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Familie Stauffenberg: Hitlers Rache

Ursula Brekle

Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg war als Ehefrau von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Schlüsselfigur im Widerstand gegen Hitler, von Anfang an in die Widerstandspläne ihres Mannes einbezogen. Sie bewies Mut und Stärke, obwohl sie nach der Ermordung ihres Mannes im Gefängnis und im KZ leben musste. Auch durch den Verlust von Angehö-rigen durchlebte sie eine leidvolle Zeit. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 drohte Himmler:
„Die Familie Stauffenberg wird ausgelöscht bis ins letzte Glied.“
Vor Ihnen liegt die spannungsreiche Geschichte, die beweist, dass es Himmler nicht gelungen ist, die Drohung wahrzumachen. Die jüngste Tochter von fünf Geschwistern Konstanze wurde noch während der mütterlichen Haft geboren. Sie berichtete vom 90. Geburtstag ihrer Mutter Nina, auf dem über 40 Nachkommen zusammengekommen waren. Die Nationalsozialisten haben trotz Hinrichtungen und perfider Sippenhaft nicht gewonnen.

Die  Metamorphose der Pflanzen –  Goethes Gedicht hat Leipziger Wurzeln

Die Metamorphose der Pflanzen – Goethes Gedicht hat Leipziger Wurzeln

Dr. Konrad Lindner

1. Pflanzenwissen im Versformat

Johann Wolfgang von Goethe um 1800.
Johann Wolfgang von Goethe um 1800.
Ein Gedankenblitz im Botanischen Garten zu Jena. Im Juni 1798 entsteht in dem Garten auf dem Berg ein Liebes- und Lehrgedicht. Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) sieht sich durch ein Ereignis, über das er nicht berichtet hat, dazu herausgefordert und angeregt, aus dem sommerlichen Gartenmilieu heraus die Gratwanderung von der Wissenschaft zur Poesie zu wagen. Der Dichter aus Weimar übersetzt seine langjährigen botanischen Erkundungen und Gedanken zur Individualentwicklung der Pflanzen, die er unter dem Titel Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären (1790) zu einer akademischen Studie zusammengefasst und in Gotha bei Carl Wilhelm Ettinger (1741 - 1804) veröffentlicht hatte, in ein einzigartiges und unnachahmliches Liebes- und Lehrgedicht: Die Metamorphose der Pflanzen. Die Elegie umfasst einen Text, der aus 80 Zeilen besteht. Sie gliedert sich in drei Teile. Am Anfang steht der Dialog mit der geliebten Frau - einem Mädchen aus dem Volke - in der Blumenfülle des eigenen Gartens. Es folgt der Hauptteil mit dem Perspektivwechsel hin zur wissenschaftlichen Beobachtung der raum-zeitlichen Entfaltung einer einzelnen Pflanze, wobei der Blickwinkel der Morphologie und der Zentralbegriff der Metamorphose vom Einfachen zum Komplexen ins Zentrum rücken. Der Schluß des Gedichtes besteht aus nur fünf Zeilen, in denen gefragt wird, was passiert, wenn sich Freundschaft der Partner zur dauerhaften Liebe eines Paares steigert.

