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Goethe hat ihn bewundert

Goethes Begegnungen mit Felix Mendelssohn Bartholdy.

Horst Nalewski

Der Musikkenner und international geachtete Literaturwissenschaftler Horst Nalewski erzählt anhand fünf ausgewählter Beispiele von dem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen und Zusammenwirken zweier Künstler. Eine CD mit den Musikstücken liegt diesem Büchlein bei.

Fantasien in Leipzjer Ratsgeller während d'r Sylvesternacht

Fantasien in Leipzjer Ratsgeller während d'r Sylvesternacht

Georg Bötticher

Löwenbrunnen Leipzig Detail
Löwenbrunnen Leipzig Detail


... Na, mir hatten, wie's Zwelfe schlug, angestoßen un uns »brost Neijahr« gewinscht un d'rbei iewer Kretzschmern gelacht, der de ganz ernsthaft meente, daß jetzt die Stunde anfinge, wo – 's eenzge Mal in Jahre – alles was Menschen- oder Tierfigur hat aus Steen, Holz oder Brongse lewendig wärd, nämlich bis es »Eens« schlägt. Dariewer wurde noch ä Weilchen gequasselt un ich muß wohl ä bißchen eingenickt sein, denn wie ich jetzt de Oogen auffmachte – von ä ferchterlichen Deebs war ich in de Heehe gefahrn – da warsch um mich rum doch ganz andersch wie vorhins! In großen Ratsgellersaale nahe bei d'r Diere saß ich ja immer noch, awer von Kretzschmern un Bibbigen un dän andern Begannten war nischt mehr ze sähn, ich saß mudderseelenalleene an Dische, ooch de nächsten Dische standen leer, un wie ich mich nu verwundert weiter umsah, heernse, da wimmelt's 'a doch in ganzen Saale von den sonderbarschten Gestalten, nacktgen un angezognen, Menschen mit Fischschwänzen, Sphinxen un Leewen, Gindern mit Fliegeln un gottweeßwas fer närrschen Dingern noch! Un das saß an Dischen, trank un lärmte, lachte un schwatzte zum Dollwärn...

Samuel Hahnemann
Samuel Hahnemann

Wie ich noch so in greeßten Staunen niewergucke, gam ä schnurriges Baar an meinen Dische vorbei – wer warsch: Luther un Hahnemann! Där golossale dicke Luther un där gleene dinne Hahnemann – so ä Gondrast! Awer se unterhielten sich oogenscheinlich ganz famos – ich gonnte jedes Wertchen verstehn, weil se unmiddelbar an Dische nähm mir Blatz nahm, un ich baßte nadierlich ooch uff wie ä Schießhund! Grade wie se sich setzen wollten, gam ä langer derrer Herre in ä Biedermeiergostim mit ä Ginstlermantel uff se zugestärzt un: »Dhaer!« brillte Hahnemann un zu Luthern gewendt: »Mei Freind Dhaer – Woll-Dhaer, wie'n de Berliner nenn, von wegen d'r Wolle –« »Ach lassen Se doch de faulen Witze«, meente Dhaer verlegen. »Där Galauer rihrt noch von Zeltern her. Winsche iewrigens scheen guden Awend, meine Härrn! Heide geht ä gihles Liftchen un där ahle dumme Mantel von Rietscheln iewer dän ich mich sonst nur bose, gommt m'r heide werklich zu baß.« – »Ja«, meente Hahnemann un lachte sehre, »s war d'r letzte Mantel, dän Rietschel noch uff Lager hadde. Von da an – nämlich mit Lessingen in Braunschweig – blieb d'r Mantel weg. Sie hamm noch glicklich een erwischt, Dhaer!« – »Spodden Se nur«, sagte Dhaer gutmiedg. »'s hätte iewrigens noch viel schlimmer gomm genn. Rietschel wollte m'r nämlich ärscht – als Landwärtschafts-Adribud – ä Schaf an de Seite stelln. Awer seine Freinde meenten, das gennte zu Vergleichen Anlaß gähm. Un da is das Schaf noch glicklich weggebliem.«

Luther lachte, daß'n der Bauch schitterte un sagte: »Dhaer, das missen Se nachher mal Melanchthon erzählen, der läbt un stärbt fer so was!« – »Ja, wo steckt'r denne?« frug Hahnemann. »I wo werd'r stecken«, meente Luther, »'s arme Luderchen ruht sich ergendwo da hinten aus, weil er doch sonst egal stehen muß.« – »Ja«, meente Dhaer philosophisch, »das geht andern Leiten ooch nich andersch.« – »Nee«, sagte Luther, »mir gennte das ewige Stehn nich bassen. Un Ihnen, Hahnemann, nich wahr, ooch nich?« – »Ich hielt's geene zwee Stunden aus«, sagte Hahnemann. »Awer sagen Se mal, Doktor, Melanchthon sitzt wohl bei de ›Allegorischen‹?« – »Nu freilich«, meente Luther. »Sähn Se's denn nich dort zwischen d'r Germania un d'n Wasserjumfern von Mendebrunnen? Das Korps macht iewrigens ä Mordspektakel!«

