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ISBN 978-3-7410-0265-6

Gesellschaft im Fluss der Bewegung begreifen - der Transformationsforscher Rolf Reißig

Gesellschaft im Fluss der Bewegung begreifen - der Transformationsforscher Rolf Reißig

Dr. Konrad Lindner

Prof. Dr. Reißig am Mikrofon 2002
Prof. Dr. Reißig am Mikrofon 2002

1. Fluss der Bewegung

Was würde Karl Marx, der im Januar 1873 in London sein Nachwort zur zweiten Auflage des ersten Bandes seines Werkes "Das Kapital" niederschrieb, zum Titel des Buches von Rolf Reißig sagen? Würde er das 240-Seiten-Buch empört zur Seite legen, weil es anstelle des mehr räumlichen Begriffs der "Formation" um den mehr zeitlichen Begriff der "Transformation" geht? Oder würde er das Buch gerade wegen der Zeit-Pathetik sogleich an sich reißen? Allein von der Lektüre des Titels her lassen sich derartige Fragen kaum beantworten. Es ist nur zu konstatieren, dass Marx das Wort "Formation" für die Schichten des Wirklichen ebenso gern und erfolgreich wie die Geologen verwendete. Ebenso bleibt festzuhalten, dass Marx sein Werk "Das Kapital" nicht als Ausdruck und Ergebnis von Transformationsforschung bezeichnete.Der Alte in London leistete sich noch nicht die analytische Freiheit und das unbekümmerte Vokabular des Karl Polanyi aus Wien während dessen zweiten Lebens im Exil. Aber Vorsicht! Wie Heraklit hatte Marx seine Freude am Blick auf die Wellenformationen im Fluss der Bewegung. Das Nachdenken über die Flussförmigkeit des Wirklichen war dem Analytiker in London kein Greuel, sondern ein Spaß und eine Herausforderung, als er den Verwandlungen des Tauschwerts nachspürte. Er proklamierte nicht nur im Nachwort zu seinem Werk über die Funktionslogik des Kapitalverhältnisses den Leitsatz, dass "jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite" aufgefasst werden sollte. Nein, er setzte sich im Alter von 60 Jahren auch in die Bibliothek und machte sich aus einem Lehrbuch der Geologie Auszüge über "Brooks and Rivers", über "Bäche und Flüsse". Marx interessierte "the power of moving water" und wie ein kraftvoller "Strom sein Bett vertieft". Wer derart über dynamische Autoritäten der Erde wie Amazonas, Ganges und Rhein nachdachte, würde sich nicht sträuben, die Vokabel "Transformation" in den Rang einer sozialwissenschaftlichen Kategorie zu erheben. Zumal das Fließen von Wasser nichts anderes ist, als "Mechanical Action" und das heißt die räumliche Verlagerung von Wasserpaketen in der Zeit. Für Marx wie für den Logiker Georg Wilhelm Friedrich Hegel war ein Fluss das Modellexempel für die Permanenz von Umformung, Umbruch oder Umbau. Nicht nur Wellenberg und Wellental, sondern auch Niedrigwasser und Hochwasser offenbaren das selbstregulative Vermögen des Wassers. Flüsse sind vom Quell- und Gründungsgebiet über den Ober-, Mittel- und Unterlauf bis zum Mündungsbereich die irdischen Lehrmeisterinnen von Verwandlung oder Transformation. 1

Prof. Dr. Reißig mit ehemaligen Studenten
Prof. Dr. Reißig mit ehemaligen Studenten

