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Heisenbergs  jüdische Meisterschüler –  zur Physik in der Weimarer Republik

Heisenbergs jüdische Meisterschüler – zur Physik in der Weimarer Republik

Dr. Konrad Lindner

 

Leipzig war nicht judenfeindlich, sondern weltoffen: Das Heisenberg' sche Seminar an der Universität Leipzig während der Weimarer Republik. Etwa 1931/32. Im Vordergrund sitzend: Rudolf Peierls und Werner Heisenberg; dahinter von links nach rechts: Georg Placzek, Gian Carlo Wick, Giovanni Gentile, Felix Bloch, Victor Weisskopf, Fritz Sauter. Nicht zu sehen ist Edward Teller in dieser Runde, der im Wintersemester 1930/31 noch in Leipzig war und dann als Assistent nach Göttingen wechselte. Heisenberg ist von drei jungen Physikern aus jüdischen Elternhäusern umgeben: Peierls aus Berlin, Bloch aus Zürich und Weisskopf aus Wien. Noch wird keiner von den drei Physikern in Deutschland ausgegrenzt. Die Armbinde verweist darauf, dass Heisenbergs Vater Ende November 1930 gestorben ist. (1)

1. Der neue Einstein

Stile und Moden geben der Zeit ein Gesicht. Wie Kurt Weill die Musikszene der Weimarer Republik aufmischte, stieg Werner Heisenberg seit 1925 durch seine Formulierung der Quantenmechanik und dann 1927 durch die Entdeckung der Unschärferelation zur Symbolfigur der neuen Atomphysik auf. In der Öffentlichkeit wurde Heisenberg als ein Superstar wahrgenommen. In dem Physiker, der im Herbst 1927 mit nur 25 Jahren Professor der Universität Leipzig wurde, erblickte man einen Naturforscher vom Range Albert Einsteins. Heisenbergs „besondere Intuition, das Wesentliche zu erfassen" verkörperte einen eigenen Stil in der Wissenschaft und machte ihn in Verbindung mit „seiner unglaublichen Ausdauer und Zielstrebigkeit", wie Victor Weisskopf in seinen Lebenserinnerungen schreibt, zum „produktivsten und erfolgreichsten Physiker seiner Generation".1 Um Heisenberg versammelte sich von 1927/28 bis 1932/33 in Leipzig eine tüchtige Gruppe junger Physiker, von der die Anwendung der Quantenmechanik auf Probleme der Festkörper- und Molekülphysik in Angriff genommen wurde. Viele Gäste und Doktoranden kamen wie Victor Weisskopf aus jüdischen Elternhäusern, was während der Weimarer Republik noch kein Hindernis darstellte, um an der Universität Leipzig arbeiten zu dürfen. Weisskopf war 1932 in Leipzig, um bei Heisenberg aus erster Hand Quantenmechanik zu lernen. Durch den Wechsel zwischen den Theoriezentren Göttingen, Leipzig und Kopenhagen erlebte der junge Mann aus Wien während seiner akademischen Wanderjahre, dass es nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Wissenschaft Stile gibt. Den musisch begabten Weisskopf begeisterten die parodistischen Lieder der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill, die von der Uraufführung am 31. August 1928 in Berlin im Theater am Schiffbauerdamm bis 1932 dem „Kulturbetrieb in Deutschland Farbe und Charakter verlieh".2 Das ungezwungene Spiel kreativer Kräfte machten die Nazis seit 1933 in der theoretischen Physik ebenso zunichte wie in der Malerei, auf der Theaterbühne, in der Literatur und im Rundfunk. Die Folge: Der Geist der Freiheit wanderte ins Exil aus. Eine weitere Folge: Die führenden Köpfe des Manhattan-Projektes zum Bau der amerikanischen Atombombe waren nicht nur - wie Robert Oppenheimer - Absolventen der Universität Göttingen, sondern auch - wie Edward Teller - Doktoranden der Universität Leipzig und sie alle hatte Heisenbergs Stil fasziniert, Physik zu treiben.

