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Die verlassene Schule bei Tschernobyl - Lost Place

Nic

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zu einer der schlimmsten Nuklearkatastrophen. Die freigesetzte Radioaktivität entsprach dem zehnfachen der Atom-Bombe von Hiroshima 1945. Erst drei Tage später wurde die 3 km entfernte Stadt Prypjat evakuiert und alle Bürger mussten ab 14 Uhr "vorübergehend" ihren Wohnort verlassen. Seither ist die Mittelschule der Stadt verwaist.

30 Jahre Leerstand hinterlassen Ihre Spuren. Doch genau die machen den Ort sehenswert. Der Großteil der Mittelschule ist in einem unberührten Verfallszustand. Die Wände verlieren ihre Farbe, die alten Schulbücher erinnern an den einstigen Schulalltag. Das Heft zeigt Klassenräumen, Flure, die Turnhalle und die große Schulaula.

Das Heft bietet in der Mitte ein doppelseitiges Poster.

ISBN: 978-3-86397-121-2

Preis: 3,00 €

Vulkanische Schönheit von Bildhauer Jackisch entdeckt

Vulkanische Schönheit von Bildhauer Jackisch entdeckt

Dr. Konrad Lindner

Galeristin Claudia Späte. (1)
Galeristin Claudia Späte. (1)

Bevor er im August 1798 nach Dresden ging, um die Kunstsammlungen zu besichtigen, hatte er Leipzig in einen Ort das Nachdenkens über seine Philosophie der Natur verwandelt. Die Rede ist von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der über den sonnenheißen Kern der Erde nachgrübelte und über die Individualisierung der Materie sowie über die Metamorphose der Pflanzen. Nach dem Studium in Tübingen war der Theologe und Philosoph im Frühjahr 1796 nach Sachsen gekommen. Schelling setzte in Leipzig seine naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Studien fort. Große Fragen sprach er in seinen Büchern an: Was das Sonnenlicht vom Zentralgestirn unseres Planetensystems erzählt, wie die Erde aus einer Staubwolke entstanden ist, die sich zu einem glühend-heißen Körper verdichtete und wie sich der irdische Lebensraum der Menschen und die sauerstoffhaltige Atmosphäre in das kosmische Geschehen einordnen. Durchweg Fragen, die auch heute noch die Menschen bewegen. Derartige Fragen werden aber nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Kunst zur Sprache gebracht. Das Nachdenken über die Verletzlichkeit unseres irdischen Lebens wird dabei immer auch aus der Sorge gespeist, ob und wie es uns gelingt, unsere Beziehung zur Natur mit Vernunft und Maß zu gestalten. In einer kleinen, aber feinen Galerie im Waldstraßenviertel auf der Tschaikowskistraße 21 kann von April bis Juli 2020 die Ausstellung "Pforte" besichtigt werden.

Bildhauer Matthias Jackisch. (2)
Bildhauer Matthias Jackisch. (2)

Dezente Farben sowie Figuren und Skulpturen laden zum Innehalten ein. In der Galerie Tschart sind Skulpturen aus Vulkan- und Sandstein, Reliefs aus Holz sowie Zeichungen im Großformat auf Seidenpapier und im Kleinformat auf hellem Karton von Matthias Jackisch versammelt. Der Bildhauer studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Er lebt und arbeitet in Hartha bei Tharandt. Die Architektin und Galeristin Claudia Späte öffnete dem Künstler einen großartigen Raum. Der Titel "Pforte" ist als eine Einladung zu verstehen. Ein rötlicher Sandstein erzählt den Besuchern gleich beim Eintreten, dass selbst kompakte Steine von Löchern durchzogen sein können. Aber derartige Leerräume schaffen ein Außen und Innen, das durch Pforten verbunden ist. Schelling würde in der Ausstellung auf seine Kosten kommen, feierte er in seiner Philosophie der Kunst doch Correggio als "Maler der Maler". Den Philosophen faszinierte die Arbeit des italienischen Künstlers mit dem Hell-Dunkel-Kontrast. Jackisch benötigt keine leuchtenden Farben.

Blick in die Ausstellung. (3)
Blick in die Ausstellung. (3)

Doch auch das Fließen der Tinte auf Seidenpapier erzeugt in seinen Arbeiten wunderbare Hell-Dunkel-Abstufungen. Hier schaut Penelope mit ihrer kessen Nasenspitze hervor und dort im Stein eine Frau mit geschlossenen Augen.

An anderer Stelle sind der Vater und der Sohn zu sehen, weiterhin ein Fliehender und nicht zuletzt eine Hexe. Bilder, die wie Andeutungen wirken. Jackisch formuliert die Ansicht, dass Bilder uns stärker beeinflussen, als uns das bewusst ist: "Ich glaube daran, daß es eine Sehnsucht nach tieferem Eindringen in die Bilder gibt, ganz einfach auch, weil jeder seine Traumbilder zu bewältigen sucht." In der Zeichnung "Der ewige Trinker" springt aus einem Gewirr von Strichen die Gier eines Menschen nach dem flüssigen Stoff ins Auge, um sich aber wieder hinter den Linien ins Unkenntliche zu verlieren. Schelling dachte in Polaritäten wie Hell und Dunkel, Heißes und Kaltes, Lautes und Leises sowie Abstoßung und Anziehung. Er sah die Menschen der entstehenden Bürgergesellschaften zu Beginn der industriellen Revolution mit dem Vermögen ausgestattet, die Natur in Streit mit sich selbst zu versetzen. Ein Vermögen, das Vernunft erfordert. Auch für den Bildhauer sind Demut und Vernunft wichtig. Für ihn ist der Stein kein toter Klotz.

