Leipzig Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.leipzig-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Ingrid Annel
Glücksdrachenpech

Schaurige, lustige, gruselige und witzige Geschichten von Wassermännern, Drachen, Irrlichtern und dem Teufel, mit Illustrationen von Marga Lenz

Auch als E-Book erhältlich 

Petersstraße und Schlossgasse seit Jahrhunderten Sitz der Juristenfakultät

Petersstraße und Schlossgasse seit Jahrhunderten Sitz der Juristenfakultät

Dr. Peter Gutjahr-Löser

Zu den Gebäuden, die die Universität bei ihrer Gründung im Jahr 1409 bereits in Besitz nehmen konnte, gehörte ein Haus in der Petersstraße, das zuvor als Ratsschenke gedient hatte. Es beherbergte zunächst die Artistenfakultät. Schon bald danach zogen dort die Juristen ein. Als der Universität ein weiteres Haus in der Schlossgasse zur Verfügung gestellt wurde und beide Grundstücke aneinander grenzten, gab es schon bald einen Durchgang über die Höfe. Nach seiner Lage an der Petersstraße hieß dieser Gebäudebestand zunächst „Collegium Petrinum", später das „Juridicum".

Während des Dreißigjährigen Krieges und der Besetzung Leipzigs durch die Schweden im Jahr 1632 wurde der Teil an der Schlossgasse erheblich beschädigt. Die Schweden hatten sich darin verschanzt und von dort aus die Pleißenburg beschossen. Die Verteidiger der Burg wehrten sich erfolgreich und legten diesen Teil des Juridicums in Schutt und Asche.

Trotz intensiver Bemühungen war an einen Wiederaufbau lange nicht zu denken. Zwar hatte die Regierung des Kurfürstentums einen Kostenanschlag zur Reparatur des Gebäudes in Auftrag gegeben, „aber" - so beschreibt es der Chronist der Juristenfakultät Emil Friedberg im Jubiläumsjahr 1909 - „wo sollten die 1 492 Thaler und 10 Groschen herkommen, da alles ausgesogen war?"

Als Leipzig fünf Jahre später erneut in die Hände der Schweden fiel, wurde auch das Ordinariatsgebäude völlig vernichtet. Der Stadtkommandant ließ nach dem Abzug der Besatzer den Schutt auf diesem Grundstücksteil wegräumen und - so Friedberg - „errichtete auch auf dem der Fakultät gehörigen Grund und Boden kleine Häuser für die Soldaten, die dann als Zufluchtsort, wie die Fakultät im Jahr 1657 sich beschwerte, für »allerley Canaille« dienten." Friedberg fährt fort: „Vergeblich baten die Juristen um Rückgabe ihres Eigentums oder um die Bewilligung von Geldmitteln zum Ankaufe des Nachbarhauses. Sie erhielten niemals eine Antwort. Aber als diese Bemühungen nichts fruchteten, suchten sie sich energisch selbst zu helfen."

Ein Ordinarius der Juristenfakultät, Sigismund Finckelthaus, setzte sich mit Tat- und Überzeugungskraft ein und räumte Hindernis um Hindernis aus dem Weg: Nicht nur, dass er sich von der Regierung 300 Stämme Holz für einen Neubau versprechen ließ, er sorgte auch dafür, dass trotz der allgemeinen Notlage - wie es in der Darstellung Friedbergs wörtlich heißt - „reichlich" gespendet wurde: „Die Professoren der Fakultät steuerten bei, die vier Nationen, das Merseburger Kapitel, selbst die Frauen der Fakultisten". Dazu muss man wissen, dass sich die Universität bis zum Jahr 1830 nicht nur in Fakultäten, sondern zugleich auch in vier „Nationen" gliederte: die sächsische (= die niedersächsisch/norddeutsch/nordeuropäische; die meißnische (= die i. e. S. sächsische), die bayerische (= die süddeutsche/westeuropäische) und die polnische (= die osteuropäische) „Nation". Das Merseburger Domkapitel hatte gegenüber der Universität von Anfang an eine besondere Garantenstellung, denn der Bischof von Merseburg - der erste war 1409 Walter von Könitz - war Universitätskanzler, dessen Aufgabe damals vor allem in der Überwachung der Lehrinhalte bestand und dessen Funktion man in unserer heutigen Terminologie etwa als „staatlich-kirchliche Schulaufsicht" beschreiben könnte. Das ist auch der Grund, warum im Universitätswappen und den Siegeln die Heiligen Johannes und Laurentius abgebildet sind - die Patrone des Merseburger Doms.