2. Erster Hörer

Die „kurze Blüte der Leipziger Physik" im Gefolge der Berufung des Theoriestars Heisenberg begann, als „die Grundlagen der Quantentheorie schon gelegt waren".3 Der junge Lew Landau soll 1929 über diese Phase in der theoretischen Physik während seiner Bildungsreise mit den Stationen Schweiz, Deutschland, Dänemark, England, Belgien und Holland geäußert haben: „So, wie alle schönen Mädchen schon vergeben sind und geheiratet haben, wurden auch alle schönen Aufgaben bereits gelöst."4 Eine Übertreibung, denn bei der Anwendung der Quantentheorie gab es noch große Aufgaben. Landau aus Leningrad wie Weisskopf aus Wien und viele weitere Physiker ihrer Generation bewiesen mit Bravour, dass sie dazu in der Lage sind, mit dem neuen theoretischen Werkzeug Probleme der Grundlagenforschung zu lösen. Nicht zuletzt in Leipzig entstanden, wie Friedrich Hund in seiner Geschichte der Quantentheorie aufzeigt, wichtige Anwendungen: Sowohl in der Theorie des Ferromagnetismus und der Metallelektronen als auch in der Quantenchemie und bei der Erklärung des Molekülbaus.5

Heisenbergs Start als Hochschullehrer in Leipzig begann im Wintersemester 1927/28 nicht mit Pauken und Trompeten, sondern es ging bescheiden los. Vier Jahrzehnte später erzählte er schmunzelnd: "Ich hab' mich so etwas als Apostel einer neuen Lehre gefühlt, eben der neuen Atomtheorie, die von Bohr und den Kopenhagenern gemacht worden war. Es hat mir Freude gemacht, eben diese Lehre nun unter der studentischen Jugend, unter den Physikern zu verbreiten. Aber ich hab' immerhin in dem ersten Semester - so weiß ich - habe ich in meinem Seminar nur einen Hörer gehabt."6 Der erste Assistent Heisenbergs war Guido Beck aus dem böhmischen Reichenberg (Liberec). Ein promovierter Physiker, der von der Universität Wien nach Leipzig kam und zu Problemen der Kernphysik zu arbeiten begann. Mit seinem anspruchsvollen Projekt einer kernphysikalischen Habilitation scheiterte Beck jedoch. Der erste Student im ersten Seminar hatte mehr Erfolg. Er war für Heisenberg ein besonderer Glücksfall. Es handelt sich um den Schweizer Felix Bloch, der in Leipzig nicht nur 1928 seine Doktorarbeit, sondern 1931 auch noch seine Habilitationsschrift zur Begutachtung einreichte.

Felix Bloch. (2)
Felix Bloch. (2)

Als Felix Bloch in seinen späten Jahren zu seinem Start in Leipzig befragt wurde, erzählte er voller Dankbarkeit über seinen Professor: „Ich war sein erster Student, und daher bekam ich viel Zeit. Ich nahm sofort an den Seminaren teil und trat zu Heisenberg in eine sehr enge Beziehung - ich bewunderte ihn ungeheuer."7 Der junge Professor stellte seinem ersten eigenen Schüler für die Dissertation eine Aufgabe, die mit seinem Lehrer Arnold Sommerfeld in München zu tun hatte. Sommerfeld hatte einige Arbeiten über die Leitung der Elektronen geschrieben. Heisenberg bat Bloch daher nachzuschauen, was in der Quantenmechanik aus der Elektronentheorie der Metalle wird. Bloch erinnerte sich später: „Als ich begann, darüber nachzudenken, fühlte ich, dass das Hauptproblem war zu erklären, wie sich die Elektronen an allen Ionen des Metalls so verbeischleichen konnten, dass eine mittlere freie Weglänge von der Ordnung der atomaren Dimensionen vermieden werden konnte."8

