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Goethe hat ihn bewundert

Goethes Begegnungen mit Felix Mendelssohn Bartholdy.

Horst Nalewski

Der Musikkenner und international geachtete Literaturwissenschaftler Horst Nalewski erzählt anhand fünf ausgewählter Beispiele von dem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen und Zusammenwirken zweier Künstler. Eine CD mit den Musikstücken liegt diesem Büchlein bei.

Der „lange“ und der „kurze“ Kurt

Der „lange“ und der „kurze“ Kurt

Dr. Peter Gutjahr-Löser

Kurt Biedenkopf mit V. Putin vor dem Dresdner Zwinger. Bild: www.kremlin.ru
Kurt Biedenkopf mit V. Putin vor dem Dresdner Zwinger. Bild: www.kremlin.ru

Da ich mit Biedenkopfs Büroleiterin seit Studententagen befreundet war, hatte ich stets freien Zutritt zu seiner Etage in der Staatskanzlei. Ich kannte daher seine Vorlieben und Abneigungen und wusste, wie er zu nehmen war. Die folgende kleine Geschichte nahm einen Verlauf, wie ihn jeder, der Biedenkopf ein wenig kannte, hätte voraussehen können: Als er bei der Gratulationscour des Neujahrsempfangs der sächsischen Staatsregierung im Januar 1998 an der Reihe war, erklärte der Rektor der Universität Leipzig, der Neurochemiker Volker Bigl, dem Ministerpräsidenten, bevor er seine Glückwünsche anbrachte, dass er neu ins Amt gekommen sei. Biedenkopf: „Warum haben Sie sich denn bei mir noch keinen Termin für ein Gespräch geben lassen?" Bigl: „Aber Herr Ministerpräsident! Ich weiß doch, wie belastet Sie sind. Ich würde um ein solches Gespräch doch nur nachsuchen, wenn ich ein konkretes Anliegen hätte!" Biedenkopf schroff: „Woher wollen Sie denn wissen, wie mein Terminkalender aussieht?" - Irgendetwas scheint Biedenkopf zu zwingen, von oben herab zu argumentieren. Welches Wohlwollen hätte er sich mit einer Bemerkung verschaffen können, dass er die Rücksichtnahme seines Gegenüber zu schätzen wisse, für ihn und die Anliegen der Universität Leipzig habe er, Biedenkopf, aber immer Zeit! - Lag das Auftrumpfen seiner Antwort an dem „Little man Syndrom", zumal der Leipziger Universitätsrektor großgewachsen war?

Kurt Masur
Kurt Masur

Ein Beispiel, wie man „König Kurt" richtig nehmen konnte, bildete die Lösung für das Problem der abschließenden Finanzierung des Mendelssohn-Hauses am Rande der Leipziger Innenstadt. Der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur (auch ein körperlicher Riese) hatte mit Hilfe von Preisgeldern, die er für sein Engagement bei der friedlichen Revolution im Herbst 1989 erhalten hatte, eine „Mendelssohn-Stiftung" errichtet, deren Ziel es war, das Wohnhaus, in dem Felix Mendelssohn Bartholdy seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, zu erwerben, zu erneuern und als Museum zu betreiben.

Der Erwerb der Immobilie war Anlass zu einem kleinen Fest. Dann aber stockten die Bemühungen um die Erneuerung des Bauwerks. Angesichts des sich abzeichnenden Gebäude-Leerstandes in Leipzig wollte keine Bank mehr einen Kredit geben, dessen Bedienung nicht durch einen langfristigen Mietvertrag gesichert war.

Der Geschäftsführer der Stiftung, Jürgen Ernst, bekniete mich regelmäßig mit dem Vorschlag, für das Institut für Musikwissenschaft samt seiner Bibliothek und für das Büro des Musikdirektors der Universität in diesem, nahe an Gewandhaus und Augustusplatz gelegenen Gebäude größere Flächen anzumieten. Über solche Fragen darf die Universität aber nicht allein entscheiden. Der zuständige Mitarbeiter des Wissenschaftsministeriums gab sich zugeknöpft und meinte, man müsse für die genannten Einrichtungen anderswo auf dem Universitätsgelände Unterbringungsmöglichkeiten finden.

Das Mendelssohn-Haus rekonstruiert. Foto: W. Brekle
Das Mendelssohn-Haus rekonstruiert. Foto: W. Brekle

Nun lag der Charme der Lösung aber gerade darin, dass die Wohnung Mendelssohn Bartholdys, für die das Stadtmuseum die Original-Möbel des Komponisten bereit stellte, im ersten Obergeschoss keine schönere Ergänzung als durch musikwissenschaftliche und musikpraktische Einrichtungen finden konnte. Es kam hinzu, dass in einem Hofgebäude ein kleiner Musiksaal entstehen sollte. Zusammen mit dem Musiksalon in der Wohnung und dem schönen, im Sommer zu Veranstaltungen im Freien einladenden Innenhof bot sich das gesamte Ensemble als ein Schmuckstück zur Pflege der Leipziger Musiktradition an.

Als das Projekt wegen der hartnäckigen Haltung des Wissenschaftsministeriums zu scheitern drohte, mir der Geschäftsführer der Stiftung wieder einmal sein Leid mit der Fertigstellung des Gebäudes klagte und dabei auf die Verärgerung Kurt Masurs hinwies, weil sich keine Lösung abzeichnete, hatte ich eine Idee: „Schicken Sie doch den langen Kurt zum kurzen Kurt. Der kann ihm den Mietvertrag mit der Universität sicher schmackhaft machen. Und eine entsprechende Empfehlung des Ministerpräsidenten an das Wissenschaftsministerium wird dort sicher richtig verstanden!"

Und so kam es. Das Mendelssohn-Haus ist inzwischen eine bekannte Adresse für die Leipziger Musikpflege. Und die Universitätsangehörigen fühlen sich in ihrem schönen Domizil ausgesprochen wohl.


(Aus: Peter Gutjahr-Löser, „Können Sie folgen?", Leipziger Universitätsverlag, 2005, S. 89 ff.)