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Weihnachten

Ein Fest der Familie und des Friedens

Florian Russi, Herbert Kihm (Hg.)

Alle Jahre wieder feiern wir das Weihnachtsfest im Kreise unserer Familie und lassen althergebrachte Traditionen in familiärer Atmosphäre aufleben. Doch wo hat das Fest seinen Ursprung, warum feiern wir Weihnachten und woher stammt der Christbaum?

Das liebevoll gestaltete Heftchen gibt Auskunft hierüber und enthält zudem eine kleine Sammlung der bekanntesten Weihnachtslieder. Des Weiteren Rezepte laden zum Kochen und Backen ein.

Das Spendefest zu Rückmarsdorf

Das Spendefest zu Rückmarsdorf

Friedrich Ekkehard Vollbach

Beham, (Hans) Sebald (1500-1550): Das Bauernfest - Kupferstich.
Beham, (Hans) Sebald (1500-1550): Das Bauernfest - Kupferstich.

„Mer kriegt nischt meh, de Rückmarsdorfer wull'n n ganzen Ochsen alleene fressen" - so die ärgerliche Antwort eines Jungen auf die Frage des Reporters der Leipziger Gerichtszeitung  im Jahr 1887, wie denn die Spende ausgefallen sei. Allenthalben war die Enttäuschung groß, dass in dem Jahr nur Rückmarsdorfer bedacht und Ortsfremde abgewiesen wurden. Nachdem aber in den Jahren zuvor bis zu 700 Personen zur Bettelspende verköstigt werden mussten, hatte man die Zahl der Spendenempfänger 1887 auf reichlich 200 Personen begrenzt, denn die 34 Nachbarn (Mitglieder der sog. Altgemeinde), die zur Ausrichtung dieses Events verpflichtet waren, gelangten bei derartigen Bewerberzahlen an ihre finanziellen und logistischen Grenzen.

Die alljährliche Armenspende in dem einst kleinen Ort Rückmarsdorf (heute zur Stadt Leipzig gehörend) galt lange Zeit in Sachsen als erstaunliche Merkwürdigkeit, die in einigen Beschreibungen sächsischer Besonderheiten erwähnt wurde. Begonnen hatte dieses alljährliche Ereignis im Jahr 1508 oder 1509 (die Stiftungsurkunde ging bei Bränden des Pfarrhauses verloren), als ein Fräulein von Brandenstein aus dem Hause Dölkau (heute eine OT von Leuna, etwa 11 km westlich von Rückmarsdorf gelegen) zur Michaelismesse (die fand um den Michaelstag, den 29. September, herum in Leipzig statt und wurde später - bereits zur Zeit der Weimarer Republik - in Herbstmesse umbenannt). Auf dem Wege erkrankte oder verunfallte sie und ließ sich deswegen nach Rückmarsdorf bringen, wo sie von einigen alten adligen Fräulein und Caspar von Weißbach , die auf Bauerngütern wohnten, gepflegt wurde. Auch der Pleban (Priester, der keinem klösterlichen Orden verbunden war) des Ortes, Johannes Claus, war um sie besorgt.Als das Fräulein von ihrer Krankheit genesen war, stiftete sie dem Dorf 72 Acker (etwa 4 ha) Wald (Engelhardt schreibt von 82 Ackern). Vom Ertrag des Waldes erhielt jeder Bauer der Altgemeinde einen Teil, der Pleban sogar vier Teile.

Diese Stiftung war allerdings mit folgender Auflage verbunden:

- Am Montag der Michaelismesse hatte der Ortspfarrer eine Seelenmesse zu lesen, den Armen die Füße zu waschen und eine Predigt zu halten.

- Der Bader aus dem benachbarten Städtchen Markranstädt musste die Armen schröpfen, auch hatte er ihnen Salben zu reichen, die Haare zu schneiden und sie zu verbinden, wenn sie einen Schaden hätten.

- Danach waren arme Leute, so viele es auch sind, wie folgt zu beköstigen: mit Rindfleischsuppe, gekochten Erbsen (fett mit Butter), einem Stück gekochten Rindfleisch und entsprechendem Brot, dazu eine Kanne Bier für die Männer und eine halbe Kanne für die Frauen und Kinder.