 Die Bibliothek des Juridicums vor dem 2. Weltkrieg. Bild: Universitätsarchiv Leipzig.
Die Bibliothek des Juridicums vor dem 2. Weltkrieg. Bild: Universitätsarchiv Leipzig.

So entstand ein Neubau, der neben dem Notariatszimmer auch über einen für die damaligen Verhältnisse großen Hörsaal verfügte. Zu der künstlerischen Ausstattung gehörten die Porträts der Ordinarien, die z. T. neu in Auftrag gegeben wurden, wofür Finckelthaus sechs Thaler ausgab. Die beiden „Arbores" („Arbor consanguinitatis" und „Arbor affinicitatis"), die - wie Friedberg schreibt - „praktischen Zwecken gedient hatten", und die im Krieg vernichtet worden waren, wurden auf Kosten des Jurastudenten Christoph Pincker neu gemalt, feierlich aufgehängt und als besonders altehrwürdiges Fakultätseigentum gepflegt. Es handelt sich dabei um grafische Darstellungen zur Veranschaulichung der Verwandtschaftsverhältnisse und der sich daraus ergebenden Rechtsbeziehungen. Friedberg konnte im Jahr 1909 zu ihrem Schicksal berichten: „Sie sind noch heute erhalten, und werden von der Fakultät pietätvoll aufbewahrt." - Heute finden sich keine Spuren mehr davon. Sie dürften im Zweiten Weltkrieg zusammen mit dem Juridicum vernichtet worden sein

Vorlesung im Juridicum während der Studienzeit von Goethes Vater in Leipzig. Bild: Universitätsarchiv Leipzig.
Vorlesung im Juridicum während der Studienzeit von Goethes Vater in Leipzig. Bild: Universitätsarchiv Leipzig.

Den Zustand des Juridicums in der Mitte und im ausgehenden 18. Jahrhunderts hat zunächst Johann Caspar Goethe kennengelernt, als er sich im Wintersemester 1731/32 einschrieb. Seine Erfahrungen an der Universität haben ihn dann veranlasst, seinen Sohn Johann Wolfgang im Jahr 1765 zum Jura-Studium nach Leipzig zu schicken. Der lebte bis 1768 in der Stadt und hat das Juridicum genau so erlebt, wie sein Vater rund dreißig Jahre zuvor. Von beiden Gebäuden, die 1880/81 abgerissen wurden, existieren Fotografien, die im Anhang beigefügt sind.

Juridicum-Neubau von 1887 (Aufnahme aus dem Jahr 1910). Bild: Universitätsarchiv Leipzig.
Juridicum-Neubau von 1887 (Aufnahme aus dem Jahr 1910). Bild: Universitätsarchiv Leipzig.
Als Leipzig nach der Reichsgründung 1871 einen erheblichen Aufschwung nahm und mit der am 1. Oktober 1879 in der Aula der Universität feierlich begangenen Eröffnung des Reichgerichts auch die Leipziger Juristenfakultät noch mehr ins Rampenlicht gerückt wurde, erwies es sich als erforderlich, für das Juridicum nochmals einen Neubau zu errichten. Das geschah in den Jahren 1880/81. Im Stil der „Leipziger Durchgangshöfe" entstand eine Ladenpassage, durch die man von der Petersstraße zur Schlossgasse gelangen konnte.

In den oberen Stockwerken waren die Büros, die (Fakultäts-)Aula und weitere Unterrichtsräume sowie die Bibliothek untergebracht. - Diesem Zustand setzte die verheerende Bombennacht vom 4. Dezember 1943 ein Ende, in der große Teile Leipzigs, darunter auch das Juridicum, in Trümmern versanken. Besonders dramatisch waren die Verluste wertvollster Bibliotheksbestände.

