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Über Werte und Tugenden

Florian Russi

Mehr denn je wird über die althergebrachten Werte und Tugenden diskutiert. Sind Tugenden und Werte Begriffe aus der Klamottenkiste oder bestimmen sie auch heute noch unser Handeln? 

Der Palmengarten

Der Palmengarten

Hans-Joachim Hädicke

Das verlorene Paradies der Leipziger

Eingang zum Palmengarten.
Eingang zum Palmengarten.


Die ehemaligen Lindenauer Ratswiesen haben eine bewegte Vergangenheit. Lindenau war seit 1527 - wie viele Dörfer in der Umgebung der großen Stadt - Ratsdorf. Das Gebiet westlich der Elster wurde aber vom Merseburger Domstift verwaltet. Durch den Wiener Friedensvertrag von 1815 verlor das Stift die Gegend an Sachsen.

Im Jahr 1861 regte ein Bürgerkomitee an, die Ratswiesen am Kuhturm für die Erholung und Belehrung der Bevölkerung zu erschließen. Der Kuhturm diente den Viehhirten lange als Beobachtungsstation wegen des guten Überblicks über die ausgedehnten Weideflächen und als Brandwache. Die expandierende Stadt drängte nun aber die Landwirtschaft weiter aus der Region hinaus.

Ein bevorstehendes Jubiläum schien für die Planungen das richtige Ziel abzugeben: die fünfzigste Wiederkehr der Gründung des Leipziger Gärtnervereins 1893. Durch die Anregung des Arztes Daniel Gottlieb Moritz Schreber (1808-1861) und des Lehrers Ernst lnnocenz Hauschild (1808-1866) waren zudem um 1845 in Leipzig die ersten Gartenkolonien zur Entspannung und Freizeitgestaltung entstanden.

Also wurde die Idee geboren, für das Jahr 1893 eine internationale Gartenbauausstellung ins Leben zu rufen, vorbereitet und durchgeführt unter der Schirmherrschaft Seiner Majestät des Königs Albert von Sachsen. Für das Lindenauer Flurstück schrieb die Stadt deutschlandweit einen Architekturwettbewerb aus. Aus der Vielzahl der Entwürfe ging schließlich der Leipziger Baumschulen- und Gärtnereibesitzer Otto Mossdorf als Sieger hervor. Er verband den alten Baumbestand, Teile des Auwalds, geschickt mit Ideen für Wegebau, Landschaftsgestaltung und Teichanlagen. Das gesamte Gelände hatte eine Ausdehnung von 200.000 m' und wurde von dem Flüsschen Luppe im Süden, dem Kuhburger Wasser im Westen und der Frankfurter Straße (heute Jahnallee) begrenzt. In die Planung wurde auch der an der Frankfurter Straße gelegene Kuhturm einbezogen. Später entstand dort das vordere Restaurant. Doch zunächst mussten 80.000 Kubikmeter Erdmassen bewegt werden, es wurde gepflanzt und gebaut.

Gesellschafts- und Palmenhaus Südseite.
Gesellschafts- und Palmenhaus Südseite.

Die Eröffnung der Internationalen Jubiläumsgarten - Bauausstellung fand am 25. August 1893 durch Oberbürgermeister Dr. Bruno Georgi statt. Er zeigte sich in seiner Festrede des Lobes voll: Ein wunderbarer Park mit Blumenrabatten, Wald und Flurstücken war entstanden, es gab einen künstlichen Wasserfall mit Felsengrotte. Das Wasser ergoss sich in einen immerhin 12.000 Quadratmeter großen Teich, an dem sich ein Pavillon befand - der sogenannte Königspavillon. Mit der im Anschluss an die Eröffnung des Parks drei Wochen lang stattfindenden Ausstellung solltenneue Erkenntnisse rund um Garten- und Landwirtschaft vermittelt werden, was auch überregional Beachtung fand.

In seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung hatte Georgi angeregt, das Gelände im Anschluss an die Gartenbauexposition weiter zu nutzen und später zu einem großen Landschaftsgarten für jedermann zu entwickeln, der den Leipzigern die Palmen des Südens etwas näherbringen könne. Es wurde ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben, den abermals der Gärtnereibesitzer Mossdorf gewinnen konnte.

Das Palmenhaus.
Das Palmenhaus.