- Waren alle Armen versorgt, konnten der Priester, der Schulmeister und die Gemeindevertreter sich sättigen. Eventuelle Reste des Essens wurden anschließend verkauft.

- Sollten Auswärtige kommen, um die Austeilung anzusehen oder die Speisung abzuwarten, dann war ihnen das durchaus erlaubt. Ja, der Gerichtsschöppe hatte ihnen sogar eine Kanne Bier zu kredenzen.

Bauernfest, Gemälde von Pieter Aertsen (etwa –1575).
Bauernfest, Gemälde von Pieter Aertsen (etwa –1575).

Dem Dorfschulzen oblag eine ganze Reihe von Aufgaben:

Er musste vier Nachbarn auswählen, die mit ihren Frauen und entsprechenden Hilfskräften das Kochen und Servieren der Speisen zu übernehmen hatten. Dazu war er genötigt, diesen Nachbarn seine Küche und sein Gehöft zum Schlachten der Kuh und zur Vorbereitung aller anderen Dinge zur Verfügung zu stellen. Zu kaufen hatte er neben der Kuh, ¼ Erbsen, ¼ Bier und Würze für das Essen, Meerrettich und Pastinaken (ein Wurzelgemüse), Semmeln, Bier und Branntwein.Auch das Kaufen der Kuh und der Erbsen sowie das Mahlenlassen des Korns war seine Aufgabe. Zusammen mit den Gemeindevertretern hatte er dann auf einen ordnungsgemäßen Ablauf der Veranstaltung zu achten.
Schließlich war es seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass am Ende des Spendefestes alle Räume und Flächen wieder in Ordnung gebracht wurden. Die anderen Nutznießer des Stiftswaldes hatten, gemäß ihres Holzanteils, ebenfalls einen Beitrag für die Spende zu leisten. Jedes Mitglied der Altgemeinde musste ein Maß Korn für das Brot abliefern, aber auch jedes Haus zwei Eier, zwei Käse und einen Butterwecken. Dazu kamen für jeden Bauern drei lange Bund Reisigholz und eine Mandel (15 Stück) Scheitholz zum Kochen
Ergab die Endabrechnung ein Defizit, hatte jedes Haus der Altbauern eine Umlage zu zahlen, die bis zu sieben Gulden betragen konnte.

Nach der Reformation gab es manche Änderungen. So verzichtete man auf die Dienste des Baders, die Seelenmesse wurde in einen schlichten Gottesdienst umgewandelt und es entfiel natürlich auch die Fußwaschung. Bei der Speisung wurden immer 30 Personen zugleich bewirtet und zwar mit drei Schüsseln Rindfleischsuppe, danach mit drei Schüsseln gekochten Erbsen und schließlich pro Person ein gekochtes Stück Rindfleisch. Waren diese dreißig Leute gespeist, kamen die nächsten Dreißig an die Reihe und dies so fort, bis alle Bedürftigen versorgt waren. Die Veranstaltung war durch die große Zahl der zu Bewirtenden nicht ganz billig. Im Jahr 1749 waren 387 Personen zu beköstigen, ein Jahr später sogar 397.
Ohne Wissen des Lehnsherrn zu Dölkau durfte aber am Ablauf der Spende nichts verändert werden. Statt der Beköstigung eine Geldzahlung vorzunehmen war nicht möglich. Dies geschah nur einmal im Jahr 1630, als eine Seuche grassierte.
Heinrich Zille: „Mutta, was is das for’n Vogel?“ „Eine Amsel.“ „Kann man die essen?“
Heinrich Zille: „Mutta, was is das for’n Vogel?“ „Eine Amsel.“ „Kann man die essen?“

Im Laufe der Zeit aber traten bei der Durchführung des Spendefests immer größere Probleme auf. Darüber klagte 1886 der Ortspfarrer Gellert in einem Schreiben an die Königliche Kircheninspektion als die nun zuständige Stiftungsbehörde für Rückmarsdorf. 700 Teilnehmer zählte man im Jahr 1886. Das hatte zur Folge, dass die zu verteilenden Portionen immer kleiner wurden. Scharen von Schulkindern aus den Nachbarorten zogen in Rotten durch das Dorf und plünderten nach der Speisung die Obstgärten der Anwohner. Schaulustige aus der Umgebung machten durch unangemessene Kommentare das ganze Unternehmen lächerlich.
Mithin schämten sich die eigentlich Bedürftigen und nahmen an der Spende gar nicht teil. Diese unschönen Umstände zwangen schließlich die Gemeinde, die Zahl der zu Bewirtenden drastisch zu verringern.

