Leipzig Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.leipzig-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Friedrich W. Kantzenbach
Wüsst ich Dinge leicht wie Luft

Dieses Gedichtsbändchen ist liebevoll gestaltet und mit Fotos versehen. Es wendet sich an Leser, die bereit sind, aufmerksam hinzuhören und sich einzulassen auf die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Schicksal.

Die Beethoven-Skulpturen in Leipzig

Die Beethoven-Skulpturen in Leipzig

Dipl.-Päd. Ursula Brekle

Kunst oder Krempel? Das ist hier die Frage!

1. Die Beethoven-Skulptur von Max Klinger

Der Bildhauer, Maler und Grafiker Max Klinger, geboren 1857 in Leipzig, war ein leidenschaftlicher Musikliebhaber, er spielte selbst gut und mit Freude Klavier. Er liebte Brahms, der ein gern gesehener Gast im Hause Klinger war, er verehrte Robert Schumann und Ludwig van Beethoven, der im 19. Jahrhundert als Genie gefeiert und überschwenglich verehrt wurde.
Klinger kam die erste Idee für die Gestaltung einer Beethoven-Skulptur in Paris, wo er drei Jahre lebte und studierte. Er schrieb in einem Brief:

"Der Beethoven entstand genau so in allen Details wie er jetzt ist, nur in anderen Proportionen und anderem Material bereits 1885 in Paris, und der dort fast ganz fertig gemachte und gemalte (stramm farbige) Entwurf wurde 1887 oder 1888 auf der Berliner großen Kunstausstellung refusiert. Zu dieser Zeit existierte der Victor Hugo und der Denker von Rodin noch gar nicht. Die Idee kam mir eines schönen Abends in Paris am Klavier, und so farbig bestimmt und deutlich, wie nur ganz wenige Sachen: die Haltung, die Faust, das rote Gewand, der Adler, der Sessel, die Falten - sogar die Goldlehnen."

Beethoven-Skulptur von Max Klinger (1902)
Beethoven-Skulptur von Max Klinger (1902)
Zunächst fertigte er 1885/86 einen Plasteline-Entwurf, dann den Gipsabguss einer anderen Version und ein farbig gefasstes Gipsmodell, das er vergoldete und mit kräftigen Farben bemalte. Noch in Paris arbeitete der Künstler an diesem Gipsmodell weiter, ehe er vor 1900 eine großformatige Plastik gestaltete. Die erlesenen Materialien dazu besorgte er selbst, dazu gehörten verschiedenes farbiges Gestein und Bronze mit Glas-, Metall-, Elfenbein- und Edelsteineinlagen. Den Marmor holte er aus Griechenland, Stein für das Gewand aus Laas (Tirol) und 1899 die Marmorblöcke für den Sockel und den Adler aus den Pyrenäen. Für die Formung des Kopfes studierte Klinger die Gesichtsmaske Beethovens, die der Wiener Bildhauer Franz Klein 1812 abgenommen hatte. Die weiteren schwierigen Arbeiten im Schaffensprozess werden hier nicht näher beschrieben.
Schließlich erstreckte sich der Entstehungsprozess über 17 Jahre.
Max Klinger präsentierte seine polygrome wuchtige Beethoven-Skulptur zum ersten Mal 1902 in der Ausstellung der Wiener Secession in Wien, dort in einem eigenen großen Raum, der mit einem Figuren-Fries von Gustav Klimt (1862-1918) dekoriert war. Die ungewöhnlichen Arbeiten lösten eine heftige Kontroverse in der Öffentlichkeit aus, sie wurden als unpassend empfunden und teilweise verspottet. Zunächst blieb Beethoven in Wien, schließlich interessierten sich feinsinnige Kunstliebhaber in Wien für den Ankauf. Der  Leipziger Kunstverein, die Stadträte, voran der Oberbürgermeister Dr. Tröndlin, waren beunruhigt, dass der Beethoven in Wien bleiben könnte. Ein Komitee hatte den Auftrag, die enorm hohe Kaufsumme zu beschaffen und den Ankauf des Werkes für Leipzig zu sichern, was geschah. Heute wird das Hauptwerk Max Klingers im Museum der bildenden Künste in Leipzig gezeigt. Es gilt als Inbegriff der heroischen Beethoven-Verehrung.
Der Adler am Fuße Beethovens
Der Adler am Fuße Beethovens
Klinger zeigt Beethoven, in weißem Marmor gehauen, Gott gleich als Künstler-Genie, der in einsamer Höhe auf einer Wolkenbank thront. Zu seinen Füßen klammert sich der Adler des Prometheus an den Felsen und blickt zu ihm auf. In der Haltung und in den Gesichtszügen des Genies spiegeln sich Willenskraft, Weltenschmerz und Einsamkeit wider. Klinger hat mit dem Pathos der Einsamkeit auch sich selbst gemeint. Das Bildprogramm an der Thronrückseite und an den Thronseiten schildert die Leidensgeschichte der Menschheit und ihre Erlösung durch Liebe und Schönheit. Damit nimmt der Bildhauer nicht nur auf Beethovens Musik Bezug, sondern drückt selbstredend seine eigene künstlerische Motivation und Auffassung aus.
Lassen wir die langjährige Lebenspartnerin Klingers, Elsa Asenijeff, die Eingangsfrage beantworten. Sie charakterisierte Klingers Kunst zutreffend als „eine in Stein oder durch Griffel und Stift gebannte Musik".
Vergleiche dazu: "Enorm talentvoll ist er - Max Klinger" http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=279