Im Jahr 1896 rief Oberbürgermeister Georgi eine lnteressengruppe ins Leben, die sich um die Realisierung des Projekts „Landschaftsgarten" kümmerte. Ihr gehörten u.a. der Kaufmann Robert Gruner, der Bankier Dr. Otto Robert, Dr. Bruno Georgi selbst, Otto Mossdorf und andere an. Es gab 60 Unterzeichner auf dem Abschlußbericht. Einem Protokoll von 1896 zufolge erarbeitete diese Gruppe mit Leipziger Banken ein Finanzierungskonzept, das zur Gründung einer Aktiengesellschaft mit 450.000 Mark Grundkapital führte. 25 Prozent dieser Summe hatten die Gesellschafter allein aufzubringen, weitere Mittel kamen von der Stadt. Das Vorhaben nannte sich nun Palmengartenprojekt. Zunächst wurde weiterer Grund und Boden auf Lindenauer Flur - zwischen Elster und der Plagwitzer Straße (heute Käthe- Kollwitz-Straße) - erworben. Dieser Teil, der heutige Klingerhain, nannte sich früher Ritterwerder. Der größere vordereTeil bis zur Frankfurter Straße (heute gegenüber der Kleinmesse) und bis zu den Häusern von Lindenau hieß Ritterspürchen. Insgesamt ergab sich ein 225.000 m' großes Areal, auf dem der Palmengarten mit seinen Gebäuden weiterentwickelt werden konnte.

Für die Verwirklichung des Vorhabens sollte eine weitere Ausstellung eine wichtige Rolle spielen: die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung von 1897. Die im nahen König-Albert-Park‚ dem heutigen Clara-Zetkin-Park, verbauten Materialen wurden nach Ende der Ausstellung wiederverwendet. Man brauchte sie nur einige hundert Meter weiter zu transportieren und konnte sie erneut wieder kostengünstig verbauen.

1898 entstand die architektonisch beeindruckende Konstruktion aus Stahl und Glas für das Palmenhaus, das der empfindlichen Vegetation einen repräsentativen und schützenden Rahmen gab. Die Eröffnung des Geländes wurde am 29. April 1899 feierlich begangen. Die Festrede hielt abermals Oberbürgermeister Georgi. Er konnte den Leipzigern und ihren Gästen ein hervorragendes Freizeitareal präsentieren und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass der im englischen Stil angelegte Garten auch von künftigen Generationen gepflegt werde und immenrwährender, fester Bestandteil Leipzigs sei. 

Der Gondelteich.
Der Gondelteich.

Im Laufe der Jahre wandelte sich das Aussehen des Geländes noch mehrmals. Beete wurden umgestaltet, Dahlienrabatten und Rosenbeete entstanden neu, und im Rosengarten konnte man 16 belaubte Pergolas mit Rosenblüten über den Spazienrvegen bestaunen. lm gesamten Gelände luden 174 Ruheplätze (Bänke) zum verweilen ein. Auf dem großen Teich konnte man mit Booten rudern, es gab beleuchtete Wasserspiele, eine Steingrotte mit künstlichem Wasserfall, diverse Pavillons und mehrere Brücken sorgten für ein abwechslungsreiches Bild. Zwei Steinfiguren, Juno und Jupiter kamen aus dem Vorgarten des Leipziger Sophienbades und zwei, Mars und Venus aus Reichels Garten in das Palmengartengelände.

Der große Veranstaltungssaal.
Der große Veranstaltungssaal.
Weiter gab eine ganze Reihe von Restaurationen und einen großen Freisitz mit einer überdachten Konzerthalle für 2.000 Personen. Für die verschiedenen Musikkapellen (Orchester) existierte eine überdachte „Konzertmuschel". Das große Gesellschaftshaus mit seinen vier Ecktürmen war ein monumentaler Bau mit einem großen Veranstaltungssaal, welcher bis zu 2.500 Personen fasste (bei Bällen max. 500 Personen) sowie kleiner Veranstaltungsräume für 200 - 300 Personen. Eine hervorragende Küche mit einer eigenen Konditorei sorgte für das leibliche Wohl der Gäste. Erlesene Weine lagen im Keller bereit. Durch eine 15 Meter hohe und ebenso breite Glaswand getrennt fällt der Blick in das 1.200 m‘ große Palmenhaus mit seinem Rundbogendach, unter dem drei Stockwerke Platz gehabt hätten. Sie teilt das Palmenhaus vom Festsaal mit seinen drei großen schweren Kronleuchtern geschickt ab und gab dem Ganzen ein besonderes Flair. lm Glashaus konnte man unter tropischen Temperaturen spazieren gehen, sich ausruhen, an verschiedenen Wasserspielen Freude haben und tropische Pflanzen bestaunen.
Freisitze mit Blick in den Palmengarten.
Freisitze mit Blick in den Palmengarten.