Seine Doktorarbeit „Über die Quantenmechanik der Elektronen in Kristallgittern" reichte Bloch Anfang Juli 1928 an der Universität Leipzig ein. Die mündlichen Prüfungen absolvierte er am 24. Juli 1928 in Mineralogie mit dem Prädikat „Gut" und in Physik sowie Mathematik mit dem Prädikat „Sehr gut". Die Gutachter Heisenberg und Peter Debye bewerteten die Arbeit von Felix Bloch übereinstimmend mit dem Prädikat „Sehr gut". Heisenberg kam in seinem Gutachten zu dem Urteil: „Die Arbeit Blochs bedeutet im Ganzen meines Erachtens einen sehr wertvollen Beitrag zur Theorie der Metalle, sie dürfte als feste Grundlage für weitere Untersuchungen weit mehr geeignet sein, als die bisherigen Theorien."9 Das von Felix Bloch in Leipzig erarbeitete Modell vom Elektronenfluss in Festkörpern bestimmt unter dem Logo des „Bändermodells" bis in die Gegenwart das physikalische Verständnis der Metalle, Isolatoren und Halbleiter. Der Schüler Heisenbergs entdeckte Ende 1945 die magnetische Kernresonanz und erhielt im Jahr 1952 den Nobelpreis für Physik. Felix Bloch war auch 1954/55 der erste Generaldirektor des Europäischen Kernforschungszentrums CERN bei Genf.

Doch zurück in die Weimarer Republik. In seinem Lebenslauf für die Dissertation im Jahr 1928 in Leipzig hatte Bloch freimütig und selbstbewusst den Satz geschrieben: „Ich, Felix Bloch, israelitischer Konfession, bin geboren am 23. Oktober 1905 als Sohn des Kaufmanns Gustav Bloch in Zürich und seiner Frau Agnes geb. Mayer."10 Dieser eine Satz beweist: Noch war die israelitische Konfession nicht verdächtig. Noch war die Freiheit der Wissenschaft auch in Leipzig nicht aufgehoben. Noch war Heisenbergs Leipziger Schule weltoffen.

3. Jüdische Starschüler

Rudolf Peierls. (3)
Rudolf Peierls. (3)

Unter den Doktoranden der ersten Jahre, die im Institut für theoretische Physik bei Heisenberg und Hund in der Linnéstraße 5 die Anwendung der Quantenmechanik vorantrieben, ragt Felix Bloch heraus. Umso größer war die Enttäuschung Heisenbergs, dass sich sein habilitierter Schüler und Kollege 1933/34 gezwungen sah, nicht wieder an die Universität Leipzig zurückzukehren. Gern hätte er Bloch weiter als Privatdozenten behalten. Doch trotz seiner hervorragenden Qualifikation hatte Bloch im NS-Staat keine berufliche Zukunft und ging 1934 nach Kalifornien.

Der amerikanische Wissenschaftshistoriker David C. Cassidy porträtiert sowohl Felix Bloch als auch Rudolf Peierls als „Heisenbergs Meisterschüler". Bleibt man in diesem Sprachbild, kann noch ein dritter jüdischer Doktorand zu den Meisterschülern der ersten Generation zugerechnet werden. Wie Peierls von Frühjahr 1928 bis Frühjahr 1929 nach Leipzig kam, um an der Dissertation zu arbeiten, traf im November 1928 auch Edward Teller bei Heisenberg in der Linnéstrasse ein, um in Leipzig möglichst bald seinen Doktor in der theoretischen Physik zu machen. Peierls war in der Familie eines jüdischen Industriemanagers in Berlin aufgewachsen, während Teller der Sohn eines jüdischen Anwalts in Budapest war.

Bloch hatte bereits seine Dissertation vollendet, als die beiden neuen Doktoranden Peierls und Teller bei Heisenberg ihre Arbeit aufnahmen. Während sich Peierls dem Beispiel von Felix Bloch folgend in die Festkörperphysik und in das Problem der Elektrizitätsleitung einarbeitete, wandte sich Teller Grundfragen der Molekülphysik zu. In beiden Fällen bildete die Analyse des Verhaltens der Elektronen den Schlüssel zum Verstehen. Im Wasserstoffmolekül teilen sich zwei Wasserstoffatome ihre beiden Elektronen. Analog teilen sich die Metallatome ihre Leitungselektronen. Ähnlich begeistert wie Felix Bloch beschrieb auch Peierls die Zusammenarbeit mit seinem Leipziger Professor, indem er betonte: „Heisenberg hatte einen unwahrscheinlich anregenden Einfluss."11 Von Rudolf Peierls wird auch Heisenbergs besonderer Stil der Forschung beschrieben: „Wenn er ein physikalisches Problem anpackte, wusste er im allgemeinen intuitiv, welche Antwort zu erwarten war; dann wählte er eine mathematische Methode, die das Ergebnis lieferte. Das kann ein gefährliches Vorgehen sein, aber meistens führte ihn seine Intuition zur richtigen Lösung. Gerade diese Intuition bewunderten wir Studenten und zogen aus ihr Nutzen."12