2. Die Bronzeskulptur „Beethoven“ von Markus Lüpertz

Am Freitag, den 18. Dezember 2015, 11 Uhr fand die Enthüllung der großen Bronzeskulptur „Beethoven" von Markus Lüpertz vor dem Haupteingang des Museums der bildenden Künste Leipig statt. Es regnete in Strömen, der Himmel weinte.
Kulturbürgermeister Michael Faber sah in der Skuptur eine Bereicherung. In seiner bemerkenswert kurz gehaltenen Rede prophezeite er die absehbaren heißen Diskussionen: „Ich wünsche uns und den Besuchern, dass wir uns reiben - an Beethoven, seiner Musik und an der Auffassung eines Künstlers im 21. Jahrhundert."
Beethoven-Skulptur von Markus Lüpertz, aufgestellt vor dem Bildermuseum
Beethoven-Skulptur von Markus Lüpertz, aufgestellt vor dem Bildermuseum
Museumsdirektor Hans Werner Schmidt sieht einen Anfang. Er wünscht sich einen Skulpturenboulevard.
Hinrich Lehmann-Grube, der von 1990 bis 1998 Oberbürgermeister in Leipzig war und Ehrenbürger dieser Stadt ist, findet die Skulptur einfach „schlecht". Lehmann-Grube spielt Bratsche in einem Streichquartett bzw. -quintett, viel Beethoven, „aber ich sehe nicht den geringsten Zusammenhang mit dem Beethoven, den ich kenne, und der darüber stehenden Figur".
Detail der Beethoven-Skulptur von Markus Lüpertz
Detail der Beethoven-Skulptur von Markus Lüpertz
Der anerkannte Leipziger Bildhauer Günther Huniat urteilte unumwunden: „Er ist ja ein guter Maler, aber wenn er sich in Plastik und Bildhauerei versucht, geht's daneben. Die Unsicherheit drückt sich für mich auch darin aus, dass er alles bemalen muss. Er will eigentlich ein Bild machen."
Detail der Beethoven-Skulptur von M. Lüpertz
Detail der Beethoven-Skulptur von M. Lüpertz

Zitieren wir weiter aus Leserzuschriften Leipziger Bürger, die am Donnerstag, den 07. Januar 2016 in der Leipziger Volkszeitung veröffentlicht worden sind:

Kitschiges Monstrum ist eine Beleidigung Beethovens
Wer ist bloß auf die Idee gekommen, dieses kitschige Monstrum aufzustellen?
Kitsch ist - Zitat aus Meyers Lexikon - ein Produkt des häufig bewusst fehlgeleiteten ästhetischen Geschmacks...                                                                          Dr. Ch. M. 04277 Leipzig

Der geschlagene, deprimierte Napoleon schaut auf diese Beethoven-Skulptur
Der geschlagene, deprimierte Napoleon schaut auf diese Beethoven-Skulptur

Junge Bildhauer hätten es besser gemacht
Schauerlich, was einem da angeboten wird. Unten ein Maskenbild, oben ein sicher von seiner Taubheit zutiefst ergriffenes Beethoven-Monstrum. Da braucht man nicht nur an die
eindrucksvolle Arbeit Klingers erinnern, sondern auch an die vielen begabten Bildhauer, die einst im ostdeutschen Raum wirkten: Seitz, Arnold, Balden, Förster, Göbel. Und an die vielen begabten jungen Bildhauer Mitteldeutschlands. Ihnen hätte man auf jeden Fall zugetraut, etwas zu schaffen, was diesem großen Komponisten gerecht wird. Und Museumsdirektor Schmidt posiert ohne die geringste Geste der Scham vor diesem Machwerk.                                                          H. R., 04275 Leipzig

