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Die ersten homöopathischen Apotheken in Leipzig

Die ersten homöopathischen Apotheken in Leipzig

Hans-Joachim Böttcher

Stadtphysikus Dr. Johann Christian August Clarus.
Stadtphysikus Dr. Johann Christian August Clarus.

1818 erwarb Heinrich Adolph Täschner, der bisherige Administrator der Leipziger „Adler-Apotheke", die „Mohren-Apotheke". Diese verlegte er sodann an den Markt, wo er ihr den Namen „Engel-Apotheke" gab. Täschner war ein begeisterter Anhänger der Hahnemannschen Heillehre. So verwunderte es nicht, dass der Stadtbezirksarzt Dr. Clarus 1824, anlässlich einer Revision, bei ihm einen Schrank mit homöopathischen Heilmitteln entdeckte, die von Leipziger Ärzten hergestellt worden waren. Das wiederum hatte zur Folge, dass 1825 allen Leipziger Apothekern verboten wurde, von Ärzten bereitete homöopathische Arzneien zu führen. Als Strafe drohte man ihnen für jeden einzelnen Fall 20 Taler an, was nicht wenig Geld war.

Täschner und die anderen Apotheker wollten natürlich nicht auf die Einnahmen durch den Verkauf derartiger Heilmittel verzichten. Dennoch dauerte es viele Jahre bis sich alle Apotheker Leipzigs einig wurden. Das waren der Besitzer der genannten sowie die von der „Salomo-" und der „Löwen-Apotheke". Unter der Leitung Täschners beschlossen sie die gemeinsame Gründung einer von den allopathischen Apotheken getrennten homöopathischen Central-Officin. Als Grundlage dafür erwarben sie Anfang 1836 von den Erben des verstorbenen Röthaer Apothekers Otto dessen gesamten Bestand an homöopathischen Arzneien. Als nächsten Schritt richteten sie an den Rat der Stadt Leipzig der Form halber eine Eingabe und baten um die Erlaubnis zur Errichtung einer „Homöopathischen Central-Officin", um den Wünschen vieler Ärzte Leipzigs gerecht werden zu können. Der Rat der Stadt reichte den Antrag der vier Apotheker an den Stadtphysikus Dr. Clarus zur Stellungnahme weiter, der ein erbitterter Gegner der Homöopathie war. Dementsprechend äußerte er in seiner Antwort an den Rat verächtlich, dass es sich bei dieser Heilrichtung um eine „abweichende Meinung" der Medizin handele, die man wegen ihrer Unschädlichkeit dulden könne.

Kassenzettel der Central-Apotheke, ca. 1939.
Kassenzettel der Central-Apotheke, ca. 1939.

Nun brauchten allerdings die drei Apotheker gar keine neue Apothekenkonzession, da es sich bei der beabsichtigten Gründung nicht um eine neue Apotheke handelte, sondern um eine Filiale ihrer schon konzessionierten Unternehmen. Darum gar nicht die Antwort des Rates abzuwarten, die auch nie kam, eröffneten die Apotheker am 12. Juni 1836 die Officin als homöopathische Dispensieranstalt am Thomaskirchhof 12 (allerdings nicht am Eck des Gebäudes, sondern in einem Seitenflügel).

Da die geschützte Bezeichnung „Apotheke" natürlich mehr Renommee besaß als „Dispensieranstalt", stellten die drei Leipziger Apotheker 1849 beim Rat der Stadt den Antrag für ihre Filiale am Thomaskirchhof die Bezeichnung „Apotheke" führen zu dürfen. Obwohl geschickt begründet und ihr Anliegen hauptsächlich als das der Ärzte darstellend, lehnte die Stadtverwaltung - durch die örtlichen Allopathen mit Dr. Clarus an der Spitze angestachelt - den Antrag ab. Nach verschiedenen Verhandlungen gestattete man schließlich 1851 die Bezeichnung: „Homöopathische Dispensieranstalt der vereinigten Apotheker zu Leipzig".

1858 wurde, auf Antrag Täschners, der schon seit 1851 als Rezeptarius und Laborant arbeitende Theodor Markgraf als Administrator (Verwalter) der Dispensieranstalt eingesetzt. 1863 ausscheidend, gründete er im Übrigen in der Folge in Lindenau ein eigenes homöopathisches Officin, das 1868 nach Leipzig in die Frankfurter Straße (heute Jahnallee) verlegt und von ihm bis 1880 betrieben wurde.

Geheimer Rat Dr. Willmar Schwabe, vermutlich kurz vor 1917.
Geheimer Rat Dr. Willmar Schwabe, vermutlich kurz vor 1917.