2. Magie des Verbs transformo

Bücher, in denen die gesellschaftliche Dynamik in der westlichen Moderne aus der Perspektive der Zeitlichkeit der Menschen und ihrer Praxis beschrieben wird, sind keine Massenware. Die Studie von Reißig, die gleich im Titel auf die Magie des lateinischen Verbs transformo – zu deutsch: umgestalten, verwandeln – setzt, bildet eine Ausnahme. Das übersichtliche Buch „Transformation von Gesellschaften“ (2019) des Berliner Sozialwissenschaftlers beginnt mit der Feststellung, dass wir nicht in einer Epoche des Stillstands und der Regungslosigkeit leben, sondern "in einer Epoche des Umbruchs". (S. 7.) Als Leitbegriff seiner Analyse einer Wirklichkeit voller "offener Alternativen" (S. 223.) wählt er nicht das Begriffspaar "Evolution" und "Revolution". Reißig entscheidet sich für einen anderen Begriff. Vielleicht, weil die Leute das Wort "Revolution" hören und bis in die Politikwissenschaft hinein immer nur an "Putsch", "Staatsstreich" oder zumindest an "Machtwechsel" denken. Zu wenige Sozialanalytiker lesen den Weltbestseller von Thomas S. Kuhn über "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" (1962). Der Wissenschaftsphilosoph zeigte auf, dass sich Gesellschaft wie Wissenschaft nie nur kontinuierlich, sondern immer auch diskontinuierlich bewegen. Paradigmen werden nicht nur fortbuchstabiert, sondern auch gewechselt. Für Reißig gibt es noch einen Grund für die Freude an dem Verb transformo. Im letzten Jahrhundert etablierte sich zwischen den beiden großen Kriegen durch den in England und Kanada tätigen Wirtschaftshistoriker und Sozialanthropologen Karl Polanyi eine neue Forschungsrichtung. Sie fand ihren Ausdruck in seinem Buch "The Great Transformation" (1944). Auf den Schultern der hier etablierten Begrifflichkeit wird es leichter, wenn gesellschaftliche Übergänge und Umbrüche der Gegenwart studiert und verstanden sowie gestaltet werden sollen. Reißig wählt mit dem Begriff "Transformation" einen noch unverbrauchten Terminus, um die gesellschaftliche Bewegung in den Umbruchszeiten unserer Tage präziser und differenzierter als üblich zur Sprache zu bringen. Ihm geht es dabei nicht allein um die Beschreibung des seit 1989/90 erlebten und von ihm mit erforschten Übergangs von staatssozialistischen zu postkommunistischen Gesellschaften. Reißig wagt in seinem Buch den wichtigen Versuch, den tieferen Schichten in der Dynamik der gesellschaftlichen Bewegung unserer Tage auf die Spur zu kommen. Er möchte nicht nur an der Oberfläche der industriell-kapitalistischen Moderne des Westens entlangschippern, sondern ihm liegt daran, den elementaren Umbrüchen im Fluss der gesellschaftlichen Bewegung auf den Grund zu gehen. Dabei vereint er die Seinsanalyse mit der Subjektanalyse. Mit der Intention, dass sich das Verb transformo auf die Dynamik des Seienden wie des Subjekts bezieht, rückt Reißig drei Grundfragen der Gegenwart ins Zentrum der Aufmerksamkeit: "Was bedeutet eine Transformation moderner bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften? Warum rückt gerade mit dem 21. Jahrhundert eine neue, Große Transformation auf die Agenda? Wie können die dieser Transformation entgegenstehenden strukturellen und kulturell-mentalen Blockaden, Barrieren aufgelöst und ein erfolgreicher Transformationsprozess in Gang gesetzt werden?" (S. 8.) 2

Cover des Buches Transformation von Gesellschaften
Cover des Buches Transformation von Gesellschaften