Skulptur erinnert an Geisterbahn-Requisite
Herr Lüpertz ist so von sich eingenommen, dass er nicht verstehen kann, dass andere seine„ Kunst " nicht bejubeln wollen. Wie viele solcher „Kunstwerke " sollen die Stadt noch „beglücken"? Der ehemalige Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube hat noch untertrieben, wenn er das Denkmal „schlecht" findet. Als ich dieses Werk sah, dachte ich mehr an eine Requisite aus der Geisterbahn. Wer ist neben dem Kulturbürgermeister noch dafür verantwortlich, dass den Bürgern solche „Kulturgüter" im öffentlichen Raum zugemutet werden. Mit dem unmöglichen Richard-Wagner-Denkmal hat es angefangen. Ich hoffe, in Zukunft von solchen Pseudo-Kunstwerken verschont zu bleiben.                      K.-H. B., 04155 Leipzig


Künstler soll Denkmal lieber in Bonn ausstellen
Wenn man die Beethoven-Skulptur sieht, dann kann man doch nur mit dem Kopf schütteln. Eine Schande für Leipzig und erst recht eine Schande, diesen „Müll" neben dem Beethoven eines Max Klinger zu stellen. Herr Lüpertz soll diesen Müll mit in Bonn ausstellen oder mit nach Düsseldorf nehmen, dort findet man vielleicht Geschmack an solchen Dingen.                                                    Dr. L. M., 04103 Leipzig

--------------------------------------------------Zitat-Ende

 Ihnen, liebe Leser, bleibt es überlassen, die Eingangsfrage zu beantworten.

Die Kritik an der Markus Lüpertz' Beethovenplastik reißt nicht ab. Jetzt äußerten Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler in einem Offenen Brief ihren großen Unmut. Sie halten Lüpertz "Dilettantismus" vor. Wir zitieren aus dem Brief - zitiert aus der Leipziger Volkszeitung vom 21. Januar 2016:

„Nachdem es einem Herrn Balkenhol erlaubt worden ist, auf dem erhabenen Sockel Max Klingers seine Zutat zu Richard Wagner zu postieren, ist uns nun in der Katharinenstraße eine bunte Bronze vor Augen gesetzt, die - nach Meinung des Verfertigers Lüpertz - Ludwig van Beethoven angemessen sei. Dem Dilettantismus wird gestattet, Genies auf das ihm zugängliche Mittelmaß herabzusetzen. Nach unserem Empfinden steht es der würdigen Stadt Leipzig, einer Stadt der Hochkultur, schlecht zu Gesicht, Unzumutbares sich zuzumuten. "

Das Schreiben wurde von den Schriftstellern Werner Heiduczek, Peter Gosse und Helmut Richter unterzeichnet. (vergl. dazu Peter Gosse: http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=653,
Helmut Richter: http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=595 .)

Weiterhin unterschrieben der Maler, Grafiker und Bildhauer Gerhard Kurt Müller, die bildenden Künstler Günter Richter und Baldwin Zettl. Weitere Unterzeichner sind die Literaturwissenschaftler Horst Nalewski und Klaus Schumann, die Komponisten Ottomar Treibmann und Siegfried Thiele, der Grafik-Designer Gert Wunderlich, der Mathematiker und Autor Herbert Kästner.

Bildnachweis

Der Bertuch Verlag dankt den Fotografen Ursula und Hans Drechsel, die die Bilder aus ihrem Archiv zur Verfügung gestellt haben.

Quellen

Leipziger Volkszeitungen vom 19.12.2015, 07.01.2016 und 21.01.2016

Leipziger Blätter. Sonderausgabe Max Klinger. 2007

Vogel, Julius: Max Klinger und seine Vaterstadt Leipzig. Leipzig 1923

Wega Mathieu, Stella: Max Klinger. Frankfurt a. M. 1976

http://www.mdbk.de/nc/museum/

http://www.klinger-max.de/

https://www.dhm.de/lemo/biografie/max-klinger

http://www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/list.php?page=museum_internetausstellung_seiten_de&sv[internetausstellung.id]=31558&skip=9

http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/markus-l%C3%BCpertz/2 

http://www.zeit.de/2015/16/markus-luepertz-bildhauer-interview