Gendarm Hermann Pause berichtete am 4. 10. 1887 an die „Königliche Amtshauptmannschaft zu Leipzig", dass die Empfänger der Spende, um die 200 Personen, in diesem Jahr enttäuscht darüber gewesen seien, dass die besseren Fleischteile nicht zur Verteilung gekommen sind, sondern „verauctioniert" wurden. Diese Auktion erbrachte in etwa einen Erlös von 94 Mark. Nach Pauses eigener oberflächlichen Schätzung befand sich in den drei Kesseln, in denen das Fleisch gekocht wurde, nur die knappe Hälfte der geschlachteten Kuh. 

Pastor Gellert erläutert und präzisiert in seinem Schreiben vom 14. August 1888 Pauses Bericht an die Amtshauptmannschaft .  Er schließt sein Schreiben mit den Worten: „Anerkennenswerth aber war es, dass im Gegensatz zu früheren Jahren, wo die zahlreich erschienenen Herren Beamten der Gendamerie die Tafelfreuden des Tages bis zum Schluss genossen, zum ersten Male Herr Gendarm Pause sich gewissenhaft dessen enthalten hat."

1887 erschien dann auch der Artikel in der bereits erwähnten Leipziger Gerichtszeitungmit dem Titel „Bettelspende in Rückmarsdorf", der mit den Worten beginnt: „ Und zu Ehren des Mirakel ist alljährlich ein Spektakel..." Der Verfasser schildert in diesem Beitrag seine Eindrücke in ironischer Form, die wohl in etwa der kritischen und die Dinge belächelnden Sicht vieler seiner Zeitgenossen entsprach.

Die Kosten für die Spende stiegen dramatisch an.

1785 musste die Gemeinde für die ganze Aktion etwa 10 Meißner Gulden ausgeben. 1888 betrugen die Kosten bis zu 100 Taler (1871 wurde der Wert eines Talers auf 3,32 Mark festgelegt), also mehr als 300 Mark der damaligen Währung. Die Holznutzung dagegen brachte lediglich 40 Mark Gewinn für jeden Anteilberechtigten. Mithin wurde der Ruf nach Veränderung der Spende immer dringlicher. Vor allem die Tatsache, dass Anfang Oktober die Kartoffeln, die es zur Zeit des Fräulein von Brandenstein in Deutschland noch gar nicht gab, geerntet werden mussten und dazu alle Hände benötigt wurden, beeinträchtigte das Spendefest. Besonders für die Bauernfamilien, die dazu ausersehen waren, die Spende auszurichten, war das wegen der fehlenden Zeit bei der Kartoffelernte ein großes Opfer. Schließlich war nicht zu übersehen, dass die ehemaligen armen Tagelöhner des Ortes, die nicht mehr in der Landwirtschaft tätig waren, nun in Leipzig arbeiteten und somit ein höheres Einkommen hatten als die Knechte auf einem Bauernhof. Beschwerlich war auch, dass das Regulativ der Stiftung keine Angaben über Zahl, Maße und Gewicht der verwendeten Lebensmittel machte. Alles war ins Belieben der Altgemeinde gestellt.

All diese Gründe, die gegen die Weiterführung der Spende in bisheriger Form sprachen, wurden der Königlichen Kircheninspektion 1889 eindringlich vorgetragen mit dem Ergebnis, dass im November 1890 ein Nachtrag zum Stiftungsregulativ genehmigt wurde, der festlegte, dass die Spende nunmehr in Form einer Geldspende gewährt wird. Dazu ist jährlich ein Betrag in Höhe von 200, 00 Mark der Holzkasse zu entnehmen.
Um 1900 wurde die Rückmarsdorfer Bettelspende schließlich ganz eingestellt.