Das Amt von Markgraf in der Dispensieranstalt am Thomaskirchhof übernahm am 30. Juli 1863 Dr. Willmar Schwabe. Offenbar war er nicht ganz unvermögend, zudem sehr geschäftstüchtig und voller Tatendrang. Diesen konnte er offensichtlich in seiner neuen Arbeitsstelle, in der Dispensieranstalt, mit ihren beschränkten Absatzmöglichkeiten von homöopathischen Arzneimitteln nicht ausleben. Erkennend, dass man mit der Herstellung und dem Großexport von Arzneimitteln mehr Geld als mit dem Einzelverkauf machend konnte, plante er bald selbst die Gründung eines derartigen Unternehmens. Darum stellte er 1865 an den Rat der Stadt Leipzig den Antrag: „Es ist meine Absicht, in Leipzig ein Grosso- und Exportgeschäft homöopathischer Fabrikate zu errichten. Behufs eines Nachweises meiner desfallsigen Qualifikationen überreiche ich, mit der Bitte um Rückgabe, anbei fünf Zeugnisse über die von mir bestandenen Prüfungen und Konditionen nebst meinem Bürgerschein, indem ich ergebenst bemerke, daß ich seit 2 Jahren und noch gegenwärtig Administrator der hiesigen homöopathischen Dispensier-Anstalt bin, dadurch aber genaue Kenntnisse der homöopathischen Arzneimittel, in welchen ich ein Grosso- und Exportgeschäft zu errichten gedenke, und ihrer Zubereitung erlangt zu haben hoffe. ... Den geehrten Stadtrat ersuche ich ergebenst, mir die, da nötig, hierzu erforderliche Konzession zu erteilen."

Da man nach sorgfältiger Prüfung festgestellte hatte,  dass dem Antrag nichts entgegen stand, wies der Rat der Stadt an, dass Dr. Schwabe „in Pflicht zu nehmen sowie das Erforderliche zu besorgen" sei. Dieser hatte in seinem Antrag angegeben, sein Unternehmen erst 1866 gründen zu wollen, was wohl nur geschah, um vorläufig seine Stellung in der Homöopathische Dispensieranstalt zu behalten. Dennoch wurde Schwabe durch den Stadtphysikus schon am 10. November 1865 auf das neue Unternehmen verpflichtet. Am 5. Dezember zeigte er dem Leipziger Handelsgericht die Gründung seiner Firma „Homöopathische Central-Officin Dr. Willmar Schwabe in Leipzig" an. Das Amtsgericht bestätigte das 2 Tage darauf, während die amtliche Bekanntgabe im Leipziger Tageblatt am 11. des Monats erfolgte; damit war die Firma geschäftsfähig. Mit dieser Firmengründung erfolgte der Ausstieg von Schwabe als Administrator der „Homöopathischen Dispensieranstalt". Als sein Nachfolger wirkte dort bis 1878 Johannes Paul Beyer, dem bis 1884 O. Fritzsche folgte, worauf William Steinmetz die Officin als Pächter übernahm.

Entsprechend seines Antrages plante Schwabe die in seinem Unternehmen hergestellten Medikamente im Inland nur an Apotheken zu verkaufen, hauptsächlich allerdings in großen Mengen nach Frankreich, England und Amerika zu exportieren, wo anscheinend ein großer Bedarf vorhanden war. Dennoch benötigte Schwabe offensichtlich für den kurzfristigen Absatz seiner Produkte, bis der internationale Markt erobert wäre, in Leipzig eine homöopathische „Apotheke". Denn vermutlich war es so, dass seine früheren Arbeitgeber, die Eigentümer der „Homöopathische Dispensieranstalt der vereinigten Apotheker zu Leipzig", in ihm einen Konkurrenten sahen und keine Medikamente von ihm kauften beziehungsweise verkauften. Dieses von Schwabe geplante Officin sollte sofort als Apotheke privilegiert werden, da an dieser Bezeichnung ein größeres Prestige hing als an anderen Firmenbezeichnungen, wie Dispensieranstalt. Darum richtete er schon am 27. Februar 1866 an den Rat der Stadt Leipzig die umfangreiche, jedoch teilweise eigenartig begründete Bitte, ihm die Errichtung einer homöopathischen „Apotheke" zu gestatten. Entsprechend der allgemein vorhandenen Skepsis gegenüber der Homöopathie, aber auch da wohl Täschner und die anderen Besitzer der „Homöopathische Dispensieranstalt" dagegen opponiert hatten, wurde der Antrag am 6. November 1866 abgelehnt. Sofort dagegen in Widerspruch gehend, lehnte diesen allerdings das zuständige sächsische Ministerium am 7. Februar 1867 mit der Begründung ab, dass „ein Bedürfnis nach einer zweiten homöopathischen Apotheke nicht vorläge". Weitere Versuche des hartnäckigen Schwabe sein Ziel zu erreichen folgten. 1869 hatte sich für ihn dafür allerdings die Situation entscheidend geändert. Denn in Preußen war eine Verordnung erlassen worden, die es den dortigen homöopathischen Ärzten zur Pflicht machte, ihren Bedarf an Urtinkturen und sonstigen homöopathischen Arzneimitteln nur aus wirklichen homöopathischen Apotheken zu beziehen. Dass sein Unternehmen schwere Absatzeinbuße erleiden und dadurch Leipzig Steuereinahmen verlieren würde, wollte man natürlich nicht. Nach einigen Verhandlungen kam es darum dazu, dass Schwabe, für seine Person, am 7. Dezember 1870 endlich die heiß umkämpfte Genehmigung für die Errichtung einer homöopathischen Apotheke erhielt. Am 17. Februar 1871 erfuhr die Öffentlichkeit aus den Wirtschaftsanzeigen des Leipziger Tageblatt: „Nachdem hier in der Centralhalle von Herrn Dr. Willmar Schwabe eine neue zweite homöopathische Apotheke unter dem Namen „Homöopathische Central-Apotheke zum Samuel Hahnemann" vollständig eingerichtet und revisionsmäßig befunden worden ist, so bringen wir hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, daß dieselbe zum Gebrauch des Publikums eröffnet ist."

