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Roland Opitz
Kennst du Fjodor Dostojewski?

Das Leben Dostojewskis glich einer Achterbahnfahrt: stetig pendelnd zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen Erfolg, Spielsucht und Geldnot. Mit 28 Jahren wurde er wegen revolutionärer Gedanken des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, landet dann aber im sibirischen Arbeitslager.
Er gilt als Psychologe unter den Schriftstellern, derjenige der hinab schauen kann in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Biografie ist gespickt mit Auszügen aus seinen Meisterwerken sowie mit einigen seiner Briefe, die einen offenherzigen Menschen zeigen.

Günter Malkowski - erschossen in Moskau

Günter Malkowski - erschossen in Moskau

Prof. Dr. habil. Gerald Wiemers

Der Leipziger Theodor-Litt-Schüler Günter Malkowski

Wilhelm Pieck, Vors. der KPD, und Otto Grotewohl für die SPD auf dem Vereinigungsparteitag. Vorn re: Walter Ulbricht. Foto:Bundesarchiv, Bild 183-W0910-305 / CC-BY-SA
Wilhelm Pieck, Vors. der KPD, und Otto Grotewohl für die SPD auf dem Vereinigungsparteitag. Vorn re: Walter Ulbricht. Foto:Bundesarchiv, Bild 183-W0910-305 / CC-BY-SA

Noch zu Beginn der 50er Jahre verhängten Sowjetische Militärtribunale (SMT) auf dem Gebiet der „souveränen" DDR hohe Lagerstrafen und fast tausend Todesurteile gegen meist junge Menschen. Die Denunziation und Festnahme erfolgte durch kommunistische deutsche Spitzel und die K 5, eine Vorläuferorganisation der Staatsicherheit der DDR. Verurteilt wurden hauptsächlich aussortierte oppositionelle Mitglieder der neben der KPD bereits 1945 zugelassenen Parteien SPD, CDU und LDPD. Dabei hatten sich Moskaus Dialektiker eine Spezialbehandlung für den historischen „Hauptfeind" SPD einfallen lassen, die dem internen Motto des KPD-Chefmanagers Walter Ulbricht entsprach: „Es muss demokratisch aussehen, aber in der Hand haben müssen wir's." Die SPD wurde durch eine unter Nutzung des mächtigen Faktors Angst psychologisch vorbereitete Scheinvereinigung mit der KPD 1946 vernichtet. Wer sich widersetzte und nicht rechtzeitig in die Westzonen entkam, wurde eingesperrt. Zu den Verhafteten gehörte der hochbegabte junge Student Günter Malkowski aus Berlin. Lange Zeit galt er als „verschollen". Endgültige Klarheit über sein Schicksal konnte erst nach der friedlichen Revolution in der DDR und in Mittelosteuropa gewonnen werden. Dazu gehörte
auch die zeitweilige Öffnung der russischen Archive in den frühen 90er Jahren.

Günter Malkowski
Günter Malkowski

Günter Malkowski wurde am 25. Oktober 1926 in Berlin geboren. Die Eltern, der Diplom-Kaufmann Alfred Malkowski und die Mutter Ilse, geb. Hennig, ließen sich allerdings schon zwei Jahre später scheiden. Günter blieb bei seiner Mutter und besuchte ab 1933 die Volksschule in Berlin und Anfang 1937 die Napola, eine nationalsozialistische lnternatsschule in Potsdam. „Der geistige Habitus dieser Erziehungsanstalt", so resümiert er wenig später, „wurde durch das Bewusstsein des preußischen Kleinbürgers bestimmt." Mit Mittelschulabschluss verließ er diese NS-Eliteschule.(1)  Als Luftwaffenhelfer und beim Arbeitsdienst wurde er auf die Militärzeit vorbereitetdabei wird ihm die „Absurdität der nationalsozialistischen Ideologie" bewusst. Er versucht sich eine fundierte Weltanschauung selbst zu erarbeiten, die sich zur „Triebfeder seiner späteren Studienabsichten" verdichten soll. Einen gewissen geistigen Halt sucht er im „deutschen Idealismus von Kant bis Hegel."(2)

Im Januar 1944 wird er zur Kriegsmarine eingezogen. Das Kriegsende erlebt er in Norwegen.

Seit 1943 ist seine Heimatadresse Taucha bei Leipzig. Dort lebten seine Mutter und der Stiefvater Paul Otto, der eine Gärtnerei besaß. Nach dem Zusammenbruch, dem Ende des Krieges, arbeitete Günter Malkowski als Waldarbeiter und Gärtner. Doch bald besucht er für kurze Zeit die Nikolai-Oberschule in Leipzig, die er als „Provisorium" wahrnimmt. So ist er dankbar, als ihm im Zuge der Begabtenförderung „durch Herrn Prof. Theodor Litt die Möglichkeit zur Immatrikulation an der Leipziger Universität ermöglicht wurde." Litt war zu dieser Zeit Prüfungsleiter an der Zulassungsstelle für das Hochschulstudium. Malkowski schrieb sich für das Fach Kunstgeschichte am 21. November 1946 ein.(3)  Hier lehrten Johannes Jahn und Heinz Ladendorf, später Köln. Litt, dessen Lehrveranstaltungen er besuchte, las bis zu seinem Weggang 1947 Philosophie und Pädagogik. Die Finanzierung des Studiums ermöglichte ihm sein Stiefvater, wie er dankbar festhält."(4)