3. Kapitalismus ist ein Plural

Keine Generation kommt um die Frage herum, in was für einer Gesellschaft sie lebt und wie ihr durch die Kooperation der Vielen ein Eintauchen in den Fluss des Wirklichen gelingt und ein "gutes Leben" eröffnet. Augustinus führte in seinen "Bekenntnissen" zur Zeitlichkeit aus, dass unser "Anschauen von Gegenwärtigem" mit der "Erinnerung an Vergangenes" und der "Erwartung von Zukünftigem" verknüpft ist. Reißig argumentiert in genau diesen drei Dimensionen unseres Zeitbewusstseins. Ernst Bloch, der im Jahr 1954 in Leipzig schrieb: "Denken heißt Überschreiten", dürfte freudig lächeln. Wie der Hoffnungsphilosoph streitet Reißig gegen die Befürworter "abstrakter Utopien", die auf "gefahrvolle Wunschbilder" hinauslaufen. Im Dialog mit den modernen Sozialwissenschaften ringt der Gesellschaftsanalytiker um "konkrete und machbare Utopien als Richtungsweiser". (S. 214.) Dabei geht er den Weg weiter, den Karl Polanyi in seinem Essay "Freiheit ineiner komplexen Gesellschaft" (1944) beschritt. Der Sozialtheoretiker schrieb über die fällige große Transformation einfach nur: "Soll der Industrialismus nicht zur Auslöschung der Menschheit führen, dann muß er den Erfordernissen der menschlichen Natur untergeordnet werden." (S. 329.) Eine Maxime, die bereits der Philosoph des Geistes Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Jena auf den Begriff brachte, als er 1805/06 notierte: "... der Mensch wird nicht Meister über die Natur, bis er es über sich selbst geworden ist". Gelingt es nicht, die Kontrolle über Markt, über Wachstum, über Technologien und über Rüstungen zurückzugewinnen, droht anstelle einer neuen Großen Transformation noch im 21. Jahrhundert die Apokalypse.Doch in die Selbstzerstörung rast die Menschheit nicht wie ein Tsunami hinein, sondern die Wellen des Stroms dürften sich noch in Impulse gelingenden Handelns verwandeln lassen. So sehr Reißig die Welt im Umbruch beschreibt, so wenig verbreitet er Panik. Er stellt den Konturen einer neuen Großen Transformation, die er im III. Teil des Buches umreißt, im umfangreichen II. Teil eine Beschreibung von drei historischen Wellen der Transformation voran. Marx wie Polanyi werden als Analytiker der ersten historischen Welle der Transformation gewürdigt, durch die sich zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert die kapitalistische Marktwirtschaft herausbildete. Für den transformatorischen "Urknall" der westlich dominierten Moderne (Michael Brie) ist charakteristisch, dass die gesellschaftliche Kontrolle des Ökonomischen abgeschafft wurde. (S. 31.) Polanyi spricht von einer "Entbettung" derWirtschaft. (S. 39.) Man könnte auch sagen, dass der Fluss in seiner Bewegung weit über die Ufer tritt. Auf die Gründungswelle des Kapitalverhältnisses folgte im 20. Jahrhundert als Antwort auf die immanenten Krisen eine zweite historische Welle der Transformation. Eine neue Form der gesellschaftlichen Bewegung entstand, die später als "Teilhabekapitalismus" oder als "Sozialkapitalismus" bezeichnet werden sollte. Der Markt wird "eingebettet" und reguliert. Reißig erblickt darin ein "funktionierendes" und "neues" "Entwicklungsmodell des Kapitalismus", (S. 59.) aber auch den Beweis für die Zukunft: "... moderne bürgerlich-kapitalistische Gesellschaften sind unter bestimmten Bedingungen transformationsfähig". (S. 65.) 3