Peierls promovierte 1929 in Leipzig mit einer Arbeit „Zur kinetischen Theorie der Wärmeleitung in Kristallen". Die Dissertation hatte Heisenbergs Kollege und Freund Wolfgang Pauli in Zürich angeregt. Während sich Heisenberg auf seiner Weltreise befand, wurde die Arbeit am 08. Juli 1929 von Friedrich Hund und Peter Debye begutachtet und mit dem Prädikat „Sehr gut" benotet. „Die Durchführung der Arbeit erforderte," so schrieb Professor Hund im Gutachten, „völlige Vertrautheit mit den Methoden der statistischen Mechanik, Kenntnis der kinetischen Theorie des festen Körpers und der neuen Quantenmechanik."13

Edward Teller reichte seine Dissertation nach der Rückkehr von Heisenberg im Februar 1930 ein. Sie hatte die Anwendung der Quantenmechanik bei der Analyse des einfachsten Moleküls, des Wasserstoffmolekülions zum Inhalt, bei dem sich zwei Atomkerne nur ein Elektron teilen. Die Arbeit des ungarischen Physikers wurde am 09. und 10. Februar 1930 von den Professoren Hund und Heisenberg übereinstimmend mit dem Prädikat „Sehr gut" bewertet. In hohem Alter gab Teller über sein Studium bei Heisenberg zu Protokoll: „Von der Physik verstand ich einiges. Aber viel mehr verstand ich von der Mathematik und von der Chemie. In der Physik war ich noch ganz unerfahren. Da behandelte mich Heisenberg so wie seine besten Schüler auch."14

Zur Gruppe der hochbegabten jüdischen Doktoranden - zu dem Dreierteam Bloch, Peierls und Teller - kam aus der zweiten Schülergeneration der Jahre nach 1933 noch Arnold Siegert hinzu. Siegert hatte seit 1928 Mathematik und Physik in Dresden, Wien, Innsbruck und seit 1930 in Leipzig studiert. Er promovierte im Sommer 1934 bei Heisenberg und Hund mit dem Thema „Der Einfluss der Bindung auf den Wirkungsquerschnitt für Stösse sehr schneller Elektronen". Arnold Siegert stammte aus einer jüdischen Theologenfamilie. Er hatte eine jüdische Mutter. Heisenberg hätte ihn gern zu seinem Assistenten gemacht. Als der Theologensohn aus Dresden ihm sagte, dass das aus rassischen Gründen nicht gehe, antwortete Heisenberg etwas erschrocken: „Sie auch?!"15

Auch für Siegert bestand nach dem Abschluss der Dissertation, die Heisenberg wie Hund mit dem Prädikat „Sehr gut" bewerteten, keine Chance auf einen akademische Anstellung in Deutschland. Alle vier ausgewählten Doktoranden - Bloch, Peierls, Teller und Siegert - entschieden sich wie Victor Weisskopf für den Weg ins Exil. Felix Bloch wurde 1934 Professor an der Universität Stanford, Edward Teller schaffte 1935 in Washington den Sprung auf eine Professur der Physik und Rudolf Peierls 1938 in Birmingham. Arnold Siegert emigrierte 1936 in die USA, wo er mit Bloch in Stanford zusammenarbeitete und ab 1942 am MIT in Cambridge wirkte, aber auch am Manhattan-Projekt beteiligt war. Die bemerkenswerten Karrieren der jüdischen Schüler Heisenbergs blieben im NS-Staat nicht unbeobachtet, sondern erregten Argwohn und politische Verdächtigungen.

