Leipzig Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.leipzig-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Karlheinz Fingerhut 
Kennst du Franz Kafka?

Was für ein komischer Kauz muss dieser Kafka wohl gewesen sein, dass kaum ein Lehrer so recht weiß, wie ihn vermitteln. Dabei ließen sich Kafkas Texte mit Träumen vergleichen, und die kennt doch jeder.
Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Werken.

Der Schatzgräber in der Angermühle

Der Schatzgräber in der Angermühle

Dr. Jürgen Friedel

Obwohl unsere Stadt im Flachland liegt, gab’s hier früher mehrere Mühlen: die Nonnenmühle (deshalb Nonnenmühlgasse), die Thomasmühle, die Barfüßermühle, die Angermühle (heute etwa Jacobstraße 1 ). Die Pleiße bzw, bei der Angermühle der Elstergraben trieben sie an.


Es war 1707 zur Michaelismesse. Einer der Müllerburschen von der Angermühle ging, um einen anderen Müllerburschen zu besuchen. Diesen traf er aber nicht an. Nur ein Fremder war dort, der auf ihn gewartet zu haben schien. „Hast du nicht Lust auf eine Kanne Bier?“ fragte er. „Warum nicht?“ gab der Angermüllerbursche zur Antwort. Und so gingen sie zur Petersstraße in eine Wirtschaft. Sie sprachen von diesem und jenem und kamen schließlich aufs Schatzgraben zu sprechen.

„Oh, da weiß ich ein Buch, in dem alles geschrieben steht, über die Beschwörungen und so“, gab der Fremde an. Sie einigten sich, dass der Fremde es für acht Taler beschaffen wird. Zwei Taler sollten im voraus, sechs Taler zur Neujahrsmesse gezahlt werden, sofern ein Schatz gehoben sei. Sie gingen in Kaspar Boses Garten vor dem Grimmaischen Tore auf den Holzplatz dort. Ehe der Fremde anfing, das Buch abzuschreiben, schickte er den Müllerburschen weg, ihm für einen Groschen Tabak zu holen. Das Buch, aus dem er nun abzuschreiben begann, nannte sich „Dr. Faustens Höllenzwang“. Als der Junge wieder kam, hatte der Fremde schon vier Seiten vollgeschrieben. Zusammen mit drei anderen Zetteln gab er sie ihm. Auf diesen waren Anweisungen, wie man sich bei der Beschwörung verhalten muss. Außerdem übergab er ihm einen dicken Draht aus Messing, der vorn zu einem Schlangenkopf ausgeformt war. „Den musst du wie eine Wünschelrute halten. Ich leih’ ihn dir aber nur.“ So gingen sie auseinander.

Der Müllerbursche hatte schon oft gehört, wie erzählt wurde, dass im Keller seines Meisters seit dem 30-jährigen Krieg ein Schatz zu finden sei, den man vor den Schwedischen vergraben habe, als die in der Stadt geherrscht hatten. Noch niemand aber war bisher Erfolg beschieden. So schlich er zur nächsten Mitternacht, es war Freitag, der 21. Oktober, in den Keller. Dort nahm er sogleich den Messingdraht in beide Hände und hielt ihn vor sich hin. Der schlug auch sofort seitlich aus. Der Junge folgte dieser Richtung, bis der Schlangenkopf nach unten zeigte und schließlich still verhielt. Hier also musste der Schatz sein. Er begann nun sein Kunststück getreu der Worte auf den Zetteln. Zauberkreise zog er um sich herum, zeichnete Figuren, setzte Lichter hin und sprach Beschwörungsformeln. Da endlich zeigte sich ein Rauch aus der Erde an der Stelle, wo der Schlangenkopf hingezeigt hatte. Ein kleines Männlein war darin zu sehen. Es schien wie mit einem grauen Flor überzogen zu sein. Auf der Truhe, wohin der Bursche die Lichter gestellt hatte, sah er in diesem Augenblick zwei blinkende Zweigroschenstücke. „Bist du damit zufrieden?“ fragte ihn das Männlein. „Ja“, antwortete er noch ganz benommen vom Geschehen. Schon im nächsten Moment war das Männlein verschwunden. Der Junge betete kniend, löste dann die Zauberkreise auf. Danach löschte er zunächst das mittlere und dann die anderen Lichter. Gemäß der Instruktionen ging er die ersten Schritte rückwärts bis zur Kellertreppe. Wieder oben in seiner Kammer angekommen legte er sich schlafen, denn er war fürs erste zufrieden.

Am darauf folgenden Freitag, den 28. Oktober, ging er wieder ans Werk, nun mit schärferen Beschwörungen. Auf seine halb gütige, halb trotzige Aufforderung erschien der Geist wieder. Sogar die Erde schob sich über dem Schatze weg, so dass er den Goldklumpen deutlich sehen konnte. Mehr als ein brandenburgisches Sechzehngroschenstück, geprägt im Jahre 1636, vermochte er aber nicht herbei zu zwingen. Er schwor dem Satan mit aufgerecktem Finger einen Eid, sagte Gott und seiner eigenen Seligkeit ab und ging in seine Kammer.

Am nächsten Freitag, den 4. November, wagte der Junge den dritten Beschwörungsgang. Und siehe da, der Schatz zeigte sich völlig. Es war ein Schwenkkessel voller Gold. Als er aufblickte, sah er in der Ecke ihm gegenüber ein viereckiges Kästchen aus der Erde kommen, auf dem eine Peitsche lag, die sich zu bewegen schien. Auf der Truhe, wo seine Lichter standen, lag ein Blatt Papier. Mit schwarzen Strichen war es eingefasst, und rot war es beschrieben. Eine angespitzte Truthahnfeder lag daneben. Und nun erschien auch das Männlein wieder. Diesmal hatte es ein langes Buch oder Register bei sich. Wie es auf ihn zu kam, fiel ein Tropfen Wasser vom Gewölbe dem Jungen auf die Hand. Kalt wurde sie ihm sogleich, und ein Blutstropfen zeigte sich auf ihr. Er griff die Feder, tauchte sie ins Blut und wollte seinen Namen auf das Papier schreiben, als er Schritte vernahm. Jemand kam scheinbar herunter. Vor Schreck ließ er die Feder fallen, löschte das mittlere Licht, warf die anderen in ein Wasserfass. Er löste hastig den Zauberkreis und ging mit dem Rücken zur Wand aus dem Keller. Draußen traf er aber niemanden an. Wie er so an der Kellertür stand, sah er, dass mächtiger Rauch aus dem Gewölbe nach oben zog, als hätte der Böttcher ein großes Fass gepecht.

Als der Müllersbursche am darauf folgenden Freitag seine Zauberei wiederholen wollte, wurde ihm schon auf der Kellertreppe schwindlig.

Die Woche darauf musste er seinen Meister in die Kirche begleiten. Großes Verwundern herrschte über sein Verhalten danach. Er führte gottlose Reden und wollte nicht mehr beten. Der Meister, der Vater und auch der Pfarrer führten allen Ernstes ein Gespräch mit ihm. Daraufhin nahm er die sieben Seiten Beschwörungsregeln, zerriss sie und verbrannte sie danach allesamt. Erst nun vertraute er anderen seine Erlebnisse an.

Was aus der Rute mit dem Schlangenkopf geworden ist, weiß die Sage nicht zu berichten.