ein Gefangenenlager des sowjetischen Geheimdienstes (NKWD). Vater Grüntzig ist seit den letzten Kriegstagen als Angehöriger des Wetterdienstes der Luftwaffe im Raum Berlin im Oderbruch verschollen. Mutter Charlotte war Lehrerin. Sie trug nun allein die Verantwortung für die Söhne. Wichtig war ihr eine solide schulische Ausbildung. Sie wanderte wegen der Gefahr eines 3. Weltkrieges (Koreakrieg) mit den Jungen 1950 zu einem Verwandten nach Argentinien aus. Johannes und Andreas Grüntzig besuchten eine argentinische Schule in Buenos Aires. Aber es zeigte sich, dass das Ausbildungsniveau in Deutschland besser ist. Das Trio kehrte 1951 nach Leipzig zurück. Paul-Küstner-Straße 24. Johannes und Andreas Grüntzig besuchten die namhafte Thomas-Schule, die älteste öffentliche Schule Deutschlands. Die Ausbildung war hervorragend. Im Jahr 1957 legte Andreas Grüntzig in Leipzig sein Abitur ab. Johannes hatte bereits 1956 Abitur gemacht und ging nach Heidelberg, da er aus politischen Gründen in Leipzig nicht Medizin studieren durfte. Andreas folgte ihm im Jahr darauf. Er entschied sich ebenfalls für das Studium der Medizin. Auch fern der Kontrolle durch die Mutter gingen die Brüder ihren Weg. Johannes Grüntzig erinnert sich an den Start im Studium: "Wir beide sind eigentlich angetreten, die Welt zu verbessern. Wir wollten etwas besser machen. Wir wollten auch die Medizin besser machen." Bei Johannes Grüntzig führte die akademische Entwicklung in die Tropenmedizin und die Augenheilkunde. Bei Andreas Grüntzig ging es in die Lungenforschung sowie in die Epidemiologie und schließlich in die Gefäßmedizin. Der Ältere wurde ein Forscher mit Ideen und ein angesehener Arzt. Aber der Jüngere wurde ein Wegbereiter der invasiven Kardiologie, der die Medizin von Zürich und dann von Atlanta aus veränderte. Es wurde bereits ein Nobelpreis für ihn angedacht.

Dann das Unglück. Am 27. Oktober 1985 starb Andreas Grüntzig mit seiner zweiten Frau Margaret Anne bei einem Flugzeugabsturz in den USA. Eine Starkarriere war viel zu früh zu Ende. Durch Vorträge und Artikel ehrt der ältere Bruder das Andenken von Andreas Grüntzig. Im Interview plauderte Johannes Grüntzig aber auch aus dem "Nähkästchen" der Familie: "Andreas hatte einen anderen Zugriff zur Welt. Meine Mutter hat immer das Bild gewählt: Während ich eher zögerlich an die Brust der Mutter ging und mehr meine Ressentiments hatte, ging Andreas sofort direkt drauf! Zack!"

Beine durch Katheterarbeit erhalten

Grüntzig stellt den Ballonkatheter vor 1978. (4)
Grüntzig stellt den Ballonkatheter vor 1978. (4)

In der Medizin ist Grüntzig ein Nachfahre von William Harvey. Der englische Arzt und Physiologe entdeckte um 1628 den großen Körperkreislauf und den kleineren Lungenkreislauf. Er bekam auch heraus, dass unser Herz in nur einer halben Stunde mehr als die Gesamtblutmenge des Körpers durch sich hindurchpumpt. Das Blut muss zirkulieren, wenn unser Körper von der Zehenspitze bis zu den Haarwurzeln immer wieder neu mit Sauerstoff versorgt werden soll. Stillstand bedeutet Tod. Leben erfordert freien Fluss. Als Grüntzig in Zürich 1969 seine Arbeit aufnahm, erklärte er:"Ich habe mein Leben den Gefäßen gewidmet." (Beck; S. 105.) Sein Erfolg vom 16. September 1977 war kein Zufall. Als er im Alter von 30 Jahren in Zürich im Universitätsspital eingestellt wurde, war ihm bekannt, dass es ein Katheter-Verfahren zum Aufdehnen verschlossener peripherer Gefäße gab, aber wegen zahlreicher Komplikationen kaum Anwendung fand. Dieses Verfahren des Amerikaners Charles Dotter konnte auch nur bei relativ großen Gefäßen in der Peripherie angewendet werden. Grüntzig führte das „Dottern“ gegen viele Widerstände 1971 in Zürich ein. Er behandelte Patienten, bei denen in den Extremitäten – vor allem in den Beinen – Gefäße verengt oder verstopft waren und wieder eröffnet werden mussten. Es ging darum, dass bei den Patienten wieder alles fließt. Bei diesem Verfahren wurden Katheter mit jeweils wachsendem Durchmesser in das Gefäß geschoben, um die Engstelle auf zudehnen. Es ging um viel: Wenn es gelang, ein verschlossenes Gefäße in den Beinen wieder zu "rekanalisieren", konnte die Beinamputation vermieden werden.