Blick in die Ausstellung. (4)
Blick in die Ausstellung. (4)

Für Jackisch ist das Steinige eine Natur, die lebt, ein Wirkliches, das naturiert und das er in seinem Wirken aufmerksam belauscht. Die Pythagoreer haben gelehrt, dass Fels Stein gewordene Musik sei. Ein Wissen, dass Jackisch nicht fremd ist, wenn er erzählt: "Manchmal muß ich einfach nur gucken, die Steine lassen mich nicht mehr so leicht rein wie früher. 'pfOrte' hat möglicherweise damit zu tun, dass ich überdenke, was das Eintreten in einen Felsen, der so alt ist, eigentlich bedeutet. Wieviel anarchisch spielerische Frechheit brauch' ich, um mich in so eine Struktur der Dauer heutig einzuklinken? Wie mönchisch brauch' ich mich dafür?" Ein Bildhauer spricht in Figuren, die im Vergleich zum Menschenleben aus dem Material der Ewigkeit gebaut sind. Aber auch Steine sind nicht kalt und unnahbar. Mehr noch. Sie können sogar von Liebe erzählen. Im Zentrum des Raumes steht auf dem Baumholzsockel ein Torso: Graugrünliches Gestein. Ein kraftvoller Brocken, der sich zur Säule ohne Kopf und ohne Extremitäten fügt. Umrahmt von rauhen und bizarren Bruchflächen. Dann aber im Innerenraum weibliche Formen. Ein sanftes Auf und Ab.

"Sklavin" Diabas 2020. (5)
"Sklavin" Diabas 2020. (5)

Galeristin Claudia Späte erlaubt den Besuchern an dieser Stelle Unglaubliches: Sie dürfen die Hautoberfläche der Torsofrau berühren. Die Skulptur, die der Künstler "Sklavin" genannt hat, darf angefasst werden. Tasten die Fingerspitzen die Hautoberfläche entlang, fühlt es sich samtig und angenehm an. Ein altbekanntes Charakteristikum von Diabas, dem Ergussgestein aus den Tiefen der heißen Erde. Hier steht sie, die vulkanische Schönheit, die Bildhauer Jackisch aus dem Steinblock hervorkommen ließ. Die Künstler suchen bis heute den Dialog mit der antiken Statue des Torso von Belvedere, die in den Vatikanischen Museen aufbewahrt wird. Nur geht's Jackisch nicht vordergründig um die Muskeln der Männer, sondern ihm liegt die zarte Andeutung und der Zauber der weiblichen Leibformen. Das Vulkanische, das Schelling in seiner Philosophie der Natur bespricht, ist in der Ausstellung präsent, aber auch das Flüssige, das Rauschen des Meeres und der Strom des Wirklichen. Den Kontrast zum Diabas bildet ein Stein aus Meeresablagerungen. Ein Gruppe aus Sandstein. Menschen zusammengedrängt, versunken in das Schicksal und ausgeliefert den Widerfahrnissen, die hinzunehmen Geduld wie Stärke erfordert. Vielleicht ein Floss. Jackisch treibt seit Jahren die Frage um: "Wieso sind es die Anderen, wenn das Schlauchboot untergeht, ich fühle deutlich, daß wir es sind, die im Mittelmeer versinken." Das Sandsteinfloß zeigt Anwesende. Es erzählt vom menschlichen Dasein, das Beschwernisse ebenso mit sich bringt, wie Momente des staunenden Aufschauens und Augenblicke des dankbaren Erinnerns. In Sandstein unterscheiden sich nicht Alt und Jung oder Mann oder Frau. Angehörige einer Familie oder einer Gesellschaft sind Menschen dieser einen Erde an einem schwankenden Ort, an dem nichts selbstverständlich ist und nicht einmal die gesunde Luft zum Atmen.

20. Mai 2020

Fotos:

(1) Galeristin Claudia Späte (Aufnahme Lindner)

(2) Bildhauer Matthias Jackisch (Aufnahme Jackisch)

(3)Blick in die Ausstellung (Aufnahme Jackisch)

(4) Blick in den Ausstellungsraum (Aufnahme Jackisch)

(5) „Sklavin“ Diabas 2020 (Aufnahme Jackisch)


Für die Verfügungstellung der Aufnahmen dankt der Autor Matthias Jackisch.

Die Ausstellung "Pforte" von Matthias Jackisch in der Galerie Tschart in der Tschaikowskistraße 21 ist bis Anfang Juli 2020 geöffnet. Die Kontaktdaten zur Galerie finden sich auf dem Eröffnungsvideo vom 20. April 2020. Vgl. den Link: https://www.youtube.com/watch?v=sBVsLRDc9sk


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