Auf der Freifläche neben dem Gebäude im Konzertgarten stand ein großer Musikpavillon, wo beliebte Orchester, wie zum Beispiel die Kapelle Willy Wolf, das „Tonkünstlerorchester" Günther Coblenz, das Musikkorps des Königlich Sächsischen 8. lnfanterie-Regiments Prinz Johann Georg unter der Leitung von Karl Giltzsch, sowie auch klassische Orchester aufspielten. Auch für die Kinder wurde gesorgt: Es gab Märchenstunden mit historischer Verkleidung, einen Kinderspielplatz und Pony-Kutschfahrten. Als Betreuer fungierten »staatlich anerkannte« Kindergärtnerinnen, auch Sportlehrer wurden engagiert.

Um 1930 begann eine wirtschaftlich schwere Zeit. Um den Finanznöten der Menschen zu begegnen, wurde 1936 die Mauer, die das Gelände umschloss, an der Plagwitzer Straße nach innen versetzt, der Garten also verkleinert, und ein neues Kassenhäuschen musste her. (Es ist heute noch hinter der Vier-Jahreszeiten-Brücke zu sehen.) Damit auch sozial Schwächere den Park besuchen konnten, wurde an bestimmten Tagen der Eintrittspreis gesenkt beziehungsweise dienstags und freitags freier Eintritt gewährt. Einzig das Palmenhaus war zu allen Zeiten ausschließlich gegen Bezahlung zu besichtigen. Die Preise lagen um 1928 für Montag, Mittwoch und Freitag für Erwachsene bei 25 Pfennigen. für Kinder bei 15 Pfennigen. An je zwei Sonntagen im Monat mussten 50 beziehungsweise 25 Pfennige bezahlt werden. Oder man kaufte gleich Dinnerkarten für ein Essen im Restaurant, was den Besuch im Palmenhaus einschloss.

Die Nationalsozialisten wollten in den dreißiger Jahren das Gelände grundlegend umgestalten und für eine Gutenberg-Ausstellung umfunktionieren. Das Palmenhaus und die angrenzenden Gebäude sind deshalb 1939 gesprengt worden, um das Areal mit großen Ausstellungshallen zu bebauen: Vierhundertfünfzig Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg war eine großartige Jubiläumsschau auf dem Gelände geplant. Aus dem Plan wurde nichts.
Die Gutenberg-Ausstellung wurde stattdessen auf dem Messegelände gezeigt.

Vorgesehen war außerdem ein "quot;Richard-Wagner-Nationaldenkmal", zu dem die Grundsteinlegung bereits am 6. März 1934 am Ostufer des Elsterbeckens stattgefunden hatte. Am Westufer entstanden im gleichen Jahr Freitreppe, Springbrunnen und Pergola. Die Kriegsvorbereitungen haben die weitere Umsetzung der Pläne verhindert. Das bereits gelieferte Denkmal für den Richard-Wagner-Hain ging an den Bildhauer Emil Hipp zurück.

Heute:

Dass viele Leipziger ihrem Palmengarten nachtrauern, ist bekannt. Auch heute noch löst das Wort eine magische Sehnsucht nach dem Süden aus. Jüngere Leipziger suchen im Bereich der Straßenbahn-Haltestellen „Am Palmengarten" immer noch vergeblich nach diesem verlorengegangenen „Paradies". Im heutigen Klingerhain stand bis 2009 der Sockel des unvollendeten Richard- Wagner-Denkmals von Max Klinger. Der Marmorstein zeigt Szenen aus Wagners Oper <<Ring der Nibelungen>>. Er steht heute im Leipziger Promenadenring gegenüber der Hauptfeuerwache.

Dieser Artikel wird in der Ausstellung "Leipziger Westen - Aufstieg und Glanz um 1900" im Lindenauer Kirchencafé, Karl-Heine-Str. 110, gezeigt zusammen mit anderen Beiträgen zur Geschichte des Leipziger Westens. Öffnungszeiten: Mittwoch, Donnerstag, Freitag von 15.00 bis 18.00 Uhr. Schulklassen und Gruppen werden um Anmeldung gebeten. Tel. 0341 87056944 oder www.kirchencafe.net.

Kalender mit den alten Postkarten aus der Sammlung von Herrn Hans-Joachim Hädicke können in dessen alteingesessenen Augenoptiker-Laden in der Ritterstr. 16, 04109 Leipzig, erworben werden. Vergleiche auch Autorenporträt. Die Bilder im Artikel sind dieser Sammlung H.-J. Hädicke entnommen.