Doppelte Revolution durch Ballon

Grüntzig am 28.05.1983 - Hochzeit im Hay House. (5)
Grüntzig am 28.05.1983 - Hochzeit im Hay House. (5)

Aber wie Harvey faszinierte Grüntzig das Herz. Er wollte von der Peripherie ins Zentrum, von den Extremitäten in den subtilen Koronarraum, um auch dort verstopfte Gefäße zu öffnen. Immerhin hatte er an mehreren epidemiologischen Studien über dieUrsachen von Herzkrankheiten (z.B. Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck) gearbeitet. Doch zunächst musste die Katheterarbeit im Bein verbessert werden. Die Katheter waren groß und dick. Das Bougieren – die Aufdehnung - ergab ein erhöhtes Embolierisiko und die großen Katheterdurchmesser führten oft zu Nachblutungen in der Leistengegend und mussten chirurgisch übernäht werden. Grüntzig überdachte hartnäckig das Problem und hatte schließlich die geniale Idee des Ballons. Aber nicht ein Ballon aus Gummi, der sich nicht so dirigieren lässt, dass ein Gefäß fachgerecht geöffnet werden kann. Sondern ein Ballon aus PVC, wie der Kunststoffchemiker Heinrich Hopff von der benachbarten Eidgenössischen Technischen Hochschule in einer Konsultation empfahl. Der Katheter sollte auch kleiner sein und der Ballon an seiner Spitze sollte den neuen Gefäßkanal durch zentrifugale Kräfte formen. Nach zahlreichen Wochenendarbeiten gelang es Grüntzig in der häuslichen Küche, einen funktionstüchtigen Ballonkatheter herzustellen. Am 12. Februar 1974 dehnte er damit weltweit erstmals die verschlossene Beinarterie eines Patienten auf. Da keine Firma bereit war technische Hilfe zu leisten, wurden bis Mitte 1976 alle Ballonkatheter in Grüntzigs Küche hergestellt. Aber der Erfolg in den Beinen durch Ballon war nur der erste Streich. Grüntzig wollte mit noch feineren Ballons bis in die Herzkranzgefäße vordringen. Am 24. September 1975 gelang ihm in Zusammenarbeit mit den Herzchirurgen die erste Koronardilatation im Tierversuch. Darauf folgte der nächste Schritt: Im Mai 1977 führt Grüntzig in San Francisco bei einer Bypassoperation – also während einer laufenden OP - die Dilatation einer Koronararterie beim Menschen durch. Es gab keine Embolien. Damit war der Grundstein für die erste Koronardilatation am Menschen gelegt. Der Fachbegriff lautet: Perkutane transluminale Koronarangioplastie (PTCA). "Perkutan" bedeutet: Durch die gesunde Haut hindurch. "Transluminal" heißt: Innerhalb der Lichtung, des Raumes des Gefäßes verlaufend."Koronar" bedeutet hier: Auf die Herzkranzgefäße bezogen. "Angioplastie" heißt: Aufweitung verengter oder verschlossener Gefäße. Für Grüntzig keine leeren Begriffe, sondern ein zäher Kampf, als ginge es mit dem Kopf durch die Wand. Gegen zahlreiche Widerstände in der Klinik – nur unterstützt von dem international renommierten Herzchirurgen Åke Senning – gelang Grüntzig am 16. September 1977 die Pioniertat zu Zürich: die erste Koronardilatation am Menschen. Der wichtigste Helfer war der kleine Ballon, der im Herzkranzgefäß mit Druck und Schub wieder Raum zum Fließen herstellte. Die neue Methode wandelte das eher bescheidene Nebenfach der Inneren Medizin zu einem bedeutungsvollen und eingreifenden therapeutischen Fach. Durch die Ballondilatation wird das Leiden von Millionen von Menschen gemildert oder gar beseitigt.

Lob dem Klempnerwissen

Gebrüder Grüntzig, Johannes und Andreas. Studentenbesuch 1962 in Leipzig. (6)
Gebrüder Grüntzig, Johannes und Andreas. Studentenbesuch 1962 in Leipzig. (6)

Der antike Denker Heraklit hat gelehrt, dass alles fließt. Der Mediziner Andreas Grüntzig rang praktisch darum, dass in den Blutgefäßen alles fließt. Johannes Grüntzig berichtet von einem Gespräch, das sein Bruders während des Beginns der Entwicklungsarbeit in Zürich mit einem Patienten führte. Ein Installateur. Der wies seinen Bruder darauf hin, worauf es seines Erachtens nach ankommt. Der Arzt habe doch – wie er in den Rohren – mit Verstopfungen in den Gefäßen zu tun, die man man operieren müsse. Der Patient sagte: „Herr Doktor, warum können Sie nicht, so wie ich, einfach mit einem Draht und einer Bürste in dem Gefäß die Verstopfung frei bürsten?“ Ein anderer Arzt hätte vielleicht gelacht, aber Andreas Grüntzig lobte den Patienten und sagte: „Das ist an sich eine sehr gute Idee! Darüber sollte man nachdenken."

Literatur

Andreas Beck: Andreas Grüntzig – Eine Idee verändert die Medizin. Konstanz 1998.

Aufnahmen:

1 - 1985 – Andreas Grüntzig im September 1985

2 - 1979 – Behandlung in Zürich im Universitätsspital

3 - 1953 – Pionierauszeichnung LVZ

4 - 1978 – Vorstellung Ballonkatheter in Zürich

5 - 1983 - Hochzeit von Andreas Grüntzig mit seiner zweiten Frau Margaret Anne; rechts Charlotte Grüntzig und links Johannes

Grüntzig.

6 - 1962 – Johannes und Andreas Grüntzig Studentenbesuch in Leipzig

Der Autor dankt Professor Dr. Johannes Grüntzig, dass er für diesen Artikel die Aufnahmen und Dokumente 1 bis 6 aus seinem Archiv zur Verfügung gestellt hat.

In dem Text wird aus einem Interview zitiert, das der Autor im Jahr 2009 mit Professor Grüntzig über seinen Bruder Andreas in Düsseldorf geführt hat. Auch dieser Text entstand in angeregter Mail-Diskussion mit Johannes Grüntzig.

Stand: 14. Juni 2020