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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

 Die Buntgarnwerke in Leipzig–Plagwitz

Die Buntgarnwerke in Leipzig–Plagwitz

Hans-Joachim Böttcher

Sachsen ist unzweifelhaft das Kernland der Industrialisierung Deutschlands. So verwundert es nicht, dass noch heute in Leipzig Deutschlands, wenn nicht gar Europas größtes Industriedenkmal aus der sogenannten Gründerzeit steht. Dabei handelt es sich um den sich auf etwa 50 000 Quadratmeter erstreckenden Komplex des ehemaligen Buntgarnwerkes, in der Plagwitzer Nonnenstraße 17-21 und der Schleußiger Holbeinstraße 14. Fassadenmäßig zeigt sich diese monumentale Gebäudeansammlung in einer äußerst attraktiven roten Backsteinarchitektur mit dekorativen hellen Kunststeingliederungen. Dadurch bildet dieser unter Denkmalschutz stehende ehemalige Firmenkomplex ein einzigartiges, hervorragendes Beispiel für die ästhetischen, wie auch auf Repräsentation gerichteten Bestrebungen im Industriebau des späten 19. Jahrhundert.

In heutiger Zeit wird nichts dergleichen mehr erbaut; es gibt nur noch eine rein auf Funktionalität und Ökonomie orientierte Primitivarchitektur.

 Die sächsische Wollgarnfabrik kurz vor 1897. (1)
Die sächsische Wollgarnfabrik kurz vor 1897. (1)

Ihre Ursprünge hatten die Buntgarnwerke in der im Dezember 1866 erfolgenden Gründung des „Detailgeschäft für Tapisserien und Posamenten, auch Engroshandel mit Zephirgarnen" durch Carl Augustin Tittel. Der Standort des Kleinunternehmens befand sich wohl erst im Barfußgässchen und dann am Markt 19. Vermutlich bildete insbesondere der Garnhandel ein sehr erfolgreiches, stetig expandierendes Geschäftsfeld. Denn Leipzig war zu jener Zeit einer der wichtigsten Umschlagplätze für deutsche Wollwaren. Auf Grund von Kapitalbedarf für das stetig wachsende Geschäft wurde im Oktober 1869 August Andreas Krüger Teilhaber an dem Unternehmen.

Die beiden Geschäftspartner erkannten bald, dass mehr Gewinn mit der Herstellung als mit dem Vertrieb von Garnen und dergleichen zu erwirtschaften sei. Und auch dass die Zeit eine wirtschaftliche Herstellung von Waren auf großunternehmerischer Basis erforderte. Der am meisten prosperierende Industriestandort Leipzigs war zu jener Zeit durch den Aufsehen erregenden Bau des Karl-Heine-Kanals sowie anderer Maßnahmen Plagwitz. Darum erwarben die Herren Tittel und Krüger dort 1875 ein vorzüglich gelegenes Grundstück zwischen Nonnenstraße sowie Weißer Elster. Unverzüglich ließen sie auf diesem als erstes mit dem Bau einer Dampffärberei beginnen. Nach deren sehr erfolgreichen Entwicklung entschlossen sich die beiden Geschäftspartner zum weiteren Ausbau der Fabrik als Wollgarnspinnerei. Da dazu ein erhöhter Kapitalbedarf erforderlich wurde, wandelte man das Unternehmen 1887 in eine Aktiengesellschaft um. Diese erhielt den Namen „Sächsische Wollgarn-Fabrik Aktiengesellschaft vormals Tittel & Krüger". Deren Markensignet war im Übrigen ein Schwan. Schon im Jahr 1888 begann man mit der weiteren baulichen Expansion, indem der Hochbau West entstand. 1897 wurde sodann eine weitere Erweiterung der Firma erforderlich. Neben diesen reinen Industriegebäuden errichtete man um jene Zeit in der Nonnenstraße auch deren westliche Bebauung. Dabei handelte es sich um Betriebswohnungen, die allerdings ein äußerlich eher schlichtes Erscheinungsbild erhielten. Ihren sozialen Zweck, wie auch damit die Arbeiter fester an die Firma zu binden, dürften sie dennoch erreicht haben.

Die Wollgarnfabrik auf einer Geschäftsdrucksache (hergestellt von Oscar Fürstenau, Leipzig) aus dem Jahr 1909.(2)
Die Wollgarnfabrik auf einer Geschäftsdrucksache (hergestellt von Oscar Fürstenau, Leipzig) aus dem Jahr 1909.(2)

Während für die ersten Industriebauten noch Ottomar Jummel die Planungen ausgeführt hatte, war das ab 1888 das Architektenbüro Pfeiffer & Händel (ab 1893 Händel & Franke). In zu jener Zeit modernster Weise bildeten sie das Gebäudetragwerk in Form eines gusseisernen, teilweise mit Ziegeln ausgemauerten Tragegerüstes aus, womit man regelmäßige Raster gestaltete. Obwohl es sich bei den Gebäuden um rein funktionale Zweckbauten handelte, wurden diese nicht nur sehr massiv, sondern auch zur Nonnenstraße zu mit einer relativ aufwendigen Fassadenarchitektur ausgeführt. Denn das äußere Erscheinungsbild der Gebäude sollte schließlich Beständigkeit, wirtschaftliche Dynamik und den Erfolg der Firma demonstrieren.