Rolf Reißig Ende der 60er Jahre
Rolf Reißig Ende der 60er Jahre

4. Wie Marx, auch Lassalle und Bernstein beerben

Es dürfte hilfreich sein, einige Bücher zu nennen, in denen sowohl über die Dynamik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft als auch über ihre Grenzen debattiert wird. In der Reihenfolge des Erscheinens fallen vier Analysen auf, die sich auf die industriell-kapitalistische Bewegungsform beziehen, aber jeweils unterschiedliche Stadien abbilden. Erwähnt seien: "Das Kommunistische Manifest" (1848) von Marx, "Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" (1899) von Eduard Bernstein, die Enzyklika "Ladato si ́" (2015) von Papst Franziskus und das Buch "Transformation von Gesellschaften" (2019) von Reißig. Während Marx entdeckte, dass sich die kapitalistische Produktionsweise in Permanenz umwälzt, verändert und erneuert, brachte Bernstein seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Sprache, dass die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft über ein Mehr an Bewegungs- und Reformdynamik verfügt, als dies Marx zu seiner Zeit voraussehen konnte. Franziskus wiederum liegt an dem "Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas", der in "einer mutigen kulturellen Revolution" seinen öffentlichen Ausdruck zu finden beginnt. (S. 104 und 105.) Bei Reißig ist wie bei Bernstein zu lernen, dass Kapitalismus flussförmiger ist als dies die kommunistische Linke im Gefolge von Wladimir Iljitsch Lenin während und nach dem Ersten Weltkrieg wahrhaben wollte, wenngleich Lenin erstaunlich wach neue Technologien und neue Organisationsformen speziell in Deutschland beobachtete. In dem Buch zur "Transformation von Gesellschaften" wird die Ansicht erarbeitet, dass "eine reformorientierte soziale und demokratische Politik, wie sie schon frühzeitig in der Arbeiterbewegung" durch Ferdinand Lassalle (1825 – 1864) und Bernstein (1850 – 1932) formuliert und praktiziert wurde, "unter den heutigen globalen und gesellschaftlichen Bedingungen mehr als aktuell" ist. (S. 209.) Mit Blick in die jüngste Vergangenheit zeigt Reißig, dass "die sozialistischen Länder" gerade auch durch ihre Reformfeindschaft in ihrem Transformationsversuch scheiterten und sich nicht "in moderne evolutionsoffene Gesellschaften zu verwandeln" vermochten. (S. 85.) Die Lehre: Heftige transformo-Defizite sind tödlich. Die Aussagen zum Scheitern der DDR sind eine Hilfe beim Bewerten erlebter Geschichte. Immerhin verlief der ostdeutsche Aufbruch in die Demokratie westlichen Musters politisch mit Erfolg. Aber der erhoffte Sprung in eine "Phase fordistischer Prosperität" blieb aus. (S. 100.) Dafür sahen sich alle Schichten der Bevölkerung bald einer "bislang nicht gekannten De-Industriealisierung und massiven Arbeitslosigkeit" ausgeliefert. (S. 95.) Kein Zufall, denn längst war die marktliberale Transformation in Fluss. Der Übergang vom "Sozial-staatlich regulierten Kapitalismus" in die Untiefen eines von den "Finanzmärkten dominierten Kapitalismus" stellte auch im Westen Gewohntes infrage. (S. 82.) In dem marktliberalen Umbau der Gesellschaft lokalisiert Reißig den "eigentlichen Wendepunkt im kurzen 20. Jahrhundert". (S. 83.) Er schätzt ein, dass sich ein "neues dominantes Regulations-, Ordnungs- und Entwicklungsmodell“ bis heute "nicht herausgebildet" hat, (S. 157.) dass aber "eine Sozial-ökologische Transformation auf der historischen Agenda steht". (S. 161.) 4