2. Briefpartner des Carl von Linné

Christian Gottlieb Ludwig
Christian Gottlieb Ludwig
Die Wurzeln des Lehrgedichtes über die Metamorphose der Pflanzen liegen nicht allein in dem Garten des Großvaters in Frankfurt am Main, den Goethe in Dichtung und Wahrheit von den Tulpen und Hyazinthen angefangen, über die Johannis- und Stachelbeerbüsche bis zu den edlen Pfirsichbäumen und dem alten, hohen, weitverzweigten Maulbeerbaum liebevoll beschreibt. Die Ursprünge des lyrischen Berichts über die einzelnen Phasen der Gestaltbildung von Blütenpflanzen liegen auch in der Universitätsstadt Leipzig, in welcher der 16-jährige Student im Herbst 1765 unerwartet in eine bunte akademische Gruppe eintauchte, in der es im Verlauf der Debatten nicht nur um die Anatomie des Menschen oder um den Bau des Erdkörpers ging, sondern auch um die Pflanzenwelt. Der Ort der angeregten Diskussionen, denen Goethe aufmerksam lauschte, war der Mittagstisch des Professors der Medizin Christian Gottlieb Ludwig (1709 - 1773). Der 56-jährige Professor der Universität war ein vielseitiger, weitgereister und geselliger Mann, über den Goethe an die Schwester Cornelia am 6. Dezember 1765 leicht ironisch berichtete: „Er ist ohne Facon, schwätzt schröcklich viel von Mädgen, und ist ein auserordentlich Leutseeliger und wohltätiger Mann. Seine Liebe zur Geselschaft hat ihn bewogen ein ziemlich großes Hauß zu mieten, wo er eine Menge Magisters und andere Leutgen beherbergt. Eben dieß ist auch die Ursache seines Tisches den er hält." Goethes erste Schilderung des Professors der Medizin im Brief an die Schwester legt nicht den Verdacht nahe, dass im Hause Ludwig akademische Themen aus den Sachgebieten der Naturkunde wie der Geologie, der Botanik und der Zoologie eine Rolle gespielt haben könnten. Aber der Blick auf die Biografie des Mediziners Ludwig gibt der Vermutung Nahrung, dass es wider Erwarten so gewesen sein könnte.
Carl von Linné
Carl von Linné
Ludwig hatte 1728 in Leipzig ein Studium der Medizin und Naturwissenschaft begonnen. Von 1731 bis 1733 nahm er als Botaniker an der Seite von Johann Ernst Hebenstreit (1703 - 1757) an der großen sächsischen Afrikaexpedition teil. Der unmittelbare Zweck der Expedition bestand darin, im Auftrag August des Starken (1670 - 1733) - wie der Leipziger Historiker Detlef Döring beschrieben hat - sowohl die Menagerie als auch die Orangerie am Hofe in Dresden aufzufüllen. Durch seine bei diesem Unternehmen gereifte Sammelerfahrung in den Ländern Nordafrikas wurde Ludwig ein gefragter botanischer Fachmann. Das war auch der Grund, dass der aufstrebende schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707 - 1778) während seines Aufenthalts in Holland einen gelehrten Briefwechsel mit Ludwig begann. Linné und Ludwig führten von 1736 bis 1761 eine sehr fruchtbare - „very fruitful" - Korrespondenz, wie Ann-Mari Jönsson von der Universität Uppsala in dem Aufsatz Carl Linnaeus and his Early International Correspondence: The Making of a Botanist (2004) schreibt. Die Philologin und Linné-Forscherin bearbeitete die überlieferten 26 Briefe für die große Internetedition The Linnean Correspondence. Dabei handelt es sich um achtzehn Briefe von Ludwig an Linné und um acht Briefe von Linnéeacute; an Ludwig. Im Jahr 1737 gingen 13 Briefe hin und her. Es war das Jahr der dichtesten Kommunikation. Der Gelehrte in Leipzig war ein kritischer Opponent und wacher Begleiter der Anstrengungen des Linné, den globalen Austausch von Pflanzensamen radikal zu vereinfachen. An die Stelle vieler verschiedener Bezeichnungen für eine Art trat eine zweiteilige lateinische Benennung, die sogenannte binäre Nomenklatur, um die Pflanzenarten sprachlich zu bezeichnen. Trotz der Skepsis Ludwigs setzte sich dieses Verfahren des schwedischen Naturforschers zur Benennung der Pflanzen durch. Die Nomenklatur des Linné ist in der botanischen Praxis bis in die Gegenwart ein gültiges taxonomisches Verfahren geblieben. Um seinen Briefpartner in Leipzig zu würdigen, führte Linné 1737 für die Beschreibung einer Gattung aus der Familie der Nachtkerzengewächse den lateinischen Namen Ludwigia ein. Im Orginal-Herbarium des schwedischen Botanikers, das von der Linnean Society zu London aufbewahrt wird und das im Internet zugänglich ist, werden immerhin drei Typusexemplare aufbewahrt, die an Christian Gottlieb Ludwig erinnern: Ludwigia alternifolia, Ludwigia erigata und Ludwigia oppositifolia.

