Leipzig Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.leipzig-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Die Päpste als Friedensvermittler

Der Kirchenhstoriker Stefan Samerski stellt die Friedenspolitik und -Arbeit des Heiligen Stuhls in der modernen Zeit heraus.

Reisebericht 1831: Von Halle über Leipzig nach Dresden

Reisebericht 1831: Von Halle über Leipzig nach Dresden

Hans Christian Andersen

„Die Sonne brannte sehr heiß, als wir aus der Stadt (ergänze Halle) herausfuhren, um uns dem deutschen Buchladen Leipzig zu nähern. Nach einer Waldpartie verlor sich alles in jene unübersehbare Ebene, welche Menschenblut mit Ziffern der Unsterblichkeit beschrieben hat.


Die blinde Mutter

»Die Trommeln wirbeln! Wie nah sie sind!

Rauschen hör' ich der Fahnen Zipfel!«

»Liebe Mutter, es ist der Wind,

Der durchsäuselt des Waldes Wipfel.«


»Hörst du denn nicht die Rosse, Kind?

Hörst du nicht des Trosses Wogen?«

»Liebe Mutter, Reisende sind

Eben an uns vorübergezogen.«


»Stille, Kind, jetzt nahn sie heran!

Sieh, dein Vater, er trägt die Fahne!

Siehst du das Heer nicht, Mann für Mann?

Wahrlich, mein Sohn, du bist im Wahne!


Nein! Das ist nicht Reisender Troß

Oder des Windes nächtliches Wehen!

Kannst du den Kaiser denn, hoch zu Roß,

Nicht an des Heeres Spitze sehen?«


»Vor meinen Augen ist's dunkel hier,

Aber ich kann ihn dennoch erkennen.

Falte, mein Kind, die Hände mir,

Ich bin matt, und die Adern brennen.


Hörst du, da rauscht die Fahne wieder!

Freundlich winkt mir dein Vater da,

Setze mich, Sohn, an den Baum dort nieder,

Ja, ich fühl' es, der Tod ist nah!«

 

Es ergriff mich ein eigentümliches Gefühl, als ich über die große, unabsehbare Leipziger Ebene fuhr, wo jedes Dorf in der Kriegsgeschichte von Bedeutung ist. Hier war Napoleon gewesen, hier hatte der große Feldherr gedacht und empfunden.

Das Getreide wallte üppig über dem ungeheuren Wahlplatz; keine Wunde wird doch so schnell geheilt wie die der großen Natur! Es bedarf nur eines Lenzes, um die ältesten Ruinen mit Blumen und Grün zu schmücken. Man arbeitete an einer neuen Straße, ich sah Menschenknochen und Kugeln, die man beim Graben gefunden hatte. Unter einem Baume saß ein alter Mann mit einem hölzernen Bein; er hatte hier gewiß schon mehr gesehen als das Getreide, das jetzt vor seinen Blicken wallte, und einen ernsteren Gesang gehört als den, welchen die Vögel in den Zweigen über ihm zwitscherten. Mit seiner kleinen Pfeife im Munde ruhte er hier aus und dachte an alte Zeiten.

C. G. Ch. Schumacher (1797–1869): Porträt Hoffmann von Fallersleben (in „altdeutscher Tracht“), 1819
C. G. Ch. Schumacher (1797–1869): Porträt Hoffmann von Fallersleben (in „altdeutscher Tracht“), 1819

 

Leipzig selbst machte einen angenehmen Eindruck auf mich, es ist eine große, freundliche Stadt mit geraden Straßen. Überall hängen Bücherschränke aus und hinter den großen Fensterscheiben Bilder und Lithographien. Auf den Straßen laufen die Burschen herum, mit langen Pfeifen im Munde und die Kolleghefte unter dem Arm. Einige von ihnen hatten ihre altdeutsche Tracht, die großen, weiten Hosen, den kurzen Rock und die langen, über den weißen Halskragen herabhängenden Locken.