1906 wurden große Aktienanteile von Tittel & Krüger von der Kammgarnspinnerei Bremen erworben. Diese gründete daraufhin den Nordwolle-Konzern. Weitere Fusionen mit anderen Betrieben folgten. Dadurch konnte das Unternehmen zum Markführer der Textilbranche in Norddeutschland werden, aber auch internationale Absatzmärkte erobern. In dem genannten Jahr wurde im Übrigen auf der anderen Seite der Weißen Elster, an der Holbeinstraße 14 - die zum Stadtteil Schleußig gehört, ein weiterer großer Gebäudekomplex errichtet. Dieser Hochbau Süd entstand als Stahlbetonbau. Den alten und den neuen Fabrikteil verband man durch eine Brücke mit zwei Etagen. Auf Grund dieser stetigen positiven Entwicklung der Wollgarnfabrik verdienten sich 1911 etwa 2000 Arbeiter(innen) und Angestellte ihren Lebensunterhalt in der Firma. Fabrikationsmäßig bestand sie aus einer in mehreren Gebäuden untergebrachten Kammgarnspinnerei, Färberei, Tapisserie-Manufaktur sowie einer Strumpf-Strickerei.

Bedingt durch die als Folge des Ersten Weltkrieges in den 1920er Jahren aufkommende Weltwirtschaftskrise hatte die Firma 1925 nur noch etwa 1000 Beschäftigte. Durch die Übernahme der in Konkurs gegangenen Firma Phil. Penin in der Nonnenstraße 42-44 erreichte das Werk in dieser schwierigen Zeit dennoch seine größte flächenmäßige Ausdehnung. Nach dem Konkurs des Nordwolle-Konzerns 1931 schloss sich die Leipziger Wollgarnfabrik mit der Bahrenfelder Stern-Wollspinnerei zusammen. Der Schwerpunkt ihrer Produkte basierte bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges auf Zephir-, aber auch luxuriöser Kaschmir- sowie Mohairwolle. Diese erfreuten sich eines sehr guten Rufes und wurden international vertrieben. Mit Beginn des Krieges 1939 musste die Produktion auf Grund von Rohstoffmangel auf Kurzbastfaserkammgarne umgestellt werden. Schon immer viele Frauen beschäftigend, stieg nun deren Anteil durch das Einziehen der Männer zum Wehrdienst weiter an. Vor Luftangriffen blieb der Betriebskomplex im Zweiten Weltkrieg zum Glück verschont. Nach dessen Ende, im Mai 1945, wies die sowjetische Militärverwaltung die Rückumstellung der Betriebsfertigung auf Wollgarne an. Die gesellschaftlichen Veränderungen brachten es mit sich, dass ein Jahr nach der Gründung der DDR die formelle Enteignung der Aktionäre erfolgte. Der Betrieb wurde als Treuhandgesellschaft dem Rat der Stadt Leipzig unterstellt. Schon zwei Jahre darauf erfolgte jedoch die Überführung der Firma in Volkseigentum; als „VEB Leipziger Wollgarnfabrik". Diese schloss man am 1. Januar 1969 mit der „Mitteldeutschen Kammgarnspinnerei Markleeberg" sowie der „Sächsischen Kammgarnspinnerei Coßmannsdorf" zum „VEB Buntgarnwerke Leipzig" zusammen.

Blick aus der Nonnenstraße auf die Vorderansicht der ehemaligen Buntgarnwerke im Jahr 1991. (3)
Blick aus der Nonnenstraße auf die Vorderansicht der ehemaligen Buntgarnwerke im Jahr 1991. (3)

Die politische Wende, mit ihren folgenden gravierenden wirtschaftlichen Veränderungen, führte dazu, dass der Leipziger VEB-Betrieb 1990 zur „Buntgarnwerke Leipzig GmbH" umgewandelt wurde. Ab dem Folgejahr begann jedoch schon durch die Treuhandgesellschaft die Verlagerung der kompletten Produktion nach Tschechien. Dort ließ es sich eben billiger produzieren. In Leipzig erfolgten der Ausbau sämtlicher technischer Ausrüstungen aus den Gebäuden sowie die Entlassung von hunderten Mitarbeitern, die man auf andere Tätigkeiten umzuschulen versuchte. Es wurde still in den alten Gemäuern der Buntgarnwerke und deren Schicksal, wie das so manch anderer historischer Industrieobjekte, sehr ungewiss. Aber da war ja noch deren Lage in der ostdeutschen „Boom"-Stadt Leipzig und zudem an einem äußerst attraktiven Standtort an der Weißen Elster. So konnte schon 1992 die Treuhandgesellschaft die nunmehr jeglicher Nutzung enthobenen Gebäude der Buntgarnwerke an die neu gegründete BUGA-Partners-Verwaltungs GmbH verkaufen. Dabei handelte es sich um einen Zusammenschluss von Erben der früheren Miteigentümerfamilie Wolf und Investoren; das waren mehrheitlich Briten.