Heisenberg-Schüler im Sommer 1934:

Carl Friedrich von Weizsäcker (Mitte) und Arnold Siegert (mit Nickerbocker) sind Meisterschüler der zweiten Generation. Links außen: Serban Titeica und Wolfgang Kroll. Rechts außen: Bernhard Mrowka. - Weil Arnold Siegert eine jüdische Mutter hatte, durfte er - obwohl es sich Heisenberg sehr gewünscht hätte - am Institut für theoretische Physik in Leipzig nicht Assistent werden.(4)

4. Weißer Jude

Heisenberg traf es 1937 wie der Blitz. Der Nobelpreisträger wurde durch einen Artikel in dem Journal der SS „Das Schwarze Korps" denunziert. Auf ihn prasselte der Vorwurf nieder, ein „Weißer Jude" zu sein. Damit war gemeint, dass Heisenberg äußerlich zwar ein arischer Wissenschaftler, doch im Kern ein gefährlicher und minderwertiger Jude sei. Die zehnjährige Arbeitsphase Heisenbergs in Leipzig wurde zum Anlass genommen, ihn in den Augen der nationalsozialistischen Obrigkeit unmöglich zu machen.

Da Albert Einstein gleich im April 1933 nach seinem Weggang in die USA ausgebürgert und zum Staatsfeind erklärt worden war, kreidete man dem „Professor für theoretische Physik in Leipzig" zuallererst an, dass er die Relativitätstheorie des Juden Einstein als „die selbstverständliche Grundlage weiterer Forschung" betrachtete. Das Festhalten des Physikers an den Ideen der Speziellen Relativitätstheorie sowie an Einsteins Entwürfen einer Gravitationstheorie war aber noch nicht alles, was in dem Hetzartikel an belastendem Material ins Feld geführt wurde. Heisenberg wurde ebenfalls seine Förderung von Physiktalenten zum Vorwurf gemacht. Voller Empörung wurde darauf verwiesen, dass er während der Weimarer  Republik an seinem Institut erst „den Wiener Juden Beck, dann den Züricher Juden Bloch" als Assistenten eingestellt habe. Das war aus der Sicht des Verfassers ein schweres Vergehen. Dem Hochschullehrer in Leipzig wurde am 15. Juli 1937 auch noch angekreidet: „Sein Seminar war bis 1933 vorwiegend von Juden besucht, und der engere Kreis seiner Hörer setzt sich auch heute noch aus Juden und Ausländern zusammen." Lew Landau zum Beispiel war einer der vielen jüdischen Ausländer, die in ihren akademischen Wanderjahren in Leipzig beim Entdecker der Unbestimmtheitsrelation als Gast Station gemacht hatten. Landau hatte im Laufe der Jahre sowohl mit Guido Beck zu kernphysikalischen Fragen als auch mit Rudolf Peierls und ebenfalls mit Edward Teller zusammengearbeitet.

Mit der Rede vom „Weißen Juden" war im Sommer 1937 der Versuch offenkundig, Heisenberg als den nach Einstein gefährlichsten Feind der völkischen Revolution dingfest zumachen. Bei der gezielten Aktion gegen den führenden deutschen Naturforscher spielte der Neid auf die Verleihung des Nobelpreises eine Rolle, aber auch der internationale akademische Erfolg seiner besten jüdischen Schüler war eine Quelle von Missgunst. Wie Weill und Brecht seit 1933 auf der Bühne verboten waren, sollte 1937 auch Heisenberg im Hörsaal mundtot gemacht werden, obwohl er kein Jude war. Eben mit dem gehässigen Verfahren, dass man dem tüchtigen Professor seine besten Doktoranden vorwarf, die während der letzten Jahre der Weimarer Republik kräftig dabei mitgewirkt hatten, eine Blüte der Leipziger Physik freizusetzen.

