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Florian Russi

Lustige, spannende, fantasievolle Märchen über Zwerge, den Zauberer Krabat und den Müllergesellen Pumphut sind hier versammelt.

Ludwig Friedheim

Ludwig Friedheim

Prof. Dr. habil. Gerald Wiemers

Große Gemeindesynagoge („der Tempel“) in Leipzig, Gottschedstraße, erbaut 1854/55 von Otto Simonson, 1938 von den Nationalsozialisten zerstört. Bild aus dem Jahr 1850.
Große Gemeindesynagoge („der Tempel“) in Leipzig, Gottschedstraße, erbaut 1854/55 von Otto Simonson, 1938 von den Nationalsozialisten zerstört. Bild aus dem Jahr 1850.

Er hat die Verschleppung in das KZ Theresienstadt kaum vier Wochen überlebt. Der Totenschein weist Altersschwäche aus. In Wirklichkeit aber wurde er in den Tod getrieben. Der Transport XVI/1 begann am 19. September für „Nr. 106" auf dem Leipziger Hauptbahnhof und endete am 20.September in Theresienstadt. Am 14. Oktober 1942 erlosch das Leben von Dr. Ludwig Friedheim auf dem Fußboden des Konzentrationslagers.

Der seit 1893 promovierte und für das Fach Dermatologie habilitierte Arzt Dr. Ludwig Friedheim lehrte und forschte 40 Jahre lang an der Hautklinik der Universität Leipzig - bis zu seiner zwangsweisen Entlassung nach dem Gesetz zur sogenannten ‚Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933. Auf dieser ‚Grundlage‘ wurden weitere Leipziger Hochschullehrer entlassen, darunter der Orthopäde Ernst Bettmann, der Augenarzt Max Goldschmidt, der Frauenarzt Felix Skutsch und der Medizinhistoriker Owsei Temkin.

Am 7. Juni 1862, vor 150 Jahren, wurde Ludwig Friedheim in eine Köthener jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Nach dem Abitur studierte er in Erlangen, Halle/Saale und 1883-1886 in Leipzig Medizin. 1887 erhält er die Approbation und wird Assistenzarzt an der Poliklinik der Universitätshautklinik in Leipzig. Er liest über die Spezielle Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten, hält dazu Kurse mit Demonstrationen ab. Zunehmend beschäftigt er sich mit der Venerologie, der Behandlung der Geschlechtskrankheiten. Im Diagnostisch-therapeutischen Vademecum für Studierende und Ärzte, das in Leipzig im renommierten Johann Ambrosius Barth Verlag erschien, hatte er bereits in der 1. Auflage 1895, dem sogenannten ‚Viermännerbuch‘, den Teil über die Haut- und Geschlechtskrankheiten bearbeitet. Ein letztes Mal erscheint sein Name in der 25. Au?age 1931.

Neben der wissenschaftlichen Tätigkeit führt Friedheim etwa seit der Jahrhundertwende eine eigene Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Schillerstraße 1 und später in der Bosestraße 6, in unmittelbarer Nähe zur Gemeinde-Synagoge in der Gottschedstraße 28. 1935/1936 ist Friedheim als jüdischer Kassenarzt registriert. Im September 1938 wird ihm die Approbation entzogen, sein Konto im Zuge einer ‚Sicherungsanordnungssache‘ in ein Sperrkonto umgewandelt, von dem er monatlich 500 Reichsmark „zur Deckung Ihrer Lebensunterhaltskosten" abheben durfte. 1939 verringerte sich dieser Betrag auf 300 Reichsmark. 1939 entrichtete Ludwig Friedheim zwangsweise die II. und III. Rate für die sogenannte ‚Sühneleistung‘. Seine kleinen Aktienbestände wurden beschlagnahmt. Darauf musste er seine Wohnung aufgeben und im Mai 1941 in die heutige Löhrstraß Nr. 11 zur Untermiete ziehen. Sein Antrag für den Umzug, einen Freibetrag von 250,00 Reichsmark aus seinem Vermögen zu bewilligen, wurde mit 58,10 Reichsmark ‚genehmigt‘.

Vorbereitung der Deportation und Ermordung weiterer Leipziger Juden. Zu ihnen gehörte Ludwig Friedheim. (Aus: Juden in Leipzig 1989)
Vorbereitung der Deportation und Ermordung weiterer Leipziger Juden. Zu ihnen gehörte Ludwig Friedheim. (Aus: Juden in Leipzig 1989)

Als auf Anweisung der Gestapo die noch in Leipzig lebenden ca. zweieinhalbtausend Juden ihre
Wohnungen räumen und in sogenannte ‚Judenhäuser‘ ziehen mussten, ist auch Ludwig Friedheim
davon betroffen. Er wird in die Nordstraße 15 eingewiesen. In einem Schreiben vom 11. Sept. 1942 an die Deutsche Bank, Filiale Leipzig, verfügt er: Hierdurch bitte ich, das bei Ihnen für mich geführte Konto abzurechnen und den Restsaldo zuzüglich der abgelaufenen Zinsen auf das Sonderkonto H der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland beim Bankhaus von Heinz, Tecklenburg & Co.‚ Berlin W 8, Wilhelmplatz 7, zu überweisen. Gleiches sollte mit dem im Depot verbliebenen Wertpapieren geschehen, „alles unwiderruflich".(1) Ob dieser letzte Wille von Ludwig Friedheim erfüllt worden ist, bleibt offen und scheint eher ungewiss. „An einem eiskalten Januartag des Jahres 1942 wurde der erste große Deportationstransport nach Riga geschickt. Die nächsten Deportationen gingen nach Majdanek, Theresienstadt und Auschwitz. Damit war das Ziel der Nationalsozialisten erreicht. Leipzig konnte als ‚judenfrei‘ gemeldet werden."(2 )

In der NS-Zeit wurden 56 jüdische Dermatologen in Konzentrationslagern ermordet. „Davon
fanden 23 im KZ Theresienstadt den Tod."(3) Einer davon war Ludwig Friedheim. Er sollte nicht
vergessen werden.

      ( 1.) Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Deutsche Bank, Filiale Leipzig, Nr. 625, Bl. 42

      (2.) Rolf Kralowitz, in: Leipziger Jüdisches Jahr- und Adressbuch 1933, Neuausgabe  Berlin 1994

      (3.) Der Hautarzt 58 (2007) H. 1, S. 94-95.