In der Nachkriegszeit wurde das Grundstück, das Teil einer großen Lücke zwischen der Petersstraße und dem Burgplatz am Neuen Rathaus war, notdürftig geräumt. Auf den freien Flächen entstanden Parkplätze, Imbissbuden und am nördlichen Rand, wo das Grundstück an das im Krieg erhalten gebliebene Gebäude „Drei Könige" angrenzt, eine geteerte Fußwegverbindung von der Petersstraße zum Neuen Rathaus. Im Februar 1989, also wenige Monate vor dem Erfolg der friedlichen Revolution, verzichtete die Universität auf das Grundstück, das damit in „Volkseigentum" überging.

Nach dem Wiedererstehen des Freistaats Sachsen bemühte sich sowohl das Finanzministerium als auch die Universität um das Eigentum an dem Juridicums-Grundstück, das mit 2 000 Quadratmetern ein großes unbebautes Innenstadt-Grundstück darstellte. Die angrenzende Baulücke im Eigentum der Stadt hatte „nur" 1 600 Quadratmeter. Zwei privaten Eigentümern gehörten die restliche an dieser Stelle bebaubare Fläche, die durch den Krieg entstanden war. Die Stadt wollte diese Lücke in der Innenstadt möglichst bald schließen. Sie bekam Unterstützung von einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bank, die versuchte, das Grundstück der Universität mit Hilfe eines sogenannten „Investitions-Vorrang-Bescheides" zugeordnet zu erhalten. Für den Fall, dass sich ein Investor verpflichtete, mit Hilfe eines „volkseigenen" Grundstücks Arbeitsplätze zu schaffen, hätte die Stadt das Recht gehabt, diese Zuordnung auch ohne Zustimmung des früheren Eigentümers vorzunehmen. Allerdings musste sie dem Alteigentümer vier Wochen Zeit einräumen, damit dieser ebenfalls die Chance besaß, mit Hilfe von Plänen für ein eigenes Investitionsprogramm sein Grundstück zurückzubekommen.

Genau dies tat die Universität: Ein an der Neugründung der Juristenfakultät beteiligter Heidelberger Professor, der Strafrechtler Olaf Miehe, beschwor die Universitätsleitung, der Fakultät die Chance zu verschaffen, an ihren seit Jahrhunderten bestehenden Standort zwischen Petersstraße und Schlossgasse zurückzukehren. Deshalb reichte die Universität ebenfalls einen Antrag auf eine Vorrangentscheidung zu Gunsten eines eigenen Investitionsvorhabens ein. Da mit einer schnellen staatlichen Entscheidung über die Finanzierung des Bauvorhabens nicht zu rechnen war - Hochschulbauten werden in Deutschland in einem komplizierten bürokratischen Abstimmungsverfahren gemeinsam vom Bund und dem jeweils betroffenen Land finanziert - suchte die Universität einen privaten Investor, dem sie ein Erbbaurecht für die unteren, kommerziell nutzbaren Geschosse des zu errichtenden Neubaus einzuräumen bereit war, wenn der - statt jährlich Erbbauzins zu bezahlen - die Baukosten für die vier Geschosse des Juridicums übernahm.

Der Neubau
Der Neubau

Die Suche nach einem solchen Investor gestaltete sich schwierig, weil allmählich klar wurde, dass die Vermietung der zahlreichen schnell entstehenden Neubauten in Leipzig immer schwieriger wurde: Nicht nur der Wegzug großer Bevölkerungsteile, vor allem auch das Fehlen gewerblicher Nachfrage nach Bürogebäuden, ließ die großen Konzerne, die ursprünglich Interesse an dem Finanzierungsmodell der Universität gezeigt hatten - darunter international renommierte Bauunternehmen und Versicherungsgesellschaften - wieder abspringen. Erst 1998 gelang es, mit dem britischen Baukonzern „AMEC" einen zufriedenstellenden Vertrag zu schließen. Der Freistaat hatte zuvor seinen Zuordnungsantrag für das Grundstück zurückgenommen, so dass die Universität wieder als Eigentümerin in das Grundbuch eingetragen werden konnte.