5. Abbruch 1933

Das Abenteuer der Quantenmechanik wäre ohne die politische Voraussetzung der Wissenschaftsfreiheit in der Weimarer Republik nicht möglich gewesen. Die Freude der Freiheit von Meinung und Idee, die Intensität der Begegnung zwischen Forschern verschiedener Nationalität und auch die Hoffnungen auf eine Karriere in Deutschland hatten gerade auch die jüdischen Schüler und Gäste Heisenbergs in der Forschung angespornt, die seit 1927/28 in wachsender Zahl in sein Seminar zur „Struktur der Materie" geströmt waren. Doch 1933 ereignete sich ein Systemwechsel. Verlust grundlegender Bürger- und Freiheitsrechte. Die nationalsozialistische Diktatur deformierte durch das Berufsbeamtengesetz vom 7. April 1933 die Wissenschaft. Durch diesen Eingriff war, wie der Wissenschaftshistoriker Gerald Wiemers formuliert, auch „die Weltgeltung der Leipziger Heisenberg-Schule dahin".16 Die jüdischen Schüler Heisenbergs kehrten sich nicht von ihrem Lehrer, aber vom NS-Staat ab. Durch die internationale Physikerfamilie ging bald ein großer Riss, der auch das Bild von Heisenberg erheblich veränderte. Der Nobelpreisträger der Universität Leipzig erschien im September 1941 selbst aus der Sicht seines Lehrers und Freundes Niels Bohr als Hitlers potentieller Atombombenbauer. Trotz der tiefen Konflikte während des Krieges bewahrten sich Heisenbergs Schüler ihre Dankbarkeit und ihre Erinnerung an Leipzig. Bereit zu einem versöhnenden Erinnern schrieb Felix Bloch 1976 nach Heisenbergs Tod mit Blick auf die NS-Zeit: „Jene, die Deutschland nicht verließen, wurden - von wenigen Ausnahmen abgesehen - mit fortgerissen und blieben, jeder auf seine Weise, im Kampf mit ihren inneren Konflikten sich selbst überlassen. Doch meine Erinnerungen an Heisenberg gehören in die glücklichere Zeit vor diesen Erscheinungen."17

Exemplarisch dafür, dass sich Heisenbergs jüdische Schüler vom NS-Staat nicht nur abwandten, sondern auch gewillt waren, dieses menschenfeindliche System zu bekämpfen, sind die Karrierewege von Rudolf Peierls und Victor Weisskopf. Peierls spielte in Birmingham als junger Professor der Physik eine maßgebliche Rolle bei der Entscheidung Englands für die Atombombenforschung. Mit Otto Robert Frisch aus Wien - auch ein jüdischer Flüchtling - legte er im März 1940 ein Memorandum vor. Die zentrale Aussage des dreiseitigen Papiers: Fünf Kilogramm des Uranisotops 235U könnten für eine Bombe gen&uuuuml;gen, die so viel Energie freisetzen würde wie mehrere tausend Tonnen Dynamit.18 Auch Weisskopf entschied sich für das Exil. Seit der Schulzeit war er sozialistisch eingestellt. Der Physiker aus Österreich fühlte sich 1932 bei Heisenberg in Leipzig noch sehr wohl, sah sich dann aber sowohl in Deutschland als auch bei seinem Aufenthalt in der Sowjetunion mit einem sich verschärfenden Terror konfrontiert. 1937 emigrierte Weisskopf in die USA. Ging an die Universität Rochester. Arbeitete wie viele jüdische Flüchtlinge am Manhattan-Projekt mit, an dem sich zunächst auch Felix Bloch beteiligte. Bloch verließ Los Alamos aber nach wenigen Monaten im November 1943 wieder. Er bezweifelte inzwischen, dass die deutsche Seite beim Wettlauf zur Atombombe einen Vorsprung habe. Als Symbol seiner Sicht des Geheimprojektes in Los Alamos schenkte Bloch seinem Freund Edward Teller eine Plakette mit einem Auto, das gegen einen Baum fährt.19 Weisskopf wie Teller machten beim Manhattan-Projekt weiter und waren in den Morgenstunden des 16. Juli 1945 Augenzeugen des ersten Atombombentests in der Geschichte der Menschheit.