Martin Luther
Martin Luther

Luther hadde inzwischen ä mächtges Glas, in das gewiß ä Liter ging, erwischt un ä baarmal geleert un aus änn Kruge wieder gefillt, während mei Hahnemann von Zeit zu Zeit in ä Likeergläschen ä baar Drebbchen aus änner Wasserflasche eingoß. »Hat geener denn nich Bachen gesähn?« frug jetzt Luther. – »Äh där«, lachte Dhaer, »das hat m'r d'r Oberbergermeester Goch vorhins erzählt, där is je, so wie's Zwelfe schlug un 'r frei worde, Mendelsohnen uff de Bude gerickt. Wenn'r 'n iewrigens findt, da ganns dän beese gehn!« – »So? Weshalb denne?« meente Luther. – »Nu, Mendelssohn is es doch gewäsen, där de Bachen in das Gäfterchen da bei d'r Domasgerche gesteckt hat.« – »Ach so! Na, un Goch selwer«, sagte Hahnemann, »gommt'n där nich her?« – »I, där getraut sich ja nich in dän zerrissnen Rocke! Seffner mag sich nur in acht nähm, daß'r Gochen beide Nacht nich in de Finger leeft!« – »Na, un Geehde?« – »Där is nadierlich erscht ämal bei Auerbachen reingefallen, gommt awer späder. Das wärd iewrigens änn Deebs setzen, wenn där gommt, där is heide 's ärschte Mal d'rbei!«

Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach

Inzwischen war Luther uff ä langen, steifbeenigen Härrn mit änner riesigen Allongscheberricke uffmerksam geworden, därde egal in Saale hin un her ging. »Heernse, warum setzt sich'n där Mann nich? Das gann een ja fermlich nervees machen!« – »Äh«, lachte Hahnemann, »es is je Leibniz. Genn Se denn dän sei Maleer nicht?« Un leiser bischberte'r Luthern zu: »Där hat doch ähm nischt, wodruff'r sich setzen gennte!« Wonach se alle in ä ferchterliches Gelächter ausbrachen. »Wer is'n eegentlich«, meente endlich Hahnemann, »där gleene Stift in Rokokogostim, där de Leibnizen jetzt anredet?« – »Bscht«, machte Dhaer, »das is je Seine Majestät von Geenigsblatze! Fersch Format« – »setzt'r leiser zu« – »gann'r nischt. Das is Oesern seine Schuld.«

Da ging de Diere uff un Gellert un Zellner traten rein, lebhaft begrießt von den Dreien nähm mir. »Nu«, lachte Luther, »Sie hamm wohl, lieber Gellert, ärscht Ihren Schimmel gesucht?« – »Das nich, mei werter Doktor, awer Fechnern. Där Gerl is awer nergends zu finden. Bach un Mendelssohn awer wärn sogleich gomm.« – »Na, hamm die sich denn nich bei 'n Heeren?« – »Nee, im Gegendeel,« meente Zellner, »die gingen Arm in Arm hinter uns her un sangen ä Ganon.« Da ging ooch schon de Diere uff un die beeden gamen – wie m'r schien, ä bißchen molum awer heechst vergniegt – ins Zimmer gestiefelt. Bachen fehlte de Hälfte seiner Berricke, die'n unterwegs wohl hängen gebliem sein mochte, un Mendelssohn hielt änne Lyra in d'r Hand, die awer geene Saiten hatte. Se waren noch nich bis an unsere Tische gelangt, da sterzte Fechner zur Diere rein un brillte: »Geedhe gommt!« Un in nächsten Moment stand'r ooch schon in sein eleganten Gostiem, wie'n Seffner uffn Naschmarchte dargestellt hat, mit dän Biechelchen in d'r Hand in d'r Diereffnung.