3. Stall der Botanik ausgekehrt

Der junge Goethe wurde in Leipzig ein aufmerksamer Zeitgenosse des Umbruchs in der Taxonomie. Es besteht kein Zweifel, dass er den Nutzen der Katalogisierung des Lebenden bewunderte. Namen sind nicht Schall und Rauch, sondern die Namen sind in Alltagssprachen wie in Fachsprachen nicht weniger als „Urzeichen", wie der Logiker Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951) im Tractatus logico-philosophicus (1918) betonte. Die Herausbildung einer einheitlichen botanischen Fachsprache war eine der Rahmenbedingungen der naturwissenschaftlichen Studien, die Goethe während seiner Lebens- und Amtsjahre am Hofe in Weimar begann. Linné hatte sozusagen den Stall der Botanik ausgekehrt, indem er dem Namensgewirr bei der Benennung einzelner Pflanzenarten ein Ende bereitete. In seinem Gartenhaus in Weimar hatte Goethe als Lernhilfe die Wände mit Listen der zweiteiligen lateinischen Pflanzennamen tapeziert. Seine Wertschätzung für den großen Vorteil einer global gültigen Benennung der Pflanzen fand aber auch in seiner Lyrik ihren Niederschlag. In dem Lehrgedicht über Die Metamorphose der Pflanzen schilderte Goethe 1798 gleich zu Beginn das verwirrende Namenschaos, das vor der Einführung der binären Nomenklatur in der Botanik herrschte:

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung
Dieses Blumengewühls über dem Garten umher;
Viele Namen hörst du an, und immer verdränget
Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr.

Während sich Goethe im zeitgenössischen Bericht über den Mittagstisch im Hause Ludwig, den er im Dezember 1765 für die Schwester in Frankfurt verfasste, nicht über die Inhalte der akademischen Diskussion äußerte, wählte er 1811/12 bei der Rückschau im sechsten Buch von Dichtung und Wahrheit eine andere und durchaus alternative Perspektive. Hier heißt es über „Hofrat Ludwig" und seinen Kreis, der hauptsächlich aus „angehenden oder der Vollendung näheren Ärzten" bestand, nicht mehr, dass der Professor und Medizinerdekan allein von jungen Mädchen zu schwätzen beliebte. Jetzt ist aus der Erinnerung Goethes über den Diskurs von Herbst 1765 im Hause Ludwig zu erfahren: „Ich hörte nun in diesen Stunden gar kein ander Gespräch als von Medizin oder Naturhistorie, und meine Einbildungskraft wurde in ein ganz anderes Feld hinüber gezogen. Die Namen Haller, Linné, Buffon hörte ich mit großer Verehrung nennen; und wenn auch manchmal wegen Irrtümer, in die sie gefallen sein sollten, ein Streit entstand, so kam doch zuletzt, dem anerkannten Übermaß ihrer Verdienste zu Ehren, alles wieder ins gleiche. Die Gegenstände waren unterhaltend und bedeutend und spannten meine Aufmerksamkeit." Der schwedische Arzt und Naturforscher Carl von Linné sowie sein Kollege Albrecht von Haller (1708 - 1777) in der Schweiz und schließlich der französische Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon (1727 - 1775) waren im Jahrhundert der Aufklärung führende Universalgelehrte, die das geistige Leben an den Universitäten stark beeinflussten. Insofern bestätigte Goethe im Rückblick auf die Debatten, die er im Herbst 1765 während der ersten Monate seines Studiums in der Messestadt im Umkreis von Christian Gottlieb Ludwig erlebte, dass die Universität Leipzig bei der Herausbildung der neuzeitlichen Naturwissenschaften ein Schauplatz von europäischem Rang war.

