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Die verlassene Schule bei Tschernobyl - Lost Place

Nic

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zu einer der schlimmsten Nuklearkatastrophen. Die freigesetzte Radioaktivität entsprach dem zehnfachen der Atom-Bombe von Hiroshima 1945. Erst drei Tage später wurde die 3 km entfernte Stadt Prypjat evakuiert und alle Bürger mussten ab 14 Uhr "vorübergehend" ihren Wohnort verlassen. Seither ist die Mittelschule der Stadt verwaist.

30 Jahre Leerstand hinterlassen Ihre Spuren. Doch genau die machen den Ort sehenswert. Der Großteil der Mittelschule ist in einem unberührten Verfallszustand. Die Wände verlieren ihre Farbe, die alten Schulbücher erinnern an den einstigen Schulalltag. Das Heft zeigt Klassenräumen, Flure, die Turnhalle und die große Schulaula.

Das Heft bietet in der Mitte ein doppelseitiges Poster.

ISBN: 978-3-86397-121-2

Preis: 3,00 €

Der Leipziger Phythopathologe Erich Mühle (1907 – 1993)

Der Leipziger Phythopathologe Erich Mühle (1907 – 1993)

Doz. Dr. agr. habil. Eberhard Schulze

Erich Mühle.
Erich Mühle.

Erich Mühle war einer der bedeutendsten deutschen Phythopathologen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wurde am 9. Mai 1907 in Haynau/Niederschlesien geboren und legte 1927in Görlitz das Abitur ab. Von 1929 bis 1934 studierte er in Leipzig Botanik, Zoologie und Chemie. 1937 erwarb er mit der Promotion zum Thema „Der menschliche Staat als Problem der vergleichenden Biologie, ein Beitrag zur organismischen Staatsauffassung im Anschluss an E. G.Kolbenheyer“ den Doktortitel. Da Kolbenheyer als Vertreter des Biologismus im nationalsozialistischen Kulturleben eine Rolle gespielt hatte, musste Erich Mühle sich während der Entnazifizierung einigen ihm unliebsamen Fragen stellen, obwohl er es im Unterschied zu den meisten an der Universität tätigen Agrarwissenschaftlern abgelehnt hatte, Mitglied der NSDAP zu werden. Ebenfalls 1937 begann er eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in der Abteilung Gartenbau und danach am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung. 1938 erhielt er auf Vorschlag des Direktors des Instituts, Josef Knoll, einen Lehrauftrag für Pflanzenschutz, 1939 eine planmäßige Assistentenstelle. Von 1940 bis 1944 war Erich Mühle u. a. an Versuchen zur Bekämpfung von Gräserschädlingen beteiligt. Die Krankheiten und Schädlinge der Futterpflanzen, aber auch der Arznei-, Gewürz- und Duftpflanzen, über die noch wenige Erkenntnisse vorlagen, sollten dann lebenslang seine Hauptforschungsschwerpunkte werden. Er steht damit einerseits in der von Wilhelm Strecker und Friedrich Falke begründeten bedeutenden Grünlandtradition der Universität Leipzig, stellte sich andererseits aber auch anderen neuen Herausforderungen. 1942 zog ihn die Wehrmacht zum Kriegsdienst ein, entließ ihn aber zu seinem Glück aus gesundheitlichen Gründen wieder. Im Februar 1945 wäre er aber in dem bei einem Fliegerangriff zerstörten Gebäude Johannisallee 19 fast ums Leben gekommen, als er und einige andere der wenigen verbliebenen Mitarbeiter verschüttet wurden. Als einer der wenigen Agrarwissenschaftler setzte er nach dem Krieg seine Tätigkeit an der Universität fort (alle NSDAP-Mitglieder wurden entlassen).