5. Auf und Ab des Wellenspiels in Umbruchszeiten

Meinte Heraklit, dass wir nicht zweimal in denselben Fluss steigen können, liegt Reißig an der Einsicht, dass wir heutzutage nicht einfach mit einer von mehreren historischen Wellen der Transformation unterwegs sind. Vieles deutet darauf hin, dass vor uns der Beginn einer neuen "Großen Transformation" liegt. Damit würden wir in einen historischen Umbruch eintauchen, wie er bisher nur einmal in der Neuzeit mit der Herausbildung des Kaptitalverhältnisses gelungen ist und dann nie wieder mit vergleichbarer Dimension vollzogen wurde. Reißig hält sich an die Zeitdiagnose, "dass die Menschheit sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem Epochenumbruch befindet." (S. 157.) Er konkretisiert: "Die heutige Zeit ist durch die Erosion und den Zerfall des alten, seit den 1970er/80er Jahren global dominierenden marktliberalen Regulations- und Entwicklungsmodells (Neoliberalismus) gekennzeichnet. Sichtbar wird diese Erosion auch an einer Schwäche der Systemintegration und der Krise der Legitimation der etablierten Eliten. Ein neues dominantes Regulations-, Ordnungs- und Entwicklungsmodell hat sich bis heute jedoch noch nicht herausgebildet." (S. 157.) Wir leben in einer gesellschaftlichen Phase, in der verschiedene Pfade eingeschlagen werden können. Noch ist es nicht entschieden, welcher Pfad es sein wird. Die beiden Alternativen der Verzweigung benennt der Autor: "Zum einen ein Festhalten am markliberalen Entwicklungspfad ... Zum anderen die Möglichkeit der Herausbildung eines neuen, eines sozialökologischen Entwicklungspfades unterschiedlicher Prägung." (S. 158.) Hier ist nicht der Ort, die Ausführungen weiter zu referieren. Um aber im Bild des Flusses zu bleiben, für das sich Marx 1873 bei seinen Ausführungen zur dialektischen Logik Hegels und zu seinen Analysen des Kapitalverhältnisses entschied, soll Reißig selber zu Wort kommen. Mit Blick auf den heutigen Epochenumbruch, den es möglichst ohne große Zusammenbrüche und Katasrophen zu meistern gilt, schreibt er: "Die Antworten auf diese neuen gesellschaftlichen Herausforderungen können nicht mehr allein auf 'Entbettung' und 'Einbettung' des kapitalistischen Marktes und die Suche nach systemspezifischen gesellschaftlichen Regulationsmodellen beschränkt bleiben. Es geht bei dieser neuen Großen Transformation im 21. Jahrhundert nicht einfach um eine Fortsetzung und um eine weitere Welle von Transformation im Rahmen der industriell-kapitalistischen und expansiven Moderne, sondern um den Übergang zu einem ökologisch, sozial, demokratisch-emanzipativ und solidarisch geprägten Entwicklungspfad, und damit zu einem neuen Zyklus der Transformation." (S. 213.) Die Lektüre des Buches über Transformationsgesellschaft und Gesellschaftstransformation hinterlässt den Eindruck, dass der historisch-gesellschaftliche Fluss der Neuzeit von Reißig bis in unsere Tage hinein prägnant nachgezeichnet wird. Der Autor betont aber auch, dass der Möglichkeitsraum seines Weiterfließens größer ist, als wir heute vorhersehen können. Doch die "Erwartung" des Zukünftigen kann uns dann im heutigen Handeln anspornen, so die Pathetik von Augustinus wie Reißig und Marx zum Zeitbegriff, wenn wir ein kritisches "Anschauen" des Gegenwärtigen mit der ehrlichen und klugen "Erinnerung an Vergangenes" verknüpfen. 5

Cover "Dialog durch die Mauer. Die umstrittene Annäherung von SPD und SED"
Cover "Dialog durch die Mauer. Die umstrittene Annäherung von SPD und SED"