Bei allen Unterschieden zeigt sich bei Heisenbergs besten jüdischen Doktoranden: Ihnen gelang im Exil der berufliche Ein- und akademische Aufstieg. Während des Krieges wurde für sie das Motiv, den Nazis beim Bau der nuklearen Bombe zuvorzukommen, ein aufrichtiger und starker Impuls, sich am amerikanischen oder britischen Atomwaffenprogramm zu beteiligen.

[1]    Victor Weisskopf: Mein Leben. Bern/München/Wien 1991. S. 61.

[2]    Ebenda, S. 58.

[3]    Friedrich Hund: Geschichte der Quantentheorie. Mannheim / Wien / Zürich 1984. S. 236.

[4]    Anna Liwanowa: Lew Landau. Leipzig 1982. S. 27.

[5]    Friedrich Hund: Geschichte der Quantentheorie. Mannheim, Wien, Zürich 1984. S. 236.

[6]    Harald von Troschke: Gespräch mit Werner Heisenberg. Deutsche Welle. Sendung vom 26. 01. 1968. Archivnummer / Take 3403949000.

[7]    Vgl. Werner Heisenberg: Gutachten- und Prüfungsprotokolle für Promotionen und Habilitationen (1929 - 1942). Hrsg. von Helmut Rechenberg und Gerald Wiemers. Berlin 2002. S.21. 

[8]    Felix Bloch: Reminiszenzen an Werner Heisenberg und die Frühzeit der Quantenmechanik. In: Werner Heisenberg 1901 - 1976. Hrsg. von Christian Kleint, Helmut Rechenberg und Gerald Wiemers. Stuttgart/Leipzig 2005. S. 244.

[9]    Werner Heisenberg: Gutachten- und Pr&uuuuml;fungsprotokolle für Promotionen und Habilitationen (1929 - 1942). Hrsg. von Helmut Rechenberg und Gerald Wiemers. Berlin 2002. S. 34. 

[10]    Ebenda, S. 35.

[11]    David C. Cassidy: Heisenbergs Meisterschüler - Felix Bloch und Rudolf Peierls. In: Werner Heisenberg 1901 - 1976. Hrsg. von Christian Kleint, Helmut Rechenberg und Gerald Wiemers. Stuttgart/Leipzig 2005. S. 111.

[12]    Rudolf Peierls: Als Student bei Heisenberg. In: Werner Heisenberg in Leipzig 1927 - 1942. Hrsg. von Christian Kleint und Gerald Wiemers. Berlin 1993. S. 105.

[13]    Gutachten von Friedrich Hund vom 08. Juli 1929. UAL_Phil. Fak. Prom. _ 01280_Blatt 1 v 2. Für die Einsicht in die Promotionsakte von Rudolf Peierls danke ich Frau Petra Hesse vom Universitätsarchiv Leipzig. 

[14]    Vgl. Interview von Konrad Lindner. Ein Atomphysiker erzählt. Edward Teller zwischen Leipzig und Livermore. Leipzig 1998. S. 20.

[15]    Interview mit Barbara Blass (geb. Siegert) vom 14. April 1999.

[16]    Vgl. den Link: Jüdische Naturwissenschaftler an der Universität Leipzig.

[17]    Vgl. Thomas Powers: Heisenbergs Krieg. Hamburg 1993. S. 261.

[18]    H. Alwyn C.McKay: Das Atomzeitalter. Berlin/Heidelberg/New York/London/Paris/Tokyo 1989. S. 51.

[19]          Edward Teller with Judith L. Shoolery: Memoirs. A Twentieth-Century Journey in Science an Politics. Cambridge, Massachusetts  2001. S. 180.     

Bildnachweis:

Bilder 1 und 4 stammen aus dem Leipziger Universitätsarchiv. Der Bertuch Verlag dankt dem Direktor, Herrn Dr. Jens Blecher, für die Erlaubnis, diese im Artikel zu verwenden.

Bild 2 ist aus Wikimedia Commons entnommen, es ist gemeinfrei.

Bild 3 ist ein Ausschnitt eines Bildes von Los Alamos National Laboratory 1946.