„Mit der politischen Entwicklung in der Ostzone", schreibt Malkowski, „geriet ich in einen immer größer werdenden inneren Widerstreit." Seit Dezember 1945 ist er Mitglied der SPD und lehnt im April 1946 den Eintritt in die SED ab. Malkowski nimmt die Au?ösung der humanistischen Schulbildung wahr und sieht die bürgerliche Gesellschaftsmoral „zertrümmert". Als er am 4. Januar 1949 das Schaufenster des ersten neu eröffneten „Freien Ladens" der HO in Leipzig einschlägt - die überhöhten Preise mögen ihn dazu getrieben haben -‚ folgt die Verhaftung durch die Volkspolizei und eine dreimonatige Untersuchungshaft, veranlasst durch die russische Staatsanwaltschaft und die K 5. Selbstkritisch nennt er die Tat einen „Amoklauf". Man warf ihm Verbindung zum Ostbüro der SPD und sowjetfeindliche Hetze vor. Ende März wird er entlassen und geht sofort nach Berlin (West). Damit war die Studienzeit in Leipzig beendet, obgleich das Exmatrikulationsdatum mit dem 24. Mai 1949 festgehalten ist. Als die VP erneut nach ihm fahndet, verlässt er Berlin und arbeitet in der Nähe von Bochum im Steinkohlenschacht. Seitdem engagiert er sich auch gewerkschaftlich.

Donskoi Krematorium. Foto: Mikhail Yakovlev vom 26. Mai 2008. Licence_Art_Libre.svg.
Donskoi Krematorium. Foto: Mikhail Yakovlev vom 26. Mai 2008. Licence_Art_Libre.svg.

Ende Oktober 1949 verlassen die Eltern die DDR und ziehen nach Berlin (West). Sie fordern ihn auf, dorthin zurückzukehren.(5)

Zuletzt wohnte Günter Malkowski in Berlin-Wilmersdorf. Er bewirbt sich an der Philosophischen Fakultät der Freien Universität Berlin. Im Sommersemester l950 nimmt er das Studium an der Deutschen Hochschule für Politik auf, die 1959 als Otto-Suhr-lnstitut für Politikwissenschaften in die Freie Universität eingefügt wird.

Am 9. September l95l wird er erneut verhaftet.(6)  Diesmal wird ihm die Beteiligung an einer Flugblattaktion der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU)(7) während der Leipziger Messe vorgeworfen sowie die Beteiligung bei der Schleusung eines Kuriers der ukrainischen Opposition durch die DDR. Das berüchtigte sowjetische Militärtribunal Nr. 48240 verurteilt Günter Malkowski am 16. April 1952 wegen angeblicher „Spionage, antisowj etischer Tätigkeit und Propaganda und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation" zum Tode durch Erschießen. Malkowski wurde, wie so viele andere, im Mai 1952 von Berlin-Lichtenberg über Brest-Litowsk in die Sowjetunion gebracht. Ein Mithäftling hat ihn am 7. Mai 1952 auf dem Transport zuletzt lebend gesehen. Das Präsidium des Obersten Sowjets lehnt ein Gnadengesuch am 26. Juni 1952 ab. Das Urteil wird am 4. Juli 1952 in der Butyrka in Moskau vollstreckt, seine sterblichen Überreste verbrannt und die Asche anonym auf dem Friedhof des ehemaligen Klosters Donskoi bei Moskau bestattet.(8)

Auf Anfrage teilte die die sowjetische Botschaft in Bonn der Mutter von Günter Malkowski 1960 mit, ihr Sohn sei „1952 in sowjetischer Haft verstorben".

l  Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Deutsche Hochschule für Politik, Immatrikulationsakte, Lebenslauf Albert Malkowski v. 24.April 1950, S.l.

2  Ebda, 52-3.

3  Universitätsarchiv Leipzig, Studentenakte 80685 Günter Malkowski, Bl. 3, Begabtenprüfung.

4  Wie Anm. l, Lebenslauf Günter Malkowski v. 7.April 1949, Bl. 3.

5  Wie Anm. l.

6 JochenStaadt, Für die Freiheit. In: Freie Universität Berlin. Perspektiven. Bronzeskulptur von Volker Bartsch 2007. Berlin 2007. S.32,

7 Vgl. Helmut Müller-Enbergs Rezension zu : Enrico Heitzer, „Affäre Walter". Die vergessene Verhaftungswelle. Berlin 2008. ln: H-Soz-u-Kult, 24.03.2009, <http://hsozkult.geschichte.<hu-berlin.de/rezensionen/2009-l-240> .

8 „Erschossen in Moskau ..." Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950-1953. Hrsg. Arsenij Roginski ua. 2.Au?. Berlin 2006. S.256.

Dieser Artikel ist auf Bitte des Autors und mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers, Herrn Jürgen Maruhn, übernommen aus: Freiheit und Recht
Halbjahresschrift für streitbare Demokratie und Widerstand gegen Diktatur, Juni 2013/1.