Trotz schwieriger materieller Bedingungen habilitierte er sich 1951 mit der Arbeit „Die Krankheiten und Schädlinge angebauter Futtergräser, Erhebungen, Beobachtungen und Untersuchungen über ihr Auftreten, ihre Biologie und Bekämpfung unter gleichzeitiger Auswertung des wichtigsten Schrifttums“. Sein Habilitationskolloquium stand unter dem Thema „Die Probleme des Kartoffelabbaus“ und seine öffentliche Lehrprobe widmete sich den „Viruskrankheiten landwirtschaftlicher Kulturpflanzen“, womit er Breite und Tiefe in seinem Fachgebiet bewies. Am 1. April 1951 wurde er deshalb zum Professor mit Lehrauftrag für Phythopathologie berufen, am 1. Oktober 1951 zum Professor mit vollem Lehrauftrag und am 1. September 1952 in Anerkennung seiner Verdienste in Lehre und Forschung sowie beim Wiederaufbau der Universität Leipzig zum Professor mit Lehrstuhl und zum Direktor des aus der Abteilung Pflanzenschutz am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung hervorgegangenen Instituts für Phytopathologie, das in der Schönbachstraße 10 nahe dem Völkerschlachtdenkmal seinen Platz erhielt. Von 1951 bis 1958 leitete er neben seiner Tätigkeit in Leipzig die Abteilung Pflanzenschutz im Institut für Pflanzenzüchtung der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften (DAL) in Bernburg. Darüber hinaus erwarb er sich wesentliche Verdienste um die Bildung der Pflanzenschutzämter in der DDR. Im Rahmen der Virosenforschung konnte außerdem nachgewiesen werden, dass das Erzgebirge besonders gut für die Kartoffelvermehrung geeignet ist, woraus die praktischen Landwirte auch die entsprechenden Schlussfolgerungen zogen. 1953 und 1955 zum Dekan der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät gewählt, setzte er sich gemeinsam mit Prodekan Otto Rosenkranz intensiv für den Wiederaufbau des 1903 errichteten und beim schweren Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 zerstörten Hauptgebäudes des ehemaligen Landwirtschaftlichen Instituts (Johannisallee 21-23) ein. In die Zeit seines Dekanats fielen auch die Auseinandersetzungen des Lehrkörpers der Fakultät mit Walter Ulbricht, der bereits 1955 die vollständige Umstellung von Lehre und Forschung auf die sozialistische Landwirtschaft forderte, obwohl die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften erst etwa 23 % der landwirtschaftlichen Fläche bewirtschafteten.