Nun ging es in der Sache endlich voran. Am 23. März 1999 fand der symbolische erste Spatenstich für den Bau des „Petersbogen" statt, nachdem die Bagger bereits die Baugrube ausgehoben hatten. Für die Leipziger waren diese Arbeiten Gegenstand großen Interesses. Da der Bauzaun zur Petersstraße aus großmaschigem Draht bestand, konnte man ein neues Verfahren zur Aushebung von Fundamenten direkt senkrecht an der Wand bestehender Gebäude (am Haus „Drei Könige") beobachten.

Es kam aber auch nicht nur Braunkohle ans Tageslicht, sondern die auf dem Gelände zunächst tätigen Wissenschaftler des Landesamtes für Archäologie berichteten eines Tages von einem Sensationsfund: In einer gemauerten Latrine in einer Tiefe von 3,70 Metern wurden 29 Goldmünzen aus England, den Niederlanden und Sachsen gefunden. Die älteste stammt aus dem Jahr 1446, die jüngste aus dem Jahr 1668, so dass der Schatz mit Sicherheit frühestens zu diesem Zeitpunkt in der Latrine gelandet war.  

Ob ein reicher Student den seiner Ungeschicklichkeit zuzuschreibenden Verlust verschwiegen hat oder ob ein Dieb - was wahrscheinlicher ist - auf der Flucht fürchtete, erwischt zu werden, weshalb er seine Beute in der Latrine verschwinden ließ, lässt sich nicht mehr feststellen. Der Vorschlag der Universität, den Münzfund im neuen Juridicum in einer Vitrine auszustellen, lehnte der Freistaat unter Hinweis auf das sächsische Gesetz über archäologische Funde ab. Denn das Eigentum an einem aufgefundenen „Schatz" - das ist eine Sache, die so lange verborgen gelegen hat, dass ihr Eigentümer nicht mehr ermittelt werden kann - steht dem Freistaat Sachsen zu.

Der Goldschatz. Foto: Marion Wenzel/Kustodie der Universität Leipzig.
Der Goldschatz. Foto: Marion Wenzel/Kustodie der Universität Leipzig.

Die Leipziger bekamen den Goldschatz, der aus 29 Goldmünzen und zwei Medaillen besteht, erst zehn Jahre später zu sehen, und zwar im Rahmen der Ausstellung „Erleuchtung der Welt. Sachsen und der Beginn der modernen Wissenschaften", die aus Anlass der Sechshundertjahrfeier der Universität im Sommer 2009 im Alten Rathaus veranstaltet wurde. Er ist auf Seite 109 des Ausstellungskatalogs abgebildet.

Die ursprüngliche Annahme, die vereinbarten 5 000 Quadratmeter Nutzfläche würden zur Unterbringung der gesamten Fakultät - d. h. des Dekanats und der 16 Lehrstühle sowie der Mitarbeiter - reichen, erwies sich als falsch. Das lag vor allem daran, dass die Fakultät dank der Errichtung von Stiftungsprofessuren und der Einwerbung von Drittmitteln größer geworden war, als ursprünglich vorgesehen. So konnten nur die Zivil- und Strafrechtsprofessoren in das neue Juridicum einziehen. Außerdem wurde dort die auf 150 000 Bände ausgelegte Zweigstelle Rechtswissenschaft der Universitätsbibliothek untergebracht. Die „Öffentlichrechtler" blieben zunächst noch in der Otto-Schill-Straße, bis sie im Jahr 2011 in die Bürogeschosse über dem - nur wenige Meter vom Juridicum entfernten - Thüringer Hof einziehen konnten.

Collegium Juridicum Petersstraße 

(Jahr der Erbauung unbekannt)

Collegium Juridicum an der Schlossgasse

(erbaut 1773)

(Gekürzter Vorabdruck aus: Peter Gutjahr-Löser, „Die friedliche Revolution von 1989 und die Umgestaltung der Universität Leipzig in der Zeit von 1991 bis 2005"; erscheint voraussichtlich 2014)

Die Abbildungen des alten Juridicum hat freundlicherweise das Universitätsarchiv Leipzig zur Verfügung gestellt.