Die sanierten Gebäude der ehemaligen Buntgarnwerke von der Weißen Elster gesehen (2011). (4)
Die sanierten Gebäude der ehemaligen Buntgarnwerke von der Weißen Elster gesehen (2011). (4)

Die schrittweise Sanierung der gigantischen ehemaligen Betriebsflächen mit etwa 100 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche begann 1993. Die alten Betriebsräume eroberten erst einmal Maler, wie Neo Rauch, Carsten Nikolai und A.R. Perick künstlerisch. 1995 konnten sodann im Komplex des ehemaligen Betriebsbahnhofes als erste Baustufe 139 Wohnungen, der Elster-Wohnpark (Elsterlofts), fertiggestellt werden. Die Verwaltung des Objektes übernahm die R&M-Gruppe. Nach der Komplettsanierung des sogenannten Elster-Business-Parks, der alle jene historischen Gebäude an der Nonnenstraße umfasst, die nicht an der Flussseite liegen, erfolgte 1996 deren Verkauf an die Oppenheim-Immobilien-Kapitalgesellschaft. Im Folgejahr zog als berühmtester Mieter Radio Energie in den rekonstruierten Hochbau Nord ein. 1998 erwarb die Firma Atrium aus Hechthausen den Hochbau Süd an der Holbeinstraße, wo sie 145 Loft-Wohnungen einrichtete. Auf Grund der vorbildlichen Ausführung wurde das Objekt ein Projekt der EXPO 2000. Dafür mit vielen Preisen und Lob geehrt, ging die Firma dennoch 2001 in Insolvenz. Die sodann noch erforderlichen Restarbeiten führte die 1992 gegründete JUS AG aus. Sie war es, die 1999 den Hochbau West an der Nonnenstraße von BUGA-Partners erworben hatte, worin sie in der Folge 180 Lofts als Eigentumswohnungen einrichteten. Aber auch in dem Heiz- und dem kleinen Filterhaus integrierte die Firma Lofts insgesamt 49 Stück, die schnell Käufer fanden. 2001 begann sodann die BUGA-Partners-Verwaltungs GmbH mit dem Umbau des Hochbaus Mitte zu Wohnungen (Venezia-Quartier). Der letzte Bauabschnitt erfolgte ab 2006, als die Firma saxmedia GmbH, Freital, als Nachfolger der BUGA-Partners, den Einbau von 55 Lofts in den 3. und 4. Stock des Hochbau Mitte auszuführen begann. Schon 2001 waren dessen 1. und 2. Stock für Gewerbenutzungen umgebaut worden. Nach dem Erwerb der letzten Betriebsgrundstücke 2007 erwarb die Zech Gruppe, Bremen, das Unternehmen, das heute als Deutsche Bau Holding GmbH mit Sitz in Delmenhorst firmiert. Am 14. Juni 2012 konnte die GRK-Holding AG schließlich Richtfest im Veneziaquartier feiern, in das sie allein 33 Millionen Euro investierte, in deren Rahmen 115 Wohnungen und 10 Penthäuser entstanden. Diese vorbildliche Revitalisierungsmaßnahme eines Industriedenkmals wurde 2014 mit dem renommierten Immobilienmanager Award (Kategorie: Projektentwicklung Bestand) ausgezeichnet.

Alles in allem war die Umnutzung der ehemaligen Buntgarnwerke also eine Erfolgsgeschichte, so wie man sie selten findet. Aber es gibt leider auch Schönheitsfehler. Denn zu dem Komplex gehörte auch eine 1888 errichtete Eisenbahnbrücke über die Weiße Elster. Abgesehen von ihrer Bedeutung als funktionaler Sachzeuge war sie ein optisch attraktives Verbindungsglied zwischen den Werkgebäuden beiderseits des Flusses. Trotz ihres Denkmalstatus wurde die Brücke dennoch am 28. Mai 2015 abgebrochen. Der Bauzustand der Stahlkonstruktion war nicht der Beste und Fördermittel gab es keine für ihren Erhalt. Aber wer weiß, vielleicht entsteht sie ja eines Tages neu so wie Phönix aus der Asche.

Bildnachweis

Bild 1: Wikimedia Commons, gemeinfrei

Bilder 2, 3 und 4: Hans-Joachim Böttcher