17. Juni 1953 in Leipzig, Reichsgericht, russische Panzer.
17. Juni 1953 in Leipzig, Reichsgericht, russische Panzer.

Als am 17. Juni 1953 sowjetische Panzer, aus Richtung Grimma kommend, Leipzig besetzten, sägte Erich Mühle,wie Fröhlich (1995) berichtet, aus Protest eigenhändig die beiden vor dem Institutsgebäude angebrachten Fahnenmasten ab. Keiner seiner Mitarbeiter, auch nicht die SED-Mitglieder, hat ihn angezeigt. Nach Fröhlich (1984) rückte Erich Mühle in seinem Forschungsgebiet zum führenden Wissenschaftler in Europa auf. Er entdeckte drei neue Schaderreger, ein weiterer ist nach ihm benannt worden. Er befasste sich außerdem aber auch mit anderen Forschungsthemen, z. B. mit der Flugbrandbekämpfung bei Gerste und Weizen. Bereits 1956 bestanden die drei Laborabteilungen Virologie, Entomologie und Mykologie. Da es sich herausstellte, dass mehrere Gräserkrankheiten durch Viren bedingt sind, und auch der Kartoffelabbau darauf wesentlich beruht, wurde gleichzeitig die Virosenforschung zu einem der Forschungsschwerpunkte des Instituts. Drei der fünf am Institut entstandenen Habilitationsschriften sind deshalb auch ihr gewidmet. Insgesamt betreute Erich Mühle 30 Dissertationen. Generell ist für seine Denkweise kennzeichnend, dass er nicht die Schaderreger in den Mittelpunkt stellte, sondern die Pflanze, die er als „Patient“ sah und die zu heilen ist. Dieses Konzept stellte er auch 1967 auf dem Internationalen Pflanzenschutzkongress in Wien zur Diskussion. Er schlug deshalb auch im gleichen Jahr dem Staatssekretariat für Hoch-und Fachschulwesen vor, sein Haus in Institut für Phythomedizin umzubenennen, was jener aber ablehnte. Inzwischen ist dieser Begriff aber allgemein üblich. Von seinen Schülern sind alle Habilitanten zu Professoren berufen worden und weitere nahmen führende Funktionen im Pflanzenschutz wahr. Dazu trug vor allem auch die von ihm eingerichtete fakultative Spezialausbildung Phythopathologie und Pflanzenschutz bei. Erich Mühle veröffentlichte eine Vielzahl von Büchern und Aufsätzen über Krankheiten und Schädlinge der Kulturpflanzen, mit denen er sich nationale und internationale Anerkennung erwarb. Zu nennen sind vor allem „Krankheiten und Schädlinge der zur Samengewinnung angebauten Futtergräser“ (1953), Krankheiten der Arznei-, Gewürz- und Duftpflanzen“ (1956) sowie das gemeinsam mit Maximilian Klinkowski (Direktor des Institutes für Phythopathologie Aschersleben der DAL) und Ernst Reinmuth (Universität Rostock) bzw. Helmut Bochow (Humboldt-Universität zu Berlin) herausgegebene dreibändige Lehrbuch „Phytopathologie und Pflanzenschutz“(1965–1968 bzw. 1974–1976). Unter den Studenten erfreute sich das „Phytopathologische(s)Praktikum für Landwirte, Gärtner und Biologen“ großer Beliebtheit. Hohe Anerkennung fand in der Praxis vor allem die von ihm mit wechselnden Mitarbeitern seit 1942 als Loseblattsammlung herausgegebene „Kartei für Pflanzenschutz und Schädlingsbekämpfung“, die von 1953 bis 1971 15 Lieferungen umfasste und die neuesten Erkenntnisse zu 200 Bakterien- und Pilzkrankheiten vermittelte. Auf Grund seiner national und international anerkannten wissenschaftlichen Leistungen und seiner Verdienste um die Entwicklung der Landwirtschaftlichen Fakultät wäre es zweifellos gerechtfertigt gewesen, ihm anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung des Landwirtschaftlichen Instituts 1969 die Ehrendoktorwürde zu verleihen. In der Umbruchphase der 3. Hochschulreform, verbunden mit der Gründung der Sektion Tierproduktion und Veterinärmedizin und des selbständigen Instituts für tropische Landwirtschaft, an dem er noch bis zur Emeritierung 1972 wirkte, sowie der Verlagerung von Instituten der Pflanzenproduktion nach Halle, hat darüber aber offensichtlich niemand nachgedacht. Persönlich tragisch ist für ihn, dass er noch kurz vor seinem Tode am 5. Januar 1993 von der vorgesehenen Schließung der Agrarwissenschaftlichen Fakultät Leipzig erfuhr (Zusammenlegung mit der Fakultät in Halle am Standort Halle, aber nur drei Professoren und zehn Mitarbeiter gingen nach Halle), für deren Wiederaufbau er nach dem Krieg seine ganze Kraft eingesetzt hatte. Es ist hier nicht der Ort, darauf näher einzugehen. Aber außer der Universität Halle nützte die Schließung der Leipziger Fakultät vor allem den westdeutschen Fakultäten, die nun alle erhalten blieben, obwohl vor der deutschen Einheit angestrebt wurde, ein bis zwei Fakultäten zu schließen. Wissenschaftlich war die Leipziger Fakultät aber nicht schlechter als die westdeutschen, wie die positive Evaluierung der biologischen und technisch-technologischen Disziplinen durch den Wissenschaftsrat beweist. Negativ evaluiert wurde das Institut für tropische Landwirtschaft. Die dabei angelegten Kriterien erfüllten die westdeutschen Fakultäten selbst aber nicht, zum Teil weniger als das Leipziger Institut, wie der Verfasser geprüft hat (Schulze 2008).


Literatur:

Fröhlich, Gerd: Erich Mühle (geb. 1907), in: Namhafte Hochschullehrer der Karl-Marx-Universi-tät Leipzig, Heft 6, hrsg. v. Kurt Renner und Armin Ermisch, Leipzig 1984, S. 29–39.

Fröhlich, Gerd: Prof. Dr. Erich Mühle zum 80. Geburtstag, in: Beiträge für tropische Landwirt-schaft und Veterinärmedizin, 25. Jg. (1987), H. 1, S. 7–8.

Fröhlich, Gerd: Memorandum – Aufstieg und Untergang der Agrarwissenschaften in Leipzig, unveröffentlichter Manuskriptentwurf, Leipzig 1995 (unveröffentlicht).

Mühle, Erich: Forschungsarbeiten des Institutes für Phythopathologie der Karl-Marx-Universität Leipzig, WZ, 8. Jg. (1958/59), Heft 4, S. 707–749.

Mühle, Erich: Die Phythopathologie in Lehre und Forschung an der Universität Leipzig, in: WZ,11. Jg. (1962), Heft 1, S. 106–109.

Schulze, Eberhard: Die Agrarwissenschaften an der Universität Leipzig 1945/46 – 1996, Leipziger Ökonomische Societät e. V., Leipzig 2008

Bildnachweis

Passbild Erich Mühle: Universitätsarchiv Leipzig

Leipzig.- sowjetischer Panzer vor Gebäude des Georgi-Dimitroff-Museums (des ehemaligen Reichsgerichtes) wärend des Volksaufstandes um den 17. Juni 1953. Bundesarchiv, B 285 Bild-14676 / Unknown / CC-BY-SA 3.0