Ich besuchte die Nicolaikirche, wo ich Gemälde von Oeser fand; in die Kuppel über dem Altar war ein schwebender Engel gemalt, der keine Malerei, sondern ein wirklich lebendes Wesen zu sein schien. In einem kleinen, abgesonderten Raum zeigte man uns eine alte Kanzel, auf der Luther gepredigt haben soll; ich stellte mich auf die Fußspitzen, um mit meinen Händen dahin reichen zu können, wo er sie hingelegt haben mag.

Gellerts Grab. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel
Gellerts Grab. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel

 

 

Aus der alten Kirche ging ich aus der Stadt hinaus zu Gellerts Grab (ergänze: auf dem - alten - Johannisfriedhof). Ein flacher, einfacher Stein mit seinem Namen und Sterbejahr bezeichnet dasselbe. Daneben war ein Rosenstock gepflanzt, und ein niedriges Gitter umgab das Ganze, auf welches die vielen, die Gellerts Grab besuchten, ihren Namen schrieben oder einschnitten; ich schrieb auch den meinigen darauf.

Rundumher waren viele bei weitem schönere Gräber, die gewiß viel vornehmere Leute in sich schlossen als Gellert, aber keine fremde Hand hatte sich zur Erinnerung auf denselben eingezeichnet, und selbst die Grüfte mit den eisernen Gittern standen nur da wie eine Mauer, die dazu diente, das einfache Dichtergrab einzufrieden. Hier war der Dichter der Vornehmste, durch ihn erhielt diese Stätte mit ihren Toten ihr Interesse. ...

Dr. Faust reitet auf einem Weinfass hinaus, Auerbachs Keller, Foto: W. Brekle
Dr. Faust reitet auf einem Weinfass hinaus, Auerbachs Keller, Foto: W. Brekle

Als ich am Abend allein durch die Straßen der fremden Stadt wanderte, um das Hotel de Baviere aufzusuchen, verirrte ich mich und kam auf diese Weise nach »Auerbachs Keller«, wo bekanntlich der Sage nach Dr. Faust auf einem Weinfaß zum Fenster hinausritt. Ich ging hinunter, um doch in der merkwürdigen Stube gewesen zu sein, wo diese Geschichte passiert war; sie ist sehr klein und hat nur das eine Fenster, durch welches Faust herausgeritten ist. Die ganze Geschichte war auf der Wand abgemalt, leider aber etwas dunkel und undeutlich. ...

Die italienische Operngesellschaft von Dresden war hier in Leipzig und gab bei meiner Ankunft schon ihre zehnte Vorstellung. Ich sah Rossinis »Tell«. Die Oper hat vier Akte, aber da sie ohne Abkürzungen zu lang und zu ermüdend sowohl für die Zuhörer als für die Sänger werden würde, so hatte man sie mittendurch geschnitten, so daß man den einen Abend die beiden ersten Akte sah und das nächste Mal die beiden letzten. Ich war beide Abende da und erhielt auf diese Weise etwas Ganzes. ...

Gedächtnissäule für Poniatowski. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel
Gedächtnissäule für Poniatowski. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel

 

Die Uhr war noch nicht neun, als die Oper vorbei war; ich besuchte noch »Reichenbachs Garten«, um die Stelle zu sehen, wo Poniatowsky seinen Tod in der Elster fand. Der Besitzer des Gartens läßt sich von denen, welche diese Stelle besuchen wollen, Eintrittsgeld geben.

Hier, durch diese hohen Bäume sprengte der schwerverwundete Held, verfolgt von dem siegreichen Feinde. Es ist beinahe unglaublich, daß jemand in diesem unbedeutenden, schmalen Wasser ertrinken konnte! Eine Trauerweide stand an der Stelle, wo er mit dem Pferde hineingesprungen war, und einige Schritte davon, wo man seine Leiche gefunden, stand eine kleine, einfache Säule, die überall beschrieben war, namentlich von seinen Landsleuten.

Nach einem Aufenthalt von drei Tagen verließ ich das freundliche Leipzig, wo ich mehrere vortreffliche Menschen kennengelernt hatte."

Quelle:

Auszug aus Band 17 der Gesammelten Werke

Den Text fand Dr. Peter Gutjahr-Löser.