6. Geistvoller Dozent der Universität Leipzig

"Wissenschaft wird von Menschen gemacht," meinte der Nobelpreisträger Werner Heisenberg. Aus meiner Sicht daher auch einige Anmerkungen über den Autor des Transformationsbuches, der einer meiner Lehrer ist. Rolf Reißig begann 1958 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig ein Studium der Philosophie und Geschichte. Als Aspirant am Franz-Mehring-Institut der Universität erlangte er im Jahr 1968 mit einerArbeit über das Gewerkschaftskonzept der Sozialdemokratie der Bundesrepublik seinen Doktorgrad. Ich erlebte Reißig während meines Studiums an der Sektion Philosophie/Wissenschaftlicher Sozialismus seit 1970 als einen charismatischen Dozenten. Er stieg zu einem geistigen Stern der Analyse westlicher politischer Bewegungen auf: Von den Studenten hoch geschätzt, aber von den Hardlinern in der Partei angefeindet. Bei Dr. Reißig und bei Dr. Klaus Rendgen legte ich im Februar 1974 meine Hauptprüfung ab. Aus den Unterlagen im Archiv der Universität Leipzig geht hervor, dass ich Reißig über „Probleme der revolutionären Situation“ Rede und Antwort stand. Es ging damals um die Länder des entwickelten Kapitalismus des Westens. Dort ereignete sich in dem kommenden Jahrzehnt aber keine große Gesellschaftskrise. Als sich jedoch die Krise im Ostblock seit 1985 zuspitzte und 1989 gerade auch von Leipzig aus ein Bürgeraufstand zur Reform des viel zu unentwickelten Sozialismus aufflammte, half mir das erlernte Wissen über revolutionäre Situationen bei einem selbstbestimmten Einbringen in die Friedliche Revolution. Nach dem Studium war ich 1974 an die Bergakademie Freiberg zu Professor Kurt Reiprich gegangen, wodurch sich die Wege trennten. Doch als Hochschullehrer des Franz-Mehring-Instituts der Universität Leipzig, wo ich seit 1981 tätig war, nahm ich im Sommer 1987 mit großem Interesse wahr, dass Professor Reißig von der Akademie der Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED als einer der Wegbereiter Neuen Denkens in der DDR hervortrat. Reißig entwickelte ein kritisches Bewusstsein für die gefahrvolle Realität des Atomzeitalters. Als Mitautor des SPD/SED-Streitpapiers vom 27. August 1987 übernahm er gegen alle Widerstände öffentlich geistig-politische Verantwortung. Das Papier, das im "Neuen Deutschland" veröffentlicht worden war, half dabei, von dem Feindbild gegenüber der Sozialdemokratie im Westen Abschied zu nehmen. Als im Jahr 2002 von mir ein Interviewbuch mit dem Physiker, Naturphilosophen und Friedensdenker Carl Friedrich von Weizsäcker erschien, publizierte Reißig das Buch "Dialog durch die Mauer. Die umstrittene Annäherung von SPD und SED" mit einem Nachwort von Erhard Eppler. Sein Buch beeindruckt durch die Vereinigung der zeitgeschichtlichen Analyse mit einem politischen Erlebnisbericht. Ein Beitrag zur Analyse der geistigen Dimension der Transformation von Ostdeutschland in eine freiheitlich-demokratische Grundordnung. Im September 2015 schrieb Erhard Eppler zum 75. Geburtstag des Dialogpartners sowie Sozial- und Politikwissenschaftlers Rolf Reißig: „Wenn eines Tages gefragt wird, wie es möglich war, dass Deutschland ohne einen Schuss aus einer Maschinenpistole wieder zusammenkam, wird auch sein Name zu nennen sein.“6

Bildrechte:

(1) Am Mikrofon 2002. A. Fotograf Frank Geißler.

(2) Am Mikrofon 2002. B. Fotograf Frank Geißler.

(3) Reißig (rechts) 2016 mit ehemaligen Studenten (Fotograf konnte nicht ermittelt werden.)

Dr. Annette Schüren vom Schüren Verlag Marburg stellte zur Verfügung:
(4) Cover des Buches "Transformation von Gesellschaften" (2019) von Rolf Reißig.

(5) Rolf Reißig Ende der 60er Jahre in Leipzig.

(6) Cover des Buches "Dialog durch die Mauer. Die umstrittene Annäherung von SPD und SED" (2002) von Rolf Reißig. Umschlaggestaltung Guido Klütsch, Köln.Aufnahme Konrad Lindner mit Erlaubnis des Campus Verlages Frankfurt am Main

Der Autor dankt Professor Dr. Reißig, dass er die Bilder (1), (2), und (5) für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat. Er dankt ferner Veronika Ludwig, dass sie Bild (3) zur Verfügung gestellt hat.

Literatur:

Rolf Reißig: Transformation von Gesellschaften. Eine vergleichende Betrachtung vonGeschichte, Gegenwart und Zukunft. Schüren Verlag GmbH. Marburg 2019. 240 Seiten.


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