Der Standort dieser Apotheke war in der ehemaligen Leipziger Centralhalle, An der Pleiße 3 b (heute Dittrichring Ecke Gottschedstraße). Wenige Jahre später umziehend, befand sie sich daraufhin in der Kleinen Fleischergasse 23-24. Auf Grund des wirtschaftlichen Aufschwunges des Unternehmens und des dadurch steigenden Platzbedarfs zog man jedoch schon 1882 wieder um, nun nahe des Bahnhofs und des Stadtzentrums, in die Querstraße 5, wo man nun das gesamte vierstöckige Gebäude mit Hinterhaus auch als Gesamtfirmensitz (bis 1926) nutzen konnte. 

Das Gebäude der historischen Central-Apotheke in heutiger Zeit. Foto: Hans-Joachim Böttcher.
Das Gebäude der historischen Central-Apotheke in heutiger Zeit. Foto: Hans-Joachim Böttcher.

Schon 1878 war es Schwabe gelungen, seinen schärfsten Konkurrenten, der zu seinem Ärger schon seit 1866 den Namen „Homöopathische Centralapotheke Täschner & Co." führen durfte, zu erwerben. Ihre Verwaltung oblag weiterhin W. Steinmetz. Von dem Seitenflügel des Hauses war dieses Unternehmen 1877 direkt in die geschäftlich attraktiveren Eckräume des Thomaskirchhof 12 umgezogen. Die Apotheke behielt in der Folge seinen bislang gehabten Namen, da das sicher vertraglich so vereinbart war. Das Monopol für homöopathische Waren besaß Schwabe mit dieser Apotheke jedoch nicht, da man inzwischen allen neu konzessionierten Apotheken gestattet hatte Einrichtungen für die Homöopathie aufzuweisen. Um zumindest Markführer zu sein, erwarb Schwabe 1880 darum die erwähnte homöopathische Officin von T. Markgraf in der Frankfurter Straße.

Nach dem Tod von Dr. Willmar Schwabe am 8. Januar 1917 übernahm sein gleichnamiger Sohn das inzwischen weltweit Filialen umfassende monopolartige Großunternehmen, für alles was die Homöopathie betraf. Nach seinem frühen Tod am 12. Oktober 1935 führten den Konzern seine beiden Söhne, der Arzt Dr. Willmar und der Apotheker Dr. Wolfgang Schwabe bis 1946 weiter. In jenem Jahr siedelten sie auf Grund der ausgeübten Repressalien in den Westteil Deutschlands, nach Karlsruhe-Durchlach, über, wo sie das ihnen dort verbliebene Restunternehmen weiter betrieben. Ihr gesamter umfangreicher Besitz in der russischen Besatzungszone wurde in der Folge enteignet.

Nicht dazu gehörte die „Central-Apotheke" am Thomaskirchhof 12. Denn diese (ausgenommen das Haus, welches im Familienbesitz blieb!) war von Willmar Schwabe jun. um 1932 merkwürdiger Weise an Max Sauer abgegeben worden. Ab 1939 befand sich die Apotheke sodann im Besitz von Richard Reuschel. Nach dessen Tod verkaufte seine Witwe, vermutlich gezwungenermaßen, 1951die Apotheke an den Staat. Bis zum 31. Dezember 1996 betrieben, befand sich schon seit DDR-Zeit im Obergeschoss ein kleines pharmazeutisches Museum. Auf Initiative des Sächsischen Apothekerverbandes wurde diese kleine, aber feine Ausstellung modern strukturiert und zusammen mit einem Restaurant im historischen Apotheken-Interieur am 17. Juli 1999, nun für alle Interessierten zugänglich, neu eröffnet.

Bildnachweis:

Dr. Clarus  aus Wikimedia Commons, gemeinfrei

Der Bertuch Verlag dankt dem Autor für die Überlassung der anderen Bildrechte in diesem Artikel.