4. Linné der Moose

Christiane von Goethe, geb. Vulpius gezeichnet von Johann Wolfgang von Goethe
Christiane von Goethe, geb. Vulpius gezeichnet von Johann Wolfgang von Goethe
Als Goethe auf dem Blumen- und Pflanzenberg in Jena im Juni 1798 sein Liebes- und Lehrgedicht für die Lebensgefährtin Christiane Vulpius (1765 - 1916) zu Papier brachte, besaß er durch seinen Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären (1790) bereits einen Namen als Naturforscher. Nicht zuletzt in Leipzig kam Goethe dadurch zu Ehren, dass seine Ideen zur Morphologie an der Universität und in der Linnéischen Sozietät debattiert wurden. Die gelehrte Gesellschaft, die kurz nach der Linnean Society of London (1788) zur Pflege der Naturgeschichte in Kursachsen entstand, war von dem Mediziner Christian Friedrich Ludwig (1757 - 1823) am 31. Januar 1789 gegründet worden, in dessen Elternhaus der junge Goethe 1765 verkehrt hatte. Derartige Sozietäten gab es europaweit und auch in vielen deutschen Städten. Die naturforschende Gesellschaft zu Jena wurde durch der Botaniker August Johann Georg Carl Batsch (1761 - 1802) im Sommer 1793 ins Leben gerufen. In ihr gehörte Ludwig Junior neben Goethe zu den Ehrenmitgliedern. Goethe pflegte die Beziehung zu Leipziger Gelehrten. So ließ er es sich zum Beispiel nicht nehmen, Anfang 1797 in die Kutsche zu steigen und den Botaniker Johann Hedwig (1730 - 1799) zu besuchen, der zum Schülerkreis von Christian Gottlieb Ludwig gehörte. Hedwig hatte 1774 bei den Moosen die männlichen Begattungswerkzeuge entdeckt. In Botanikerkreisen wird der Arzt und Naturforscher bis in die Gegenwart als „Linné der Moose" geschätzt. Er war im 18. Jahrhundert der führende Spezialist für die Moose. Bei der Begegnung von Hedwig und Goethe spielte eine nicht geringe Rolle, dass auch dem Botaniker in Weimar in seiner Studie zur Metamorphose die Frage der Sexualität im Pflanzenreich sehr wichtig war. Goethe verfolgte die Gestaltbildung der Blütenpflanzen „Von den Samenblättern" bis zur „Bildung der zusammengesetzten Blüten und Fruchtstände". Als er Anfang Januar 1797 in Leipzig den namhaften Moosforscher aufgesucht hatte, notierte er danach im Tagebuch: „Bei Professor Hedwig, der mir schöne Präparate und Zeichnungen wies." Wie in seinen botanischen Forschungen wählte Goethe im Juni 1798 auch in seinem Lehrgedicht die morphologische Perspektive. Er ließ in lyrischer Form modellhaft die Lebensgeschichte einer Pflanze vor dem geistigen Auge entstehen: Angefangen vom Keim über die Bildung der Blätter bis hin zur Blüte und zur Interaktion der geschlechtsreifen Pflanze mit Insekten bei der Befruchtung, woran sich die Ausformung von Früchten und Samen anschließt.
Zum Schluß des Gedichtes wandte sich Goethe wieder von dem Gestaltwandel in der uns umgebenden Natur ab und richtete seine Aufmerksamkeit der Geliebten zu. Bestärkt durch den Blick in die Natur besann er sich auf die Liebe zur Partnerin. Dabei ließ sich Goethe nun aber nicht zu dem Trugschluss verführen, die Verbindung von Mann und Frau nur sexistisch als Naturgesetz zu deuten. Der Dichter der Pflanzenmetamorphose erwies sich in der Frage der Liebe als ein Denker und Verfechter des zur Freiheit bestimmten Menschen, wenn er die Vereinigung zum Lebenspaar als „Die heilige Liebe" autonomer Personen beschrieb, die nach „der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen" streben.
Literatur

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. Digitale Bibliothek Band 10. Berlin 1998.

Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Leipzig o. J..

Detlef Döring: Die sächsische Afrikaexpedition von 1731 bis 1733. Ihre Planung, ihre Teilnehmer, ihre Ergebnisse. In: Eine Afrikareise im Auftrag des Stadtgründers. Das Tagebuch des Karlsruher Hofgärtners Christian Thran. 1731 - 1733. Karlsruhe 2008. S. 43 - 55.

Ann-Mari Jönsson: Carl Linnaeus and his Early International Correspondence: The Making of a Botanist. In: DAIS PHILESISTEPHANOS. Studies in Honour of Professor Staffan Fogelmark. Uppsala 2004. S. 352 - 382.

Marie-Luise Kahler / Gisela Maul: Alle Gestalten sind ähnlich. Goethes Metamorphose der Pflanzen. Weimar 1991.

Karl Mägdefrau: Geschichte der Botanik. Leben und Leistung großer Forscher. Stuttgart/Jena/New York 1992.

Stefan Schneckenburger: In tausend Formen magst du dich verstecken - Goethe und die Pflanzenwelt. Frankfurt am Main 1998.

Bildnachweis

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