Goethe in der Campagne
Goethe in der Campagne

Uff dän Ruf hin »Geedhe gommt!« waren viele von d'n Stiehlen umgesprungen, besondersch änne ganze Hetze von d'n »Allegorischen« drängte sich vor, um Geedhen zu sähn, so daß Luther meente: »Was doch von dän Zeig alles rumkraucht!« – »Hm, de mehrschden stellt's Rathaus selwer«, lachte Dhaer. »Da sollten Se iewrigens, mei liewer Doktor, ärscht ämal nach Berlin gomm. Was es da von där Sorte gibt, das geht nich in zehn Gerchen nein!«

»Wißt'r«, meente Hahnemann, »m'r wolln Geedhen fersch ärschte nur in Ruhe lassen. Wenn där de Majestäten sieht, da dienert där ärscht ne halwe Stunde rum!«

Ich war ooch uffgestanden, weil ich Geedhen gerne mal sprechen heeren wollte, er war awer so umringt, daß'ch 'n kaum ze sähn krichte. Ich ging also ä Stickchen weiter vor, da trat awer pletzlich Dhaer uff mich zu, setzte änne sehr eegendiemliche Miene uff un fragte sehre giehle: »Um Vergebung, wie is Ihr werter Name?« – »Lehmann«, sagt'ch. – »Lehmann? Lehmann« – wiederholter ä baar mal, »merkwerdg, dän Namen genn ich gar nich. Un wo stehen Sie, wenn ich fragen derf?« – »Ich?« sagt'ch ä bißchen unsicher, denn ich wußte weeß Gott nich, woruff'r naus wollte. »Ich stehe hier.« – »Ach nee, das meen ich nich. Wo Sie Ihr Monnement hamm?!« – »Mei Monnement?« sagt'ch sehre verwundert. »Ä Monnement haw ich – bis jetzt wenigstens – iewerhaubt nich.« – »So? Und da wagen Sie sich hier rein?! Heert ämal, Hahnemann, Doktor Luther, Gellert! Hier hat sich eener eingeschlichen, der Lehmann heeßt un nich ämal ä Monnement hat!«

Gottfried Wilhelm Leibniz
Gottfried Wilhelm Leibniz

»Wie? Was?!« – »Eener ohne Monnement!« So schrien se uff mich ein. Ä Sticker Sechse hadden mich umringt. Die Sache wurde entschieden unangenehm. Ich hadde unwillgierlich änn Stuhl gefaßt und wie zur Abwehr vor mich hingestellt. »Meine hochverehrten Härrn«, sagt'ch, denn de Gabe d'r Rede is m'r nich ganz versagt, »ich gann versichern, daß ich mit meinen Freinden Kretzschmer un Bibbig weeßgott ganz ohne alle Gedanken hierhergegangen bin, um den neuen Ratsgeller genn ze lern. Mir hamm friedlich ä baar Flaschen ausgebichelt un da – mit eemal – fand ich mich von meinen Freinden verlassen in Ihrer werten Gesellschaft. Gloom Se mir Herr Geheemer Gerchenrat – hier wandt'ch mich an Luthern – es war mir hochinderessant, so bedeutende Leite mal in d'r nächsten Nähe bedrachten un sprechen heern zu genn. Awer steern« – damit sucht'ch mich sachte rückwärts ze konzendriern – »steern mecht'ch dorchaus nich –« – »Mir scheint, er will sich noch iewer uns lustig machen«, unterbrach mich der Doktor Luther, där mit eemal änn Bullenbeißer zum Verwechseln ähnlich sah. »Ach gloobn Se doch das nich, Herr Geheemer Gerchenrat«, beeilt'ch mich ze sagen. »Ich bin ooch bereit, d'n Saal sofort ze verlassen, wenn ich etwa – – –«

In dän Momente awer rief Leibniz sehre laut riewer: »Attangsiong! Es schlägt Eens, meine Härrn!«

Uff die Worte hin entstand ä ferchterlicher Dumult! De »Allegorischen«, vor allen de Fabeldiere, de Leewen, Sphinxe und was weeß ich, breschten un drängten an uns vorbei nach d'r Ausgangsdiere, ich worde mitsamt meinen Stuhle umgerissen, griff in Fallen zu un worde von so ä Viehzeig in voller Garriere mit ins Freie geschleeft, da aber verlor ich de Balangse und sauste d'r Länge lang hin, wobei mich de Besinnung verließ...

Wie ich wieder zu mir kam un mich uffrabbelte – heernse, da schien d'r Mond daghelle un ich saß uffn Flaster von Naschmarchte, dichte nähm där eenen Brunnen-Sphinx! Zugleich trat de Schildwache an mich ran un sagte: »Nu gehn Se awer hibsch nach Hause, mei gudstes Härrchen. Se hamm hier lange genug Garussel geritten. Es hat bereits Viere gebrummt!«

Bildnachweis:

Kopfbild: Mendebrunnen Ausschnitt - Foto: W. Brekle

Alle anderen Abbildungen sind Wikimedia Commons entnommen, sie sind gemeinfrei.